Schwangerschaft geht aufs Auge
- Sehschärfe, Tränenfilm und Kontaktlinsenverträglichkeit können sich in der Schwangerschaft hormonell bedingt und meist nur vorübergehend verändern.
- Neue Brillen oder Kontaktlinsen sollten frühestens drei Monate nach dem Abstillen angepasst werden.
- Plötzliches Flimmern, Doppelbilder oder Gesichtsfeldausfälle sind Warnzeichen und gehören sofort in augenärztliche Abklärung.
Warum kommt es zu Veränderungen?
Während der Schwangerschaft steigen die Konzentrationen von Östrogen, Progesteron, Humanem Choriongonadotropin (hCG), Prolaktin, Relaxin und Aldosteron deutlich an. Das beeinflusst den Wasserhaushalt, die Kollagenstruktur, den Tränenfilm und das autonome Nervensystem – mit Folgen für nahezu alle Strukturen des Auges.
Am häufigsten berichten werdende Mütter über nachlassende Sehschärfe, Kontaktlinsenprobleme, trockene Augen und Verfärbungen der Haut um die Augen, so Professor Thomas Neß von der Universitätsaugenklinik Freiburg anlässlich des 124. Kongresses der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) Ende September in Berlin. Wichtig sei es, die Beschwerden richtig einzuordnen und unnötige Anpassungen von Brille oder Kontaktlinsen zu vermeiden.
Mit der neuen Brille lieber abwarten
Lässt die Sehschärfe nach, steckt meist eine vorübergehende Veränderung der Hornhaut oder Linse dahinter: Wassereinlagerungen können Hornhautdicke und -krümmung und damit auch die Brechkraft beeinflussen. Die zentrale Hornhautdicke kann im zweiten und dritten Trimester um zehn bis 30 Mikrometer zunehmen.
„In den meisten Fällen ist das kein Grund zur Sorge und erst recht kein Anlass für eine neue Brille“, sagt Neß. Die Refraktion kann sich vorübergehend verschieben, häufig im Sinne einer leichten Zunahme der Kurzsichtigkeit von minus 0,25 bis minus 0,75 Dioptrien. Meist normalisiert sich die Sehstärke sechs bis zwölf Wochen nach der Geburt, nach dem Abstillen mitunter später.
Augenärztinnen und Augenärzte empfehlen daher, eine Brillen- oder Kontaktlinsenanpassung möglichst nicht während der Schwangerschaft vorzunehmen und frühestens etwa drei Monate nach dem Abstillen zu prüfen, ob sich die Werte dauerhaft verändert haben.
Wenn die Kontaktlinse plötzlich stört
Viele Schwangere bemerken, dass ihre Kontaktlinsen schlechter sitzen oder schneller Fremdkörpergefühl, Rötung und Trockenheit auslösen. Besonders im zweiten und dritten Trimester kann es dazu kommen. Ursache kann eine anschwellende Hornhaut, eine veränderte Hornhautkrümmung oder ein schwangerschaftsbedingt reduzierter Tränenfilm sein. Auch stärkere Ablagerungen auf der Linsenoberfläche können dazu führen, dass die Kontaktlinse plötzlich als unangenehm empfunden wird.
In diesem Fall sollte die Tragezeit verkürzt und bevorzugt auf Tageslinsen umgestiegen werden. Hilft das nicht, bleibt nur, vorübergehend auf eine Brille auszuweichen. Eine neue Kontaktlinsenanpassung sollte – wie eine neue Brillenstärke – möglichst verschoben werden.
Symptom trockenes Auge
Hormonell bedingte trockene, brennende oder gerötete Augen zählen zu den häufigsten Augenbeschwerden in der Schwangerschaft. Studien beschreiben subjektive Sicca-Symptome bei 40 bis 70 Prozent der Schwangeren, wobei der Schweregrad stark variiert, so Neß.
In diesen Fällen können ein konservierungsmittelfreies Tränenersatzmittel, Wärmeanwendungen und Lidmassage empfohlen werden. Präparate mit Benzalkoniumchlorid sollten möglichst gemieden werden. Der Tränenfilm erholt sich in der Regel nach der Geburt, bei stillenden Frauen mitunter etwas verzögert.
Schwellungen und Pigmentflecken der Lider
Hormonell bedingte Wassereinlagerungen können die Lider anschwellen lassen. „Leichte, symmetrische Lidödeme am Morgen sind häufig unbedenklich und oft bis Mittag rückläufig“, erklärt Neß. Rasch zunehmende, einseitige oder schmerzhafte Schwellungen sollten dagegen abgeklärt werden.
Auch Pigmentveränderungen der Haut an und um die Augen können auftreten: Das Melasma, umgangssprachlich „Schwangerschaftsmaske“ genannt, betrifft je nach Hauttyp und UV-Exposition bis zu 50 bis 70 Prozent der Schwangeren und zeigt sich als symmetrische, braune bis grau-braune Hauttönung. „Rigoroser Sonnenschutz mit hohem Lichtschutzfaktor 50+ ist in der Schwangerschaft die wichtigste und sicherste Maßnahme“, so Neß. Meist bilden sich die Hautverfärbungen innerhalb weniger Monate nach der Geburt zurück.
Warnzeichen: Sehstörungen ernst nehmen
Nicht jede Veränderung ist harmlos. Flimmern, Doppelbilder, Gesichtsfeldausfälle oder plötzliches Verschwommensehen müssen abgeklärt werden. Beispielsweise können visuelle Auren, die Migräneanfälle begleiten, in der Schwangerschaft häufiger auftreten oder sich verändern. „Diese müssen von Sehstörungen abgegrenzt werden, die etwa mit einer Schwangerschaftsvergiftung (Präeklampsie) einhergehen können“, sagt Neß. „Schwangere sollten nicht zögern, bei akuten oder ungewohnten Symptomen augenärztlichen Rat einzuholen.“
Quelle: Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft