Vielversprechend: Wirkstoff gegen Tourette-Syndrom
Als gezielter Dopamin-D1-Rezeptorantagonist könnte der Wirkstoff störende Nebenwirkungen bisheriger Medikamente umgehen.
Was ist das Tourette-Syndrom?
Die chronische Tic-Störung beginnt meist schon im Grundschulalter. In Deutschland sind etwa 0,4 bis 0,7 Prozent der Menschen davon betroffen. Typische Anzeichen der Erkrankung sind:
- motorische Bewegungstics: unwillkürliche, plötzliche Bewegungen
- vokale Tics: mindestens ein vokaler Tic, bei dem Betroffene unwillkürliche Geräusche oder Laute von sich geben
Die genaue Ursache des Tourette-Syndroms ist bislang ungeklärt. Nach derzeitigem wissenschaftlichem Kenntnisstand wird jedoch eine Störung im Dopamin-Transmittersystem des Gehirns als Auslöser angenommen.
Kinotipp: Verflucht normal
Seit dem 28. Mai im Kino: "Verflucht normal" (Originaltitel: "I swear"). Der Film beruht auf der wahren Geschichte des im Jugendalter an Tourette-Syndrom erkrankten John Davidson. Nach einem langen und typischen Leidensweg wurde Davidson schließlich für sein Engagement im Bereich der Aufklärung über das Tourette-Syndrom von der Queen mit dem Orden des British Empire ausgezeichnet.
Verflucht normal
Bisherige Therapieoptionen und ihre Grenzen
Sollen die Tics behandelt werden, empfehlen medizinische Leitlinien zunächst eine spezialisierte Verhaltenstherapie. Reicht dies nicht aus, lassen sich die Symptome durch die zusätzliche Gabe von Medikamenten oft etwas stärker lindern.
Am häufigsten verschrieben werden aktuell Medikamente aus der Gruppe der Antipsychotika, wie Tiaprid und Aripiprazol. Diese Tourette-Medikamente wirken vorrangig am Dopamin-D2-Rezeptor.
Der Nachteil: Als Nebenwirkung kann es zu massiver Müdigkeit, einer starken Gewichtszunahme sowie zu unwillkürlichen Bewegungsstörungen kommen, was die Therapie im Alltag oft erschwert.
Die Ecopipam-Studie: Ein neuer Ansatz
Ziel der aktuellen Phase-III-Studie war es, die Sicherheit, Verträglichkeit und den klinischen Effekt von Ecopipam über einen Zeitraum von bis zu 24 Wochen zu untersuchen. Im Unterschied zu klassischen Studien, die von Anfang an eine Medikamentengruppe mit einer Placebogruppe vergleichen, wählten die Forschenden einen anderen Ansatz:
Zunächst erhielten 216 Teilnehmende – mehrheitlich Kinder – in einer offenen Phase zwölf Wochen lang Ecopipam. Die 104 Personen, die in dieser Zeit gut auf das Medikament ansprachen, wurden anschließend zufällig und verblindet (Randomisierung) in zwei Gruppen aufgeteilt:
- Die eine Hälfte erhielt Ecopipam für weitere zwölf Wochen. Die andere Hälfte bekam ein Placebo (Scheinmedikament).
- Der primäre Endpunkt der Untersuchung war die Zeitspanne bis zum Wiederauftreten der Tic-Symptome (Rückfall) bei den minderjährigen Teilnehmenden.
Vielversprechende Ergebnisse und Nebenwirkungsprofil
Die Auswertung zeigte deutliche Erfolge: Ecopipam verringerte das Risiko für ein Wiederauftreten der Tics im Vergleich zur Placebogruppe signifikant um etwa die Hälfte. Diese schützende Wirkung hielt über die gesamten untersuchten 24 Wochen an.
Darüber hinaus punktete der Wirkstoff mit einem günstigeren Nebenwirkungsprofil verglichen mit den bisher in der Tourette-Therapie eingesetzten Medikamenten. Die Betroffenen nahmen weder an Gewicht zu, noch stellten sich ungewünschte Stoffwechseleffekte ein.
Allerdings traten auch bei Ecopipam in etwa jedem zehnten Fall Begleiterscheinungen wie Müdigkeit, Ängste oder Kopfschmerzen auf.
Klinischer Ausblick
Die Studienergebnisse zu Ecopipam sind äußerst vielversprechend. Dennoch muss das Medikament seine Rolle im Klinikalltag erst noch final beweisen.
„Künftige Phase-III-Studien müssen im direkten Vergleich mit etablierten Substanzen klären, welchen klinischen Stellenwert die neue Substanz in der Behandlung einnehmen kann“, kommentiert Prof. Dr. Marcel Romanos, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg, die Studienergebnisse.
Quelle: Science Media Center Deutschland