31.12.2019

Onkologie: Krebs und Sexualität

von Dr. Gudrun Heyn

Sexuelle Bedürfnisse und Beziehungen zu anderen Menschen können sich nach der Diagnose Krebs dramatisch verändern. Obwohl Sexualität ein Tabuthema ist, suchen Betroffene auch Rat und Hilfe in der Apotheke.

Mann mit krebskranker Frau mit Kopftuch

© KatarzynaBialasiewicz / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodellen)

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  • Manche Krebstherapien haben direkte Auswirkungen auf Lust, Potenz und Fruchtbarkeit, andere können die Attraktivität der Kranken beeinflussen.
  • Fatigue durch klassische Zytostatika ist ein häufiger Grund für Lustlosigkeit. Scheidentrockenheit und Potenzstörungen sind eine mögliche Nebenwirkung bei Hormonentzugstherapie.
  • Bei Fatigue hilft körperliche Aktivität, gegen Scheiden- trockenheit die Befeuchtung der Scheide mit wasser- löslichem Gleitgel, bei erektiler Dysfunktion helfen evtl. verschreibungspflichtige Medikamente.

Sexualität ist weit mehr als nur sexuelles Verlangen, Erregung und Geschlechtsverkehr. Auch der Wunsch nach einer zärtlichen Umarmung gehört dazu. Nach der Diagnose Krebs rücken die Gedanken an körperliche Nähe und sexuelle Befriedigung bei den meisten Kranken jedoch zunächst stark in den Hintergrund. Sie müssen ihr Leben neu organisieren und tiefgreifende Ängste bewältigen. Neben diesen seelischen Belastungen machen sich oft erste körperliche Nebenwirkungen der Therapie bemerkbar. Mit ihrem Fachwissen können PTA die Kranken in dieser Situation unterstützen.

Hintergrund

Manche Nebenwirkungen der Krebstherapie können die Attraktivität von Menschen beeinflussen. Denn nicht immer gelingt es Chirurgen, Organe so zu erhalten oder zu rekonstruieren, dass die Attraktivität keinen Schaden nimmt. Brustamputationen oder ein künstlicher Darmausgang sind Beispiele dafür. Zudem können Krebstherapeutika direkte Auswirkungen auf Lust, Potenz und Fruchtbarkeit haben.

Operation und Bestrahlung

Mit direkten Auswirkungen der Therapie auf Sexualorgane und Fruchtbarkeit müssen Männer mit Prostata- oder Hodenkrebs und Frauen mit Gebärmutterhals-, Gebärmutter- oder Eierstockkrebs rechnen. Beispielsweise kann die radikale Entfernung der Prostata eine Erektionsstörung (erektile Dysfunktion, ED) nach sich ziehen. Die Beeinträchtigungen von Sexualleben und Fruchtbarkeit können vorübergehend sein oder auch langfristig bestehen bleiben.

Laut den Patientenbroschüren „Männliche Sexualität und Krebs“ und „Weibliche Sexualität und Krebs“ des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) haben auch Männer und Frauen mit Tumoren in der Beckenregion (z. B. Blasen- oder Darmkrebs) ein erhöhtes Risiko für sexuelle Beeinträchtigungen, wenn es durch Operation oder Strahlentherapie zu einer Schädigung von Nerven und Gefäßen kommt. Bei Männern kann Impotenz die Folge sein, bei Frauen eine gestörte sexuelle Erregung und eine trockene Scheide.

Strahlenfolgen-- Falls sich eine Strahlentherapie negativ auf die Sexualität auswirkt, ist dieser Zustand meist nur vorübergehend. Durch eine Ganzkörperbestrahlung im Rahmen einer Stammzelltransplantation kommt es laut dem DKFZ allerdings häufig zu einem dauerhaften Verlust der Fruchtbarkeit beziehungsweise Zeugungsfähigkeit.

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen

Zu den bekanntesten möglichen Nebenwirkungen klassischer Zytostatika gehört die chronische Erschöpfung (Fatigue). Sie ist ein häufiger Grund für sexuelle Lustlosigkeit. Scheidentrockenheit und Potenzstörungen sind eine mögliche Nebenwirkung bei Hormonentzug. Antihormone werden zum Beispiel zur Behandlung von Kranken mit Brust- und Prostatakrebs eingesetzt. Hintergrund ist, dass Hormone bei einigen Tumoren das Tumorwachstum und die Metastasierung vorantreiben können. Bei Frauen mit hormonrezeptorpositivem Brustkrebs ist es das Hormon Östrogen, bei Männern mit hormonabhängigem Prostatakrebs das Hormon Testosteron, vor allem sein Metabolit Dihydrotestosteron. Dann kommen Antihormone zum Einsatz. Zu ihnen gehören GnRH-Analoga und Aromatasehemmer.

Wussten Sie, dass ...

  • der Begriff Sexualität alle Lebensäußerungen, Empfindungen und Verhaltensweisen rund um geschlechtliche Begegnungen und Fortpflanzung umfasst?
  • Menschen sehr unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse, Neigungen oder Vorstellungen haben?
  • eine befriedigend gelebte Sexualität laut der Webseite frauenaerzte-im-netz.de positive Energie verleihen kann?
  • Hitzewallungen, die eine häufige Nebenwirkung der antihormonellen Krebstherapie sind, die Attraktivität von Menschen stark beeinflussen können?

GnRH-Analoga

Goserelin und Leuprorelin sind Beispiele für GnRH-Analoga. Sie hemmen die Freisetzung des Gonadotropin-Releasing-Hormons (GnRH) im Gehirn. Dieses Hormon löst die Ausschüttung weiterer Hormone aus und steuert so beim Mann die Bildung von Testosteron, bei der Frau die von Östrogen. Zur Hemmung der Freisetzung kommt es nur bei einer längerfristigen Gabe von GnRH-Analoga, da die andauernde Stimulation die GnRH-Rezeptoren desensibilisiert. Mögliche Nebenwirkungen der Langzeittherapie beim Mann sind Hitzewallungen, Verminderung oder Verlust des sexuellen Verlangens (Libido) und der Potenz. Bei der Frau sind es Hitzewallungen, Abnahme der Libido und Scheidentrockenheit.

Aromatasehemmer

Beispiele sind Anastrozol, Exemestan und Letrozol. Die Wirkstoffe hemmen die Entstehung von Östrogenen. Hitzewallungen und eine dünnere, trockenere Vaginalschleimhaut können die Folgen sein. Schmerzen beim Geschlechtsverkehr sind ein typisches Symptom, wenn trotz körperlicher Erregung die Scheide trocken bleibt. Zu beachten ist, dass Wechseljahresbeschwerden durch eine antihormonelle Therapie auch bei Frauen auftreten können, die ihre Wechseljahre bereits hinter sich haben.

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Beratungstipps

Viele Menschen scheuen sich, über ihre Sexualität zu sprechen. Für manche ist ihre Sehnsucht nach Aufmerksamkeit bereits ein Tabuthema, andere haben erst Hemmungen, wenn Lustlosigkeit und körperliche Beeinträchtigungen zur Sprache kommen. Bei einem Gespräch in der Apotheke sollten PTA zunächst ausloten, wo die individuellen Grenzen ihrer Kunden sind.

Lust trotz Fatigue

Hilfe gegen Fatigue und sexuelle Unlust bietet körperliche Aktivität. Studien zeigen, dass eine Bewegungstherapie während und nach der medizinischen Therapie die krebsbedingte Erschöpfung effektiver reduzieren kann als Medikamente. Laut dem Sportwissenschaftler Dr. Freerk Baumann vom Universitätsklinikum Köln, der in Deutschland als erster die Wirkung von Sport bei Krebspatienten zu erforschen begonnen hat, ist die Wahl der Bewegungsform noch nicht eindeutig geklärt. Je geringer die Fatigue ausgeprägt ist, desto intensiver kann die Bewegung sein. Krebssportgruppen an Kliniken berücksichtigen bei der Wahl der Intensität zudem die Gesamtenergiebilanz des Kranken.

Scheidentrockenheit

In den Wechseljahren sind Vaginalcremes oder -suppositorien mit niedrig dosiertem Östrogen eine Behandlungsoption. Kranken mit hormonabhängigen Tumoren und starken Beschwerden können Gynäkologen laut dem Krebsinformationsdienst Präparate mit dem Wirkstoff Estriol nach einer persönlichen Risikoeinschätzung in Einzelfällen verordnen.

Treten Schmerzen beim Geschlechtsverkehr auf, oder bereitet das Eindringen des Penis Schwierigkeiten, rät das DKFZ zu einer Befeuchtung der Scheide mit wasserlöslichen, unparfümierten, farblosen Gleitgelen. Die hormonfreien Produkte sind unmittelbar vor dem Sex aufzutragen. Doch Vorsicht: Juckt und brennt es im Bereich der Scheide, kann auch eine Vaginalinfektion die Ursache sein. Riechender Ausfluss kann ebenfalls auf eine Infektion hindeuten. Beides sollte gynäkologisch abgeklärt werden.

Hilfe bei erektiler Dysfunktion

Männer mit ED benötigen den Rat eines Urologen. Sind nach einer radikalen Entfernung der krebsbefallenen Prostata Nerven und Blutgefäße noch teilweise intakt, kann sich die Fähigkeit zur Erektion wieder erholen. Laut dem Krebsinformationsdienst kann es Wochen bis Monate dauern, bis eine spontane Erektion wieder zustande kommt.

Möglicherweise können verschreibungspflichtige Medikamente helfen. Zur Behandlung der ED empfehlen die Autoren der Leitlinie zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms die Gabe von Phosphodiesterasehemmern (PDE5-Hemmer) wie Sildenafil, Tadalafil und Vardenafil. Die Substanzen hemmen das Enzym Phosphodiesterase-5 und verhindern so den schnellen Abbau des chemischen Botenstoffs cGMP. Dies führt zu einer verstärkten Erweiterung der Blutgefäße im Penis und beeinflusst dessen Anschwellen und Aufrichtung.

Sind diese Substanzen unwirksam, gibt es weitere Behandlungsoptionen. Dazu gehört die Schwellkörper-Autoinjektionstherapie (SKAT), bei der sich die Betroffenen beispielsweise die Substanz Alprostadil in den Schwellkörper des Penis injizieren. Das Prostaglandin sorgt für eine unmittelbare Erweiterung der Blutgefäße und eine Erektion. Damit es nicht zu einer schmerzhaften Dauererektion kommt, muss der Urologe die benötigte Dosis zu Beginn der Therapie eventuell individuell anpassen. Aber auch Vakuumpumpen und andere mechanische Erektionshilfen können möglicherweise hilfreich sein.


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