30.08.2020

Pille danach: Aktuelles und Bekanntes

von Dr. Ute Koch

Ulipristalacetat ist generisch geworden. Anlass genug, das Beratungswissen zur Notfallkontrazeption aufzufrischen. Denn noch immer besteht reichlich Informationsbedarf – sowohl bei PTA als auch bei den meist sehr jungen Kundinnen.

© Getty Images (Symbolbild mit Fotomodellen)

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  • Eine Verhütungspanne kann jeder Frau passieren – in jedem Alter. Persönliche Moralvorstellungen gehören nicht in ein Beratungsgespräch.
  • Orale Notfallkontrazeptiva (Pille danach, Notfall-Pille) sind reguläre OTC-Arzneimittel, zugelassen für alle Frauen im gebärfähigen Alter.
  • Die BAK-Handlungsempfehlungen sind ein Beratungsleitfaden, keine gesetzliche Vorschrift.
  • Es besteht keine Pflicht zur Dokumentation, lediglich eine Empfehlung zu dieser bei der Abgabe an Minderjährige.

Orale Notfallkontrazeptiva (Pille danach, Notfall-Pille) enthalten entweder Levonorgestrel (1,5 mg) oder Ulipristalacetat (30 mg). Beide Wirkstoffe verschieben den Eisprung um fünf Tage, wodurch sie verhindern können, dass befruchtungsfähige Spermien auf eine Eizelle treffen. So können beide Wirkstoffe eine Schwangerschaft verhüten, aber eine aktuell eingetretene oder bereits bestehende nicht abbrechen.

Levonorgestrel vs. Ulipristalacetat

Laut Zulassung kann Levonorgestrel bis zu drei Tage (72 h) postkoital eingenommen werden, Ulipristalacetat bis zu fünf Tage (120 h). Ob einer der beiden Wirkstoffe binnen der ersten drei Tage effektiver ist als der andere, lässt sich aus Sicht der evidenzbasierten Medizin nicht eindeutig sagen.

Diese Ansicht widerspiegeln auch die Handlungsempfehlungen der Bundesapothekerkammer (BAK) zur „Rezeptfreien Abgabe von oralen Notfallkontrazeptiva“. Wichtig für das Beratungsgespräch ist, dass für beide Substanzen gilt: Je früher die postkoitale Einnahme erfolgt (möglichst binnen 12 – 24 h), desto größer ist die Chance, den Eintritt einer ungewollten Schwangerschaft zu verhindern.

Indikationen für Notfallkontrazeption

Anlässe sind ungeschützter Geschlechtsverkehr, Verhütungspannen oder sexueller Missbrauch/Vergewaltigung. Die häufigsten Verhütungspannen sind laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) die vergessene Einnahme der regulären Pille und/oder Probleme mit dem Kondom. Nicht jede vergessene Pille erfordert eine Notfall- kontrazeption.

Ob ja oder nein, hängt prinzipiell vom Zeitfenster ab, in dem die vergessene Einnahme nachgeholt werden kann. Bei der Mikropille (Östrogen + Gestagen) ist zusätzlich zu beachten, an welchem Tag im Einnahmezyklus die Pillenpanne erfolgt ist. Detaillierte Anweisungen, wie bei einer Pillenpanne vorzugehen ist, enthalten die einschlägigen Fach- und Gebrauchsinformationen. Auch die BAK-Handlungsempfehlungen sind eine gute Orientierungshilfe (ebenso bei Problemen mit dem Verhütungsring/-pflaster). Bei Hinweisen auf eine sexuelle Gewalttat ist die Abgabe der Notfallpille unverzichtbar. Zusätzlich sollte der Frau eine gynäkologische Nachbehandlung empfohlen werden.

Möglichkeiten der Notfallverhütung

Der Zeitpunkt des Eisprungs ist im Beratungsgespräch nicht ermittelbar: Daher ist es unerheblich, an welchem Tag im Monatszyklus eine Frau eine Notfall-Pille wünscht. Einzig und allein entscheidend ist, wie viele Tage dieser zurückliegt. Sind es maximal drei Tage, kann Levonorgestrel oder Ulipristalacetat gewählt werden, danach – bis zu maximal fünf Tagen – ausschließlich Ulipristalacetat. Eine weitere Option ist die Spirale danach, wofür sich ausschließlich die Kupferspirale eignet und die den Besuch einer gynäkologischen Praxis erfordert. Die Spirale danach gilt als sicherste Methode (Erfolgsquote 99 %) der Notfallverhütung.

Allerdings darf sie ebenfalls nur bis zu fünf Tage nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr eingesetzt werden. Orale Notfallkontrazeptiva sind für gesetzlich versicherte Frauen bis zur Vollendung des 22. Lebensjahres erstattungsfähig, sofern ein ärztliches Rezept vorliegt. Laut pro familia gilt dies auch für die wesentlich teurere Kupferspirale. Allerdings verweist pro familia darauf, dass dieser Anspruch nicht immer leicht durchsetzbar

Aus dem OTC-Sortiment*

Wirkstoff

Präparate

Levonorgestrel

Levonoraristo®, Levonorgestrel Stada®, Pidana®, Postinor®, Unofem® Hexal

Ulipristalacetat

ellaOne®, Femke®, Lencya®, Ulipristalacetat AL, Ulipristal Aristo

*beispielhafte Nennungen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit (Stand Lauer-Taxe:17.08.2020)

Orale Kontrazeptiva und Wechselwirkungen

Ernste Nebenwirkungen sind für Levonorgestrel und Ulipristalacetat nicht bekannt. Jedoch können CYP3A4-Induktoren (z. B. Carbamazepin, Johanniskraut, Rifampicin, Ritonavir) die Plasmaspiegel und Wirksamkeit beider Wirkstoffe senken. Eine Frau, die innerhalb der letzten vier Wochen einen CYP3A4-Induktor erhalten hat oder aktuell erhält, kann die doppelte Dosis Levonorgestrel (2 Tabletten à 1,5 mg = 3 mg) einnehmen – sofern das Einsetzen einer Kupferspirale nicht möglich oder nicht gewünscht ist. Ulipristalacetat ist keine Option, weil dessen Plasmaspiegel durch CYP3A4-Induktoren stärker gesenkt werden als die von Levonorgestrel.

Weitere Wechselwirkungen bestehen zwischen Levonorgestrel und Ciclosporin sowie zwischen Ulipristalacetat und systemischen Glukokortikoiden (bei schwerem Asthma). Darüber hinaus ist zu beachten, dass Ulipristalacetat die empfängnisverhütende Wirkung von Präparaten mit einem Gestagen (z. B. Levonorgestrel) mindert. Relevant ist diese Wechselwirkung zudem, wenn eine Frau binnen drei Stunden nach Einnahme einer Pille danach erbricht. Hier lautet die Empfehlung, eine zweite Tablette einzunehmen, die dann denselben Wirkstoff enthalten sollte wie die erste.

Weitere beratungsrelevante Aspekte

Nach Einnahme der Notfall-Pille setzt die Regelblutung im Allgemeinen zum gewohnten Zeitpunkt ein. Ist sie jedoch fünf Tage danach noch nicht eingetreten oder im nächsten „pillenfreien Intervall“ keine Entzugsblutung, sollte die Frau eine gynäkologische Praxis aufsuchen und eine mögliche Schwangerschaft abklären lassen. Erfolgt die Einnahme der Pille danach aufgrund einer Pillenpanne, sollte die der regulären Pille fortgesetzt werden – falls erforderlich, noch am selben Tag.

Allerdings besteht bis zur nächsten Monatsblutung kein Verhütungsschutz mehr, weshalb bis dahin (zusätzlich) mit einer Barrieremethode (z. B. Kondom) zu verhüten ist. Für Stillende ist Levonorgestrel das Mittel der Wahl, weil die Stillpause nur acht Stunden beträgt (Ulipristalacetat: 1 Woche). Und nicht zuletzt ist die Kundin auf eine Beeinträchtigung der Fahrtauglichkeit hinzuweisen.

Abgabe an Minderjährige

Der BAK-Beratungsleitfaden empfiehlt, das Beratungsgespräch mit unter 18-Jährigen schriftlich aufzuzeichnen und zusätzlich bei unter 14-Jährigen das Einverständnis eines Erziehungsberechtigten einzuholen. Hierbei handelt es sich lediglich um Empfehlungen, nicht um gesetzliche Vorgaben. Ein Mindestalter für die Anwendung der Notfall-Pille gibt es nicht. Zudem würde eine unter 14-Jährige nicht allein in die Apotheke kommen, wenn sie Eltern hätte, an die sie sich vertrauensvoll wenden kann. Sie und andere Minderjährige sind ganz besonders auf eine einfühlsame Hilfe in der Apotheke angewiesen, frei von persönlichen Moralvorstellungen. Denn: Für junge Frauen und Mädchen ist eine ungewollte Schwangerschaft ein erheblicher Einschnitt in ihr Leben. Gründe hierfür sind vor allem eine noch nicht abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung, aber auch die noch fehlende finanzielle Sicherheit und/oder feste Partnerschaft.


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