30.05.2019

Reiseapotheke: Unterwegs nach Ost und West

von Julia Pflegel

Entspannt in den Urlaub reisen; dazu gehört auch eine sorgfältig gepackte Reiseapotheke. Ob Indien oder Usedom, je nach Sehnsuchtsort muss an unterschiedliche Dinge gedacht werden. Ein Überblick.

© Sharkawi Che Din / Alamy / mauritius images (Symbolbild mit Fotomodell)

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  • Weltenbummler sollten vor Reisebeginn ihren Impfstatus checken und auch den Zahnarztbesuch nicht vergessen.
  • Ein Vorrat an Medikamenten gehört in das Handgepäck, falls die Koffer verloren gehen.
  • Über das Mitführen von Arzneimitteln sollte man sich gründlich informieren, verschiedene Länder haben sehr strenge Einfuhrbestimmungen.
  • Dauermedikamente werden bis zur Landung wie gehabt eingenommen. Am Zielort werden die Arzneimittel wie gewohnt, aber zur Ortszeit, eingenommen.
  • Zusätzlich kann bei Flügen nach Westen eine einmalige Dosiserhöhung nötig sein; bei Flügen in Richtung Osten entsprechend eine Dosisreduktion.

Auf der berühmten Bank vor dem Taj Mahal zu sitzen, deren Bild mit einer einsamen Lady Diana um die Welt ging, ist ein Erlebnis. Besonders dann, wenn sowohl Sonnen- als auch Insektenschutz stimmen, Desinfektionstücher für den Besuch des stillen Örtchens in der Tasche sind und die Flasche Wasser wenigstens halbvoll ist.

Fernreisen

Reisen in ferne Länder gehören für viele Menschen einfach zu einem perfekten Jahr dazu. Dabei ist die Vorsorge, was Impfungen und die Mitnahme von Arzneimitteln betrifft, immer abhängig vom Reiseziel.

Impfungen

Je weniger Hygienestandards vor Ort herrschen, umso wichtiger ist umfassender Impfschutz. Ein perfekter Anlass, den eigenen Impfstatus zu überprüfen. Einen Überblick, gegen welche Krankheiten Erwachsene und Kinder standardmäßig immunisiert sein sollten, gibt der Impfkalender des Robert Koch-Instituts (RKI, www. rki.de). Beispiele für Standardimpfungen ab Geburt sind Tetanus, Diphterie und Pertussis. Ab 60 Jahre empfiehlt das RKI standardmäßig die Impfung gegen Pneumokokken und Influenza.

Großzügige Informationen zu wahrscheinlich allen Ländern der Welt bietet das Auswärtige Amt (AA, www.auswaertiges-amt.de) unter dem Punkt „Sicher Reisen“, den es auch als App gibt. Wer beispielsweise nach Äthiopien reisen möchte, dem empfiehlt das AA, die Standardimpfungen zu überprüfen und ggf. auf den neuesten Stand zu bringen (gilt für alle Fernreisen). Als Reiseimpfungen werden empfohlen: Hepatitis A und Gelbfieber; bei Langzeitaufenthalten oder besonderer Exposition auch Hepatitis B, Meningokokken, Typhus und Tollwut. Geht es etwa nach Kanada, sieht die Sache ganz anders aus. Dort gehört die Meningitisimpfung zum Standardimpfprogramm für Kinder und Jugendliche, sie ist als Reiseimpfung für diesen Personenkreis empfohlen. Wer sich in den nördlichen Landesteilen aufhält, sollte gegen Hepatitis B geschützt sein.

Wichtig-- Damit ein ausreichender Impfschutz aufgebaut werden kann, sollte mindestens zwei Monate vor Reiseantritt mit dem Arzt über die notwendigen Impfungen gesprochen werden.

Arzneimitteleinnahme

Viele Kunden mit Dauermedikation sind wegen der Zeitverschiebung verunsichert, was die Einnahmezeitpunkte ihrer Medikamente betrifft. Bei einigen Arzneimitteln, etwa L-Thyroxin mit langer Halbwertszeit, wird die Einnahme zu einer bestimmten Tageszeit auch im Zielland fortgesetzt. Sie werden am Tag der Abreise morgens sowie am ersten Morgen nach der Ankunft eingenommen.

Komplexer ist die Einnahme von Kontrazeptiva. Hier müssen Kombinationspräparate aus Östrogen und Gestagen (Kombi-Pille) von reinen Gestagenprodukten (Mini-Pille) unterschieden werden. Bei der Kombi-Pille bleibt der Empfängnisschutz gewährleistet, wenn zwischen zwei Gaben nicht mehr als 36 Stunden liegen (bei Nomegestrol 48 h). Beträgt die Zeitverschiebung am Urlaubsort nicht mehr als zwölf Stunden, kann das Arzneimittel zur gewohnten Uhrzeit genommen werden. Bei einer Zeitverschiebung von mehr als zwölf Stunden, sollte zwölf Stunden nach der letzten Einnahme, spätestens aber bei der Ankunft am Urlaubsort eine zusätzliche Pille genommen werden; nach zwölf Stunden eine weitere. Danach kann das Medikament wieder zur gewohnten Zeit geschluckt werden.

Die Mini-Pille muss viel exakter gehandhabt werden (Einnahme alle 24 h). So gefährdet bei Levonorgestrel schon eine Differenz von drei Stunden den Empfängnisschutz. Beträgt die Zeitverschiebung mehr als drei Stunden, muss bereits zwölf Stunden nach der letzten Ein- nahme nachdosiert werden. Bei Desogestrel kann die Einnahme um bis zu zwölf Stunden ungefährdet verschoben werden.

Wichtig-- Andere Länder, andere Arzneimittel, das bedeutet, nicht in jedem Land ist das gewohnte Kontrazeptivum erhältlich. Es bietet sich an, einen kleinen Vorrat, der über die zu verbrauchende Menge hinausreicht, mitzunehmen. Auch Kondome gehören ins Reisegepäck.

Reiseapotheke

Zur Basisausstattung einer Reiseapotheke gehören Pinzette, Schere, Pflaster, Bla- senpflaster, ebenso wie Mullkompressen und Mullbinden zur Wundversorgung, ein Hautdesinfektionsmittel, eine elastische Binde sowie ein Fieberthermometer. Außerdem topische und orale Analgetika, topische Antibiotika, topische und orale Antihistaminika, Antidiarrhoika, Mittel gegen Erkältungsbeschwerden, Sodbrennen, Sonnenschutzmittel, Wundheilungsmittel und anderes mehr.

Schmerzen und Fieber

Tabletten, Kapseln oder eine flüssige Zubereitung mit Paracetamol, Acetylsalicylsäure oder Ibuprofen können je nach Präferenz des Kunden ausgewählt werden. Gegebenenfalls müssen Wechselwirkungen mit einer bestehenden Dauermedikation oder Kontraindikationen berücksichtigt werden. Acetylsalicylsäure soll bei Kindern mit fieberhaften Erkrankungen nicht angewendet werden (nur auf ärztliche Anweisung), weil die Gefahr der Entwicklung eines Reye-Syndroms besteht. Dabei handelt es sich um eine akute Enzephalopathie (krankhafte Veränderung des Gehirns) in Kombination mit einer fettigen Leberdegeneration. Die Erkrankung betrifft in der Regel Kinder zwischen vier und neun Jahren.

Für Gelenkschmerzen, Verstauchungen und Prellungen bieten sich topische Analgetika mit Diclofenac oder topische Phytopharmaka, etwa mit Beinwellextrakt, an.

Aus dem OTC-Sortiment*

Indikation

Präparatebeispiele

Durchfall

-Elektrolyte

Imodium®, Lacteol®, Perenterol®, Vaprino®

Elotrans®, Oralpädon®,

Erkältungsbeschwerden

Bronchicum®, Dolo-Dobendan®, Dorithricin®, Gelomyrtol® forte, Geloprosed®, Isla® med akut, Meditonsin®, Mucosolvan®, Soledum®, Neo-Angin®, Sinolpan® forte, Sinupret®; div. Nasalia

Insektenschutz

Anti-Brumm®, Autan® tropical, Nobite® Hautspray, Soventol® Protect Intensiv-Schutzspray

Mundgesundheit

Chlorhexamed®, Infectogingi®, Kamistad®

Schmerzen, Fieber

Aspirin®, Dolormin®, Eudorlin®, Neuralgin®, Nurofen®, Paracetamol ratiopharm®, Voltaren®

Sonnenschutz/-brand

Avene® Sonnenschutz, Eucerin Sun, Ladival®, Fenistil® Gel

Sodbrennen

Gaviscon®, Iberogast®, Pantozol® control, Riopan®, Talcid®

Verstopfung

Dulcolax®, Laxatan®, Laxoberal®, Movicol®

Wunden (klein)/ Verbandmittel

Bepanthen®, Betaisodona®, Medigel®, Mirfulan®, Sterillium®, Tyrosur® / Hansaplast®

*ohne Anspruch auf Vollständigkeit (Stand Lauer-Taxe: 14.05.2019)

Magen-Darm-Beschwerden

Gerade der Wechsel in eine andere Klimazone, ein langer Flug und ungewohnte Nahrungsmittel setzen vielen Reisenden zu; lästige Symptome verderben dann die ersten Urlaubstage.

Durchfall-- Bei starkem Durchfall droht besonders bei kleinen Kindern und älteren Menschen das Risiko der Dehydratation (Arztbesuch!). Daher sollte eine Elektrolytlösung nach den Empfehlungen der WHO (Orale Rehydratation, ORS, enthält Glukose, Natriumcitrat, -chlorid, Kaliumchlorid) mitgeführt werden. Leichtere Diarrhöen lassen sich kurzfristig mit Loperamid (Kdr. ab 6 J.) oder Racecadotril (ab 18 J.) therapieren. Vielen Kunden ist eine sanftere Art der Behandlung lieber – und auch für Kinder mit leichtem Durchfall wahrscheinlich geeigneter. Sie bevorzugen Zubereitungen mit Saccharomyces cerevisae (boulardii), auch als präventive Maßnahme.

Verstopfung-- Nicht allen Menschen bekommt die Zeit- und die Ernährungsumstellung auf (langen) Reisen, und sie reagieren mit Verstopfung. Hier können bewährte Subs- tanzen wie Bisacodyl oder Natriumpicosulfat empfohlen werden. Nach abendlicher Einnahme setzt die Wirkung meist zehn Stunden, bei morgendlicher Nüchterneinnahme etwa sechs Stunden später ein – das kann für die Tagesplanung wichtig sein, damit eine Toilette in der Nähe ist.

Sodbrennen-- Bei säurebedingten Magen-Darm-Beschwerden, wie sie gerade am Anfang des Urlaubs wegen ungewohnten Essens auftauchen können, helfen schnell Antazida und auf längere Sicht Protononpumpeninhibitoren. Phytopharmaka-Verwender setzen auf Extrakte der Bitteren Schleifenblume in Kombination mit anderen pflanzlichen Auszügen.

Typische Beschwerden auf Reisen

Grafik Reise 062019

In die Reiseapotheke gehören alle Medikamente der Hausapotheke,
ergänzt um solche gegen typische Reisebeschwerden.

Erkältungsbeschwerden

Husten, Halsschmerzen und andere Erkältungsbeschwerden werden häufig durch Klimaanlagen in Flugzeugen oder während langer Zugfahrten ausgelöst. Vorbeugend kann ein salinisches Nasenspray helfen, ein Austrockenen der Schleimhäute zu vermeiden. Kommt es doch zu einer Erkältung, ist ein dem Alter gemäßes Nasenspray mit Xylometazolin oder Oxymetazolin sinnvoll. Das kann in den meisten Fällen auch bei einer beginnenden Sinusitis das Schlimmste verhindern. Für Sinusitis und Bronchitis stehen Arzneimittel mit Mischungen ätherischer Öle oder auch als Monopräparate zur Verfügung.

Halsschmerzen und leichten Hustenreiz lindern Lutschpastillen mit Hyaluronsäure, Lokalanästhetika oder pflanzlichen Extrakten. Für stärkeren, verschleimten Husten können ambroxolhaltige Hustentabletten oder -saft mitgenommen werden. Insbesondere bei Reisen in Länder mit unsicherer Trinkwasserqualität sollte grundsätzlich auf Brausetabletten verzichtet werden, da nicht immer kohlensäurefreie Getränke zur Hand sind.

Insektenschutz

Zur Expositionsprophylaxe werden für Fernreisende von der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit (DTG) e. V. Repellenzien mit den Wirkstoffen DEET oder Icaridin empfohlen. Ein Moskitonetz ist zusätzlich für Fernreisende und Trekkingurlauber, aber auch bei Kindern für den normalen Campingurlaub in der Nähe von stehenden Gewässern ein guter Rat. „Die konsequente Anwendung der Maßnahmen zur Vermeidung von Stichen senkt nicht nur das Malaria-risiko. Auch das Risiko anderer durch Arthropoden übertragenen Erkrankungen wie Denguefieber, Chikungunya-Fieber, Zikavirus-Infektion oder Leishmaniosen wird dadurch erheblich verringert“, rät die DTG auf ihrer Website (www.dtg.de).

Sonnenbrand

Geeigneter Sonnenschutz ist Pflicht in jeder Reiseapotheke. Dabei sollte auf hohe Lichtschutzfaktoren (30 bis 50+) gesetzt werden. Kommt es doch zu einem kleinflächigen Sonnenbrand und fühlt sich die Haut sehr heiß an, werden kühlende, hautberuhigende Gele mit topischen Antihistaminika eingesetzt. Bei Anwendung außerhalb des Gesichtes können Zubereitungen mit Cortison verwendet werden.

Haben Säuglinge und Kinder bis zum sechsten Lebensjahr einen Sonnenbrand, dessen Ausbreitung zweimal der Handinnenfläche des Kindes entspricht, sollte sicherheitshalber ein Arzt hinzugezogen werden. Auch Erwachsene mit großflächigem oder extrem starkem Sonnenbrand sollten einen Arzt aufsuchen, ebenso, wenn Fieber und Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Kreislaufschwäche, Schüttelfrost und Kopfschmerz hinzukommen, die für einen Sonnenstich sprechen. Bis zur ärztlichen Versorgung können dem Betroffenen handwarme Tücher auf die Extremitäten oder die Stirn gelegt werden (keine kalten!). Außerdem sollte reichlich zimmerwarme Flüssigkeit getrunken werden. Das beste Mittel zur Vorbeugung eines Sonnenstichs ist übrigens ein Sonnenhut.

Kleine Wunden

Neben den schon erwähnten Verbandmaterialien sollte auch in anderer Hinsicht gegen kleine Wunden vorgesorgt werden. Denn gerade in feucht-heißem Klima und unsauberer Umgebung heilen auch kleinere Wunden schlecht und können sich ggf. entzünden, was dringend zu vermeiden ist. Kleine Wunden sollten immer versorgt und abgedeckt werden. Eingesetzt werden Desinfektionsmittel, die zur Anwendung auf der Haut geeignet sind, antibiotische Salben oder auch wundheilungsfördernde Topika.

Mundgesundheit auf Reisen

Menschen, die einen längeren Aufenthalt in einem Land planen, wo Ärzte nicht jeder Zeit verfügbar und der Gesundheitsstandard niedrig ist, sollten vor Reiseantritt einen Check bei ihrem Zahnarzt durchführen. Beim Zähneputzen ist unbedingt an die Wasserqualität zu denken. Gibt es geschlossene Wasserflaschen (Verschluss muss beim Öffnen knacken!), kann dieses Wasser benutzt werden. Abseits der Touristenpfade bieten sich Wasseraufbereitungspräparate an, die das Wasser keimfrei machen. Zu denken ist auch an kleine Verletzungen und/oder Entzündungen der Mundschleimhaut, wie sie bei Zahnspangen- oder Prothesenträgern vorkommen können. Entsprechende Präparate, die lokalanästhetisch und entzündungshemmend wirken, erleichtern die Beschwerden.


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