29.09.2020

Rückenschmerzen: Das Kreuz knackt

von Christopher Waxenegger

Eine falsche Bewegung, eine ungewohnte Tätigkeit oder zu langes Arbeiten im Garten, und schon ist es geschehen. Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Gründen für einen Gang in die Apotheke.

© Getty Images (Symbolbild mit Fotomodell)

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  • Vor einer Empfehlung zur Selbstmedikation gilt es, Begleiterkrankungen und körperliche Warnhinweise auszuschließen.
  • Treten die Schmerzen punktuell auf, bietet sich eine topische Behandlung an.
  • Bei diffusen, nicht genau lokalisierbaren, Schmerzen können systemische NSAR für einen begrenzten Zeitraum Linderung verschaffen.
  • Der Kunde sollte bei jedem Besuch in der Apotheke an die Durchführung regelmäßiger körperlicher Tätigkeiten erinnert werden.

Als Rücken- oder Kreuzschmerzen bezeichnet man unterschiedlich starke Schmerzen des Rückens, denen verschiedene Ursachen zugrunde liegen können. Sie zählen zu den häufigsten Beschwerden und haben eine Tendenz zur Chronifizierung, wenn nicht schnell etwas dagegen unternommen wird. Eine beispielhafte Umfrage im Rahmen der Deutschen Rückenschmerzstudie 2003/2006 ergab, dass mindestens 85 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal im Leben mit den Symptomen von Rückschmerzen zu kämpfen haben. Mit steigendem Lebensalter nimmt die Häufigkeit für derartige Schmerzzustände zu, sodass in Zukunft, bedingt durch das zunehmende Alter der Bevölkerung, von einem deutlichen Anstieg der Betroffenen auszugehen ist.

Ursachen und Risikofaktoren

Grundsätzlich wird je nach Dauer der Symptomatik zwischen akuten, subakuten und chronischen Rückenschmerzen differenziert, wobei nur der akute, nicht länger als 48 Stunden andauernde, Rückenschmerz im Rahmen der Selbstmedikation behandelt werden sollte. Die häufigsten Ursachen sind muskuläre Verspannungen, vor allem im Bereich der Lendenwirbelsäule, hervorgerufen durch zu wenig Bewegung, falsche Bewegungen, Fehlhaltungen sowie alltägliche seelische oder berufliche Belastungen.

Außerdem existiert eine Reihe von Risikofaktoren für einen chronischen Verlauf wie Depression, Distress, ein ausgeprägtes Schon- und Vermeidungsverhalten, monotone Körperhaltung, die Angst vor erneuter Schädigung bei Rückkehr zum Arbeitsplatz, lange unnötige Krankschreibungen und eine ungesunde Lebensweise. Diese schier endlose Liste an potenziellen Auslösern und die Chronifizierung fördernde Faktoren macht verständlich, wieso Rückenschmerzen ganz oben auf der Liste bei medizinischen Rehabilitationen und der generellen Arbeitsunfähigkeit stehen. Ziel der Therapie ist, die ursprüngliche Beweglichkeit und Funktionalität wieder herzustellen und zu vermeiden, dass die Erkrankung fortschreitet.

Nicht medikamentöseTherapie

Die Therapie von Rückenschmerzen stützt sich auf eine gesunde Lebensführung (Stichworte Ernährung, Übergewicht, Rauchen und Alkoholkonsum) und eine regelmäßige körperliche Aktivität (=Basistherapie). Mittlerweile gilt es als erwiesen, dass der Rat zu Bettruhe und Schonverhalten nicht nur unangebracht, sondern sogar kontraproduktiv ist. Dabei ist es unerheblich, welche Form der körperlichen Aktivität gewählt wird. Wiederholte Aufklärung und Beratung vervollständigen die Basistherapie und sollen den Patienten motivieren, diese auch bei Beschwerdefreiheit fortzusetzen. Bei Bedarf kann eine Ergänzung mit spezifischen, auf den Rücken abzielenden, Bewegungsprogrammen stattfinden. Hierzu gehören die progressive Muskelrelaxation, spezielle Rückengymnastik, die Rückenschule und die Durchführung einer kognitiven Verhaltenstherapie zur Korrektur von nicht geeigneten Verhaltensmustern.

Alternativ-- Hier spielt die Akupunktur eine Rolle. Sie ist jedoch erst bei Versagen oder nicht ausreichender Wirksamkeit der nicht medikamentösen und medikamentösen Behandlung indiziert, da sie, wenn zu früh eingesetzt, eine ursächliche Diagnose und Heilung des Rückenschmerzes verzögern kann. Unterstützend können Massagen mit durchblutungsfördernden ätherischen Ölen (Kampfer, Nadelhölzer, Rosmarin) empfohlen werden, während für Kinesio-Taping, Interferenzspektrum-, Laser- oder Magnetfeldtherapie der Wirkungsnachweis noch aussteht.

Wussten Sie, dass ...

  • von der Anwendung von Kälte abgeraten werden soll?
  • Bettruhe kontraproduktiv für ein schnelles Abklingen der Beschwerden ist?
  • Rückenschmerzen durch gezieltes Training gut vorgebeugt werden kann? Zum Beispiel in Form von abgestimmter Gymnastik oder Rückenschulen.
  • Entspannungsmethoden wie die progressive Muskelrelaxation auch bei akuten Rückenschmerzen hilfreich sind?
  • bei mehr als drei Tage anhaltenden Schmerzen eine ärztliche Schmerztherapie eingeleitet werden soll, eventuell unter prophylaktischer Gabe von Protonenpumpeninhibitoren?

Medikamentöse Therapie

Wichtig ist, den Betroffenen zu vermitteln, dass die medikamentöse Therapie ausschließlich symptomatisch wirkt und keinesfalls die Basistherapie ersetzen kann. Sie hilft dabei, körperliche Aktivitäten wieder aufnehmen zu können und kommt bestenfalls erst nach Ausschöpfung der nicht medikamentösen Maßnahmen zum Einsatz. Die Auswahl der Applikationsform in der Selbstmedikation richtet sich nach der Problematik und den vorhandenen Begleiterkrankungen.

Lokaltherapie

Bei lokalisierbaren Schmerzen eignet sich das topische Auftragen von nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR) in Salben-, Creme-, Gel- oder Sprayform. Angewendet werden Ibuprofen, Diclofenac, Piroxicam und Indometacin. Auch weniger bekannte NSAR wie Flufenaminsäure, Etofenamat und Felbinac können gute Dienste leisten. Ibuprofen und Diclofenac gibt es zusätzlich in Pflasterform, womit sich streng punktuelle Schmerzen gut behandeln lassen.

Wärme-- Viele Patienten finden es zudem äußerst angenehm, wenn ihre Verspannungen mit Wärmeanwendungen gelöst werden. Solche Anwendungen können entweder physikalisch (Wärme von außen) oder chemisch (Wärme durch Förderung der Durchblutung mittels hyperämisierender Arzneistoffe) erfolgen. In erster Linie sind hier die Wirkstoffe Capsaicin, Nonivamid sowie Benzyl- bzw. Methylnicotinat zu nennen (Salbe, Pflaster). Gewissermaßen eine Zwischenstellung nehmen Voll- oder Teilbäder mit hyperämisierenden Zusätzen ein. Neben der klassischen Schulmedizin kann die Phytotherapie mit Beinwellwurzel, Arnikablüten und Weihrauchharz Linderung verschaffen.

Tipps aus dem PTA Beirat

Was empfehlen Sie gegen Rückenschmerzen?

Klagt ein Kunde in der Apotheke über Rückenschmerzen durch eine Verspannung oder eine Überlastung, hilft Wärme, die Muskulatur zu entspannen und die Durchblutung zu fördern. Dafür empfehle ich sehr gerne einen pflanzlichen Wärmebalsam mit Beinwellextrakt. Gute Erfahrungen habe ich auch mit Wärmegürteln gemacht. Ist die Ursache des Schmerzes allerdings eine Entzündung der Gelenke, rate ich von Wärme eher ab. Dann helfen entzündungshemmende und schmerzstillende Salben und in sehr schweren Fällen kurzfristig orale Analgetika mit antiinflammatorischer Wirkung.

Und darüber hinaus?

Rückenschmerz-Kunden lege ich immer ans Herz, in leichter Bewegung zu bleiben. Langes Liegen oder Schonhaltungen führen meist zur Verschlechterung der Beschwerden. Ein kurzer Spaziergang an der frischen Luft, vorsichtige Dehnübungen und leichtes Yoga entspannen nicht nur die Rückenmuskulatur. Auch ein warmes Bad tut Körper und Seele gut.

Lorena Denoville

Systemische Therapie

Schmerzstillende und entzündungshemmende NSAR wie Ibuprofen und Diclofenac kommen bei schwer lokalisierbaren Schmerzzuständen zur Anwendung und dürfen in der Selbstmedikation für maximal drei Tage eingenommen werden. Fernere Wahl sind Acetylsalicylsäure, Naproxen oder Paracetamol. Acetylsalicylsäure und Naproxen bergen ein erhöhtes Risiko für gastrointestinale Nebenwirkungen, und Paracetamol zeigt sich häufig als zu schwach wirksam. Dennoch kann, insbesondere bei Vorliegen von Begleiterkrankungen (Magen-Darm-Ulkus-, Nieren- oder kardiovaskuläre Erkrankung in der Anamnese), ein primärer Therapieversuch mit dem gut verträglichen Paracetamol durchaus gerechtfertigt sein.

Phytotherapeutisch werden üblicherweise Präparate aus Weidenrinde, Eschenrinde, Pappelrinde und -blättern sowie Weihrauchharz eingesetzt. Die Einnahme von Magnesium kann bei bestehendem Magnesiummangel die Krampfbereitschaft der Muskulatur vermindern und so Muskelkrämpfen vorbeugen. Vorteilhaft ist weiter, dass Magnesium auch in der Schwangerschaft und Stillzeit angewendet werden darf.

Red-Flags und Grenzen der Selbstmedikation

Zu Beginn der Beratung sollten mit gezielten Fragen Bandscheibenvorfälle, Ischias-Syndrom, Osteoporose, Infektionen oder Neuropa- thien ausgeschlossen werden.

Eine axiale Spondylarthritis, die zum rheumatischen Formenkreis gehört, geht oft mit sehr ähnlichen Symptomen einher wie normale Rückenschmerzen. Allerdings liegen bei dieser Symptome vor wie eine länger andauernde Morgensteifigkeit, ein Erkrankungsbeginn vor dem 45. Lebensjahr, eine Dauer von mehr als zwölf Wochen, ein alternierender Gesäßschmerz und/oder Begleitsymptome, wie entzündete Gelenke in anderen Körperregionen oder eine Entzündung der Augenhaut.

Weitere grundlegende Warnhinweise, die eine Selbstmedikation ausschließen, umfassen Kribbeln, Brennen, Taubheitsgefühle oder Lähmungen der Extremitäten, das Ausstrahlen der Schmerzen in andere Körperregionen, eine starke Bewegungseinschränkung sowie Kinder und Jugendliche im Alter von unter 18 Jahren. Hier sollte man aufmerksam werden und den Kunden zur Sicherheit an einen Arzt verweisen.

Möglichkeiten zur Prävention

Angesichts der hohen Prävalenz von Rückenschmerzen und der Gefahr zur Chronifizierung kommt einer effektiven Prävention eine herausragende Bedeutung zu. Es kann nicht oft genug betont werden, wie wichtig eine individuell abgestimmte, körperliche Bewegung für einen gesunden Rücken ist. Aufklärung, Ratschläge und Schulung gehen des Weiteren immer Hand in Hand mit etwaigen ergonomischen Maßnahmen am Arbeitsplatz oder zuhause, um eine Überlastung oder Fehlhaltung zu vermeiden.


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