30.08.2020

Serie Beratungsfall Ernährung: Auf Ballaststoffe setzen

von Beate Ebbers

Hämorrhoiden-- Beschwerden im Analbereich sind weit verbreitet, aber ein Tabuthema. Nehmen Sie betroffenen Kunden die Scheu, und geben Sie Tipps, wie sich mit der richtigen Lebensmittelauswahl die Symptome lindern lassen.

© pinkyone / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell)

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  • Eine ballaststoffreiche Ernährung und ein geregelter Stuhlgang sind bei bestehendem Hämorrhoidalleiden die Basis der Therapie.
  • Empfehlenswerte Lebensmittel sind Vollkornprodukte, Gemüse, Rohkost, Hülsenfrüchte und Obst, Kleie und Leinsamen.
  • Viel Trinken über den Tag verteilt ist wichtig und sorgt dafür, dass die Ballaststoffe ihre Wirkung entfalten können.
  • Reicht der Effekt einer ballaststoffreichen Ernährung nicht aus, kann ergänzend Indischer Flohsamen als mildes Laxans empfohlen werden.
  • Tägliche Bewegung ist unerlässlich für eine gute Verdauung.

Ein Herr mittleren Alters kommt in die Apotheke. PTA Frau Walcher erkundigt sich freundlich nach seinem Anliegen. Er habe ein Problem, über das er nicht so gerne spricht, sagt der Mann. Die einfühlsame PTA führt den Kunden in die Beratungsecke und bietet ihm ein Glas Wasser an. Hier beginnt der Mann zu reden: „Schon seit längerem leide ich unter Verstopfung, in letzter Zeit sogar mit Juckreiz und Nässe im Afterbereich. Weil es immer schlimmer wurde, bin ich sogar beim Arzt gewesen. Der hat vergrößerte Hämorrhoiden festgestellt, wohl noch nicht so ausgeprägt, dass operiert werden muss. Er hat mir eine Salbe empfohlen, und ich soll nun meine Ernährung ändern und mehr Ballaststoffe essen“, sagt der Kunde. „Können Sie mir da weiterhelfen?“.

„Gerne“, antwortet Frau Walcher. „Es ist gut, dass Sie offen über Ihre Probleme sprechen und auch beim Arzt waren“, lobt sie den Mann. „Denn die Beschwerden lassen sich, solange sie noch nicht zu stark ausgeprägt sind, meist mit den richtigen Ernährungsmaßnahmen gut in den Griff bekommen“, macht sie dem Kunden Mut.

Serie Beratungsfall Ernährung

01/2020: Wechseljahre
03/2020: Akne
05/2020: Colitis ulcerosa
07/2020: COPD
09/2020: Hämorrhoiden
11/2020: Neurodermitis

Beratungsgespräch

Die PTA erklärt dem Kunden, dass es sich bei Hämorrhoiden um Blutgefäße handelt, die kurz vor dem Darmausgang ein schwammartiges Gewebepolster bilden. Sie sind gut durchblutet und sorgen zusammen mit dem Schließmuskel für einen sicheren Verschluss des Darmausgangs. Sind die Hämorrhoiden jedoch vergrößert und treten unter Umständen auch schon aus dem After heraus, reizen sie die Haut im Analbereich. Je nach Ausprägung verspürt der Patient zum Beispiel Juckreiz, Brennen oder ein Nässegefühl. Auch Schmerzen oder Blutungen sind möglich.

„Ursache sind häufig Verstopfung und harter Stuhl“, sagt die PTA. Besonders starkes Pressen beim Toilettengang begünstigt das Vorfallen der Hämorrhoiden. „Ich habe auch schon zu Abführmitteln gegriffen, die aber nicht geholfen haben“, berichtet der Mann. „Das Wichtigste ist, dass Sie nun mit einer ballaststoffreichen Ernährung Ihre Verdauung wieder ankurbeln, damit der Drang zum Pressen unterbunden wird“, sagt die PTA. Sie erklärt ihm, dass Ballaststoffe den Stuhl auflockern, die Darmpassage beschleunigen und für einen leichten, regelmäßigen Stuhlgang sorgen. Damit wird der Darmausgang entlastet, sodass die lästigen Beschwerden gelindert werden.

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Nachfragen

Um dem Kunden passende Ernährungstipps zu geben, stellt Frau Walcher Fragen zu seinen Ernährungsgewohnheiten. Da sie weiß, dass Vollkornprodukte, Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte reich an Ballaststoffen sind, fragt sie gezielt: „Essen Sie überwiegend Weißbrot, weißen Reis und helle Nudeln oder bevorzugen Sie Schwarz- und andere Vollkornbrote, Vollkornnudeln oder Naturreis? Wie oft am Tag essen Sie Obst und Gemüse? Welche bevorzugen Sie? Wie häufig stehen Gerichte mit Erbsen, Linsen oder anderen Hülsenfrüchten auf Ihrem Speiseplan?“.

Da Ballaststoffe ihre positive Wirkung auf den Darm nur in Kombination mit genügend Flüssigkeit entfalten, fragt sie auch, wie viel und was er täglich trinkt. Die PTA erfährt, dass der Kunde morgens gern weiße Brötchen oder Toast mit süßem Aufstrich und abends klassisches Abendbrot mit Körnerbrot isst. Gemüse kommt nur mittags in kleinen Portionen auf den Teller, lieber greift er zwischendurch zu einem Apfel oder einer Banane. Bohnen-, Linsen- oder Erbsensuppe isst er höchstens mal im Winter. Er trinkt in erster Linie zu den Mahlzeiten ein bis zwei Gläser oder Tassen Kaffee, Tee oder Wasser.

Mehr Vollkorn

Da Menschen mit Hämorrhoidalleiden mindestens 35 Gramm Ballaststoffe täglich zu sich nehmen sollen, rät Frau Walcher, bei Brot, Backwaren, Nudeln und Reis die Vollkornvarianten zu wählen. Sie erklärt, dass sich große Mengen an Ballaststoffen in den Randschichten des Getreidekorns befinden, die bei der Herstellung von weißem Auszugsmehl oder hellem Reis entfernt werden. „Fangen Sie gleich morgens an und tauschen Sie zum Frühstück die weißen Brötchen oder Buttertoast gegen Vollkornbrötchen, -toast oder -brot aus“, sagt Frau Walcher.

Denn ein Vollkornbrötchen enthält mehr als die dreifache Menge an Ballaststoffen im Vergleich zu einem weißen Brötchen, fügt sie hinzu. „Probieren Sie zum Frühstück auch mal ein selbst gemachtes Müsli aus drei Esslöffeln Hafer- oder anderen Getreideflocken, einem klein geschnittenen, ungeschälten Apfel oder 100 Gramm Beerenobst. Dazu ein bis zwei Teelöffel Nüsse, Leinsamen, Sonnenblumenkerne oder Sesam, die ebenfalls reichlich Ballaststoffe enthalten“, rät Frau Walcher.

Auch zum Abendbrot sollte der Kunde zu Brot mit hohem Vollkornanteil greifen. Da er berichtet hat, dass er gerne Körnerbrot isst, sollte er auf dem Packungsetikett oder beim Bäcker prüfen, ob das von ihm gewählte Brot tatsächlich ein Vollkornbrot ist. Denn die meisten Körnerbrote enthalten zwar ballaststoffreiche Sonnenblumenkerne, Leinsamen, anderen Saaten oder Getreidekörner, sind aber auf Basis von Auszugsmehl hergestellt, erklärt Frau Walcher.

Mehr Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte

Da der Kunde erwähnte, dass er nur mittags eine kleine Gemüseportion isst, empfiehlt die PTA ihm, die Gemüsebeilage bei der Mittagsmahlzeit deutlich zu erhöhen. „Ungefähr die Hälfte Ihres Tellers sollte aus Gemüse bestehen“, sagt die PTA. Dabei sollte er frische grüne Bohnen, Erbsen sowie Kohl- und Wurzelgemüse bevorzugen. Zum Frühstück, Abendbrot oder zwischendurch empfiehlt Frau Walcher Rohkost, zum Beispiel Paprika, Gurke oder Tomate in kleinen Stücken oder angemacht als Salat. Bei Obst sollte der Kunde zu Äpfeln, Birnen oder Beeren greifen. „Wenn Sie drei Portionen Gemüse und zwei Portionen Obst am Tag essen, sind Sie auf dem richtigen Weg“, sagt die PTA.

Da sich die meisten Ballaststoffe in und unter der Schale befinden, rät sie, diese wenn möglich nicht zu entfernen. Ein bis zweimal pro Woche ist ein Gericht mit Hülsenfrüchten günstig, die besonders viel Ballaststoffe liefern. „Es muss ja nicht immer eine deftige Suppe sein“, sagt sie. „Die heute angebotenen getrockneten Linsen, Bohnen oder Erbsen eignen sich gut für die Zubereitung von Salaten, Dips, Bratlingen und anderen Gerichte. Es gibt sogar Nudeln aus Kichererbsen, Linsen, Erbsen oder Bohnen, die eine gute ballaststoffreiche Alternative zu herkömmlicher Pasta sind.“

Ausreichend trinken

Frau Walcher erklärt dem Kunden, dass Ballaststoffe nur wirken können, wenn ausreichend Flüssigkeit zum Quellen und Binden zur Verfügung steht, und sie bei zu geringer Flüssigkeitszufuhr sogar Darmträgheit fördern. „Trinken Sie deshalb täglich zwei bis drei Liter Wasser, ungesüßte Früchte- oder Kräutertees oder stark verdünnte Schorlen“, rät Frau Walcher. Seinen Morgenkaffee kann der Kunde in seine Flüssigkeitsbilanz einberechnen. Dabei soll er nicht nur zu den Mahlzeiten, sondern auch zwischendurch trinken. „Am besten ist es, wenn Sie über eine Woche hinweg genau aufschreiben, wie viel Sie tatsächlich getrunken haben. Kommen Sie nicht auf die nötige Menge, sollten Sie sich morgens Kannen bereitstellen, die sie dann über den Tag hinweg austrinken“, empfiehlt die PTA.

Jetzt herunterladen!

Einen Handzettel mit Tipps für Ihre Kunden können Sie hier herunterladen, ausdrucken und ihnen nach dem Beratungsgespräch mitgeben. 

Langsam beginnen

Als Frau Walcher bemerkt, dass der Kunde auf ihre Empfehlungen zurückhaltend reagiert, beruhigt sie ihn: „Das sind jetzt sicherlich große Umstellungen für Sie. Beginnen Sie langsam, und tauschen Sie nach und Ihre gewohnten Lebensmittel gegen die ballaststoffreichen Varianten aus. Magen und Darm müssen sich sowieso erst an die höheren Ballaststoffmengen erhöhen, Sonst verstärkt sich die Verstopfung, es grummelt in Ihrem Bauch und kommt zu Blähungen und Völlegefühl. Das gilt es unbedingt zu vermeiden“, sagt sie. „Und da ich weiß, dass das jetzt sehr viele Infos waren, gebe ich Ihnen noch diesen Handzettel mit. Hier können Sie wichtige Punkte zu Hause nochmal in Ruhe nachlesen.“

Ergänzende Tipps

Der Kunde bedankt sich für die Beratung und verspricht, die Empfehlungen zu beherzigen. Frau Walcher gibt ihm noch ein paar weitere Tipps mit auf den Weg, die ihm helfen können, die Beschwerden zu lindern.

Kleie oder Leinsamen

Für den Fall, dass es dem Kunden schwerfällt, sich über die übliche Nahrungsaufnahme ballaststoffreich zu ernähren, empfiehlt die PTA, Quark-, Joghurtspeisen, Suppen oder Müslis mit ballaststoffreichen Weizen- oder Haferkleie oder geschroteten Leinsamen zu ergänzen. „Ein Esslöffel liefert Ihnen etwa 4,5 Gramm Ballaststoffe. Vergessen Sie aber auch hier nicht, pro Esslöffel ein Glas Wasser zusätzlich zu trinken“, sagt Frau Walcher.

Flohsamenschalen

Ergänzend zur ballaststoffreichen Ernährung empfiehlt die PTA die Einnahme von Indischen Flohsamenschalen mit reichlich Flüssigkeit. „Die kleinen Samenschalen des milden Laxans wirken regulierend auf die Verdauung“, sagt die PTA und stellt dem Kunden entsprechende Präparate in Arzneimittelqualität vor. Sie erklärt, dass Flohsamenschalen reichlich lösliche Ballaststoffe enthalten, die im gesamten Darmtrakt Flüssigkeit binden. Dadurch vergrößert sich das Stuhlvolumen, und die Darm- tätigkeit wird angeregt.

Mehr Bewegung

Unerlässlich für eine gute Verdauung ist ausreichend Bewegung. Frau Walcher empfiehlt deshalb einen aktiven Lebensstil. „Sie müssen jetzt keine Sportskanone werden“, sagt sie. „Wichtig ist, dass Sie lange ununterbrochene Sitzphasen meiden.“ Sie empfiehlt ihm, sich täglich 60 Minuten über den Tag verteilt zu bewegen, zum Beispiel Spazierengehen, Gartenarbeit oder Schwimmen.

Beate Ebbers ist Diplom Oecotrophologin. Im „Beratungsfall Ernährung“ gibt sie Tipps, mit denen Sie Ihre Beratung ergänzen können.


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