29.06.2021

Serie Beratungsfall Ernährung: Obstipation

von Beate Ebbers

Wiederkehrende, hartnäckige Verstopfung ist sehr quälend. Laxanzien sorgen für schnelle Abhilfe. Mit Tipps zur richtigen Ernährung und Bewegung helfen Sie Kunden, ihren Darm dauerhaft auf Trab zu halten.

© M. Haneefa Nizamudeen / Getty Images / iStock

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  • Eine ballaststoffreiche Ernährung ist die Basis der Therapie bei Obstipation.
  • Empfehlenswerte Lebensmittel sind Vollkornprodukte, Gemüse, Rohkost, Hülsenfrüchte, Trocken- und Frischobst.
  • Viel trinken über den Tag verteilt sorgt dafür, dass die Ballaststoffe ihre Wirkung entfalten.
  • Reicht der Effekt einer ballaststoffreichen Ernährung nicht aus, können ergänzend Flohsamenschalen, Weizenkleie oder Leinsamen empfohlen werden.
  • Tägliche Bewegung, Ruhe beim Essen, feste Mahl- und Toilettenzeiten sind unerlässlich für eine gute Verdauung.

Ein älterer Herr kommt in die Apotheke. Nachdem sich PTA Frau Walcher freundlich nach seinem Anliegen erkundigt hat, berichtet er, dass er immer wieder mal unter Verstopfung leidet, die ihn quält und sein Wohlbefinden stark einschränkt. „Ich war auch schon beim Arzt“, berichtet der Mann. „Es ist alles in Ordnung. Ich soll Weizenkleie oder Leinsamen essen und mich bewegen.“ Das habe er schon ausprobiert, aber mit wenig Erfolg. Nun kann er schon wieder seit mehreren Tagen nicht richtig auf Toilette. Deshalb fragt er, was er jetzt noch tun könne.

Serie Beratungsfall Ernährung

01/2021: Schwangerschaftsübelkeit
03/2021: Zöliakie
05/2021: Morbus Crohn
07/2021: Obstipation
09/2021: Osteoporose
11/2021: Diabetes

Beratungsgespräch

Frau Walcher erfragt zunächst die Stuhlfrequenz und kommt zu dem Schluss, dass tatsächlich eine Obstipation vorliegt. Sie erklärt, dass falsche Ernährung und Bewegungsmangel durchaus den Darm träge machen können. „Deshalb hat Ihnen der Arzt zu ballaststoffreichen Lebensmitteln, zu denen auch Weizenkleie und Leinsamen zählen, und mehr Bewegung geraten. Doch ich kann Ihnen noch mehr Tipps geben, die Ihnen helfen, den Darm in Schwung zu bringen.“ Sie führt den Kunden in die Beratungsecke und bietet ihm ein Glas Wasser an.

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Nachfragen

Um individuelle Ratschläge zu geben, stellt die PTA konkrete Fragen. Da sie weiß, dass Vollkornprodukte, Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte reich an Ballaststoffen sind, fragt sie gezielt: Essen Sie überwiegend Weißbrot, weißen Reis und helle Nudeln, oder bevorzugen Sie Schwarz- und andere Vollkornbrote, Vollkornnudeln oder Naturreis? Wie oft am Tag essen Sie Obst und Gemüse? Welche bevorzugen Sie? Wie häufig stehen Gerichte mit Erbsen, Linsen oder anderen Hülsenfrüchten auf Ihrem Speiseplan? Da Ballaststoffe ihre positive Wirkung auf den Darm nur in Kombination mit genügend Flüssigkeit entfalten, fragt sie auch, wie viel und was er täglich trinkt.

Die PTA erfährt, dass der Kunde morgens gerne weiße Brötchen oder Toast mit Honig, Marmelade und Quark und abends Weizen-Roggen-Mischbrot mit Wurst und Käse isst. Brote mit ganzen Getreidekörnern, Nüssen oder Saaten (z. B. Sonnenblumen-, Kürbiskerne, Leinsamen) meidet er wegen seiner dritten Zähne. Gemüse kommt mittags als Beilage auf dem Teller, zum Abendbrot gibt es manchmal Gewürzgurken oder anderes süß-sauer eingelegtes Gemüse. „Dafür esse ich jeden Tag einen Apfel“, berichtet der Mann stolz. Bohnen-, Linsen- oder Erbsen isst er höchstens mal im Winter als Suppe. Bei den Getränken bevorzugt er Schwarz- und Kräutertee, gerne auch ein Bier am Abend. Kaffee verträgt er nicht mehr. In der Regel trinkt er zu den Mahlzeiten.

Vollkorn

Da Menschen mit Obstipation laut einer Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung täglich mindestens 30 Gramm Ballaststoffen zu sich nehmen sollen, rät Frau Walcher, bei Brot, Backwaren, Nudeln und Reis die Vollkornvarianten zu wählen. Sie erklärt, dass sich große Mengen an unlöslichen Ballaststoffen in den Randschichten des Getreidekorns befinden, die bei der Herstellung von weißem Auszugsmehl oder hellem Reis entfernt werden. Sie sind für eine gesunde Darmtätigkeit besonders wirksam, da sie im Magen-Darm-Trakt quellen, das Gewicht des Stuhls erhöhen, die Magen-Darm-Tätigkeit anregen und die Darmpassage beschleunigen. „Fangen Sie gleich morgens an und tauschen Sie zum Frühstück die weißen Brötchen gegen Vollkornbrötchen, -toast oder -brot aus“, sagt Frau Walcher.

Denn ein Vollkornbrötchen enthält mehr als die dreifache Menge an Ballaststoffen im Vergleich zu einem weißen Brötchen, fügt sie hinzu. Zur Abwechslung soll er ein selbst gemachtes Müsli aus Haferflocken, kleingeschnittenem Apfel, Birne oder Beerenobst und Trockenobst, ergänzt mit Weizenkleie, ausprobieren. Denn Hafer, Apfel, Birne und Beeren enthalten reichlich lösliche Ballaststoffe, zum Beispiel Pektin. Sie binden im gesamten Darmtrakt Flüssigkeit und dienen den Dickdarmbakterien als Energiequelle, sodass sie sich stark vermehren. Der Stuhl wird weich und gleitfähig. Auch abends soll der Kunde zu Brot mit hohem Vollkornanteil greifen. Da er erwähnte, dass er ganze Getreidekörner und Saaten wegen seiner Zahnprobleme meidet, rät sie zu Brot und Brötchen aus feingemahlenem Vollkorngetreide. „Denn ein Vollkornbrot muss kein Körnerbrot sein. Ihr Bäcker kann Ihnen da bestimmt etwas Passendes empfehlen.“

Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte

Da der Kunde mittags und abends nur kleine Gemüseportionen isst, empfiehlt die PTA, den Anteil deutlich zu erhöhen. „Machen Sie die Gemüsebeilage zum Hauptbestandteil ihrer Mittags- und Abendmahlzeit. Ungefähr die Hälfte Ihres Tellers soll mit Gemüse bedeckt sein“, sagt die PTA. Dabei sollte er frische grüne Bohnen, Erbsen sowie Kohl- und Wurzelgemüse bevorzugen, die besonders reich an Ballaststoffen sind. Zum Frühstück, Abendbrot oder zwischendurch empfiehlt Frau Walcher, Gewürzgurken und eingelegtes Gemüse gegen frische Gurken, Paprika oder Tomate zu ersetzen. Sie lobt den Kunden, dass er täglich einen Apfel isst, und bestärkt ihn, dabei zu bleiben. Zur Abwechslung kann er zu Birnen und Beerenobst greifen. „Wenn Sie drei Portionen Gemüse und zwei Portionen Obst am Tag essen, sind Sie auf dem richtigen Weg“, sagt die PTA.

Da sich die meisten Ballaststoffe in und unter der Schale befinden, rät sie, diese wenn möglich nicht zu entfernen. „Als Hausmittel bei Verstopfung bewährt haben sich eine Handvoll Trockenpflaumen oder getrocknete Feigen“, ergänzt die PTA. Ein bis zweimal pro Woche ist ein Gericht mit Hülsenfrüchten günstig, die besonders viel Ballaststoffe liefern. „Es muss ja nicht immer eine deftige Suppe sein“, sagt sie. „Die heute angebotenen getrockneten Linsen, Bohnen oder Erbsen eignen sich gut für die Zubereitung von Salaten, Dips, Bratlingen und anderen Gerichten. Es gibt sogar Nudeln aus Kichererbsen, Linsen, Erbsen oder Bohnen, die eine gute ballaststoffreiche Alternative zu herkömmlicher Pasta sind.“

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Ausreichend trinken

Frau Walcher erklärt, dass Ballaststoffe nur wirken können, wenn ausreichend Flüssigkeit zum Quellen und Binden zur Verfügung steht. Ein zu geringer Flüssigkeitszufuhr verstärkt sogar die Darmträgheit. „Es könnte sein, dass die vom Arzt empfohlenen Ballaststoffe nicht gewirkt haben, weil Sie zu wenig getrunken haben“, sagt sie. „Pro Esslöffel Kleie sollten Sie ein großes Glas Wasser zusätzlich trinken“, sagt Frau Walcher. „Das habe ich nicht gewusst“, sagt der Kunde und will es noch einmal damit probieren. Die PTA empfiehlt ihm, täglich 1,5 Liter Wasser, ungesüßte Früchte- oder Kräutertees oder stark verdünnte Schorlen über den Tag verteilt zu den Mahlzeiten und zwischendurch zu trinken. Seinen Schwarztee kann der Kunde in seine Flüssigkeitsbilanz einberechnen, nicht jedoch das Abendbier und andere alkoholische Getränke.

Sauermilchprodukte

Die PTA empfiehlt, Joghurt und andere Sauermilchprodukte sowie milchsauer vergorenes Gemüse, zum Beispiel Sauerkraut, öfter auf den Speiseplan zu setzen, weil sich die in ihnen enthaltene Milchsäure und die Milchsäurebakterien günstig auf das Mikrobiom des Darms auswirken und so die Verdauung positiv beeinflussen. „Trinken Sie zum Beispiel vor dem Mittagessen ein Glas Sauerkrautsaft, oder rühren Sie Naturjoghurt unter Ihr Müsli“, empfiehlt die PTA.

Langsam beginnen

Frau Walcher weiß aus Erfahrung, dass eine ballaststoffreiche Kost anfänglich zu Blähungen, Bauchschmerzen, Druck- und Völlegefühl führen kann. Deshalb sagt sie: „Lassen Sie sich Zeit bei der Umstellung. Fangen Sie langsam an und führen Sie nach und nach ballaststoffreiche Lebensmittel ein.“

Ergänzende Tipps

Der Kunde bedankt sich herzlich für die Beratung. Frau Walcher gibt ihm noch ein paar weitere Tipps mit auf den Weg, die ihm helfen können, den Darm in Schwung zu bringen.

Flohsamenschalen

Als Alternative oder Ergänzung zur Weizenkleie empfiehlt die PTA die Einnahme von Indischen Flohsamenschalen. Anders als Weizenkleie mit ihrem hohen Anteil an unlöslichen Ballaststoffen enthalten die kleinen Samenschalen der Heilpflanze reichlich lösliche Ballaststoffe, die sich regulierend auf die Verdauung auswirken. „Flohsamenschalen verursachen weniger unangenehme Blähungen als Weizenkleie“, erklärt sie. „Probieren Sie aus, was für Sie angenehmer ist“, ergänzt die PTA und stellt dem Kunden entsprechende Präparate in Arzneimittelqualität vor.

Mehr Bewegung

Unerlässlich für eine gute Verdauung ist ausreichend Bewegung. Frau Walcher empfiehlt deshalb einen aktiven Lebensstil. „Sie müssen jetzt nicht eine Sportskanone werden“, sagt sie. „Wichtig ist, dass sie lange ununterbrochene Sitzphasen meiden.“ Sie empfiehlt ihm, sich täglich 60 Minuten über den Tag verteilt zu bewegen, zum Beispiel Spazierengehen, Gartenarbeit oder Schwimmen.

Feste Zeiten

Frau Walcher erklärt dem Kunden, dass Hektik und Eile dazu führen, dass der Entleerungsreflex unterdrückt wird, bis der Darm schließlich seine Verdauungstätigkeit bremst. „Nehmen Sie Ihre Mahlzeiten zur gleichen Tageszeit ein, kauen sie langsam und vermeiden Sie, das Essen eilig hinunterzuschlingen“ sagt sie. Anschließend soll der Kunde genügend Zeit und Ruhe für den Toilettengang einplanen. „Damit erziehen Sie Ihren Darm zur Regelmäßigkeit, bis schließlich der Stuhldrang immer zur gleichen Tageszeit einsetzt“.

Beate Ebbers ist Diplom Oecotrophologin. Im „Beratungsfall Ernährung“ gibt sie Tipps, mit denen Sie Ihre Beratung ergänzen können.


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