31.12.2018

Beratungsfall Ernährung: Reizdarmsyndrom

von Beate Ebbers

Die Erkrankung hat viele Gesichter. Deshalb ist die Beratung von betroffenen Kunden für die PTA eine besondere Herausforderung. Kompetenz und Einfühlungsvermögen sind gefragt.

© Sebastian Kaulitzki / stock.adobe.com

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Eine Frau mittleren Alters kommt in die Apotheke. PTA Frau Walcher fragt freundlich nach ihrem Anliegen. Sie leide unter Bauchschmerzen, die sich besonders nach den Mahlzeiten einstellten, berichtet die Frau. Deshalb meide sie schon jede Einladung zu einem Essen. „Seit wann haben Sie die Beschwerden?“, fragt Frau Walcher. „Oh, schon fast ein halbes Jahr“, antwortet die Kundin. „Waren Sie schon bei Ihrem Hausarzt?“, erkundigt sich die PTA, wissend, dass sich hinter diesem Symptom viele Krankheiten, zum Beispiel entzündliche Darmerkrankungen, Allergien und Unverträglichkeiten, verbergen können. „Ja, natürlich. Er hat mich sogar an einen Internisten überwiesen, aber keiner findet etwas“, sagt die Kundin verzweifelt. „Sie vermuten“, so die Kundin weiter, „dass ich an einem Reizdarm leide. Jetzt soll ich alle Lebensmittel weglassen, die ich nicht vertrage.“ Die Kundin zuckt mit den Schultern und schaut die PTA fragend an.

Beratungsgespräch

Frau Walcher, die ein großes Einfühlungsvermögen besitzt, erkennt an dieser Körpersprache, dass die Kundin mit dem ärztlichen Rat nicht viel anfangen kann und sich überfordert fühlt. Mitfühlend klärt sie die Kundin auf, dass ein Reizdarmsyndrom unterschiedliche Anzeichen habe, und es deshalb keine Therapie gebe, die für alle Symptome und alle Patienten gleichermaßen passe. Die Betroffenen müssten herausfinden, welche Lebensmittel und Situationen die Beschwerden auslösen, um diese dann zu meiden. Das erfordere viel Geduld. Frau Walcher vermittelt der Kundin Zuversicht, indem sie ihr erläutert, dass die meisten Patienten mit der Zeit gut herausfinden, welche Lebensmittel und Zubereitungsweisen bekömmlich oder unbekömmlich seien. Durch eine Ernährungsumstellung und Änderung des Lebensstils (z. B. Weglassen von Lebensmitteln, die Beschwerden machen, Stress vermeiden) würden viele eine Linderung der Symptome erreichen oder sogar beschwerdefrei werden.

Wichtige Fragen

  • Welche Symptome können Sie an sich beobachten?
  • Zu welchem Zeitpunkt stellen sich die Beschwerden ein?
  • Welche Speisen lösen die Probleme aus?
  • Haben Sie weitere Auslöser festgestellt, zum Beispiel Stress oder Ärger? Liegen Erkrankungen vor?
  • Haben Sie bereits etwas gegen Ihre Beschwerden unternommen?

Nachfragen

Um das Beschwerdebild genauer zu erfassen und passende Ratschläge zu geben, beschließt Frau Walcher, weitere Fragen zu stellen. So erhält sie wertvolle Informationen für ihre Empfehlungen. Sie erfährt, dass die Bauchschmerzen von Blähungen und einem dünnflüssigen Stuhl begleitet werden. Die Beschwerden würden sich besonders nach dem Verzehr von Obst und Säften einstellen. Auch Süßigkeiten und Kuchen vertrage die Kundin schlecht. Das sei besonders schade, meint die Kundin, da sie sich früher gerne mit ihren Freundinnen zum Kaffeeklatsch getroffen hätte. Zum Glück habe sie keinen Durchfall nach einem Milchkaffee oder einem Becher Kakao. Frau Walcher erfährt, dass der Internist schon eine Laktoseintoleranz durch einen Test ausgeschlossen hat. Im anderen Fall hätte Frau Walcher die Kundin zur Abklärung einer Intoleranz an den Arzt verwiesen. Die Kundin berichtet der PTA, dass eine Freundin mit gleichen Beschwerden ihr zu Brot und Backwaren geraten habe, die glutenfrei sind. „Seitdem meine Freundin kein normales Brot mehr isst, geht es ihr schon viel besser“, berichtet sie. Ob ihr das auch helfe?

Gluten

Tatsächlich weisen neue Studiendaten (s. DAS PTA MAGAZIN 07/2017, S. 34) darauf hin, dass Gluten nicht nur für Zöliakie, sondern auch für Reizdarmsymptome verantwortlich sein kann. Wesentliche Ursache ist ein durch Lebensmittel induzierter Defekt in der Darmmukosa, der zu einer intestinalen Barrierestörung führt. Als Folge können Gluten, mit Gluten verbundene Proteinbestandteile wie Amylase-Trypsin-Inhibitoren und andere Inhaltsstoffe aus dem Darmlumen in die Darmwand diffundieren. Dies führt zu einer Mastzellaktivierung sowie zur Freisetzung von körpereigenen Botenstoffen des Abwehrsystems, den Interleukinen. Die Folge ist eine Störung des enteralen Nervensystems. Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Interleukine zudem leichte Entzündungen der Darmschleimhaut hervorrufen können. Diese Prozesse führen dazu, dass die Wahrnehmung, die Darmmotilität und der Transport der Nahrungsbestandteile derart verändert werden, dass sich Reizdarmsymptome wie Schmerzen, Krämpfe, Diarrhö, Obstipation oder Blähungen einstellen.

Ob ein Reizdarmpatient an einer Non-Zöliakie-Gluten-Überempfindlichkeit leidet, kann er nur durch einen befristeten Diätversuch feststellen. Frau Walcher empfiehlt daher der Kundin, über einen Zeitraum von wenigen Wochen sämtliche herkömmliche Brot- und Backwaren sowie Nudeln durch glutenfreie Waren auszutauschen. Bessern sich die Beschwerden und stellen sie sich anschließend nach dem Verzehr glutenhaltiger Lebensmittel wieder ein, kann die Kundin davon ausgehen, dass sie auf Gluten reagiert.

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FODMAP

Da bei der Kundin Beschwerden nach dem Verzehr von Obst, Säften und Süßwaren auftreten, erklärt ihr Frau Walcher, dass diese durch FODMAP ausgelöst sein können. Die Abkürzung steht für fermentable Oligo-, Di-, Monosaccharide und Polyole. Dabei handelt es sich um in Lebensmitteln vorkommende Kohlenhydrate, die im Magen-Darm-Trakt nicht absorbiert werden. Dazu zählen Frukto- und Galaktooligosaccharide, Fruktane, Zuckeralkohole wie Sorbitol, aber auch Laktose und Fruktose.

FODMAP gelangen unverdaut in den Dickdarm. Werden sie in zu hohen Mengen verzehrt, bewirken sie einen erhöhten Wassereinstrom ins Darmlumen und einen verstärkten Abbau durch Dickdarmbakterien zu Gasen und kurzkettigen Fettsäuren. Die Folgen sind wässrige Stühle, erhöhte Darmperistaltik, Schmerzen und Blähungen.

Keine Laktoseintoleranz-- Da eine Laktoseintoleranz bei der Kundin ausgeschlossen wurde, geht Frau Walcher davon aus, dass die Beschwerden nach dem Verzehr von Obst und Süßwaren in erster Linie durch Fruktose und Zuckeralkohole hervorgerufen werden. Reich an Fruktose sind bestimmte Obstarten, zum Beispiel Äpfel, Birnen, Weintrauben, daraus hergestellte Säfte und Nektare sowie Trockenfrüchte. Letztere enthalten zusätzlich hohe Mengen an Zuckeralkoholen, besonders getrocknete Pflaumen und Birnen. Auch Süßigkeiten und Backwaren enthalten hohe Mengen Fruktose, wenn sie mit Glukose-Fruktose-Sirup gesüßt wurden. Zuckerfreie Süßwaren sind mit Süßstoffen und Zuckeralkoholen gesüßt, sodass auch diese Symptome auslösen können.

Die PTA empfiehlt daher der Kundin, die FODMAP-reichen Lebensmittel nur in geringen Mengen zu essen und sie gegen fruktosearme auszutauschen. Unter den Obstarten sind dies zum Beispiel Bananen, Beeren, Grapefruits und Mandarinen. Bei Süß- und Backwaren sollte die Kundin auf die Zutatenliste schauen und diejenigen bevorzugen, die nicht mit Fruktose, Glukose-Fruktose-Sirup und Zuckeralkoholen gesüßt sind.

Ernährungsprotokoll

Um weitere Auslöser der Reizdarmbeschwerden ausfindig zu machen, empfiehlt Frau Walcher der Kundin, ein Ernährungs- und Symptomprotokoll zu führen. Sie rät, über drei Wochen alle verzehrten Lebensmittel und Speisen sowie auftretende Symptome zu notieren. Die Speisen sollen dabei genau benannt werden, zum Beispiel statt „Brot“ „Weißbrot“ oder „Vollkornbrot“. Da häufig auch Zubereitungsweisen, wie Frittieren oder Braten, Probleme bereiten, muss die Kundin auch diese erwähnen, zum Beispiel „gedünsteter Seelachs“ oder „gebratener Seelachs“. Wichtig sei auch, betont Frau Walcher, besondere Ereignisse, wie Prüfungs-Stress, Zeitdruck, Ärger, Urlaub, zu erfassen, denn auch diese beeinflussen die Darmfunktion.

Frau Walcher empfiehlt der Kundin, anschließend eine persönliche Liste von verträglichen und unverträglichen Lebensmitteln, Speisen und Zubereitungsweisen zu erstellen. Wichtig sei, so betont sie, nur tatsächlich das zu meiden, was regelmäßig Beschwerden hervorruft. Keinesfalls solle die Kundin aus bloßem Verdacht Lebensmittel vom Speisenplan streichen. Denn das begünstige eine Fehl- und Mangelernährung. Auf eine ausgewogene vollwertige Mischkost sei zu achten.

Probiotika und Ballaststoffe

Die Kundin bedankt sich für die Ernährungstipps und verspricht, sie zu Hause umzusetzen. Abschließend empfiehlt ihr Frau Walcher ein probiotisches Präparat, das die Blähungen und Schmerzen lindern kann (z. B. Alflorex ® inbiotys, Darm-Care Biotics Reizdarm, Kijimea ® Reizdarm, Probielle Reizdarm). Denn bestimmte Stämme probiotischer Bakterien vermögen die defekte Darmbarriere zu stabilisieren.

Sowohl bei Durchfällen als auch bei Verstopfung lohnt es sich, lösliche Ballaststoffe zur Linderung auszuprobieren. Die PTA rät deshalb zu einem Präparat mit indischen Flohsamenschalen (z. B. Bekunis ® Indische Flohsamen, Metamucil ®, Mucofalk ®). Die Kundin soll beide Präparate ein bis zwei Wochen einnehmen. Klingen die Symptome ab, sollte sie die Einnahme fortsetzen, um den Erfolg zu stabilisieren.

Ergänzende Tipps

Zur Linderung der Beschwerden können Sie Kunden weitere wertvolle Hinweise mit auf den Weg geben:

Flüssigkeit-- Reizdarmpatienten, die unter Durchfall leiden, verlieren viel Flüssigkeit. Das muss ausgeglichen werden. Raten Sie zu einer Zufuhr von mehr als 1,5 Litern pro Tag. Günstig sind Wasser und ungesüßte Tees.

Brot-- Brot aus Emmer, Dinkel und Durum-Weizen enthält weniger FODMAP als Weizen. Raten Sie Kunden, die ihr Brot selbst backen, außerdem zu einer Gehzeit des Teiges von mehr als vier Stunden. In dieser Zeit wird ein Großteil der FODMAP abgebaut.

Zubereitung-- Zu heiße, zu kalte, panierte, frittierte, geräucherte und zu stark gewürzte Speisen bereiten vielen Reizdarmpatienten Beschwerden. Empfehlen Sie, Lebensmittel zu dünsten, sparsam zu würzen, lauwarm und gut gekaut in Ruhe zu verzehren.

Stress-- Raten Sie Kunden, persönliche Stressfaktoren ausfindig zu machen und diese zu mindern. Denn Stress hat einen direkten Einfluss auf das Nervensystem im Magen-Darm-Bereich und verstärkt Schmerzen und Durchfall. Empfehlen Sie, Speisen in Ruhe und gut gekaut zu essen.

Wärme und Bewegung-- Beide führen zu einer besseren Durchblutung des Magen-Darm-Traktes und lindern Schmerzen und Verstopfung. Hilfreich sind Wärmflasche, Kirschkern- oder Getreidekissen auf dem Bauch sowie tägliche Bewegung von 30 bis 60 Minuten.

Serie: Beratungsfall Ernährung

01/2019 Reizdarmsyndrom
03/2019 Sodbrennen
05/2019 Gicht
07/2019 Untergewicht
09/2019 Migräne
11/2019 Magen-Darm-Infekt


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