31.08.2019

Serie Heilpflanzen: Ab ins Blaue

von Petra Schicketanz

Der Lein ist eine der ältesten und vielseitigsten Kulturpflanzen und wird auch Flachs genannt. Aus ihm werden Leinsamen, Leinöl und Flachsfasern gewonnen. Somit liefert er Heil- und Nahrungsmittel sowie Textil- und Füllstoffe.

© All Canada Photos / Alamy / mauritius images

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  • Lein ist eine der ältesten Kulturpflanzen und wird zur Öl- und Fasergewinnung angebaut.
  • Als Abführmittel müssen Leinsamen vor der Verwendung gequetscht oder angestoßen werden, damit sie mit ausreichend Wasser quellen können.
  • Andere Arzneimittel müssen mit einem 30- bis 60-minütigen Zeitabstand zu Leinsamen gegeben werden.
  • Leinsamen enthält ein Lignan, das im Darm zu einem milden Phytoöstrogen umgebaut wird.
  • Leinöl enthält wertvolle Omega-3-Fettsäuren und soll daher kühl gelagert und niemals erhitzt werden.

Vermutlich bestanden bereits die ersten von Menschen hergestellten Stoffe aus Lein, der bereits in der Jungsteinzeit genutzt wurde, etwa 11500 vor Christi Geburt. Auch die Ägypter im 4. Jahrtausend vor Christus wussten, wie man Leinenfaser zu Stoffen verarbeitete und setzten mit Harz getränkte Leinenbinden ein, um Verstorbene vor der Verwesung zu schützen und sie zu mumifizieren. Ihre Schicksalsgöttin Isis, die Tod und Wiedergeburt regelte, war Schutzpatronin des Flachses. Sie wurde mit einer Leinblüte abgebildet, die göttliche Reinheit und Licht symbolisierte.

Faserlein

Je nach Nutzung unterscheidet man Faserlein von Öllein, wobei beide Convarietäten des Gemeinen Leins, Linum usitatissimum, darstellen. Er wird auch Flachs oder Saat-Lein genannt und gehört zur Familie der Leingewächse (Linaceae). Der Begriff Flachs kommt von Flechten und verweist auf die Nutzung als Faserpflanze.

Von der Pflanze zum Faden

Faserlein wird im Zustand der Gelbreife geerntet, wenn sich der Großteil der Stängel gelb gefärbt hat und rund zwei Drittel der Blätter vom Stängel abgefallen sind. Um die Fasern nicht beim Mähen unnötig zu zerkleinern, werden die Pflanzen aus dem Boden gerissen (gerauft) und in Bündeln zum Trocknen auf dem Feld belassen. Dabei reißt die Oberfläche auf. Mikroorganismen wie Pilze und Bakterien setzen sich in die Öffnungen und zerstören das Material zwischen den einzelnen Bastfaserbündeln. Dieser Prozess wird Tauröste genannt und dauert drei bis vier Wochen. In dieser Zeit wird das Flachsstroh mehrmals maschinell gewendet, die Samenkapseln werden durch Riffeln entfernt. Nach dem Trocknen und Pressen des Flachsstrohs wird beim Brechen der Holzkern, um den in der Pflanze die Flachsfaserbündel gelagert sind, zerkleinert. Beim anschließenden Schwingen werden die Schäben genannten Holzreste sowie kurze Fasern (Schwungwerk) von den langen Fasern getrennt. Letztere werden beim Hecheln gereinigt und in parallel liegende Bündel verarbeitet, die in Zöpfen zur Spinnerei gelangen, wo aus ihnen Leinfäden gesponnen werden.

Wäsche und andere Nutzung

Schon die Segel des Odysseus sollen aus Lein gewebt worden sein. Leinfäden lassen sich zu reißfesten Geweben verarbeiten, die wenig Luft einschließen und relativ gut Wasser aufnehmen können. Mit diesen Eigenschaften sind sie gut für kühle, strapazierfähige Sommerstoffe und Bettwäsche geeignet. Allerdings knittert das Material leicht, da es nicht elastisch ist. Waschmittel und hohe Bügeltemperaturen bei ausreichender Feuchtigkeit schaden den Stoffen nicht, allerdings reagieren sie empfindlich auf Reibung und trockene Hitze wie sie im Wäschetrockner entsteht.

Serie Heilpflanzen

02/2019 Vogelmiere
03/2019 Echte Schlüsselblume
04/2019 Giersch
05/2019 Kamille
09/2019 Lein
10/2019 Melisse
11/2019 Hafer
12/2019 Klee

Öllein

Als Heilpflanze besitzt der Lein eine lange Tradition. Die Anwendung von Leinsamen, Lini semen, wurde schon vor Jahrzehnten mit einer Positivmonografie der Kommission E befürwortet für die innerliche Gabe bei Verstopfung (auch nach Abführmittelmissbrauch), Reizdarm und Entzündung der Dickdarmschleimhaut (Divertikulitis). Hinzu kommt die Zubereitung als Schleim bei Magen-Darm-Entzündungen sowie die äußerliche Anwendung als Kataplasma bei lokalen Entzündungen.

Lini semen

Leinsamen enthalten 30 bis 40 Prozent fette Öle mit den Bestandteilen Linolensäure, Linolsäure und Ölsäure. Hinzu kommen drei bis zehn Prozent Schleime aus der Samenschale. Diese sind in der Lage, das 16- bis 30-Fache ihres Eigengewichtes an Wasser zu binden und lösen damit als Quellmittel eine abführende Wirkung aus. Das ist natürlich nur möglich, wenn Wasser in das Samenkorn eindringt, weshalb es vor der Verwendung gequetscht oder geschrotet werden muss. Zudem ist eine ausreichende Wasserzufuhr wichtig, um das Quellvermögen auszunutzen. Andernfalls können Blähungen auftreten. Bei Darmverschluss darf Leinsamen nicht eingesetzt werden.

Das im Leinsamen enthaltene Lignan Secoisolariciresinol wird von Darmbakterien zu einem milden Phytoöstrogen umgebaut, weshalb es für die Prävention von Brustkrebs von Interesse ist und auch der Einsatz im Zusammenhang mit klimakterischen Beschwerden diskutiert wird.

Wie alle schleimstoffhaltigen Arzneimittel können Leinsamen bei oraler Verwendung die Aufnahme von anderen Arzneimitteln wie Eisen- oder Lithiumpräparaten stören. Zwischen der Einnahme von Leinsamen und anderen Arzneimitteln soll daher stets eine halbe bis ganze Stunde Abstand eingehalten werden.

Lini oleum

Das aus Leinsamen gewonnene Leinöl ist vor allem wegen seiner mehrfach ungesättigten Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren) wertvoll. Um diese zu bewahren, darf es nicht erhitzt werden und muss möglichst kühl gelagert werden. Das Öl besitzt entzündungshemmende Eigenschaften und wirkt sich unter anderem positiv aus bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und erhöhten Cholesterinwerten. Auch die Hirnleistung profitiert bei regelmäßiger Leinölzufuhr durch eine verbesserte Konzentrationsfähigkeit.

Petra Schicketanz ist nicht nur Apothekerin und Heilpraktikerin, sondern hat auch ein Faible für Pflanzen aller Art.


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