31.12.2019

Serie Homöopathie: Belladonna

von Petra Schicketanz

In der Homöopathie gehört Belladonna zu den großen Akutmitteln mit der Ausrichtung auf das Nervensystem bei Symptomen wie Unruhe, wilde Erregung, Fieber, rotes Gesicht und trockener Mund.

© Christian Pedant / stock.adobe.com

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Die Tollkirsche (Atropa belladonna) ist eine der bekanntesten Giftpflanzen. Ihre schwarzen, glänzenden Beeren wirken einladend und appetitlich, sind aber hochgiftig. Wie alle Nachtschattengewächse enthält die Tollkirsche Alkaloide. Hauptwirkstoff ist Atropin, das zu Erregungszuständen und Halluzinationen führt. Es wurde von dem Heidelberger Apotheker Phillipp Lorenz Geiger (1785 – 1836) entdeckt und erstmals 1833 von dem deutschen Apotheker Heinrich Mein isoliert.

Berauschende Giftpflanze

Atropin ist ein Parasympatholytikum, das heißt, es tritt an den Muskarinrezeptoren des parasympathischen Nervensystems in Konkurrenz mit dem Neurotransmitter Acetylcholin. Das führt zu einer anticholinergen Wirkung und macht sich bemerkbar durch beschleunigte Herzfrequenz, Bronchienweitstellung, stark verminderte Speichel- und Schweißbildung sowie ein Nachlassen der Verdauungstätigkeit. Typisches Zeichen ist eine Mydriasis genannte Weitstellung der Pupillen, die mit einer verminderten Anpassung der Sehschärfe und einer erhöhten Lichtempfindlichkeit einhergeht.

In der Antike träufelten sich Frauen Tollkirschenextrakt in die Augen, um genau diesen Effekt zu erreichen, denn die riesigen Pupillen ließen ihre Besitzerin geheimnisvoll aussehen. Der Namenszusatz „belladonna“ war geboren, der übersetzt „schöne Frau“ bedeutet. Mit dem Gattungsnamen Atropa hat es hingegen eine düstere Bewandtnis. Er ist von der griechischen Schicksalsgöttin Atropos hergeleitet, die als eine der drei Schicksalsgöttinen den Lebensfaden abschneidet, den ihre Schwester Klotho gesponnen und die andere Schwester Lachesis abgemessen hat.

Serie Homöopathie

01/2020: Belladonna

02/2020: Luffa

03/2020: Nux vomica

04/2020: Pulsatilla

05/2020: Staphisagria

06/2020: Arnica

07/2020: Cocculus

08/2020: Silicea

09/2020: Cimicifuga

10/2020: Sulfur

11/2020: Sepia

12/2020: Aconitum

Die Hexenbeere

Als Hexenpflanze hat sich die Tollkirsche einen Namen gemacht, da sie neben anderen Nachtschattengewächsen wie Stechapfel und Bilsenkraut wegen ihrer rauscherzeugenden Wirkung verwendet wurde. Dazu wurden die Pflanzenextrakte als Fettsalben auf die Haut aufgetragen. Selbst Inquisitoren bedienten sich solcher Zubereitungen, um die vermeintlichen Hexen nach einem Rauscherlebnis geständig zu machen. Prompt berichteten die Frauen von Besenritten und wollüstigen Erlebnissen. Wobei die erzwungenen Aussagen auf die künstlich erzeugten Halluzinationen zurückzuführen waren, welche wunderbar in das verquere Weltbild der Peiniger passten.

Hochgiftig

Immer wieder kommt es zu Vergiftungen mit Tollkirschenbeeren. Dies geschieht nicht nur, weil die Beeren versehentlich verspeist werden, sondern auch, weil sie gezielt wegen ihrer halluzinogenen Wirkung verwendet werden. Allerdings können solche Experimente tödlich enden. Dazu reichen bei Kindern bereits zwei bis vier Beeren. Erwachsene erleiden nach Aufnahme von zehn bis 20 Beeren schwerste Vergiftungen.

Arzneimittelprüfung

In der Homöopathie werden homöopathisch potenzierte Substanzen an gesunden Menschen getestet und die auftretenden Symptome beobachtet. Aus einer solchen Arzneimittelprüfung ergeben sich am Ende die Symptome, gegen die das homöopathische Mittel letztendlich eingesetzt wird, frei nach dem vom Homöopathiebegründer Samuel Hahnemann entwickelten Ähnlichkeitsprinzip „similia similibus curentur“ (Ähnliches möge durch Ähnliches kuriert werden). Für die Tollkirsche entdeckte Hahnemann gleich 390 solcher Symptome. Dementsprechend gilt die Pflanze als Polychrest, also ein homöopathisches Arzneimittel, das bei sehr vielen Beschwerden eingesetzt werden kann. So ist Belladonna eines der wichtigsten Entzündungsmittel und wird bei Hals- oder Mittelohrentzündung, aber auch bei Sonnenbrand, Hitzschlag, Fieber mit und ohne Fieberkrämpfe, Kopfschmerzen und Nervenschmerzen eingesetzt.

Leitsymptome und Modalitäten

Belladonna ist die passende Arznei, wenn die Symptome plötzlich auftreten mit hohem Fieber, verschwitztem Kopf mit heißem, rotem Gesicht, kalten Extremitäten, schnellem Puls und deutlichen Entzündungszeichen, pochenden oder brennenden Schmerzen. Wie bei der Tollkirschenvergiftung ist der Mund trocken, die Augen sind glänzend mit vergrößerten Pupillen. Die Sinne sind überempfindlich, das Gemüt ist ängstlich oder rasend, Halluzinationen können auftreten.

Verschlimmerung-- Symptome verschlimmern sich bei Erschütterung, Lärm, Licht, Kälte, Luftzug und Bewegung, abends, nachts, im Liegen.

Verbesserung-- Symptome verbessern sich bei Wärme, in Ruhe, in aufrechter Sitzposition.

Einnahmeschema

Für die Selbstmedikation von Akuterkrankungen empfiehlt der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte die Gabe von zwei bis drei Globuli in der Potenz D12.

Als Mittel für hoch akute Zustände besitzt Belladonna nur eine kurze Wirksamkeit. Nach der ersten Gabe sollte mindestens 15 Minuten gewartet werden, bevor eine weitere erfolgt.

Dies sollte auch nur dann geschehen, wenn sich anfangs durch die Therapie eine leichte, aber nicht ausreichende Besserung gezeigt hat. Eine Viertelstunde vor und nach der Einnahme sollte nichts gegessen oder getrunken werden.


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