28.02.2019

Serie Naturheilkundliche Verfahren: Kamin im Ohr?

von Britta Fröhling

Sie erfreuen sich seit Beginn der 1990er-Jahre einer wachsenden Beliebtheit. PTA und Heilpraktikerin Britta Fröhling erklärt, woraus Ohrkerzen bestehen und was bei ihrer Anwendung zu beachten ist.

Originalartikel als PDF

E ine 42-jährige Patientin leidet unter einer Erkältung mit beginnender Entzündung der Nasennebenhöhlen. Zudem fühlt sie sich seit einiger Zeit zunehmend gestresst und hat Probleme, richtig zu entspannen. Um den Effekt der geplanten Lymphmassage zu verstärken, habe ich zunächst eine Ohrkerzenbehandlung durchgeführt. Die Patientin genoss das knisternde Geräusch sehr und kam zur Ruhe. Die anschließende Lymphmassage konnte sie daher besonders auskosten, da die Behandlung mit den Ohrkerzen bereits für Entspannung gesorgt hatte. Nach Abschluss empfand die Patientin eine spürbare Erleichterung im Bereich der Nasennebenhöhlen. Ergänzend habe ich pflanzliche Sekretolytika verordnet, um den Abfluss des Sekrets aus den Nebenhöhlen weiter zu unterstützen.

Mit Ohrkerzen behandeln

Ohrkerzen sind Hohlkerzen aus aufgerolltem und mit Bienenwachs beschichtetem Leinen- oder Baumwollgewebe. Diese werden mit dem unteren Ende in den äußeren Gehörgang eingebracht und am oberen Ende angezündet. Dann wird gewartet, dass sie herunterbrennen. Diese und ähnliche, zum Teil auch mit beschichteten Blättern und anderen Pflanzenteilen oder Papier durchgeführte Verfahren sind in vielen alten Kulturen beschrieben. Besonders häufig wird der Ursprung den Hopi-Indianern zugesprochen. Dies gilt jedoch als nicht gesichert und wird vom Hopi-Stamm vehement bestritten.

Überzeugte Verwender von Ohrkerzen schreiben dem Verfahren vielfältige Wirkungen zu, die auf die beim Abbrennen hörbaren Knistergeräusche und die Wärme zurückgeführt werden. Auch soll ein durch die Erwärmung der Luft entstehender Unterdruck in der Kerze (Kamineffekt) eine Rolle spielen. So soll festsitzendes Ohrenschmalz gelockert, das Trommelfell leicht massiert und durch eine Stimulation der Reflexzonen im Bereich des Ohres der gesamte Organismus positiv beeinflusst werden.

Ohrkerzen

  • bestehen aus aufgerolltem, mit Bienenwachs beschichtetem Gewebe.
  • können als Medizinprodukte über den pharmazeutischen Großhandel bezogen werden.
  • müssen Sicherheitsfilter und Abbrennmarkierung haben.
  • sollten niemals von einer Person allein angewendet werden.
  • dürfen mittlerweile von den Herstellern nur noch als Wellnessartikel beworben werden.
  • können auch kegelförmig geformt sein und sind dann häufig besser für enge Gehörgänge geeignet.
  • saugen ganz sicher kein Ohrenschmalz aus den Ohren heraus.

Behandlungsablauf

Die Anwendung von Ohrkerzen soll nur zu zweit durchgeführt werden, da bei Eigenanwendung ein erhebliches Risiko für Verbrennungen und Brände besteht! Während der Behandlung liegt der Patient in bequemer Seitenlage, Haare, Wangen und Stirnbereich sind mit einem leicht angefeuchteten Tuch abgedeckt, das vor heruntertropfendem Wachs oder Asche schützen soll. Ebenfalls möglich ist es, die Kerze durch einen mit einem Loch versehenen Pappteller zu stecken, der dann den nötigen Schutz bietet.

Die Ohrkerze wird mit leicht drehender Bewegung in den Gehörgang eingeführt und kontrolliert, ob diese richtig steht. Außerdem bekommt der Behandelte so ein Gefühl dafür, wie sich die Kerze während des Abbrennens anfühlen wird. Dann wird die Kerze aus dem Ohr genommen, angezündet und erst dann wieder in den äußeren Gehörgang eingeführt.

Die Kerze wird während des gesamten Abbrennvorgangs vom Behandler fixiert, um ein Umfallen auszuschließen. Dazu ruht die Hand leicht auf dem Kopf des Patienten. Die so hergestellte Nähe wirkt ebenfalls beruhigend und entspannend. Unterhaltungen sollten vermieden werden, da gerade das Lauschen auf die Geräusche der brennenden Kerze das mentale Abschalten ermöglichen können.

Ist die Kerze bis auf einen Zentimeter über der Abbrennmarkierung herunter gebrannt, wird sie aus dem Ohr entfernt und in einem bereitstehenden Wasserglas gelöscht. Das Ohr wird inspiziert, und eventuelle Wachsrückstände werden mit einem weichen Tuch entfernt. Nun erfolgt ein Seitenwechsel, und das andere Ohr wird entsprechend behandelt. Wichtig: Die Ohrkerzenbehandlung wird immer beidseitig durchgeführt, ansonsten entsteht wie bei allen Behandlungen, die mit Berührungen einhergehen, ein seltsames Körpergefühl.

Im Anschluss ist eine Massage des Gesichts- und Nackenbereiches möglich, hierbei sollten die Lymphbahnen mit angeregt werden, auch Akupressurpunkte können stimuliert werden. Abschließend empfiehlt sich eine Ruhezeit von zehn bis 15 Minuten, damit sich der Kreislauf stabilisiert.

Indikationen

Die Indikationen für eine Ohrkerzenbehandlung werden oft sehr vielfältig dargestellt, besonders häufig werden Probleme mit festsitzendem Ohrenschmalz, Nasennebenhöhlenprobleme und leichte Ohrgeräusche angegeben. Hauptsächlich angewendet wird sie jedoch zur Entspannung. Weitergehende Indikationen wie Schwindel, Hörsturz oder Schlafapnoe, von denen Kunden in der Apotheke gelegentlich berichten und die in zahlreichen Foren gefunden werden können, sind absolut haltlos.

Kontraindikationen

Bei sämtlichen Erkrankungen des äußeren Gehörganges und der umliegenden Hautareale sowie bei geschädigtem Trommelfell oder eingesetzten Paukenröhrchen ist die Anwendung von Ohrkerzen kontraindiziert, ebenso sollten kleine Kinder nicht damit behandelt werden. Hier ist das Risiko für eine Verbrennung zu hoch.

In der Apotheke

Geben PTA Ohrkerzen ab, sollten sie darauf achten, dass diese als Medizinprodukte (z. B. Biosun Ohrenkerzen Traditional, Ohrkerzen von Medesign) zugelassen sind und über eine Abbrennmarkie- rung und einen Sicherheitsfilter verfügen. Der Filter verhindert, dass Verbrennungsrückstände oder Wachs in den Gehörgang gelangen.

Es gibt Kerzen, deren Ohrstück innen durch den Kunststofffilter verstärkt ist (z. B. alle Kerzen der Fa. Biosun) und somit dauerhaft offen gehalten wird. Dies verhindert ein versehentliches Zusammendrücken der Kerze, kann jedoch etwas im Ohr drücken. Andere Firmen setzen den Filter an anderer Stelle ein, hier bleibt das Ohrstück weich (z. B. alle Kerzen der Firma Medesign). Das erhöht vor allem bei engen Gehörgängen das Risiko, dass die Kerze versehentlich zusammengedrückt wird und der angenommene Kamineffekt nicht entstehen kann. Je nach Kundenwunsch können Kerzen verwendet werden, denen Kräuterextrakte, Honig oder ätherische Öle zugesetzt wurden.

Ohrkegel

Eine weitere Variante sind Ohrkegel (z. B. Otosan Ohrkerzen – Ohrkegel), eine kürzere, kegelförmige Art der Ohrkerze. Diese sind mit einem Sicherheitsventil und einem Flammenstoppring versehen und bieten so zusätzlichen Schutz für den Anwender.

Abgabehinweise

Egal, ob Ohrkerze oder -kegel, es ist wichtig dem Kunden klar zu machen, dass die Anwendung keinesfalls allein erfolgen darf. Außerdem können PTA schon bei der Abgabe darauf hinweisen, dass Rückstände, die nach dem Öffnen der abgebrannten Kerze zu sehen sind, auf Wachs, Gewebe oder Kräuter zurückzuführen sind und nicht, wie oft zu lesen, auf Ohrenschmalz.

Fazit

Die Verwendung von Ohrkerzen ist als Ritual zur Entspannung im Wellnessbereich anzusiedeln. Ein therapeutischer Nutzen kann nicht belegt werden. Im Internet kursieren teils abenteuerliche Berichte über die Wirkung von Ohrkerzen, entsprechende Kundenwünsche sind kritisch zu hinterfragen. Bei stärkeren Beschwerden sollte auf jeden Fall ein Arztbesuch angeraten werden.

Sollen die Ohrkerzen hingegen einfach zur Steigerung des Wohlbefindens eingesetzt werden und ist der Kunde mit dem Umgang vertraut, spricht nichts dagegen, diese entsprechend zu nutzen.

Für den entspannenden und beruhigenden Effekt ist die körperliche Berührung und die intensive Zuwendung des Behandlers mindestens ebenso entscheidend wie das Abbrennen der Ohrkerze selbst.

Serie: Naturheilkundliche Verfahren

01/2019 Neuraltherapie
03/2019 Ohrkerzen
05/2019 Spenglersan Test und -Kolloide
07/2019 Blutegeltherapie
09/2019 Wickel
11/2019 Hypnose


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