30.07.2020

Serie Naturheilkundliche Verfahren: Keine Angst vor Nadeln

von Britta Fröhling

Akupunktur-- Das Einstechen dünner Nadeln an bestimmten Punkten des Körpers ist zentraler Bestandteil der Traditionellen Chinesischen Medizin. Wie der kleine Pieks den großen Schmerz beeinflussen soll, erfahren Sie in diesem Artikel.

© Getty Images/iStockphoto

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  • Die Akupunktur ist ein Bestandteil der Traditionellen Chinesischen Medizin.
  • Das Prinzip: Durch das Einstechen von Nadeln an bestimmten Punkten kann die Energie in den Meridianen wieder frei fließen. Beschwerden sollen gelindert werden.
  • Akupunktur wird oft bei chronischen Schmerzen, Allergien und psychosomatischen Erkrankungen eingesetzt.

Eine 26-jährige Patientin leidet unter Migräne. Die Anfälle treten mehrmals pro Monat auf und setzen sie oft bis zu zwei Tage außer Gefecht. Die Studentin hat dadurch einen hohen Leidensdruck. Sie wünscht sich eine Reduktion von Anfallshäufigkeit und Schmerzstärke. Im Anamnesegespräch erfrage ich weitere Modalitäten und wähle entsprechende Punkte für die Behandlung aus. In der ersten Woche werden drei Sitzungen durchgeführt, danach erfolgen noch acht weitere Behandlungen, anfangs zweimal pro Woche, die letzten drei Behandlungen im wöchentlichen Abstand. Die Patientin führt ein Schmerztagebuch, um den Behandlungsverlauf zu dokumentieren. Im Verlauf nimmt die Anfallshäufigkeit deutlich ab, die Dauer und die Intensität gehen zurück.

Serie Naturheilkundliche Verfahren

02/2020:  Schröpfen
04/2020:  Homotoxikologie
06/2020:  Tapen
08/2020:  Akupunktur
10/2020:  Darmgesundheit
12/2020:  Aromatherapie

Akupunktur

Bereits vor 3000 Jahren sollen Steinnadeln verwendet worden sein, um Behandlungen am Menschen vorzunehmen. Erste schriftliche Aufzeichnungen finden sich ab etwa 200 vor Christi Geburt, zum Beispiel im „Lehrbuch der physischen Medizin des gelben Kaisers“. In Europa wurde dieses Verfahren im 17. und 18. Jahrhundert bekannt, unter anderem durch Ärzte der niederländischen Ostindien-Kompanie. Zu einer flächendeckenden Verbreitung kam es Mitte des 20. Jahrhunderts.

Chinesisches Gesundheitsverständnis

In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wird Gesundheit als Zustand gleichmäßiger Energieverteilung und ungehinderten Energieflusses gesehen. Krankheit entsteht, wenn die Lebensenergie, das Qi, nicht ungehindert fließen kann. Dies kann sowohl durch äußere Faktoren (z. B. Wind, Hitze, Kälte, Trockenheit, Feuchtigkeit) als auch durch innere (z. B. Trauer, Angst, Sorge, Freude) verursacht werden. Auch die Ernährung spielt eine große Rolle, wenn es um den ausgeglichenen Energiefluss im Körper geht.

Meridiane

Das Qi zirkuliert nach traditionellem Verständnis in Leitbahnen, die wie Kanäle funktionieren. Sie werden als Meridiane bezeichnet. Die zwölf Hauptmeridiane des Körpers verlaufen paarig und werden jeweils einem Organsystem zugeordnet. Außerdem werden acht Extrameridiane beschrieben, die nur einmal vorhanden sind.

Auf den Meridianen liegen die Akupunkturpunkte, die in diesem Kanalsystem wie kleine Schleusen wirken. Sie können das Qi lenken, wenn sie durch die Nadelung geöffnet werden. So kann ein energetisches Ungleichgewicht ausgeglichen werden und der Körper wieder gesunden.

Energetische Akupunktur-- Diese Form ist die Königsdisziplin der Akupunktur. Hier wird anhand genauer Symptom- und Wesensbeschreibungen des Patienten (ähnlich einer Anamnese in der konstitutionellen Homöopathie) sowie anhand von Untersuchungen des Pulsschlags und der Zunge bestimmt, in welchem der fünf Elemente (Feuer, Erde, Metall, Wasser, Holz) ein Ungleichgewicht von Yin und Yang herrscht oder ob sogar ein genereller Mangel oder Überschuss des Qi vorliegt. Anhand dieser „Diagnose“ werden individuelle Punkte ausgewählt, die das Gleichgewicht durch Umlenken von Energieüberschüssen aus dem einen Element in ein Element mit entsprechendem Mangel umleiten.

Symptomatische Akupunktur-- In Europa ist besonders bei Ärzten, aber auch bei Heilpraktikern und im Rahmen der Geburtshilfe auch bei Hebammen die symptomatische Akupunktur verbreitet. Hier gibt es „Patentrezepte“ für Akupunkturpunkte, die bei typischen Beschwerdebildern pauschal zum Einsatz kommen. Entsprechend bestimmter Modalitäten wählt man zusätzlich noch optionale Punkte dazu. Bei dieser Form der Akupunktur sticht der Behandler vergleichsweise viele Nadeln. Das steht im Widerspruch zu dem chinesischen Sprichwort: „Je größer der Meister, desto weniger Nadeln“.

Erklärungsversuche

Eine vor etwa 15 Jahren durchgeführte Studie konnte eine gute Wirksamkeit der Akupunktur bei Knieschmerzen, Rückenschmerzen sowie bei Migräne belegen. Die Wirkung war der Standardtherapie signifikant überlegen. Das versuchen Schulmediziner über eine verstärkte Ausschüttung von Neurotransmittern zu erklären. Nach der Nadelung kann ein Anstieg von Endorphinen nachgewiesen werden, was möglicherweise die Schmerzlinderung bewirkt. Auch die Produktion von Serotonin und Glukokortikoiden wird durch den Nadelstich beeinflusst. Da sich die Akupunkturpunkte an Stellen befinden, an denen häufig Gefäß- und Nervenbündel durchtreten, ist eine stärkere Reaktion als in umliegenden Stellen denkbar.

Behandlungsablauf

Zunächst werden im Anamnesegespräch die zu stechenden Punkte festgelegt. Dann nimmt der Patient eine entspannte Sitz- oder Liegeposition ein. Die Punkte werden aufgesucht. Dies geschieht zur Orientierung mit Körpermaßen, in der TCM angegeben in der relativen Maßeinheit CUN. So ist beispielsweise 1 CUN die Breite des Daumenendgelenks. Da das CUN bei jedem Menschen individuell verschieden ist, wird immer das Maß des Patienten verwendet.

Das genaue Aufsuchen des Punktes erfolgt dann mit einem manuellen Punktsucher, nur mit Fingerspitzengefühl oder auch mit einem elektrischen Punktsucher, der den herabgesetzten Hautwiderstand an den Akupunkturpunkten anzeigt. Die Einstichstelle wird desinfiziert und dann die sterile Einwegnadel einige Millimeter bis wenige Zentimeter tief eingestochen. Ist der Punkt optimal getroffen, spürt der Patient um die Einstichstelle herum das „De-Qi-Gefühl“, das meist als ein warmes Kribbeln oder Prickeln beschrieben wird. Nun bleibt die Nadel etwa 20 Minuten liegen, eventuell wird sie zwischendurch noch durch Klopfen, Drehen oder Heben und Senken stimuliert. Anschließend werden die Nadeln wieder entfernt.

Wussten Sie, dass ...

  • es 361 Akupunkturpunkte auf den Hauptmeridianen gibt?
  • manche Akupunkturpunkte früher durch Anritzen und Einlegen eines Pferdehaares gereizt wurden?
  • homöopathische Injektionen gerne an Akupunkturpunkte gespritzt werden?
  • Akupunkturpunkte mit angezündeten Moxa-Kegeln aus getrockneten Beifußfasern stimuliert werden?
  • verschiedenen Materialien der Nadeln unterschiedliche Eigenschaften zugesprochen werden?

Indikationen

Selbstverständlich ist die Akupunktur allein bei schweren Erkrankungen kein Ersatz für eine schulmedizinische Behandlung und ersetzt keine notwendige Operation. Als Begleittherapie ist sie jedoch oft eine Option. Da es sich um eine Regulation des Energieflusses handelt, wird das Naturheilverfahren aus Sicht der TCM bei nahezu allen Beschwerden und Erkrankungen eingesetzt. Auch eine von der Weltgesundheitsorganisation WHO veröffentlichte, mittlerweile nicht mehr einsehbare Liste nennt um die 40 Indikationen.

Im europäischen Raum sind Rücken- und Kopfschmerzen, Migräne, sonstige Beschwerden des Bewegungsapparates, Fibromyalgie, Allergien, Schlafstörungen, Schwindel, Tinnitus und unterstützender Einsatz bei Kinderwunsch häufige Anwendungsgebiete.

Leistung der gesetzlichen Krankenkasse ist die Akupunktur bei chronischen Rückenschmerzen der Lendenwirbelsäule und des Kniegelenks (mind. 6 Mo. Schmerzen). Voraussetzung für die Kostenübernahme ist, dass der behandelnde Arzt unter anderem eine Zusatzqualifikation „Akupunktur“ vorweisen kann. Viele Kassen bezahlen zudem freiwillig auch bei anderen Erkrankungen oder bezuschussen die Behandlung. Nachfragen vor Beginn der Akupunktur lohnt sich.

Kontraindikationen

Schwere Hauterkrankungen oder Sensibilitätsstörungen um die Einstichstellen, Psychosen, Epilepsie und stark geschwächte Patienten dürfen nicht akupunktiert werden. Bei Kindern unter zwölf Jahren sollte von einer Anwendung von Nadeln abgesehen werden. Hier kann die Laserakupunktur eine Alternative sein. In der Schwangerschaft dürfen bestimmte Punkte nicht gestochen werden, ansonsten wird das Verfahren häufig zur Linderung von Übelkeit, zur Geburtsvorbereitung und auch unter der Geburt angewendet.

In der Apotheke

Akupunkturnadeln und Zubehör sind auch über den pharmazeutischen Großhandel zu beziehen. Hier gibt es ein schier unüberschaubares Angebot an Nadellängen, -durchmessern, -griffen und Zusätzen wie Führungsröhrchen und Ähnlichem. Daher ist es wichtig, vom Kunden – auch, wenn er in der Regel beruflicher Verwender ist – alle entsprechenden Wünsche (z. B. Kunststoff oder Metallgriff, Beschichtung der Nadel, Führungsröhrchen für eine oder mehrere Nadeln) zu erfragen.

Dauernadeln

Manchmal werden auch Dauernadeln nachgefragt. Diese Akupunkturnadeln haben keinen langen Griff, sie enden meist in einem kreisförmigen Ende, das mit dem darauf liegenden Pflaster auf der Haut fixiert wird. Hier lohnt sich die Frage, ob die Nadeln an der Ohrmuschel aufgeklebt werden sollen. Die Nadellänge ist dann besonders kurz, so liegt man auch mit Dauernadeln nachts meist bequem auf dem Ohr. Die Ohrakupunktur wird häufig unterstützend in der Suchttherapie eingesetzt.

Akupressurband

In vielen Apotheken gehört das Akupressurband gegen Übelkeit zur Lagerware. Hier wird der Akupunkturpunkt nicht gestochen, sondern über eine im Band befindliche Halbkugel mit Druck stimuliert. Wichtig ist die möglichst genaue Platzierung, um den gewünschten Punkt auch zu treffen. Hier kommt wieder das Körpermaß zum Einsatz. Der Punkt liegt hier zwei CUN (also drei Querfinger breit) unterhalb der Handgelenksfalte in der Lücke zwischen den beiden dicken Sehnen, die dort verlaufen .

Britta Fröhling ist PTA und Heilpraktikerin. In der Serie „Naturheilkundliche Verfahren“ greift sie etablierte Verfahren auf und stellt den Praxisbezug zur Apotheke her.


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