31.12.2018

Serie Naturheilkundliche Verfahren: Neuraltherapie

von Britta Fröhling

In der Alternativmedizin ist die Neuraltherapie ein bei Ärzten und Heilpraktikern beliebtes und verbreitetes Verfahren. Was genau verbirgt sich dahinter, und welche Besonderheiten gilt es in der Apotheke zu beachten?

© Zinkevych / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell)

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Eine 65-jährige Frau litt seit geraumer Zeit an Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule (LWS), die bisher schulmedizinisch mit nicht steroidalen Antirheumatika behandelt wurden. Nun gesellte sich akut ein Lumbago, auch „Hexenschuss“ genannt, hinzu, der sie in meine Praxis führte. Nach ausführlicher Anamnese und Untersuchung sowie Ausschluss bestehender Allergien gegen Lokalanästhetika, Sulfonamide oder Parabene startete ich einen neuraltherapeutischen Therapieversuch. Nachdem die Testquaddel am Unterarm unauffällig blieb, konnte Procain 1 % paravertebral der LWS gequaddelt werden, zusätzlich wurde eine Quaddel beidseits auf den Akupunkturpunkt Blase 37 gesetzt. Beim Aufsetzen nach den Injektionen sah die Patientin mich erstaunt an, ob das denn jetzt schon was bringen könne? Sie habe das Gefühl, der Schmerz wäre bereits gelindert. Nach zwei und vier Tagen wiederholte ich die Behandlung, danach war die Patientin dauerhaft schmerzfrei. Sehr zu ihrem Erstaunen hatten sich auch die seit langem bestehenden Beschwerden in der LWS gebessert, und auch bei der Untersuchung zeigte sich die zuvor verspannte Muskulatur deutlich gelockert.

Neuraltherapie

Als der Arzt Ferdinand Huneke 1925 seiner Schwester ein Schmerzmittel, dem als Lokalanästhetikum Procain zugesetzt war, versehentlich intravenös statt intramuskulär verabreichte, verschwand deren seit Jahren bestehende chronische Migräne. Ferdinand Huneke und sein Bruder Walter forschten daraufhin an den Wirkungen des Procains, das eine „Fernwirkung“ zu haben schien und entwickelten daraus die Segmenttherapie (s. Abschnitt Segmenttherapie).

Einige Jahre später behandelte Huneke bei einer Patientin mit bereits erfolglos behandeltem Schulterschmerz eine Beinwunde mit Procain, woraufhin die Schulterschmerzen sofort verschwanden. Huneke bezeichnete dies als Sekundenphänomen und widmete sich fortan der Erforschung von Störfeldern, also Stellen im Körper, die diesen in der normalen Funktion beeinträchtigen und Symptome und Beschwerden an ganz anderer Stelle hervorrufen. Bereits einige Jahre zuvor hatte auch der Pariser Chirurg René Leriche die gleiche Wirkung des Procains als „Augenblicksphänomen“ beschrieben. Heute gelten sowohl die Segmenttherapie als auch die Störfeldtherapie als jeweils eine Form der Neuraltherapie. Als lokal betäubendes Arzneimittel wird vor allem Procain eingesetzt, seltener auch Lidocain.

Das Arzneimittel

Procain an sich ist ein Lokalanästhetikum vom Typ der basischen Ester, zu dem unter anderem auch Benzocain gehört. Es vermindert die Permeabilität der Nervenzellmembran für Natriumionen und verhindert somit die Ausbildung eines Aktionspotenzials. Dadurch wird das Leitungsvermögen der sensiblen Nervenfasern gehemmt. Außerdem wirkt Procain durch seine entspannenden Effekte auf die glatte Muskulatur gefäßerweiternd und dadurch lokal durchblutungsfördernd. Gelegentlich wenden Therapeuten auch Mischungen von Lokalanästhetika und weiteren Injektionslösungen an, zum Beispiel homöopathische Komplexmittel. Eine solche Mischung muss dem zuständigen Gesundheitsamt angezeigt werden.

Serie: Naturheilkundliche Verfahren

01/2019 Neuraltherapie
03/2019 Ohrkerzen
05/2019 Spenglersan Test und -Kolloide
07/2019 Blutegeltherapie
09/2019 Wickel
11/2019 Hypnose

Segmenttherapie

Die Segmenttherapie, als Teil der Neuraltherapie, fasst Organe, Hautbereiche und Gewebe, die durch denselben Rückenmarksabschnitt mit Nervenreizen versorgt, werden als Segmente zusammen. Hieraus ergibt sich die Überlegung, dass Erkrankungen, die an einem Organ auftreten, sich auch auf der Haut oder in der Muskulatur desselben Segments widerspiegeln können. Umgekehrt lassen sich nach Auffassung der Segmenttherapie Beschwerden an Organen und tiefer liegenden Geweben durch Injektionen in die Haut behandeln, da die Wirkung sich über den viscerokutanen Reflex auch dort entfalten kann. Ein bekanntes Beispiel für diesen Reflex, der bewirkt, dass in inneren Organen entstehender Schmerz als Schmerz der Haut wahrgenommen wird, ist der bei Gallenkoliken häufig auftretende Schulterschmerz.

Auch bestimmte Hautbereiche sind Organen zugeordnet, sie werden als „Headsche Zonen“ bezeichnet. Diese Zonen sind bei Erkrankungen des zugehörigen Organs oft überempfindlich oder schmerzen. So ist der Bereich um den Bauchnabel dem Dünndarm zuzuordnen, die Haut der Leiste hingegen den Nieren.

Therapie-- Zu Beginn der neuraltherapeutischen Behandlung wird das Lokalanästhetikum unter die Oberfläche der Haut als kleine Quaddel direkt an die schmerzenden Bereiche gespritzt. Zeigt sich hierdurch keine Besserung, werden in dem betreffenden Segment Punkte gesucht, die bei Druck besonders schmerzen. Diese druckdolenten Punkte werden ebenfalls gequaddelt. Zusätzlich werden an den zugehörigen Wirbelsäulenabschnitten einige Quaddeln neben die Wirbel (paravertebral) sowie direkt über die Dornfortsätze gespritzt.

Die eintretende Besserung sollte mindestens 24 Stunden anhalten und sich mit jeder Behandlung bis zur Beschwerdefreiheit verlängern. Mittlerweile hat sich auch das Spritzen von Quaddeln an Akupunkturpunkte verbreitet, wobei diese häufig den druckdolentesten Punkten des Segments entsprechen.

Wussten Sie, dass die Neuraltherapie ...

  • bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts, kurz nach der Entdeckung der ersten Lokalanästhetika, entstand?
  • schulmedizinisch nicht anerkannt ist, aber von vielen Ärzten praktiziert wird?
  • der Arndt-Schulze-Regel: „Schwache Reize fachen die Lebenstätigkeit an, mittelstarke Reize fördern sie, starke hemmen sie, stärkste heben sie auf“ folgt und das Arzneimittel deshalb sehr gering dosiert wird?
  • keine Kassenleistung ist, sondern privat gezahlt werden muss?

Störfeldtherapie

Wird mit der Segmenttherapie keine Besserung erzielt, geht der Therapeut auf die Suche nach Störfeldern. Dies können zum Beispiel Narben oder Entzündungen sein. Die meisten Störfelder befinden sich im Bereich des Kopfes, häufig sind geschädigte Zähne, chronisch entzündete Mandeln oder Nasennebenhöhlen Grund für die akuten Probleme. Aber auch Narben und Erkrankungen im Rest des Körpers können einen Herd bilden, der Erkrankungen aufrechterhält. Werden diese Störfelder beseitigt, entweder durch Behandlung mit dem Lokalanästhetikum oder, wenn das nicht ausreicht, Maßnahmen wie die Extraktion oder Sanierung eines schadhaften Zahns, können auch die durch das Störfeld verursachten Beschwerden an anderer Stelle des Körpers ausheilen.

Indikationen

Indikationen für die Neuraltherapie sind unter anderem Lumbago, chronische Ischialgien, Kopfschmerzen, Migräne, Beschwerden durch Arthrose, Tendo- pathien, Rückenschmerzen, HWS-Syndrom, Epicondylitis, Schwindel und Fibromyalgie. Aber auch chronische Sinusitis, Menstruationsbeschwerden und Post-Zoster-Neuralgien können neuraltherapeutisch behandelt werden.

In der Apotheke

PTA kommen mit der Neuraltherapie in Berührung, wenn ein Heilpraktiker von ihnen ohne ärztliche Verschreibung drei Einzeldosen Dexamethason-Injektionslösung à 40 Milligramm sowie einen Autoinjektor mit 300 Mikrogramm Epinephrin verlangt. Das ist rechtens. Denn im Rahmen von Behandlungen mit Procain treten in seltenen Fällen allergische Reaktionen auf, die von leichten Hautausschlägen bis hin zum anaphylaktischen Schock reichen können. Daher darf ein Heilpraktiker die genannten Medikamente zur Notfallbehandlung des anaphylaktischen Schocks ohne Rezept in der Apotheke kaufen. Dazu muss er die Erlaubnisurkunde zur Ausübung der Heilkunde ohne Bestallung (veraltet für Approbation) sowie den Personalausweis in der Apotheke vorlegen und mündlich erklären, dass die Medikamente zur Behandlung des anaphylaktischen Schocks im Rahmen der Neuraltherapie verwendet werden sollen.

Rezeptfrei-- In das Notfallset gehört darüber hinaus ein Antihistaminikum zur Injektion, hier ist nur noch Clemastin (Tavegil ®) rezeptfrei erhältlich, eine Ausnahmeregelung für andere Wirkstoffe gibt es nicht. Außerdem sollte auch an Infusionsbesteck, Venenpunktionsbesteck und isotonische Kochsalzlösung gedacht werden. An Heilpraktiker dürfen nur nicht verschreibungspflichtige Procain-Injektionslösungen bis maximal zwei Prozent abgegeben werden. Diese sind nur zur intrakutanen Anwendung zugelassen, dürfen also nur zum Setzen von Quaddeln verwendet werden. Ärzte, die neuraltherapeutisch arbeiten, verwenden die in gleicher Stärke erhältlichen verschreibungspflichtigen Procain-Ampullen auch zu Injektionen in tiefer liegende Gewebeschichten, an Ganglien, zum Umspülen von Störfeldern im Zahnbereich sowie zur Injektion an organversorgende Gefäße.


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