29.06.2019

Serie Rezeptur: Betamethason-Tropfen

von Stefanie Fastnacht

In diesem Beitrag geht es um die Herstellung von Bethamethason-Tropfen für einen Hund mit einer Ohrentzündung. Die Plausibilitätsprüfung ist gar nicht so einfach, da für Tiere oft andere Vorgaben gelten als für Menschen.

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Frau Burkhardt, eine alte Dame, kommt mit ihrem Dackel Rudi in die Hohenzollern-Apotheke. Weil die Schlappohren des kleinen Hundes schwer sauber zu halten sind, leidet er häufig unter stark juckenden Ohrentzündungen. Im letzten Jahr hatte Frau Burkhardt deshalb von ihrem Tierarzt Otomax ® Ohrentropfen für Hunde verordnet bekommen. Diese möchte sie wieder kaufen, da sie Rudi sehr gut geholfen haben.

Die PTA Sarah Siegler

arbeitet in der Heidelberg-Apotheke in Bisingen sowie in deren Filiale, der Hohenzollern-Apotheke. Sie ist die Hauptverantwortliche für Rezeptur, Defektur und Labor und unterzieht die vorgestellten Formulierungen dem Praxistest.

PTA Sarah Siegler schaut sich die Inhaltsstoffe der Ohrentropfen an. Sie enthalten neben dem Aminoglykosid-Antibiotikum Gentamicin, das Glukokortikoid Betamethasonvalerat und das Antimykotikum Clotrimazol. Leider ist das Arzneimittel verschreibungspflichtig und darf ohne ein Rezept vom Tierarzt nicht abgegeben werden. Frau Burkhadt möchte Rudi, der ebenfalls schon in die Jahre gekommen ist, den Gang zum Tierarztbesuch ersparen und bittet eindringlich um die Ohrentropfen. Die PTA greift nach kurzer Diskussion zum Telefon, ruft beim Tierarzt von Frau Burkhardt an und schildert das Problem. Zum Glück bekommt sie für Frau Burkhardt und Rudi gleich am folgenden Tag einen Termin.

Als Hund und Frauchen wieder in die Apotheke kommen, bedankt sich Frau Burkhardt bei Sarah Siegler. Sie erzählt, dass der Tierarzt während der Untersuchung einen Abstrich gemacht und festgestellt hat, dass an der Ohrenentzündung gar keine Bakterien und Pilze beteiligt und folglich auch keine Ohrentropfen mit Gentamicin und Clotrimazol für die Therapie erforderlich sind. Der Arzt hat Frau Burkhardt weiter erklärt, dass die Ohrenentzündung durch das eingeschlossene Ohrenschmalz (Cerumen) in den anatomisch schwer zugänglichen Schlappohren von Rudi hervorgerufen wurde.

Gerade bei älteren Hunden können die Talgdrüsen in den Ohren hyperaktiv sein, sodass eine ceruminöse Entzündung entsteht. Damit diese schnell abklingt, hat der Arzt die Ohren von Rudi gründlich gereinigt und ihm zusätzlich antientzündlich wirkende Ohrentropfen mit Betamethasonvalerat gegen den begleitenden Juckreiz verordnet, die nun in der Apotheke angefertigt werden sollen.

Die Rezeptur

Betamethasonvalerat 0,02 g
Dickfl. Paraffin ad 20,00 g

Dos.: 1 Wo. 2 × 4 Tr/d in den Gehörgang

Plausibilitätsprüfung

Beim Blick auf das Rezept ist sich Sarah Siegler zunächst etwas unsicher. Sie weiß, dass Tierarzneimittel in einer öffentlichen Apotheke nur in Ausnahmefällen hergestellt werden dürfen und wendet sich an ihren Chef, Apotheker Johannes Ertelt. Dieser bestätigt ihr, dass tierärztliche Rezepturen, die ja keine zugelassenen Arzneimittel sind, laut Paragraf 56a Abs.2 Arzneimittelgesetz nur bei einem Therapienotstand verordnet und hergestellt werden dürfen. Dafür muss der Tierarzt zunächst prüfen, ob in Deutschland und/oder der EU ein zugelassenes Tierarzneimittel zur Verfügung steht beziehungsweise auch ein in Deutschland zugelassenes Humanarzneimittel sich für die Behandlung eignet.

Erst wenn dies nicht der Fall ist, kann der Tierarzt eine Rezeptur verschreiben. Sarah Siegler und ihr Chef gehen davon aus, dass der Arzt alle Optionen geprüft hat. Sicherheitshalber recherchieren sie aber nach, ob es auch wirklich kein Fertigarzneimittel für Rudi gibt und beschließen dann, die Rezeptur herzustellen. Für die notwendige Plausibilitätsprüfung loggt sich die PTA online im NRF ein. Ferner zieht sie den „Plausibilitätscheck Rezeptur, das Buch „Arzneitherapie bei Heimtieren für die Kitteltasche“ und die Fachinformation des Fertigarzneimittels Otomax ® für Hunde zu Rate.

Dokumentation

Johannes Ertelt weist Sarah Siegler noch auf die Dokumentationspflicht nach Paragraf 19 Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO) für verschreibungspflichtige Arzneimittel hin, die zur Anwendung bei Tieren bestimmt sind. Diese gilt auch für Rezepturen. Bei der Abgabe der Arzneimittel in der Apotheke müssen auf einem Rezeptdoppel oder einer Rezeptkopie Name und Anschrift des Tierhalters, des verschreibenden Arztes, Bezeichnung und Menge des Arzneimittels einschließlich Chargenbezeichnung und Abgabedatum vermerkt werden. Liegt, wie bei der herzustellenden Individualrezeptur, keine Chargenbezeichnung vor, genügt der Vermerk des Herstellungsdatums. Die Kennzeichnung der Ohrentropfen für Dackel Rudi kann nach Paragraf 14 ApBetrO erfolgen.

Unbedenklichkeit

Zuerst überprüft Sarah Siegler Dosierung und Applikationsart. Die angegebene Konzentration von Betamethasonvalerat, einem stark wirksamen Glukokortikoid, entspricht mit 0,1 Prozent den Richtlinien für eine dermale Applikation beim Menschen (0,025 – 0,1 %). Sie liegt nur leicht über der Konzentration von 0,088 Prozent Betamethason in den ursprünglich verordneten Otomax ® Ohrentropfen, die als Fertigarzneimittel für Hunde zugelassen sind. Auch die Dosierung von zweimal täglich vier Tropfen in den Gehörgang stimmt mit der Packungsbeilage des Fertigarzneimittels überein und ist für Rudi bei einem Körpergewicht von 14 Kilo unbedenklich.

Stabilität und Kompatibilität

Betamethasonvalerat, das in der Hohenzollern-Apotheke als mikrofein gepulverte Substanz vorrätig ist, ist oxidationsempfindlich und photoinstabil. Bei der Herstellung von Rezepturen sollte es also immer zügig verarbeitet werden. Sarah Siegler sieht eine Braunglasflasche mit Pipette als Packmittel vor, damit die Substanz zudem vor Sonnenlicht geschützt ist. Als Grundlage hat der Tierarzt Parraffinum subliquidum ausgewählt. Dieses ist mit Betamethasonvalerat kompatibel und kommt auch im Fertigarzneimittel Otomax ® vor. Es ist somit für die Applikation beim Hund geeignet. Da die Rezeptur wasserfrei ist, spielen pH-Werte keine Rolle. Eine Konservierung ist nicht notwendig. Da der äußere Gehörgang behandelt wer- den soll, ist eine Sterilisation der Ohrentropfen ebenfalls nicht notwendig.

Die Löslichkeit von Betamethasonvalerat ist laut NRF in Paraffinen nur sehr gering. Das bedeutet, dass beim Herstellen eine Suspension entsteht. Die Teilchengröße des verwendeten mikronisierten Betamethasonvalerats gewährleistet, dass der Wirkstoff nach dem Schütteln der Suspension homogen verteilt und in Folge beim Anwenden auch richtig dosiert werden kann. Daher notiert die PTA, dass ein „Vor dem Gebrauch schütteln“-Aufkleber auf das Abgabegefäß, aufgebracht werden muss. Dieses muss zudem mit einem ölfesten Pipettenhütchen aus Nitrilkautschuk ausgestattet sein. Denn herkömmliche Pipettenhütchen vertragen sich nicht mit fetten Ölen beziehungsweise Paraffin.

Haltbarkeit

Hier orientiert sich die PTA an den „Allgemeinen Hinweisen“ im NRF. Dort wird für wasserfreie Rezepturen zur Anwendung am Ohr eine Haltbarkeit von vier Wochen angegeben. Diese Anwendungsdauer ist bei der rezeptierten Menge von 20 Millilitern vollkommen ausreichend. Außerdem sollte der Wirkstoff Betamethasonvalerat, der zu den stark wirksamen Glukokortikoiden zählt, auch nicht über eine längere Zeit eingesetzt werden.

Serie Rezeptur

02/2019 Harnstofffettsalbe
03/2019 Omeprazolsuspension
04/2019 Progesteroncreme
05/2019 Dronabinolkapseln
06/2019 Diazepam-Zäpfchen
07/2019 Betamethasontropfen
08/2019 Nystatincreme
09/2019 Hydrophile Prednicarbatcreme
10/2019 Euc. c. aqua, Prednisolon, Salicylsäure
11/2019 Cannabidioltropfen
12/2019 Dithranol Warzensalbe

Fazit

Die Rezeptur ist plausibel und kann angefertigt werden. In der Herstellungsanweisung notiert Sarah Siegler noch, dass die Suspension in einer Glasfantaschale unter häufigem Anreiben hergestellt wird. Da es sich bei Betamethasonvalerat um einen CMR (cancerogen mutagen reprotoxic)-Stoff handelt, mit dem sie in einem offe- nen System arbeitet, sieht sie als Arbeitsschutzmaßnahme das Tragen von Handschuhen, Schutzbrille und -kittel sowie einer FFP2-Atemschutzmaske vor.

Herstellung

Als erstes wiegt Sarah Siegler den Wirkstoff Betamethasonvalerat unter Berücksichtigung des Einwaagekorrekturfaktors auf der Analysenwaage in ein Wiegeschiffchen ein. Durch Gehaltsschwankungen oder durch einen hohen Wassergehalt kann es bei manchen Wirkstoffen chargenabhängig zu einem Mindergehalt kommen. Die Einwaagekorrekturfaktoren können direkt bei der Eingangskontrolle der entsprechenden Substanzen mit einer im DAC/NRF hinterlegten Excel-Wirkstoffdatenbank ermittelt werden. Die Einwaage von Betamethasonvalerat dokumentiert die PTA mit Hilfe eines angeschlossenen Druckers und überführt den Wirkstoff in eine austarierte Fantaschale aus Glas. Danach wiegt sie das Wiegeschiffchen zurück und notiert diesen Wert als Inprozesskontrolle.

Mischen

Nun reibt Sarah Siegler Betamethasonvalerat in der Glasfantaschale mit einer geringen Menge des Paraffins an. Danach füllt sie mit der Restmenge an Paraffin unter häufigem Abschaben auf. Dabei entsteht eine weiße, homogene Suspension, ein Befund, den sie als Inprozesskontrolle notiert.

Abfüllen und Etikettieren

Die fertige Suspension füllt die PTA in eine 20-Milliliter-Braunglas-Pipettenflasche mit ölfestem Hütchen und etikettiert das Gefäß. Auf dem Gefäß bringt sie je einen Aufkleber mit dem Hinweis „Verschreibungspflichtig“ und „Vor Gebrauch schütteln“ an. Außerdem vermerkt sie, dass die Ohrentropfen vier Wochen haltbar sind.

Abgabe

Als Frau Burkhardt und Rudi am Abend in die Apotheke kommen, erklärt Sarah Siegler der alten Dame die genaue Handhabung der Ohrentropfen. Sie weist sie darauf hin, dass die Tropfen bei der Verabreichung immer körperwarm sein sollten. Dafür kann Frau Burkhardt die Pipettenflasche für kurze Zeit in ihrer Hosentasche mit sich tragen und so aufwärmen. Direkt vor dem Eintropfen muss das Fläschchen gut geschüttelt werden, danach kommen in jedes Ohr von Rudi vier Tropfen. Durch anschließendes Massieren der Ohren von außen werden die Tropfen gut im Gehörgang verteilt. Eine Prozedur, die sich Rudi hoffentlich gefallen lässt. Um die Ohren auch nach der Therapie sauber zu halten und so weiteren Entzündungen vorzubeugen, stellt Sarah Siegler Frau Burkhardt noch einen Kamillen-Ohrreiniger speziell für Hunde vor. Frau Burkhardt freut sich über den Tipp und kauft das Präparat gleich noch mit.

Dr. Stefan Bär unterstützt die Redaktion bei der Serie fachlich. Die Rezeptur ist sein Spezialgebiet. Er setzt sich dafür unter anderem als Mitglied der Fachgruppe „Magistrale Rezeptur“ der GD Gesellschaft für Dermopharmazie und als Betreuer einer Rezepturhilfehotline ein.


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