31.07.2018

Serie Rezeptur: Cannabisblüten

DAS PTA MAGAZIN-Redakteurin Stefanie Fastnacht befragt die PTA Sarah Siegler, wie sie Defekturen und Rezepturen herstellt und prüft. In diesem Artikel geht es um die Abgabe von Cannabisblüten.

© Africa Studio / stock.adobe.c

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Stammkunde Herr Klaus* kommt mit zwei Rezepten in die Heidelberg-Apotheke. Er leidet an Multipler Sklerose. Die spastische Symptomatik lässt sich mit den zur Verfügung stehenden allopathischen Medikamenten nicht mehr ausreichend lindern. Weshalb der behandelnde Neurologe bei der Krankenkasse die Therapie mit Cannabisblüten beantragt hat. Diese wurde nun genehmigt. Sarah Siegler nimmt BtM- und rosa Rezept entgegen und sagt zu Herrn Klaus: „Ihre Telefonnummer haben wir ja in der Kundendatei. Ich rufe Sie an, sobald die Blüten vorbereitet sind und der zur Verdampfung verordnete Inhalator ebenfalls von Ihrer Krankenkasse genehmigt ist“.

Vorbereitung

Die PTA ist froh, dass sie inzwischen sehr routiniert ist bei der Herstellung und Abgabe von cannabisbasierten Rezepturen und Fertigarzneimitteln. Auch dank ihres Chefs, Apotheker Johannes Ertelt, der nicht nur apothekenintern für Fortbildungen zum Thema sorgte, sondern interessierte Ärzte durch Vorträge informierte. Das hat sich herumgesprochen, und inzwischen lösen viele Patienten ihre Cannabisrezepte regelmäßig in der Heidelberg-Apotheke ein.

Lagerhaltung-- Zunächst überprüft Sarah Siegler, ob die verordneten Cannabisblütensorten an Lager sind. Da es immer wieder Lieferengpässe gibt, ist die Apotheke dazu übergegangen, sich mit Cannabisblüten zu bevorraten, sodass die PTA jetzt nicht bestellen muss. Was sie sehr freut. Denn so kann sie sich heute die zeitaufwändige und kostenintensive Identitätsprüfung mittels Dünnschichtchromatografie ersparen, die immer durchgeführt werden muss, wenn neu bestellte Blüten in der Apotheke eintreffen. Für den auf einem rosa Rezept als Hilfsmittel verordneten Verdampfer muss sie noch eine Genehmigung einholen. Mit dem Vermerk „Eilt!“ auf dem Genehmigungsantrag hofft sie auf schnelle Bearbeitung durch die Krankenkasse von Herrn Klaus. Den Verdampfer selbst hat sie vorrätig.

BtM-Rezept

Pedanios 22/1, Cannabisblüten 100 g,
unzerkleinert
max. ED 0,5 g, max. 3,5 g/d

RED No. 4, Cannabisblüten 5 g,
unzerkleinert
max. ED 0,5 g, max. 3,5 g/d

Zur Inhalation nach Verdampfung (A!)

BtM-Rezeptkontrolle-- Um bei der Belieferung von Cannabisrezepten keine Fehler zu machen, verwendet Sarah Siegler eine apothekenintern erarbeitete Checkliste, die gleichzeitig der Dokumentation dient. Sie notiert darauf den Namen des Patienten, das aktuelle Datum und überprüft die Gültigkeit des BtM-Rezeptes (Ausstellungsdatum + 7 d), ein Kriterium, das erfüllt ist. Anschließend kontrolliert sie den Wortlaut der Verordnung, um sicherzugehen, dass keine Unklarheiten bestehen. Denn nur dann darf das Rezept von der Apotheke beliefert werden. Dabei achtet sie darauf, ob das Wort „Cannabisblüten“ einschließlich Sorte, Menge, Dosierung und Anwendungsart (zur Inhalation nach Verdampfung) auf dem Rezept stehen. „Cannabisblüten“ ist laut Paragraf 2, Abs. 1 Betäubungsmittelverschreibungsverordnung die gültige Bezeichnung für das BtM. Da es außerdem verschiedene Sorten von Blüten mit einem unterschiedlichen Gehalt an Delta-9-Tetrahydrocannabinol und Cannabidiol gibt, muss der Arzt auf dem Rezept auch die gewünschte Sorte nennen. Eine Dosierungsangabe „gemäß schriftlicher Anweisung“ allein ist nicht ausreichend. Diese muss der Apotheke vorliegen und bei der Abgabe auf der Verpackung vermerkt werden.

Höchstmengen-- Hier kontrolliert die PTA, ob der Arzt die für 30 Tage maximal verordnungsfähige Menge von 100 Gramm Cannabisblüten eingehalten hat. Da er insgesamt 105 Gramm verordnet hat, muss das Rezept mit dem Ausnahmekennzeichen A versehen sein, damit es beliefert werden kann. Dann kopiert sie das Rezept, einmal für den Kunden und einmal für die Apotheke zum Anheften an das Abfüllprotokoll.

Abgabegefäße-- Es wird empfohlen, Cannabisblüten in kindergesicherten Behältnissen abzugeben. In der Heidelberg-Apotheke werden kleine Mengen in Methadonfläschchen, Mengen von fünf Gramm in 100 Milliliter Vierkantflaschen aus braunem Kunststoff mit kindersicherem Drehverschluss abgefüllt. Weshalb die PTA 21 Gefäße bereitstellt. Falls ein Arzt die Abgabe der Cannabisblüten in zerkleinerter Form in Einzeldosen wünscht, kommen Papierbriefchen ohne Beschichtung zum Einsatz. Denn bei Wachsbeschichtungen besteht die Gefahr, dass Inhaltsstoffe resorbiert werden. Die einzelnen Briefchen werden dann ebenfalls in Vierkantflaschen gepackt.

Taxation/Rezeptdruck-- Dann überprüft Sarah Siegler, ob in der Taxe der richtige Einkaufspreis hinterlegt ist und notiert ihn von Hand auf der Rückseite des BtM-Rezeptteils, den die Apotheke zur Abrechnung mit der Krankenkasse verwendet. Hier wird auch die Taxation für die Abfüllung aufgedruckt. Beim Bedrucken der Rezeptvorderseite muss noch eine Sonder-Pharmazentralnummer aufgebracht werden, in diesem Fall die 06460694 für die unverarbeitete Abgabe von Cannabisblüten.

Serie: Rezeptur

08_18: Cannabisblüten
09_18: Methadon-Lösung
10_18: Hustenzäpfchen
11_18: Triamcinolonacetonid-Creme
12_18: Oseltamivir-Lösung

Abfüllung und Abgabe

Sarah Siegler legt das Herstellungs- beziehungsweise Abfüllprotokoll sowie das BtM-Rezept ihrem Chef zur Kontrolle und zum Abzeichnen vor. Anschließend geht sie in die Teekammer zum Teemischplatz und füllt dort die Blüten ab. So vermeidet sie, dass Keime und Stäube in die Rezeptur eingeschleppt werden.

Abwiegen-- Die PTA wiegt die verordnete Menge mit einer Pinzette in die 21 austarierten Vierkantgefäße ein und lässt die Einwaage von einem Apotheker abzeichnen. Leider kommt die neue Waage mit Drucker, mit der die einzelnen Einwaagen direkt kontrolliert und dokumentiert werden können, erst in der folgenden Woche. Die im Vorratsgefäß verbleibenden Blüten begast sie zum Schutz mit dem Inertgas Argon, sodass weniger ätherisches Öl verdampfen kann. Die abgefasste Menge trägt sie in der Lauertaxe im Retourenbereich unter Rezepturen und Anbrüchen ein. Im BtM-Programm dokumentiert sie entsprechend das Rezept.

Etikettierung-- Für jedes der 21 Gefäße druckt sie ein Etikett. Für die Abgabe von cannabisbasierten Rezepturen verwendet die PTA in Anlehnung an die Angaben im NRF Etiketten mit dem Vordruck „verschreibungspflichtig“. Die genaue Tagesdosierung sowie die Anwendungsart, Charge, Verfallsdatum und Lagerungshinweise (kühl lagern) können nachträglich aufgedruckt werden. Sollten die erforderlichen Informationen nicht auf das kleine Etikett passen, bietet sich das Erstellen eines Begleitdokumentes an. Auf dem Etikett muss dann auf dieses verwiesen werden.

Abgabe in der Apotheke/Zusatztipps-- In der Heidelberg-Apotheke werden cannabinoidbasierte Fertigarzneimittel und Rezepturen grundsätzlich in der Beratungskabine abgegeben. Die Kunden sind oft schwerkrank, und neben Diskretion wissen sie es auch zu schätzen, beim Beratungsgespräch sitzen zu können. Denn Anwendung und Dosierung müssen genau erklärt werden, und nach Paragraf 20 der Apothekenbetriebsordnung liegt eine generelle Beratungs-und Informationspflicht vor. Sarah Siegler stellt Herrn Klaus, als er zum Abholen kommt, eine kleine Kräutermühle vor, mit der er die Blüten vor jeder Anwendung frisch vermahlen kann. Das Vermahlen erst kurz vor Gebrauch trägt wesentlich zum Qualitätserhalt der Blüten bei. Zum Abmessen gibt sie Herrn Klaus einen Dosierlöffel mit und erklärt ihm, dass die von seinem Arzt verordnete Verabreichung per Verdampfer medizinisch gesehen momentan die beste Variante ist. Dabei werden die Blüten zuerst kontrolliert erhitzt, und der Patient kann das entstehende Cannabinoid-Aerosol inhalieren.

*Name von der Redaktion geändert

Wir danken Herrn Dr. Stefan Bär, Audor Pharma, für die fachliche Unterstützung.

Die PTA

Sarah Siegler arbeitet in der Heidelberg-Apotheke, Bisingen. Ihr Aufgabengebiet ist groß und vielfältig. Neben der Abgabe von Medikamenten an Kunden und der Beratung ist sie die Hauptverantwortliche für Rezeptur, Defektur und Labor.


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