Bademode: Eine Enthüllungsgeschichte
- Die Bademode entwickelte sich in den letzten 100 Jahren von schweren, riskanten Ganzkörperkostümen hin zu funktionaler und zunehmend freizügiger Kleidung.
- Trotz moralischer Widerstände und strenger Vorschriften wie dem „Zwickelerlass“ revolutionierte Louis Réards Bikini ab 1946 die Badekultur.
- Das BikiniARTmuseum zeigt 2026 auf Usedom diese bewegte Geschichte sowie ikonische Exponate.
Minimalistische Zweiteiler, knappe Badeanzüge und Badehosen sind heutzutage selbstverständlich. Wasserratten und Sonnenanbeter besitzen gleich mehrere davon, was der Modeindustrie gute Einnahmen beschert. Das war nicht immer so.
Die Anfänge praktischer und später auch schicker Bademode liegen erst um die 100 Jahre zurück. Zu dieser Zeit wurde der Schwimmsport populär, ein neues Frauenbild entwickelte sich und der Textilindustrie gelang es, geeignete Stoffe zu produzieren. Dennoch konnte sich der Trend zu weniger Stoff und mehr Haut nur langsam durchsetzen. Schuld daran waren vor allem Moral und Scham. Ein treffendes Beispiel ist der anfangs skandalträchtige Bikini, dessen 80. Geburtstag derzeit zelebriert wird.
Zurück in die Vergangenheit
Wer als Frau bis zum Ende des 19. Jahrhunderts baden ging, hatte es nicht leicht. Die damaligen Badekostüme waren knöchellange Kleider, die kaum anders aussahen als Alltagskleider. Ihr üppig drapierter, schwerer Stoff saugte sich beim Baden mit Wasser voll, wobei er um bis zu fünf Kilogramm an Gewicht zulegte. Hinzu kam, dass in die Röcke Gewichte eingenäht wurden, damit der Stoff dem Auftrieb des Wassers standhalten konnte und die Beine auch unter Wasser versteckte. Kaum zu glauben, vor allem weil beide Geschlechter das Wasser streng getrennt genießen mussten.
Nur der Bademeister durfte in den Badeanstalten beziehungsweise an den Stränden für Frauen männlich sein. Bedingt durch die unzweckmäßige Badekleidung sind zahlreiche Unfälle passiert, viele Frauen sogar ertrunken. Hinzu kam, dass die Bevölkerung mehrheitlich nicht schwimmen konnte.
Familienbäder seit 1902
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden im Deutschen Reich Familienbäder zugelassen. Zu dieser Zeit trugen Frauen bereits zweckmäßigere und ungefährlichere Badekleider. Ein Blick auf damalige Fotos zeigt, dass schon freie Oberarme erlaubt waren, ebenso freie Unterschenkel oder sogar Knie.
Männer mussten in den Familienbädern den Oberkörper bedecken. Sie trugen eine Art ärmellosen Overall – oftmals im gestreiften Matrosen-Look – mit halblangen, angeschnittenen Beinen. Enganliegende, figurbetonte Badebekleidung gab es für beide Geschlechter noch nicht. Diese kam erst in den 20er-Jahren auf, mit der Entwicklung hochelastischer Trikotstoffe. Auch die ersten Zweiteiler für Frauen eroberten schon bald die Strände. Allerdings waren die Hosen so hoch geschnitten, dass sie den Bauchnabel verdeckten. Diesen durften damals weder Frauen noch Männer öffentlich zur Schau tragen.
Der knallrote Original-Baywatch-Badeanzug von Pamela Anderson ist eines der besonderen Ausstellungsstücke auf Usedom.
© Foto: Florian Busch, BikiniARTmuseum Usedom
„Zwickelerlass“ 1932
Das zunehmend freizügiger werdende Badevergnügen war der Regierung ein Dorn im Auge. So erschien 1932 die Badepolizeiverordnung des preußischen Innenministeriums, die der belustigte Volksmund „Zwickelerlass“ nannte. Die Verordnung schrieb vor, wie viel Stoff beim öffentlichen Baden den Körper zu verhüllen hatte. Frauen mussten einen Badeanzug tragen, der die Vorderseite des Oberkörpers vollständig bedeckte, unter den Armen fest anlag und mit angeschnittenen Beinen versehen war.
Der Rückenausschnitt durfte nicht tiefer als das untere Ende der Schulterblätter sein. Für Männer war eine Badehose mit angeschnittenen Beinen vorgeschrieben, in Familienbädern ein den Oberkörper bedeckender Badeanzug. Außerdem galt fortan für beide Geschlechter Zwickelpflicht, was bedeutete: Im Bereich des Schritts musste innen ein Stück Stoff eingenäht werden. Ziel der Materialverstärkung war es, die körperbetonte Badebekleidung im Intimbereich weniger „anstößig“ erscheinen zu lassen.
Das damals schon beliebte Nacktbaden wurde gänzlich verboten. Die strengen Badesitten waren ein deutsches Phänomen, über das die Nachbarländer reichlich spotteten.
Skandal und Revolution
Louis Réard (1897 – 1984) war ein französischer Maschinenbauingenieur und Designer. Er präsentierte seinen Bikini erstmals am 5. Juli 1946 in Paris im völlig überfüllten Molitor-Schwimmbad. Da sich kein seriöses Model in so wenig Stoff zeigen wollte, übernahm die junge Nackttänzerin Micheline Bernardini die Präsentation.
Benannt hat Réard seinen Zweiteiler nach einer Inselgruppe im Pazifik, dem Bikini-Atoll. Dieses nutzten die USA wenige Tage vor der Bikini-Präsentation für die ersten Atombombenversuche nach dem Zweiten Weltkrieg. Ob Réard den Namen Bikini gewählt hat, weil er seinem Zweiteiler ähnlich viel Brisanz und Provokation verleihen oder eine klare politische Botschaft senden wollte, wird kontrovers beschrieben.
Bis sich der knappe Zweiteiler weltweit durchsetzen konnte, vergingen noch viele Jahre – auch in Deutschland. Laut Deutschlandfunk galt 1968 im städtischen Freibad in Passau noch immer die Regel: „Das Tragen der sogenannten ‚Bikini‘-Badeanzüge ist verboten.“
BikiniARTmuseum
Wer sich für die Geschichte der Bademode interessiert, sollte das BikiniARTmuseum in Bad Rappenau besuchen, das direkt an der Autobahn liegend zum A6-Boulevard gehört. Es ist das weltweit erste Museum, das sich der Geschichte der Bademode und vor allem dem Bikini widmet. Ebenso seinen berühmten Trägerinnen wie Ursula Andress, Brigitte Bardot und Marilyn Monroe, die maßgeblich zu dessen Siegeszug beitrugen.
Anlässlich des diesjährigen 80. Jubiläums der Präsentation von Réards Bikini gastiert das BikiniARTmuseum erstmals in Heringsdorf auf der Insel Usedom. Die Ausstellung zeigt bis November 2026 unter dem Titel „Die Welt geht baden.“ Bademode aus aller Welt sowie die Geschichte der Badekultur.
Mit dabei sind viele Highlights, wie der knallrote Original-Baywatch-Badeanzug von Pamela Anderson und die knallrote Original-Baywatch-Badehose von David Hasselhoff. Nach Usedom geholt hat die Ausstellung Jürgen Kraft, der auf der Insel ansässig und ein passionierter Bademodensammler ist, ebenso ein anerkannter Experte auf seinem Gebiet. Mehr Informationen gibt es unter bikiniartmuseum.com und bikiniartmuseum-usedom.com.