Blutegelzucht: Hungrige Arzneimittel
- Medizinische Blutegel sind apothekenpflichtige Arzneimittel, ihr Speichel enthält über 100 Wirkstoffe, von denen manche entzündungshemmende oder gerinnungshemmende Eigenschaften haben.
- Für die Beratung in der Apotheke sind die korrekte Lagerung im dichten Gefäß sowie Hinweise zur sicheren Anwendung entscheidend.
- Nach der Therapie erfolgen Entsorgung oder Rücknahme.
Eine neue Lieferung Blutegel ist aus Rumänien angekommen. Die Tiere mit dem wissenschaftlichen Namen Hirudo verbana werden im Donaudelta gefangen und nach Hessen geliefert. Entstanden ist die Blutegelzucht in Biebertal 1989 als Projekt zur Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen. 2008 wurde aus dem gemeinnützigen Projekt ein wirtschaftlich arbeitendes Unternehmen mit derzeit rund 40 Mitarbeitern.
Alle packen mit an und bringen die Wildegel Eimer für Eimer in ihr neues Zuhause unter dem ehemaligen Gewächshausdach. Wo früher eine Gärtnerei Pflanzen züchtete, leben nun in Seerosen bewachsenen Teichen etwa 10.000 Blutegel pro Teich.
Hier bleiben die importierten Tiere 32 Wochen in Quarantäne. In dieser Zeit erhalten sie keine Nahrung, um die Übertragung von Krankheitserregern zu verringern. Das Schild mit dem roten Kreuz über einem Teich signalisiert: Diese Egel dürfen noch nicht verkauft werden. Eine elektrische Ausbruchsperre hindert die Blutegel daran, über den Rand hinauszukriechen. Jeder Egel ist individuell gemustert mit einem unverwechselbaren Fingerabdruck in schwarzen, grauen, grünen, braunen oder rötlichen Tönen.
Medizinische Blutegel sind Apothekenpflichtige Einweg-Arzneimittel.
Lebende Blutverdünner
Dr. Dorle Schmidt leitet die Akademie der Biebertaler Blutegelzucht, die Seminare und Führungen anbietet. Sie erklärt, dass medizinische Blutegel apothekenpflichtige Arzneimittel sind. Sie unterliegen damit einem offiziellen Regelwerk, wie andere Arzneimittel auch. Zur Qualitätsprüfung werden die Tiere regelmäßig betupft und kontrolliert, auch das Wasser prüft das Team der Blutegelzucht immer wieder.
Medizinische Blutegel werden unter anderem bei Rheuma, Arthrose, Krampfadern oder auch Tinnitus eingesetzt. Ihr Speichel enthält über 100 Wirkstoffe, von denen manche blutverdünnende, entzündungshemmende und schmerzstillende Eigenschaften haben. Etwa 400.000 Blutegel pro Jahr vertreibt die Biebertaler Blutegelzucht. Rund ein Drittel davon stammt aus eigener Zucht, die nach und nach vergrößert werden soll. Die Wildegel legen ihre Kokons in die feuchte Ufererde der Zuchtteiche. Die Mitarbeiter sammeln die Kokons und bringen sie in Zuchträume.
Schmidt steht zwischen den Metallregalen, auf denen hunderte Gläser mit Blutegeln stehen und sagt, dass die einzelnen Egel vom Schlüpfen bis zur Therapiegröße fünf bis sieben Mal über circa zwei Jahre trinken, danach müssen sie auch 32 Wochen lang in Quarantäne, bevor sie als Therapeut tätig werden dürfen. Die Egel bekommen in Biebertal Rinderblut.
Versand im Stoffsack
Mitarbeiterin Nadine Gutsche greift mit ihrem Handschuh in den Eimer und prüft die Blutegel auf Verletzungen. Anschließend sortiert sie die Tiere nach Größe in Stoffsäckchen, die sie mit Kabelbindern verschließt. Die Pakete, in denen die Blutegelsäckchen verschickt werden, sind mit angefeuchtetem Schafwollvlies ausgelegt. Da es sich um Arzneimittel handelt, darf auch ein Beipackzettel mit Infos zu Wechsel- und Nebenwirkungen nicht fehlen. Ein Kurierdienst holt die Pakete ab und liefert die Blutegel bundesweit an Apotheken, Ärzte und Heilpraktiker.
Was müssen Apotheken wissen, wenn die Blutegel bei ihnen ankommen? Unmittelbar nach der Lieferung sollten die Egel aus der Transportpackung in ein mit Wasser gefülltes Gefäß gesetzt werden. Als Gefäßwasser eignet sich destilliertes Wasser mit zugefügtem Speisesalz. Vor dem Einsetzen sollten die Blutegel mit Wasser gründlich abgespült werden. Da die Tiere sehr agil sind, sollte das Glas dicht verschlossen sein. Luftlöcher sind nicht notwendig.
Zur Therapie wird der Egel mit einem umgestülpten Becher oder einer abgeschnittenen Plastikspritze auf die Haut gesetzt. Achtung: In der Therapie fällt der Egel allein ab, wenn er satt ist. Bei unsachgemäßer Entfernung kann er sich in die Wunde erbrechen und diese infizieren.
Ruhestand im Rentnerteich
Da Blutegel als Einweg-Arzneimittel zugelassen sind, müssen die Egel nach Gebrauch entsorgt werden. Schmidt erklärt, dass die Tiere dazu mindestens 48 Stunden ins Gefrierfach gelegt werden müssen, um danach im Restmüll beseitigt zu werden.
Möchte ein Patient den Blutegel nach der Therapie nicht töten, kann in Biebertal ein Rücknahmeset mitbestellt werden. Die Tiere werden dann nicht in den Zuchtbetrieb, sondern zur Lebenshilfe einige Kilometer entfernt zurückgeschickt, wo sie nach einer erneuten Quarantäne ihren Lebensabend in einem Rentnerteich verbringen.
Podcast PTA FUNK: Rentnerteich für Blutegel
Apothekerin Isabelle L’Allemand verkauft in ihrer Dünsberg-Apotheke und im Onlineshop Blutegel. Wie die Tiere therapeutisch eingesetzt werden, hören Sie im Podcast PTA FUNK.