Brechnuss: Der grinsende Tod

Für Krimileser gehört Strychnin, das Gift der Brechnuss, zum Handwerkszeug eines sadistischen Meuchelmörders. Doch der Wirkstoff kann mehr, als unerwünschte Mitmenschen und Tiere auf grausame Weise aus dem Leben zu verabschieden.

von Petra Schicketanz
30.07.2022

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© Foto: mauritius images / Alamy Stock Photos / Georg Berg
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Die Gewöhnliche Brechnuss, Strychnos nux-vomica, ist ein Baum aus der Familie der Brechnussgewächse (Loganiaceae). Sie gedeiht im subtropischen Klima. Ihre geruchlosen, diskusförmigen Samen werden auch Krähenaugen genannt. Trotz des irreführenden Familiennamens sind sie jedoch keine Nüsse, sondern Beeren, die Strychnin enthalten.

Das hochgiftige Alkaloid wurde übrigens 1828 erstmals isoliert. An der Strukturaufklärung des komplizierten Moleküls aus sieben Ringen bissen sich unter anderem mehrere Nobelpreisträger die Zähne aus, bis Sir Robert Robinson 1946 erstmals die richtigen Schlüsse zog.

Tod oder Leben?

Als die Brechnuss im 15. Jahrhundert erstmals nach Deutschland kam, wurde sie gegen die Pest eingesetzt. Später gehörte das Gift als belebendes Analeptikum quasi bis vor 100 Jahren in jede Hausapotheke.

In der Homöopathie wird Brechnuss (Nux vomica) auch heute noch verwendet. Einsatzgebiete sind Kopf- und Menstruationsschmerzen oder depressive Verstimmungen. Allerdings sind die Potenzen bis einschließlich D3 verschreibungspflichtig. Die ayurvedische Medizin Indiens setzt Strychnin ein bei Appetitlosigkeit, Fieber sowie als verdauungsförderndes Mittel.

Als Dopingmittel

Selbst, wenn es längst verboten wurde: Bei den Olympischen Spielen in St. Louis im Jahr 1904 setzte der Marathonlauf des Amerikaners Thomas Hicks der Verwendung von Strychnin als Dopingmittel ein bleibendes Denkmal. Bei 28 Grad Celsius im Schatten war es den Läufern nicht erlaubt, Wasser zu trinken. Erschwerend kam der ständige Sand hinzu, der von den Begleitfahrzeugen auf der trockenen Piste aufgewirbelt wurde. Nicht einmal die Hälfte der Läufer erreichte unter diesen Bedingungen überhaupt das Ziel. Auch Thomas Hicks hatte zu kämpfen. Mehrmals brach er zusammen und wurde von seinem Betreuer Charles Lucas mit Brandy und Strychnin dermaßen aufgepäppelt, dass er völlig betrunken und dehydriert nach dem Erreichen des Ziels kollabierte. Noch eine Stunde später war er aufgrund der Vergiftung so entkräftet, dass er mit dem Auto zur Entgegennahme seiner Goldmedaille gefahren werden musste. Hicks lief nach dieser Spezialbehandlung, die eher eine Körperverletzung war, angeblich nie wieder Marathon. Er starb 1952 im Alter von 76 Jahren.

Wussten Sie, dass ...
  • 30 bis 120 mg Strychnin bei oraler Gabe für einen erwachsenen Menschen tödlich sein können?
  • Nashornvögel gegen Strychnin unempfindlich sind und zur Verbreitung der Samen beitragen?
  • mit Brechnuss angereicherte Brotkügelchen früher als Betäubungsmittel zum Fischfang eingesetzt wurden?
  • man auch Pfeilgifte aus den Nux-vomica-Samen herstellte?
  • die Samen zudem als Fraßköder zur Abwehr von Ratten und Mäusen dienten?

Als Gift

Der extrem bittere Geschmack von Strychnin stellt eine erschwerende Grundbedingung für eine versehentliche orale Vergiftung dar. Selbst in einer Verdünnung von 1 : 130 000 schmeckt es noch hervor. Dennoch gab es immer wieder Giftmörder, die das geschickt umgingen und ihren Opfern einen sehr grausamen Tod zumuteten. Denn das Alkaloid führt zu heftigen Krämpfen der Skelettmuskulatur, die unter anderem zu einer grotesken Überstreckung des Rückens führt. Der Tod kann durch eine spasmusbedingte Atemlähmung eintreten.

Da das Mittel auch zentral anregend wirkt, wird der qualvolle Zustand zudem mit verstärktem Bewusstsein wahrgenommen. Absurderweise scheinen die Giftopfer im Todeskampf zu grinsen, doch das ist nur eine Folge der krampfhaft verzerrten Gesichtsmuskeln.

Wirkweise-- Am Rückenmark verdrängt Strychnin den hemmenden Neurotransmitter Glycin von seinem Rezeptor. Das führt zu einer Übererregung der Rückenmarksnerven. Schon kleine Reize können die Krampfanfälle auslösen.

True Crime

Es klingt wirklich zynisch: Mit der Einführung der Lebensversicherung erlebte der Giftmord im 19. Jahrhundert buchstäblich einen wirtschaftlichen Aufschwung. Meist war das überall verfügbare Arsen das Mittel der Wahl, aber auch Strychnin, das es für diverse medizinische Zwecke auf Rezept gab, wurde prämienbringend eingesetzt.

Eine traurige Berühmtheit als Serienmörder erlangte beispielsweise der Arzt William Parker aus dem englischen Stafford, dem nachgesagt wird, dass er neben seinem Nebenbuhler seine Schwiegermutter und vier seiner fünf Kinder mit Antimon oder Strychnin umbrachte. Da der wettsüchtige Palmer stets auf der Flucht vor seinen Gläubigern war, vergiftete er seine Ehefrau Ann, nachdem er eine Lebensversicherung auf sie abgeschlossen hatte.

Auch sein alkoholabhängiger Bruder Walter und ein befreundeter Landarbeiter sollten auf diese Weise seine Schulden abbauen, doch die Versicherungsfirma wurde misstrauisch und verweigerte die Auszahlung. Ganz perfide brachte Palmer schließlich seinen Wettkumpan John Cook zur Strecke: Nachdem dieser sein letztes Spielglück mit einer Flasche Gin begießen wollte und sich erbrach, „behandelte“ Palmer ihn mit dem „Aufbaumittel“ Strychnin, woraufhin Cook unter Krämpfen und mit nach hinten gekrümmtem Rücken qualvoll erstickte. Neben dem Wettgewinn seines Freundes kassierte Palmer eine Mordanklage und wurde am 14. Juni 1856 gehängt. Als „Prinz der Giftmischer“ zog seine Hinrichtung 30 000 Schaulustige an, von denen viele für fünf Schilling ein Stück des Galgenstricks als Souvenir mit nach Hause nahmen.

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