Doppelgänger: Zwei Menschen, ein Gesicht
Irgendwo auf der Welt ein zweites Ich? Diese Vorstellung fasziniert. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das jedoch nahezu unmöglich, denn „der menschliche Genpool ist eine Schatzkammer biologischer Vielfalt. Genau deshalb sind echte Doppelgänger genetisch so gut wie ausgeschlossen“, sagt Jan Postberg. Lediglich eineiige Zwillinge und in seltenen Fällen Drillinge können genetisch identisch sein, erklärt der Professor für Klinische Molekulargenetik und Epigenetik an der Universität Witten/Herdecke.
Für alle anderen gilt: Jeder Mensch ist ein Unikat. Denn die DNA besteht aus zahlreichen einzelnen Bausteinen, die an vielen Stellen von Mensch zu Mensch variieren. Das führt dazu, dass Menschen sich zum Beispiel im Stoffwechsel oder in ihrer Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten unterscheiden.
Wenige Gene prägen Äußeres
Demgegenüber wird unser äußeres Erscheinungsbild nur von einem vergleichsweise kleinen Teil unserer rund 20.000 Gene geprägt. Das betrifft insbesondere die Gesichtszüge, Haut-, Haar- und Augenfarbe oder Körperproportionen. Diese Merkmale entstehen durch das Zusammenspiel vieler genetischer Varianten innerhalb eines begrenzten entwicklungsbiologischen Rahmens. Daher können bestimmte Kombinationen äußerer Merkmale immer wieder auftreten. Diese werden dann als Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Individuen wahrgenommen.
Doppelgänger sind ein Wahrnehmungsphänomen.
Überschätzte Fähigkeit
Hinzu kommt, dass wir massiv überschätzen, wie gut wir Gesichter erkennen können, erklärt Prof. Jan Philipp Röer von der Universität Witten/Herdecke. Denn unser Gehirn analysiert Gesichter nicht wie eine Checkliste einzelner Merkmale. Es verarbeitet sie als Gesamtbild inklusive Mimik, Frisur, Haltung und Kontext. Das nennt sich holistische Verarbeitung und ermöglicht schnelle Entscheidungen („kenne ich“ oder „kenne ich nicht“), ist aber anfällig für Fehler, erläutert Röer.
So erkennen wir manche Menschen nur im Kontext ihrer Arbeit, beispielsweise die Verkäuferin aus dem Supermarkt, die uns im Bus zwar bekannt vorkommt, die wir aber nur schwer einordnen können. Darüber hinaus speichern Erinnerungen Gesichter nicht exakt, sondern vereinfacht. Fehlende Details ergänzt das Gehirn im Nachhinein und verstärkt dabei die Ähnlichkeiten.
Was wie ein Doppelgänger wirkt, ist daher meist kein genetisches Phänomen, sondern ein Wahrnehmungseffekt: eine Kombination aus ähnlichen Merkmalen, Kontext und der Erwartung, jemanden wiederzuerkennen.