Haarausfall: Mehr Nachwuchs bitte
- Der Lebenszyklus der Haare umfasst eine Wachstums-, eine Übergangs- und eine Ruhephase.
- Häufige Formen von Haarausfall sind die Androgenetische Alopezie (AGA) und das Telogeneffluvium (TE).
- Zur Selbstmedikation von AGA und TE stehen topische Arzneimittel mit Minoxidil und Alfatradiol zur Verfügung.
- Nahrungsergänzungsmittel, etwa mit Aminosäuren, B-Vitaminen, Hirseextrakt, pflanzlichen Proteinen, und Spurenelemente wie Eisen und Zink, helfen bei TE.
- Milde Shampoos und nicht zu heiße Temperaturen beim Waschen und Föhnen runden die Behandlung von Haarausfall ab.
Der Lebenszyklus der Haare wird über die Haarfollikel und dort lokalisierte Stammzellen gesteuert. Er lässt sich in drei Phasen unterteilen. Die Anagenphase (Wachstumsphase), die bei Kopfhaaren etwa zwei bis acht Jahre dauert. Daran schließt sich die zwei- bis vierwöchige Katagenphase (Übergangsphase) an, gefolgt von der Telogenphase (Ruhephase), die sich über zwei bis vier Monate zieht und nach der die Haare abgestoßen werden und ausfallen.
Formen von Haarausfall
Die Ursachen von Haarausfall (Alopezie) sind vielfältig. Neben einer genetischen Veranlagung können Autoimmunreaktionen, Infektionen, Medikamenteneinnahme, Stoffwechselerkrankungen, Mangelernährung und Stress Haarverluste auslösen. Relevant für die Beratung in der Apotheke sind die Androgenetische Alopezie (AGA, erblich bedingter Haarausfall) und das Telogeneffluvium (TE, diffuser Haarausfall).
Erblich bedingt-- Die Häufigkeit für AGA steigt mit dem Alter; bei Männern ist im mittleren Lebensalter etwa jeder zweite betroffen. Unter Frauen sind die Raten niedriger, nehmen aber im Alter ebenfalls zu. Dreh- und Angelpunkt ist das Testosteronderivat Dihydrotestosteron (DHT), das aus Testosteron mit Hilfe des Enzyms 5-alpha-Reduktase entsteht. Bindet DHT an Androgenrezeptoren in den Haarfollikeln, verändert sich durch Aktivierung bestimmter Signalwege der normale Haarzyklus. Die Anagenphase, in der das Haar aktiv im Follikel wächst, verkürzt sich, die Telogenphase verlängert sich dagegen.
Das führt zunächst zur Schrumpfung der Haarfollikel und im weiteren Verlauf zu einer fortschreitenden Abnahme der Haardichte. Typische Haarausfallmuster sind bei Männern Geheimratsecken an Stirn und Schläfe sowie die Tonsur am hinteren Oberkopf. Bei Frauen dünnt sich das Haar eher im Scheitelbereich aus, die Stirnhaarlinie bleibt oft erhalten (s. Grafik unten). Ob und wie stark ein Mensch betroffen ist, hängt von der individuellen, genetisch festgelegten Empfindlichkeit der Haarfollikel gegenüber DHT ab.
Aus dem OTC-Sortiment* |
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| Präparat | Hauptwirkstoff(e) | Dosierung |
|---|---|---|
| Alopexy Lsg. 5 % (nur für Männer) | Minoxidil | 2 x tgl. 1 ml Lsg. |
| Ell-Cranell Lsg. | Alfatradiol | 1 x tgl. 3 ml (n. Besserung jeden 2. – 3. d) |
| Orthomol Hair Intense Kps. | u. a. mit speziell verkapseltem Hirseextrakt, B-Vitamine, Zink, L-Cystin, L-Methionin | 2 Kps. / d |
| Pantovigar vital Kps. | B-Vitamine, L-Cystin, Eisen, Zink, Hefe, Reisprotein, Erbsensprossenextrakt | 2 x tgl. 1 Kps. |
| Priorin Kps. | Hirseextrakt, Pantothensäure, L-Cystin | tgl. morgens 2, abends 1 Kps. |
| Regaine Frauen Schaum | Minoxidil (kein Propylenglykol) | 1 x tgl. 1 g Schaum |
| *beispielhafte Nennungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit (Stand der Informationen: 30.03.26) | ||
Beim diffusen Haarausfall kommt es im Unterschied zur androgenetischen Alopezie über die ganze Kopfhaut verteilt zur sichtbaren Ausdünnung der Haare.
© Foto: EyeEm Mobile GmbH, Getty Images
Diffus-- Beim TE gehen mehr Haare als normal in die Telogenphase über. Der Telogenanteil steigt typischerweise auf über 25 Prozent (normal ca. 10 – 15 %), was zur Haarausdünnung auf der gesamten Kopfhaut führt. Vermutlich sorgen neuroendokrine und entzündliche Signale dafür, dass die Haarfollikel nicht mehr ausreichend durchblutet werden, schrumpfen und vorzeitig von der Anagen- in die Telogenphase übergehen.
Ein Telogeneffluvium ist jedoch kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern ein Symptom, das meistens zwei bis drei Monate nach einem auslösenden Ereignis sichtbar wird, zum Beispiel nach fieberhaften Infektionen, Operationen, Geburten oder der Einnahme von bestimmten Medikamenten (z. B. Isotretinoin, Methotrexat). Länger bestehende Hormonstörungen ebenso wie anhaltender Nährstoffmangel bei einseitiger Ernährung begünstigen chronische, über mehr als sechs Monate anhaltende TE.
Wichtig-- Die GLP-1-Rezeptoragonisten Semaglutid und Tirzepatid können besonders bei Frauen Haarausfall begünstigen. Dabei handelt es sich in der Regel aber nicht um eine Medikamentennebenwirkung, sondern um ein TE, ausgelöst durch rasche Gewichtsverluste und verstärkt durch einen Mangel an Eisen, Zink, Vitamin D und Proteinen.
Androgenetische Alopezie
Männer verlieren meist an Stirn, Schläfe sowie am hinteren Oberkopf Haare. Bei Frauen dünnt sich eher der Scheitelbereich aus, die Stirnhaarlinie bleibt oft erhalten.
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Behandlung
Die Therapie bei AGA und TE zielt darauf ab, Haarausfall zu verlangsamen und das Haarwachstum zu fördern. Zur Selbstmedikation stehen topische Arzneimittel, aber auch Oralia- und Nahrungsergänzungsmittel zur Verfügung. Schonende Haarpflege mit milden Shampoos rundet die Behandlung ab.
Ärzte können darüber hinaus bei AGA und TE systemisch niedrig dosiertes Minoxidil (0,5 – 5 mg/d, Off-label-Use) verordnen. Nur für Männer mit AGA zugelassen, beziehungsweise Off-label-Use für postmenopausale Frauen, ist die Einnahme des 5-alpha-Reduktase-Hemmers Finasterid (1 mg/d, z. B. Propecia). Er blockiert die Umwandlung von Testosteron in DHT, also jenem Androgen, auf das die Haarfollikel überempfindlich reagieren. Alternativ steht für Männer (18 – 41 J.) ein Finasterid-Spray (Fynzur, 2,275 mg/ml) zur Verfügung. Synergistisch wirkt zudem bei Männern mit AGA ein im NRF-Rezepturenfinder gelisteter Haarspiritus mit Finasterid (0,5 %) und Minoxidil (3 %).
Topika
Der Vasodilatator Minoxidil wird als Lösung für Frauen (2 %) und für Männer (5 %) gegen AGA und TE angeboten sowie als Schaumspray (5 %) für beide Geschlechter. Eigentlich zur Bluthockdrucktherapie entwickelt, verbessert Minoxidil die Durchblutung der Kopfhaut, verkürzt die Telogen- und verlängert die Anagenphase der Haare. Doppelblindstudien belegen die Wirksamkeit, eine Dauerbehandlung vorausgesetzt.
Weisen Sie Kunden immer darauf hin, dass sich innerhalb der ersten zwei bis sechs Behandlungswochen die Haarverluste verstärken, da ruhende Haarfollikel aktiviert werden und neu nachwachsende Haare alte, locker sitzende aus der Kopfhaut schieben (Shedding-Effekt). Zu beachten sind ferner mögliche Kopfhautreizungen bei Menschen mit empfindlicher Kopfhaut. Sie vertragen Schaumsprays oft besser als Lösungen, da diese kein hautreizendes Propylenglykol enthalten (Packungsbeilage beachten). Damit nicht plötzlich Haare im Gesicht oder an anderen unerwünschten Stellen sprießen, müssen Minoxidilformulierungen zudem exakt aufgetragen werden.
Alfatradiol-- Ebenfalls für die Selbstmedikation gibt es Lösungen mit Alfatradiol (17-alpha-Östradiol). Das Stereoisomer des weiblichen Sexualhormons 17-beta-Östradiol kann bei Männern und Frauen mit leichter AGA die Anagenhaarrate verbessern.
Ein straff nach hinten gekämmter Dutt begünstigt Haarausfall.
© Foto: Dacharlie, Getty Images
Oralia
Hier überzeugt die Studienlage weniger als bei den Minoxidoltopika. Trotzdem ist die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln immer einen Versuch wert, da sie das noch vorhandene Haar stärken. Allerdings müssen die Präparate, aufgrund der Wachstumsdauer der Haare, über mindestens drei bis sechs Monate verabreicht werden.
Traditionell wird gegen diffusen Haarausfall unspezifischer Ursache ein Nahrungsergänzungsmittel auf Basis von L-Cystin (Bestandteil der Haarsubstanz), B-Vitaminen (Pantothensäure, Thiamin, Biotin, Folsäure), Eisen, Zink, Hefe, Reisprotein und Erbsensprossenextrakt eingesetzt. Angeboten werden zudem Formulierungen mit Hirseextrakt, L-Cystin und Pantothensäure. Hirse ist reich an Vitaminen, Mineralstoffen und Siliciumverbindungen, die das Haar stärken sollen. Auch eine Formulierung mit verkapseltem Hirse-Extrakt in Kombination mit B-Vitaminen, Mineralstoffen und Aminosäuren ist erhältlich.
Stecken plötzlich büschelweise Haare in Bürste oder Kamm, suchen Frauen und Männer Rat und Hilfe in der Apotheke.
© Foto: splain2me, Getty Images
Haarpflege
Raten Sie Menschen, die über Haarausfall klagen, die Haare grundsätzlich sanft, mit milden und an den individuellen Kopfhautzustand angepassten Shampoos zu reinigen. Daneben tragen volumenaufbauende Shampoos, Camouflage-Puder oder Haarteile und Perücken zur psychischen Entlastung bei.
Heißes Wasser, aber auch zu heiße Temperaturen beim Föhnen und Stylen schädigen den Haarschaft (sichtbarer Teil des Haars) und machen das Haar brüchig. Auch ständig straff nach hinten gekämmte Frisuren, wie Dutt oder Pferdeschwanz, üben einen permanten Zug auf die Haarfollikel aus und begünstigen neben Bruch und Spliss auch Haarausfall.