Onkologika: Die Haut leidet mit

Sie bekämpfen Krebszellen, gleichzeitig können sie sich negativ auf Haut und Schleimhaut auswirken. PTA Silvia Konrad, Gründerin von SK Schulung & Beratung Onkologie, erklärt, welche dermokosmetischen Maßnahmen Hautschäden vorbeugen.

von Stefanie Fastnacht
28.08.2026

Chemopatientin mit Kosmetik vorm Spiegel
© Foto: Foto: Drazen_, Getty Images
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  • Onkologika verursachen oft belastende Nebenwirkungen an Haut und Schleimhäuten.
  • Eine konsequente Basispflege ab dem ersten Therapietag stärkt die Hautbarriere spürbar.
  • Apotheken bieten hierbei eine essenzielle Beratung zur Hautpflege bei Krebs.

Die therapeutischen Möglichkeiten bei Krebserkrankungen haben sich in den letzten Jahren erheblich erweitert. Therapien können immer individueller auf die jeweilige Erkrankung zugeschnitten werden. Damit verbunden ist auch ein größeres Spektrum an Nebenwirkungen, unter anderem auf die Haut, die oft unterschätzt oder nicht ausreichend behandelt werden. Das pharmazeutische Personal ist insbesondere bei oralen Krebstherapien ein wichtiges Bindeglied zwischen Patient und Onkologe und als solches in die Therapie eingebunden.

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Silvia Konrad, PTA in einer onkologischen Schwerpunktapotheke sowie Referentin/Dozentin für Nebenwirkungsmanagement bei Krebstherapien, erklärt im Gespräch mit DAS PTA MAGAZIN, wie Nebenwirkungen an der Haut vorgebeugt werden kann, auch wenn Sie als PTA weder in einer onkologischen Schwerpunktapotheke arbeiten noch Ihre Apotheke die pharmazeutische Dienstleistung (pDL) Betreuung bei oraler Antitumortherapie anbietet.

PTA Silvia Konrad

Silvia Konrad arbeitet als PTA in einer onkologischen Schwerpunktapotheke. Die Gründerin von SK Schulung & Beratung Onkologie ist außerdem Referentin und Dozentin für Nebenwirkungsmanagement bei Krebstherapien.
© Foto: privat

Frau Konrad, warum sollte die Hautpflege bei Krebs beim pharmazeutischen Personal in der öffentlichen Apotheke mehr ins Bewusstsein gerückt werden?

SK: Ich arbeite seit vielen Jahren in einer Zytostatika herstellenden Apotheke. Durch den engen Kontakt zu den Patienten sowie über mein Netzwerk sehe ich, wie groß der Beratungsbedarf bei Hautproblemen während und nach einer Krebstherapie ist. Onkologen fehlt im Praxisalltag häufig die Zeit, sich intensiv mit diesen Beschwerden zu befassen. Gleichzeitig ist das Pflegepersonal vielerorts stark belastet. Aus Unsicherheit verweisen öffentliche Apotheken Betroffene deshalb oft an die behandelnden Ärzte. Viele Patienten fühlen sich dadurch allein gelassen. Dabei kann gerade das pharmazeutische Personal eine wichtige und kompetente Anlaufstelle sein.

Warum führen neue Onkologika, aber auch Radio- und klassische Chemotherapeutika, zu Nebenwirkungen an der Haut?

SK: Krebstherapeutika richten sich gegen schnell teilende Zellen. Da auch Haut, Schleimhaut, Haarfollikel und die Nagelmatrix aus schnell proliferierenden Zellen bestehen, sind sie mitbetroffen. Eine häufige Folge von Zytostatika und vielen zielgerichteten Therapien ist eine Schädigung der Hautbarriere. Studien zeigen, dass eine konsequente Basispflege ab dem ersten Therapietag solchen Schäden entgegenwirken kann.

Wie macht sich eine Barriereschädigung der Haut bemerkbar?

SK: Bereits drei bis vier Wochen nach Therapiebeginn treten bei vielen Patienten Hautveränderungen auf. Oft höre ich in der Apotheke Sätze wie: „Ich benutze seit 20 Jahren dieselbe Pflege und vertrage sie plötzlich nicht mehr.“ Typisch sind Spannungsgefühle, trockene Haut, Juckreiz und im weiteren Verlauf schmerzhafte Hauteinrisse. Häufig können auch die Bindehaut der Augen und die Schleimhaut in der Nase, im Mund und im Genitalbereich betroffen sein.

Typische Beschwerden sind trockene Augen, eine wunde Nase sowie Mundtrockenheit mit eingerissenen Mundwinkeln. Bei Brustkrebspatientinnen sind zudem Veränderungen der Vaginalschleimhaut ein häufiges Beratungsthema.

Wie lässt sich der Barriereschädigung entgegenwirken?

SK: Patienten können ihre Haut unterstützen, indem sie bei der Körper- und Gesichtspflege konsequent auf medizinische Hautpflegeprodukte umstellen. Diese sollten neben ausreichend Feuchtigkeit auch Lipide wie Karitébutter enthalten. Zudem empfiehlt sich die Verwendung von Formulierungen ohne Mineralöle und ohne Konservierungs- und Duftstoffe.

Idealerweise enthalten die Produkte zusätzlich Niacinamid (Vitamin B3), das entzündungshemmend wirkt und die hauteigene Ceramidproduktion fördert. Gerade bei leichten Hauteinrissen sollte die Verwendung von harnstoffhaltigen Produkten eher vermieden werden, weil Harnstoff (Urea) brennt. Ergänzt wird die Basispflege durch seifenfreie Syndets, die die Haut schonend reinigen.

Und wie sieht das bei einer Radiotherapie aus?

SK: Auch eine Bestrahlung belastet die Haut und kann eine Radiodermatitis verursachen. Die Beschwerden ähneln einem Sonnenbrand mit Rötung, Schwellung, Überwärmung und Entzündung. Dennoch wird Patienten teilweise noch geraten, die bestrahlten Hautareale nicht zu waschen oder zu pflegen. Es gibt S3-Leitlinien, die zur Vorbeugung und Linderung von Strahlenschäden ein Hautmanagement empfehlen.

Auch während der Strahlentherapie sollte aus meiner Erfahrung heraus eine tägliche Basispflege stattfinden. Nicht empfehlenswert sind auch hier Pflegeprodukte mit Urea. Urea speichert zwar sehr gut Feuchtigkeit in der obersten Hautschicht, brennt aber, wenn er auf vorgeschädigte Haut aufgetragen wird. Grundsätzlich sollten Pflegecremes zur Vermeidung eines Hitzestaus nur dünn aufgetragen werden, mit einem zeitlichen Abstand von mindestens zwei Stunden zum Bestrahlungstermin.

Auch sollten die Pflegeprodukte vorsichtshalber nicht auf den für die Bestrahlung gesetzten Markierungen eingesetzt werden, sondern immer mit einem fingerbreiten Abstand dazu, um nichts zu verwischen. Das letzte Wort hat immer der zuständige Radiologe.


Onkologika* und Hautveränderungen

Therapieform  Wirkstoffgruppe  Charakteristische Nebenwirkung
zielgerichtete Therapie, EGRF-Inhibitoren Monoklonale Antikörper
(z. B. Cetuximab)
anfangs akneähnliche Ausschläge, später Trockenheit, Juckreiz
Kinase-Inhibitoren
(z. B. Sorafenib)
Hand-Fuß-Syndrom
Immuntherapie Checkpoint-Inhibitoren
(z. B. Pembrolizumab)
immunvermittelte Hautreaktionen wie Ausschlag (papulöses Exanthem),Juckreiz
klassische Chemotherapie Zytostatika
(z. B. 5-Fluorouracil)
Hand-Fuß-Syndrom
Antihormontherapie Aromatasehemmer
(z. B. Letrozol)
selektive Estrogen-Rezeptor-Modulatoren (z. B. Tamoxifen)
extreme Trockenheit von Haut und Schleimhaut, Juckreiz
*beispielhafte Nennungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit

Welche Hautprobleme können während einer Krebsbehandlung noch auftreten?

SK: Einige Wirkstoffe verursachen charakteristische Hautnebenwirkungen. Nennenswert sind EGFR-Inhibitoren wie Cetuximab, die zu Therapiebeginn akneiforme Hautausschläge (Exantheme) und Entzündungen der Haarfollikel (Follikulitiden) hervorrufen können. In diesen Fällen verordnen Ärzte in der Regel orale Antibiotika wie Doxycyclin oder Minocyclin. Im Gesicht kommen zusätzlich topische Antibiotika, beispielsweise Metronidazol oder Erythromycin in gelhaltigen Grundlagen, zum Einsatz.

Wichtig ist jedoch, dass die tägliche Basispflege konsequent fortgeführt wird. Viele Patienten konzentrieren sich dann ausschließlich auf die medikamentöse Behandlung und vernachlässigen die Pflege der Hautbarriere.

Creme

Während Urea auf bestrahlter oder bereits entzündeter Haut häufig brennt, ist er beim Hand-Fuß-Syndrom ausdrücklich erwünscht.
© Foto: Mariya Borisova, Getty Images

Immuntherapien mit Checkpoint-Inhibitoren wie Pembrolizumab verursachen ähnliche Hautausschläge?

SK: Ja, die Hauterscheinungen können ähnlich aussehen. Im Unterschied zu EGFR-Inhibitoren liegt ihnen jedoch keine bakterielle Entzündung zugrunde, sondern eine immunvermittelte Reaktion. Deshalb werden hier keine Antibiotika, sondern hochwirksame topische Glukokortikoide eingesetzt, in schweren Fällen auch systemische. In der Apotheke besteht die wichtigste Aufgabe dann darin, Betroffene an die konsequente Basispflege zu erinnern. Diese wird unter der Behandlung mit Glukokortikoiden häufig vernachlässigt, obwohl sie entscheidend dazu beiträgt, die Hautbarriere zu stabilisieren.

Als Nebenwirkung der Krebstherapie kann das Hand-Fuß-Syndrom auftreten. Was ist das?

SK: Das tritt oft als Nebenwirkung bei bestimmten Zytostatika auf, klassischerweise bei 5-Fluorouracil (5-FU) oder Capecitabin, aber auch bei manchen oralen Therapien, zum Beispiel mit Kinase-Inhibitoren oder einigen monoklonalen Antikörpern. Zu Beginn kribbeln Handflächen und Fußsohlen oder röten sich leicht. Im weiteren Verlauf können Schmerzen, Schwellungen und Blasen auftreten. Hier wird therapiebegleitend die tägliche Pflege mit zehnprozentigem Harnstoff empfohlen.

Sie sagten, Urea brennt und verbietet sich auf vorgeschädigter Haut?

SK: Das wirkt zunächst widersprüchlich, hat aber einen anderen Hintergrund. Während Urea auf bestrahlter oder bereits entzündeter Haut häufig brennt, ist er beim Hand-Fuß-Syndrom ausdrücklich erwünscht. Zytostatika wie Capecitabin oder 5-FU reichern sich besonders in der Hornschicht von Händen und Füßen an. Zehnprozentiger Harnstoff wirkt leicht keratolytisch und unterstützt das Abschilfern belasteter Hornzellen. Deshalb sollten Betroffene möglichst vor Therapiebeginn eine podologische Behandlung in Anspruch nehmen, um überschüssige Hornhaut zu entfernen.

Stichwort Brustkrebstherapie: Welche Hautpflegemaßnahmen empfehlen Sie?

SK: Viele Patientinnen werden durch moderne antihormonelle Therapien mit zum Beispiel Tamoxifen und Letrozol vorzeitig in die Wechseljahre versetzt. Neben Hitzewallungen, Schlafstörungen und depressiven Verstimmungen ist vor allem die vaginale Trockenheit ein großes Thema. Sie begünstigt Schleimhautentzündungen, wiederkehrende Harnwegsinfektionen, Pilzinfektionen und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Ich empfehle deshalb während der gesamten Behandlung eine lipidreiche Schutzpflege für den äußeren Genitalbereich und den Damm. Reine Feuchtigkeitscremes verursachen häufig ein Brennen.

Zusätzlich sollte der vaginale pH-Wert mit gut verträglichen, milchsäurehaltigen Vaginalzäpfchen stabilisiert werden. Durch den Östrogenmangel bildet sich das Vaginalepithel zurück, wodurch weniger Milchsäure produziert wird und sich der pH-Wert verändert. Wichtig ist, dass die Milchsäure in eine lipidreiche Grundlage eingebettet ist, damit sie nach der Anwendung nicht zusätzlich reizt. Ein hilfreicher Zusatztipp ist es, Patientinnen auf die Verwendung eines Gleitgels beim Sex hinzuweisen.

Aus dem OTC-Sortiment*

Indikation Präparat Besonderheit
Basispflege
(1 x tgl., therapiebegleitend)
Bepanthol Derma Körperlotion u. a. Dexpanthenol, Niacinamid, Sheabutter, Glycerin
La Roche Posay Lipikar Balsam AP+MAX u. a. Niacinamid, Sheabutter
Dermasence BarrioPro Barriereaufbauende Gesichtsemulsion u. a. Jojobaöl, Allantoin, Bisabolol
Lichtschutz
(therapiebegleitend)
Eucerin Hydro Protect Ultra leichtes Face Sun Fluid LSF 50+ u. a. Licochalcone A, Glycyrrhetinsäure
ISDIN Fotoultra Redness LSF 50 u. a. Niacinamid, leichte Textur
Wundpflege
(bei Bedarf punktuell auftragen)
Eau Thermale Avène Cicalfate + Repair-Creme u. a. Avène Thermalwasser, Kupfer-Zink-Komplex
La Roche Posay Cicaplast Baume B5+ u. a. Madecassoside, Zink-Mangan, Dexpanthenol
Schleimhautschutz
(therapiebegleitend)
Deumavan Schutzsalbe u. a. Paraffin, Vaseline, Vitamin E, äußerer Intim- und Analbereich, hypoallergen
Vagisan Feuchtcreme Cremolum Vaginalzäpfchen u. a. pflegende Lipide, Milchsäure, stabilisiert vaginalen pH-Wert
*beispielhafte Nennungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit

Wie sieht es mit Lichtschutz während der Krebstherapie aus?

SK: Ein konsequenter UV-Schutz ist unverzichtbar. Viele Krebstherapeutika erhöhen die Photosensibilität der Haut. Vor allem UV-A-Strahlung kann sonnenbrandähnliche Reaktionen auslösen, nach deren Abheilung häufig entzündlich bedingte Hyperpigmentierungen zurückbleiben. Hier ist Vorsicht geboten, denn UV-A-Strahlen durchdringen zu großen Teilen auch Fensterscheiben und geschlossene Wolkendecken. Neben dem Meiden intensiver Sonneneinstrahlung und dem Tragen schützender Kleidung sollten Patienten täglich ein Sonnenschutzmittel mit Lichtschutzfaktor 50 oder 50+ auf allen unbedeckten Hautarealen verwenden.

Bei akneiformen Hautausschlägen empfehle ich leichte Sonnenfluids mit geringer Lipidphase. Auch Operationsnarben benötigen konsequenten Lichtschutz, da ihnen die schützenden Pigmente fehlen und sie besonders empfindlich auf UV-Strahlung reagieren.

Was ist zu tun, wenn die Haut sich trotz Basispflege plötzlich verändert?

SK: Treten leichte Rötungen auf, etwa an einer frischen Narbe, bilden sich kleine Papeln oder wirkt die Haut an Stirn, Kinn oder in den Nasolabialfalten unruhig, aber noch nicht entzündet, kann zunächst eine punktuelle Wundpflege sinnvoll sein. Das gilt auch für kleine Hauteinrisse beispielsweise an den Mundwinkeln oder am Nagelbett. Geeignet sind Präparate mit Dexpanthenol, Madecassosiden oder Zink. Sobald sich jedoch deutliche Entzündungszeichen entwickeln, ist ärztliche Abklärung erforderlich. Dann reicht Hautpflege allein nicht mehr aus. 

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