Orientierungshilfe: Vegane Arzneimittel
- Ein Anruf beim Hersteller kann unter Umständen eine langwierige Recherche abkürzen.
- Saccharose und Stärke sind eine vegane Alternative zu Milchzucker; Cellulose-Derivate, Carrageen oder Apfelpektin zu Gelatine.
- Präparate mit Vitamin D oder Omega-3-Fettsäuren gibt es in veganer Form. Keine Alternativen gibt es beispielsweise für Heparin oder Tannin(-albuminat).
- Selbst wenn Produkte kein tierisches Material enthalten, können während des Herstellungsprozesses tierische Bestandteile eingesetzt worden sein.
Einfach ist es, wenn die Hersteller selbst ihre Produkte mit „vegan“ kennzeichnen. Das ist bei Nahrungsergänzungsmitteln häufig der Fall. Bei Arzneimitteln ist es schwieriger. Hier ist oftmals detektivischer Spürsinn gefragt – von Ihnen oder seitens der Kunden. Erschwerend kommt hinzu, dass es nicht immer vegane Alternativen gibt und nicht nur der Wirk-, sondern auch die Grund- und Hilfsstoffe betrachtet werden müssen. Im Zweifel können die Apothekensoftware oder ein Anruf beim Hersteller oft weiterhelfen.
Noch eingeschränkter ist die Auswahl an veganen Produkten, wenn es den Konsumenten auch um tierversuchsfreie Arzneimittel geht. Denn Medikamente werden momentan nur zugelassen, wenn ihre Wirkung in Tierversuchen getestet worden ist. Hier können Generika eine Empfehlung sein. Die ursprünglichen Tests macht das zwar nicht rückgängig, aber es waren auch keine neuen Tierversuche notwendig. Auf Rezept verordnete Medikamente können jedoch nicht ohne Weiteres ausgetauscht werden. Hier sind die Regeln für den Austausch zu beachten, ebenso die Rabattverträge.
Wichtig-- Arzneimittel dürfen niemals ohne Rücksprache mit dem Arzt abgesetzt oder umgestellt werden. Raten Sie Veganern im Beratungsgespräch zudem immer dazu, im Notfall oder bei schweren Erkrankungen von ihren Prinzipien abzuweichen.
Da Impfstoffe Hühnereiweiß, Gelatine oder Laktose enthalten können und somit nicht vegan sind, gilt dieser Rat auch für von der STIKO empfohlene Standardimpfungen beziehungsweise Reiseimpfungen.
Wirkstoffe
Bei bestimmten Arzneimitteln lässt sich bereits auf den ersten Blick erkennen, dass sie tierische Bestandteile enthalten. Manchmal gibt es vegane Alternativen. In anderen Fällen bleibt Ihnen nur, dem Kunden eine andere Darreichungsform anzubieten. Einige Beispiele stellen wir Ihnen im Folgenden vor.
Heparin ist ein Wirkstoff, der Nie vegan sein kann.
Nie vegan
Ein prominentes Beispiel für einen Wirkstoff, der immer tierischer Herkunft ist, ist Heparin. Der Wirkstoff mit blutgerinnungshemmender Wirkung wird aus der Darmschleimhaut von Schweinen hergestellt. Daher sind sowohl die gängigen Thrombosespritzen, die häufig nach operativen Eingriffen verabreicht werden, als auch Heparin-haltige Gele und Salben zur Behandlung von Blutergüssen nicht für eine vegane Lebensweise geeignet.
Auch andere Wirkstoffe sind ausschließlich tierischen Ursprungs: Tannin beispielsweise wird aus dem Gallapfel gewonnen. Dieser enthält die Larve der Eichengallwespe. Medikamente gegen akuten Durchfall, die Tanninalbuminat enthalten, sind daher ebenfalls nicht vegan.
Ein weiteres Beispiel ist Pankreatin, das die Verdauung unterstützt. Es wird aus der Bauchspeicheldrüse von Schweinen gewonnen.
Bei Gelenkarthrose kommen häufig Chondroitinsulfat, das aus Knorpelgewebe von Rindern oder Hühnern stammt, sowie Glucosamin, das aus dem Chitinpanzer von Krebstieren extrahiert wird, zum Einsatz – beide sind nicht vegan.
Vegane Alternativen
Während es für die zuvor genannten Wirkstoffbeispiele bisher keine veganen Präparate gibt, stehen für andere Inhaltsstoffe synthetische oder pflanzliche Alternativen zur Verfügung. Ein Beispiel sind Vitamin-D-Produkte: Während das herkömmliche Vitamin D meist aus dem Wollfett von Schafen gewonnen wird, kann es inzwischen auch aus Flechten oder bestimmten Pilzen hergestellt werden. Dabei entsteht zunächst Vitamin D2 (Ergocalciferol), das anschließend enzymatisch in die aktive Form Vitamin D3 (Colecalciferol) umgewandelt wird. Dieser Herstellungsprozess ist komplexer und schlägt sich entsprechend im Preis nieder.
Auch bei Omega-3-Fettsäuren gibt es mittlerweile eine pflanzliche Quelle: Statt aus fettreichen Meeresfischen stammen sie heute häufig aus Mikroalgen, die dieselben gesundheitsfördernden Fettsäuren liefern.
Ein weiterer Fortschritt betrifft die Hyaluronsäure, die in zahlreichen Produkten wie Augentropfen oder Kosmetika enthalten ist. Früher wurde sie aus Hahnenkämmen gewonnen, heute erfolgt die Herstellung biotechnologisch – ganz ohne tierische Ausgangsstoffe.
Für Menschen mit veganer Lebensweise wird zudem die regelmäßige Einnahme von Vitamin B12 empfohlen. Das Vitamin selbst ist unproblematisch, da es durch Mikroorganismen wie Darmbakterien produziert wird, die nicht zu den Tieren zählen. Wichtig ist jedoch, bei der Auswahl eines geeigneten Präparats darauf zu achten, dass keine tierischen Hilfsstoffe wie Gelatine oder Laktose enthalten sind. Das gilt auch für Erkältungsmittel. Hier hilft es häufig, die Darreichungsform zu wechseln und beispielsweise Hustensaft oder -tropfen statt Tabletten oder Kapseln anzubieten.
Gelatine ist ein Hilfsstoff, der aus kollagenhaltigen tierischen Rohstoffen von Schweinen und Rindern gewonnen wird. Er steckt unter anderem in Vaginalzäpfchen und Weichgummi.
© Foto: Qwart, Getty Images
Grund- und Hilfsstoffe
Noch schwieriger als bei Wirkstoffen kann sich die Suche nach dem Ursprung der verwendeten Grund- und Hilfsstoffe gestalten. Selbst wenn diese kein tierisches Material enthalten, können während des Herstellungsprozesses tierische Bestandteile eingesetzt worden sein.
Ein Beispiel ist Ethanol, das oft über Gelatine geklärt wird. Informationen hierzu finden Sie möglicherweise auf den Seiten der Hersteller oder Sie fragen gezielt beim Produzenten nach. Weniger bekannt ist, dass bei der industriellen Herstellung des Verdickungsmittels Xanthan – obwohl es als pflanzlich gilt – Hühnereiweiß zum Einsatz kommen kann. Personen, die aus diesem Grund auf Xanthan verzichten möchten, sollten auf die Kennzeichnung E415 achten und bei Lutschtabletten oder Säften die Zutatenliste sorgfältig prüfen.
Honig und Bienenwachs
Honig wird von Honigbienen produziert und ist daher für die vegane Lebensweise nicht geeignet. Das gilt auch für das durch Bleichen von gelbem Bienenwachs hergestellte weiße Wachs (Cera alba) sowie für gelbes Wachs (Cera flava), das durch Ausschmelzen der entleerten Waben der Honigbiene mit heißem Wasser gewonnen und von fremden Bestandteilen gereinigt wird.
Milchzucker
Ein häufig verwendeter Füllstoff in Tabletten ist Milchzucker (Laktose), der aus Kuhmilch gewonnen wird. Vegane Alternativen sind Saccharose oder Stärke. Sie können Ihren Kunden auch eine andere Darreichungsform, zum Beispiel Tropfen, empfehlen.
Gelatine
Steht Gelatine als Inhaltsstoff auf der Packung, ist ein Produkt niemals vegan. Dieser Hilfsstoff wird aus kollagenhaltigen tierischen Rohstoffen wie der Haut, dem Bindegewebe und den Knochen von Schweinen und Rindern gewonnen. Hart- und Weichgelatinekapseln enthalten den Hilfsstoff, ebenso viele Vaginalzäpfchen. Vegane Alternativen zu Steckkapseln aus Hartgelatine sind Kapseln aus Cellulose-Derivaten (Hydroxypropylmethylcellulose). Für Weichkapseln kann Carrageen (aus Rotalgen) verwendet werden.
In Weichgummiformulierungen wird Gelatine zum Teil durch Stärke oder Apfelpektin ersetzt. Aber Achtung, manche Hersteller überziehen die so hergestellten Weichgummis mit Bienenwachs. Dann sind sie zwar vegetarisch, aber nicht vegan. Wieder vegan werden solche Weichgummis, wenn statt Bienenwachs Carnaubawachs aus der Carnaubapalme eingesetzt wird.
Tierisch oder vegan?* |
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| Wirk-, Grund- oder Hilfsstoff | Tierischer Ursprung | Vegane Alternative |
|---|---|---|
| Chondroitin | Rind, Huhn | keine |
| Gelatine | Schwein, Rind | Kapseln: Hydroxypropylmethylcellulose, Carrageen Weichgummi: Stärke, Apfelpektin |
| Glucosamin | Krebstiere | keine |
| Heparin | Schwein | keine |
| Hyaluronsäure | Hahnenkamm (obsolet) | biotechnologisch |
| Laktose (Milchzucker) | Kuh(-milch) | Saccharose, Stärke |
| Magnesiumstearat | tierische Fette (z. B. Rindertalg, Schweineschmalz) | Raps-, Soja-, Maiskeimöl |
| Pankreatin | Schwein | keine |
| Tannin | Gallapfel (Larve der Eichengallwespe) | keine |
| Omega-3-Fettsäuren | Fisch | Mikroalgen |
| Vitamin D | Schaf (Wollfett) | Flechten, Pilze |
*beispielhafte Nennungen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit
Kapseln aus Hydroxypropylmethylcellulose und Carrageen sind eine vegane Alternative zu Hart-gelatine-Steckkapseln.
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Sonstige
Milchsäure wird heute ausschließlich synthetisch hergestellt. Weder die Säure selbst noch ihr Salz, das Laktat, stammen aus tierischen Quellen.
Magnesiumstearat ist ein häufig verwendeter Hilfsstoff in der Tablettenproduktion, dient aber auch als Konsistenzgeber in Cremes und Salben. Er kann aus tierischen Fetten wie Rindertalg, Schweineschmalz oder Milchfett gewonnen werden. Pflanzliche Alternativen basieren auf Ölen wie Raps-, Soja- oder Maiskeimöl. Bei Kundenanfragen empfiehlt sich ein Blick in die Apothekensoftware: Ist unter den Hilfsstoffen „Magnesiumstearat pflanzlich“ vermerkt, handelt es sich um eine pflanzliche Herkunft.
Tabletten können mit Schellack (E904) überzogen sein – einem harzartigen Stoff, der aus den Ausscheidungen der Lackschildlaus gewonnen wird. Als vegane Alternativen kommen pflanzliche Wachse oder Zuckerüberzüge infrage.
Nicht nur in kosmetischen Produkten, sondern auch in medizinischen Cremes und Salben können tierische Bestandteile wie Bienenwachs oder Lanolin – ein aus Schafwolle gewonnenes Wollwachs – enthalten sein.
Homöopathika
Tierische Grundstoffe in Homöopathika sind zahlreich. Zum Beispiel wird Apis mellifica aus der ganzen Honigbiene gewonnen. Das bei Atemwegserkrankungen angewendete Blatta orientalis enthält die Gemeine Küchenschabe.
Als Hilfsstoff in homöopathischen Tabletten und Globuli ist zudem Milchzucker weit verbreitet.
Biopharmazeutika
Relativ neue Behandlungsoptionen sind Biopharmazeutika (Biologika), zum Beispiel monoklonale Antikörper, die in der Krebstherapie eingesetzt werden. Die meisten werden in lebenden Organismen (z. B. genetisch veränderte Säugetierzellen) hergestellt und sind somit nicht vegan. Einige können jedoch auch mithilfe von Bakterien- oder Hefezellen hergestellt werden.
Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller bietet unter vfa.de/gentech eine Übersicht über alle zugelassenen Biopharmazeutika inklusive der Zelllinien an, die für die Produktion genutzt werden.