Räuchermännchen: In der Not geboren

Die qualmenden Holzfiguren haben ihre Wiege im Erzgebirge, ebenso die dazugehörigen Räucherkerzchen. Obwohl sich beide zu Weihnachten großer Beliebtheit erfreuen, ist über ihren Ursprung wenig bekannt.

von Dr. Ute Koch
28.11.2025

Schnee im Erzgebirge
© Foto: HT-Pix / Getty Images / iStock
Anzeige

Das Erzgebirge erstreckt sich über circa 150 Kilometer entlang der deutsch-tschechischen Grenze. In Deutschland gehört es zu Sachsen und in Tschechien zu Böhmen. Es ist eine der traditionsreichsten Kulturlandschaften Mitteleuropas und als solche zu jeder Jahreszeit eine Reise wert. Es ist landschaftlich wunderschön und von interessanten Orten geprägt, die einen Einblick in die einstmals einmalige Bergbauregion gewähren. Seit Juli 2019 gehört die „Montanregion Erzgebirge/Krušnohorí“ zum UNESCO-Welterbe. Dazu zählen 17 Teilgebiete in Sachsen und fünf im benachbarten Tschechien.

Aktueller Podcast

Vom Bergbau zur Holzkunst

Seinen Namen verdankt das Erzgebirge seinen reichen Erzvorkommen, die ab dem 12. Jahrhundert für dortigen Wohlstand sorgten. Damals war die Region die größte Silbererzquelle Europas. Im 17. und 18. Jahrhundert erschöpfte sich diese allmählich, wodurch zahlreiche Menschen ihre Arbeit verloren und zusammen mit ihren Familien in finanzielle Not gerieten. Folglich waren sie gezwungen, einen neuen Gelderwerb zu finden, wofür sich das reichlich vorhandene Holz der riesigen Wälder anbot.

So entwickelte sich aus der Not heraus die erzgebirgische Holzkunst, die vor allem in der Advents- und Weihnachtszeit noch heute beliebt ist und viele Wohnungen, Häuser und Ladengeschäfte schmückt – und das weit über die Grenzen des Erzgebirges und sogar Deutschlands hinaus. Die Entstehungsgeschichte der Schnitz- und Drechselarbeiten erklärt, warum deren traditionelle Figuren eng mit dem früheren erzgebirgischen Leben verbunden sind: Bergmänner, Lichterträger, Nachtwächter, Soldaten, Jäger, Kirchen sowie Engel und andere biblische Figuren. Es gibt sie als Einzelfiguren und Figurenensembles.

Zudem schmücken sie Pyramiden, Schwibbögen, Spieluhren und vieles mehr. Das Zentrum der erzgebirgischen Holzkunst bilden der Ort Seiffen und seine Umgebung.

Qualmende Holzfiguren

Die ersten Räuchermännchen soll es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegeben haben, und bis heute ist ihr Aufbau gleichgeblieben: Das Oberteil der Holzfigur ist abnehmbar, damit im Inneren das Räucherkerzchen platziert und angezündet werden kann. Danach wird der Oberkörper, der ein Hohlkörper ist, aufgesetzt.

Durch diesen steigt der Rauch auf und entweicht durch den Mund (traditionell mit einer Pfeife versehen). Damals wie heute sind handwerkliches Geschick und Erfahrung erforderlich, um ein Räuchermännchen in Handarbeit herzustellen. Zunächst werden aus weichen Hölzern (z. B. Linde, Fichte) Rohlinge gedrechselt. Diese werden in vielen weiteren Schritten von Hand bearbeitet, etwa durch Fräsen, Bohren, Schleifen, Verleimen, Bemalen und das Anbringen feinster Details wie Bart, Knöpfe und andere Accessoires. Hierfür hat jede Manufaktur ihren eigenen Stil.

Räucherkerzen gehören zur Erzgebirgsweihnacht dazu.
 

Klassisch oder modern

Mittlerweile ist zu den traditionellen Räuchermännchen eine breite Palette moderner Motive hinzugekommen, die den heutigen Zeitgeist und andere Nationen repräsentieren. Beispiele sind ein Virologe im weißen Kittel, ein Computer-Nerd oder ein Mann in typisch türkischer Tracht.

Auch Räucherfrauen gibt es, etwa Queen Elisabeth II. oder die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel. Märchenfiguren, Tiere, Häuschen und allerlei Humorvolles ergänzen das Sortiment. Daher werben einige Hersteller damit, dass ihre Räucherfiguren ganzjährig nutzbar sind, was ohne die Duftvielfalt heutiger Räucherkerzen nicht möglich wäre. Nicht alle verbreiten Weihnachtsstimmung durch ihre Düfte nach Weihrauch, Tanne oder Plätzchen. Auch blumige und fruchtige Düfte sind dabei. Ebenso solche, die Insekten vertreiben sollen.

12pta_AdobeStock_38080869_Preview

Ober- und Unterkörper eines Räuchermännchens müssen passgenau sein, damit es so aussieht, als würde es rauchen.
© Foto: Hermenau - stock.adobe.com

Kegelförmige Räucherkerzen

Räuchern zu religiösen, heilenden und desinfizierenden Zwecken hat eine uralte Tradition. Am bekanntesten ist die Verwendung von Weihrauch in der katholischen Kirche. Verglichen mit der Geschichte des Räucherns ist die der Räucherkerzen noch recht jung. Die ersten sollen etwa in der Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden sein.

Ihren großen Durchbruch erlangten sie erst Jahrzehnte später mit dem Aufkommen der Räuchermännchen. Zusammen entwickelten sie sich zum alljährlichen Weihnachtsbrauch, schon bald über das Erzgebirge hinaus. Die Zutaten waren Holzkohle, Kartoffelmehl, Sandelholz und Weihrauch. Diese wurden gemahlen und mit Wasser zu einer feuchten Masse geknetet. Die daraus geformten kleinen Kegel wurden getrocknet und anschließend verpackt. Zu den heute bedeutenden erzgebirgischen Marken gehören die Original Crottendorfer Räucherkerzen, denen besondere Aufmerksamkeit gilt, weil sie von einer bemerkenswerten Frau begründet wurden.

Vorbildliche Unternehmerin

Die Crottendorferin Freya Graupner (1888 – 1974) und ihre Familie gehörten zu den vielen Erzgebirglern, die zu ihrer Zeit in Armut lebten. Deshalb begann sie 1918, in ihrer heimischen Küche Räucherkerzchen zu produzieren und auf Märkten oder an der Haustür zu verkaufen. Ihre vier Kinder mussten tatkräftig mithelfen, wie es damals üblich war.

1936 beantragte sie ein Gewerbe, wofür sie die gesetzlich vorgeschriebene Zustimmung ihres Ehemanns benötigte. Durch die kommenden schweren Kriegs- und Nachkriegsjahre führte sie ihr Unternehmen zielstrebig mit großer Rücksicht auf ihre Angestellten. 1955 konnte sie die Produktion aus ihrer Küche in einen neu gebauten Schuppen neben dem Wohnhaus verlegen. Kurz danach folgte das traurige Schicksal nahezu aller Privatbetriebe in der DDR: 1959 bestand der Zwang, den Staat am Unternehmen zu beteiligen, woraus der Firmenname „Freya Graupner & Co. KG“ resultierte. 1972 wurde das Unternehmen komplett verstaatlicht und in VEB Räucherartikel (VEB = volkseigener Betrieb) umbenannt.

Nach dem Mauerfall gelangte das Unternehmen zurück in Familienbesitz. Allerdings war die Produktionsstätte aufgrund der jahrelangen volkseigenen Bedingungen in einem schlechten Zustand. Trotzdem setzte sich die Erfolgsgeschichte der Crottendorfer Räucherkerzen bis heute fort – unter anderem mit Freya Graupners Rezepturen, die sie sorgfältig dokumentiert hat.

Frauenorte Sachsen

Mit diesem Projekt macht der Landesfrauenrat Sachsen e. V. bedeutende sächsische Frauen sichtbar, die in der Vergangenheit besondere Leistungen vollbracht haben – politische, kulturelle, soziale, wirtschaftliche, wissenschaftliche oder sportliche – so auch Freya Graupner. An den Wirkungsorten der Frauen werden Gedenktafeln in Form von Kurzbiografien angebracht.

Am 4. Oktober 2021 war es die für Freya Graupner im Eingangsbereich des Crottendorfer Räucherkerzenlandes. Weitere von vielen bisher derart Geehrten sind Clara Schumann (Pianistin, Komponistin und Klavierpädagogin), Clara Zetkin (Politikerin, Friedensaktivistin und Frauenrechtlerin), Melitta Bentz (Erfinderin des modernen Kaffeefilters) und Marianne Brandt (Formgestalterin und Fotografin).

Ganz besonders erwähnenswert ist die Gedenktafel am ehemaligen Frauengefängnis Hoheneck (heute Gedenkstätte) für die politisch inhaftierten Frauen, die in diesem ein ihr Leben zerstörendes und/oder tödliches Schicksal erfahren mussten. Hoheneck, in Stollberg im Erzgebirge, war in der DDR eines der gefürchtetsten und menschenunwürdigsten Gefängnisse.

Kommentar schreiben

Die Meinung und Diskussion unserer Nutzer ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie im Sinne einer angenehmen Kommunikation auf unsere Netiquette. Vielen Dank!

Pflichtfeld *
Inhaltsverzeichnis