Serie Onkologie in der Apotheke: Proktitis und Enteritis

Bei einer Chemo- oder Strahlentherapie lassen sich Schleimhautschäden am Darm oft nicht verhindern. Mit ihrer Fachkompetenz können PTA zu einer Linderung der meist quälenden Beschwerden beitragen.

von Dr. Gudrun Heyn
31.05.2017

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© Foto: Mathias Ernert, Nationales Centr
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Schleimhautentzündungen gehören zu den häufigsten und besonders stark belastenden Nebenwirkungen einer Krebsbehandlung. Bei einer Chemotherapie können sie überall dort auftreten, wo Schleimhaut vorhanden ist: in Mund und Speiseröhre, Lunge und Vagina, den Augen, Magen und Darm. Bei einer Strahlentherapie sind die Entzündungen lokal auf das Strahlengebiet begrenzt.

Spürbare Folgen der Entzündung im Darm sind Beschwerden wie Durchfall und Erbrechen. Ihre begleitende Therapie (Supportivtherapie) ist schon seit langem ein fester Bestandteil der medizinischen Versorgung.

Oft vernachlässigt werden dagegen die Schleimhautschäden selbst, ihre weiteren Symptome und die ebenfalls in Mitleidenschaft gezogene Haut im Analbereich. Selbst in der neuen S3 Leitlinie „Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen“ sind Beschwerden wie Blähungen und Krämpfe oder eine gerötete, entzündete Haut um den Anus kein Thema.

Der Hintergrund

Obwohl Mediziner eine Strahlentherapie heute exakt planen und moderne Geräte wie bildgeführte Linearbeschleuniger verwenden, lassen sich lokale Strahlenschäden meist nicht vermeiden. Ab einer Strahlendosis von 20 bis 30 Gray kommt es auf der Bahn der Strahlen durch den Körper zu Entzündungen. Sind der Darm oder genauer der Dünndarm betroffen, sprechen Mediziner von einer Enteritis. Entzündungen der Schleimhaut im Enddarm bezeichnen sie als Proktitis.

Ob es bei einer Chemotherapie zu Schleimhautschäden kommt, hängt im Wesentlichen vom verabreichten Arzneimittel und seiner Dosierung, dem Therapieregime und der Komorbidität des Patienten ab.

Schnelle Teilung entscheidet

Dass die Nebenwirkungen vor allem die Schleimhaut betreffen, hat einen einfachen Grund: Schleimhautzellen wie die Zellen der äußeren Darmschleimhautschicht (Lamina epithelialis mucosa) erneuern sich ständig. Sie reagieren daher besonders empfindlich auf ionisierende Strahlung, denn diese entfaltet vor allem bei Zellen in der Teilungsphase ihre zerstörende Wirkung auf die DNA. Klassische Zytostatika haben grob vereinfacht ein ähnliches Wirkprinzip.

Medikamentenbeispiel-- Sehr gut bei sich schnell teilenden Zellen wirken Antimetabolite wie die Substanz 5-Fluorouracil (5-FU) und ihr oral verfügbares Prodrug Capecitabin. Im Körper wird das Prodrug in 5-FU umgewandelt. Antimetabolite sind Zytostatika, die natürlichen Bausteinen der Erbinformation ähneln und anstelle dieser in die DNA eingebaut werden. Auf diese Weise blockieren sie die DNA-Neubildung und die Zellvermehrung.

Medikamentöses

Um bei einer Radiotherapie im Bereich des Enddarms akute Schäden an der Schleimhaut zu minimieren, empfehlen die Autoren der Leitlinie „Supportive Therapie“ eine Prophylaxe mit der Substanz Amifostin. Sie schützt gesundes Gewebe vor der zellschädigenden Wirkung ionisierender Strahlung. Die Anwendung erfolgt vor jeder Bestrahlung als Klysma im Off- label-Use. Zur Prophylaxe einer Enteritis empfehlen sie die Substanz Sulfasalazin (Off-label-Use). Nach oraler Gabe entfaltet das Antiphlogistikum vor allem im Dickdarm seine entzündungshemmende Wirkung. Zur Prophylaxe einer chemotherapieinduzierten Enteritis oder Proktitis geben sie dagegen keine Empfehlungen.

Tipp

Zur Beruhigung

Bei einer akuten Proktitis können topisch applizierte Steroide die gereizte Schleimhaut beruhigen. Strahlenmediziner wie Dr. Bernhard Berger von der Oberschwabenklinik Ravensburg setzen sie auch kombiniert mit einem Lokalanästhetikum (z. B. Doloproct ®, Jelliproct ®, RP) ein. Auch verschreibungspflichtige Steroide wie Fluocortolon oder Fluocinonid hemmen entzündliche Hautreaktionen und lindern Beschwerden wie Juckreiz, Brennen und Schmerzen. Lokalanästhetika wie Lidocain (Posterisan ® akut Salbe) wirken schmerz- und juckreizstillend.

Schützen und regenerieren

Zum Aufbau einer physiologischen Schutzschicht gegen Bakterien ist ein Medizinprodukt mit entzündungshemmendem Palmitoylethanolamid (Gut- life ®) auf dem Markt. Darmbakterien helfen bei der Verdauung. Ist jedoch die Schleimhaut geschädigt, können auch die harmlosen Darmbewohner Entzündungen auslösen. Die Anwendung der Creme auf Haut und Schleimhaut des Anus soll Juckreiz, Rötung und Schmerzen lindern.

Regenerierend-- Insbesondere nach dem Abklingen von therapiebedingten Durchfällen können inaktivierte Stoffwechselprodukte des Bakterienstammes Escherichia coli, Stamm Laves, zu einer Regeneration der Schleimhaut mit beitragen. Präparate mit entsprechend zellfreier Lösung (Colibiogen ® oral) sind als Darmschleimhauttherapeutikum zur Behandlung von Patienten nach einer Strahlen- und Chemotherapie zugelassen.

Blähungen und Krämpfe lindern

„ Bei Blähungen und Krämpfen können unter Umständen Carminativa wie Simeticon helfen“, sagte Berger auf dem Fachkongress NZW Süd 2015 in München. Das enthaltene Simeticon (z. B. Sab simplex ®) senkt die Oberflächenspannung von Gasblasen, sodass diese zerfallen. Die frei werdenden Gase werden besser resorbiert oder abtransportiert.

Sind die Krämpfe schmerzhaft, empfiehlt der Strahlentherapeut zur Linderung das Spasmolytikum Butylscopolaminiumbromid (z. B. Buscopan ®). Butylscopolaminiumbromid wirkt relaxierend auf die glatte Muskulatur, indem es die Erregungsübertragung an Rezeptoren der glatten Muskelzellen hemmt. Bei ganz starken Beschwerden verordnet Berger Analgetika wie Metamizol (z. B. Novaminsulfon ® ratiopharm, Sandoz, RP).

Für den Analbereich

Durchfälle und Schleimabsonderungen können die Haut im Analbereich schädigen und starken Juckreiz, Rötung und Schmerzen hervorrufen.

OTC-- Bei leichten Hautschäden können Topika mit Dexpanthenol (z. B. Bepan-then ® Wund und Heilsalbe, Dexpanthenol acis ® Wund- und Heilsalbe) oder Zinkoxid (z. B. Zinkoxidsalbe LAW, Pasta Zinci mollis) die Heilung fördern. Nach der Resorption wird Dexpanthenol in Pantothensäure umgewandelt. Diese regt die Bildung von neuem Gewebe an und wirkt juckreizstillend und leicht entzündungshemmend. Zinkoxid wirkt abdeckend, bindet Sekret und beeinflusst die Wundheilung.

Pflanzliches-- Zubereitungen aus Kamillenblütenextrakten verbessern vor allem durch ihre entzündungshemmende Wirkung die Abheilung entzündeter Hautstellen. Ihre Anwendung kann beispielsweise in Form von Sitzbädern (z. B. Kamillosan ® Wund- und Heilbad, Kamillin Extern Robugen ®) erfolgen.

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1 Kommentar

21.06.2020 - 21:33 Uhr
Kommentar von Susanne Laube-Bozkus

Sehr geehrte Damen und Herren, Anfang 2019 bekam ich wegen HR2 Brustkrebs, danach Antikörper,die ich nach neunmonatiger Gabe abbrechen musste, da ich ganz doll mit Hämorrhoiden zu tun bekam, bis heute sind Entzündungen im Enddarm sichtbar und ich habe immer wieder unheimliche Schmerzen, die mein Leben zum negativen beeinflussen. Mund und Nasenschleimhaut sind noch immer betroffen, sowie Geschmacksveränderungen! Die Ärzte meinen immer, davon könne das nicht mehr kommen, aber ich bin davon überzeugt, dass es nur keine Studien darüber gibt!!!!! Gelesen hab ich, dass manche Menschen toxisch reagieren und auch das Mäuseeiweiß nicht vertragen!!!!! Liebe Grüße, S.Laube-Bozkus


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