Wechselwirkungen: Phenprocoumon

Das Antikoagulans ist ein Arzneistoff, dessen Wechselwirkungen lebensbedrohliche Folgen haben können. Dies betrifft Interaktionen mit vielen Medikamenten, aber auch mit Lebens- und Genussmitteln.

von Dr. Ute Koch
29.11.2023

12pta_istockphoto-134106133
© Foto: StephePhoto / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell)
Anzeige
  • Der Gerinnungshemmer Phenprocoumon agiert als Vitamin-K-Antagonist.
  • Phenprocoumon hat eine geringe therapeutische Breite und ein hohes Interaktionspotenzial mit vielen Arzneistoffen, aber auch mit Nahrungsmitteln.
  • Die Steuerung und Kontrolle der Therapie erfolgt anhand der Gerinnungszeit des Blutes, in der Regel gemäß INR-Wert.
  • Vitamin-K-haltige Lebensmittel dürfen im Rahmen einer ausgewogenen Mischkost verzehrt werden, jedoch nicht in großen Mengen.
  • Vorsicht gilt bei Grapefruit und Goji-Beeren, Verzicht gilt bei Alkohol.

Antikoagulanzien sind keine „Blutverdünner“, sondern „Gerinnungshemmer“. Sie machen das Blut nicht dünnflüssiger, sondern verlangsamen die Zeit, bis es gerinnt. Je nach Substanzgruppe wird dieser Effekt über unterschiedliche Mechanismen erzielt. Besonders beratungsintensiv hinsichtlich Wechselwirkungen sind Vitamin-K-Antagonisten (Cumarin-Derivate). Je nach Land sind Phenprocoumon, Warfarin und/oder Acenocoumarol auf dem Markt. Das nachfolgend beschriebene Phenprocoumon ist neben Warfarin der in Deutschland vorrangig eingesetzte Vitamin-K-Antagonist. Letzteres ist mit vergleichbaren Risiken assoziiert wie Phenprocoumon.

Gerinnungskaskade

Die Blutgerinnung ist ein komplizierter Vorgang in 15 aufeinanderfolgenden Schritten, an denen eine Vielzahl von Proteinen (z. B. Gerinnungsfaktoren, Enzyme) sowie anderen Substanzen beteiligt sind. Vitamin K (Vitamin-K-Hydrochinon) sorgt als Cofaktor für die Bildung der Gerinnungsfaktoren II, VII, IX und X in der Leber. Innerhalb der Gerinnungskaskade unterliegt das Vitamin einem Kreislauf (Vitamin-K-Epoxid-Zyklus), in dem es verbraucht und wieder regeneriert wird. Genau gesagt: Die Wirkform Vitamin-K-Hydrochinon wird zum inaktiven Vitamin-K-2,3-Epoxid oxidiert und anschließend wieder zum wirksamen Vitamin-K-Hydrochinon reduziert. Die Reduktion (= Regeneration) des Vitamin K erfolgt auf enzymatischem Weg.

Vitamin-K-Antagonismus

Phenprocoumon durchbricht den Vitamin-K-Epoxid-Zy- klus, indem es den Schritt der enzymatischen Vitamin-K-Regeneration hemmt. In der Folge kommt es zur Verarmung an wirksamem Vitamin K und dadurch zu einer reduzierten Bildung der genannten Gerinnungsfaktoren. Somit ist Phenprocoumon – genau genommen – kein Vitamin-K-Antagonist, sondern ein Hemmstoff der enzymatischen Vitamin-K-Regeneration.

Zu den Indikationen des Antikoagulans gehören die Langzeittherapie und Prophylaxe der Blutpfropfbildung sowie des Verschlusses von Blutgefäßen durch einen Blutpfropf, außerdem die Langzeittherapie des Herzinfarktes. Der Wirkeintritt von Phenprocoumon erfolgt verzögert nach ein bis zwei Tagen. Die maximale Wirksamkeit tritt nach vier bis sechs Tagen ein. Die Dosierung erfolgt individuell entsprechend der gewünschten Verlängerung der Blutgerinnungszeit (INR-Wert).

Beispiele für Indikationen und empfohlene INR-Werte*

Indikation

INR-Bereich

postoperative Prophylaxe tiefer venöser Thrombosen

2,0 bis 3,0

längere Immobilisation nach Hüftchirurgie und Operationen von Femurfrakturen

2,0 bis 3,0

Therapie tiefer Venenthrombosen, Lungenembolie und TIA

2,0 bis 3,0

Myokardinfarkt mit erhöhtem Risiko für thromboembolische Ereignisse

2,0 bis 3,0

rezidivierende tiefe Venenthrombosen, Lungenembolie

2,0 bis 3,0

Vorhofflimmern

2,0 bis 3,0

Herzklappenersatz, mechanisch

2,0 bis 3,5

Herzklappenersatz, biologisch

2,0 bis 3,0

*Quelle: Fachinformation Falithrom, Stand der Informationen: 12/2020

INR-Wert

Die INR (international normalized ratio) ist ein weltweit standardisiertes Verfahren zum Bestimmen der Blutgerinnungszeit. Der INR-Wert gibt an, in welchem Ausmaß die Blutgerinnung verlangsamt ist. Je höher der Wert ist, desto langsamer gerinnt das Blut. So ist beispielsweise bei einem INR = 2 die Blutgerinnung um das Doppelte verlängert, gemessen am Normwert von INR = 1. Je nach Indikation liegen die therapeutischen Zielwerte bei INR = 2 – 3,5.

Bei mit Phenprocoumon stabil eingestellten Patienten sollte der INR-Wert mindestens alle drei bis vier Wochen beim behandelnden Arzt gemessen werden. Häufigere Kontrollen sind erforderlich beispielsweise zu Therapiebeginn oder -ende sowie bei Dosisänderungen.

Wechselwirkungen

Phenprocoumon wird überwiegend durch CYP2C9 und CYP3A4 abgebaut, beides Isoenzyme des Cytochrom P450. Da viele Arzneistoffe die Synthese der beiden Isoenzyme hemmen oder steigern, ist Phenprocoumon anfällig gegenüber zahlreichen Wechselwirkungen.

Diesen ist besondere Achtsamkeit zu schenken, weil Phenprocoumon eine enge therapeutische Breite hat. Geringe Blutspiegelschwankungen nach unten erhöhen das Risiko für die Bildung eines Blutpfropfs, geringe Schwankungen nach oben erhöhen das Risiko für Blutungen. Daher können zusätzliche Kontrollen der Gerinnungswerte erforderlich werden, wenn eine Begleitmedikation hinzukommt, abgesetzt oder deren Dosis geändert wird.

Wichtig-- Auch bei der Abgabe von OTC-Produkten sollten Patienten, die auf Phenprocoumon eingestellt sind, auf mögliche Interaktionen angesprochen werden. Ernste Folgen können außerdem Wechselwirkungen mit Nahrungs- und Genussmitteln haben, weshalb Phenprocoumonpatienten auch darüber informiert sein sollten.

© ALIOUI Mohammed Elamine / Getty Images / iStock

Vitamin K

Die Liste der Vitamin-K-haltigen Nahrungsmittel ist lang: Ganz oben steht grünes Gemüse wie zum Beispiel Grünkohl, Spinat, Brokkoli oder Rosenkohl. Je grüner das Gemüse ist, desto höher ist der Vitamin-K-Gehalt, weil dieser mit dem Chlorophyllgehalt korreliert.

Auch „nicht grüne“ pflanzliche Nahrungsmittel können nennenswerte Vitamin-K-Quellen sein, etwa Soja und Sojaprodukte, ebenso Linsen, Raps- und Olivenöl. Der Verzicht auf Vitamin-K-reiche Nahrungsmittel gilt heutzutage als obsolet. Werden sie im Rahmen einer abwechslungsreichen, gesunden Mischkost verzehrt, sind keine Komplikationen zu erwarten. Abzuraten ist allerdings vom Verzehr großer Mengen Vitamin-K-haltiger Nahrungsmittel. Vorsicht gilt auch bei Nahrungsergänzungsmitteln mit Vitamin K.

Grapefruit

Grapefruit ist der Klassiker unter den Nahrungsmitteln, die mit Arzneistoffen wechselwirken. Darunter ist auch Phenprocoumon. Schon der einmalige Verzehr von Grapefruit hemmt das CYP3A4 und das irreversibel. Der Effekt setzt kurz nach dem Verzehr ein und hält mehrere Tage an, bis sich das CYP3A4 in ausreichender Menge neu gebildet hat. Dies erklärt, warum Grapefruit die gerinnungshemmende Wirkung von Phenprocoumon verstärken und somit das Blutungsrisiko erhöhen kann. Die Wechselwirkung ist nicht nur bei der Grapefruit selbst zu beachten, sondern ebenso bei Produkten daraus (z. B. Saft, Marmelade, Nahrungsergänzungsmittel).

Goji-Beeren

Vieles, was aus der Ferne kommt, gilt als Wundermittel, wozu Goji-Beeren gehören. Ihnen wird eine Vielzahl von gesundheitsfördernden Wirkungen zugeschrieben, obwohl die Studienlage dazu äußerst dünn ist. Für Phenprocoumonpatienten kann das Superfood sogar gefährlich werden. Ein übermäßiger Verzehr kann die INR-Werte stark erhöhen und sogar lebensbedrohliche Blutungen auslösen. Davor warnte das BfArM bereits im Jahr 2013. Mittlerweile verweisen die Gebrauchs- und Fachinformationen zu Phenprocoumon darauf, dass beim Verzehr von Goji-Beeren und -Saft Vorsicht geboten ist. Zu den diskutierten Mechanismen der Interaktion gehören eine Hemmung des CYP2C9 und eigene gerinnungshemmende Effekte der Goji-Beeren. Vorsicht gilt auch bei daraus hergestellten Produkten (z. B. Nahrungsergänzungsmittel, Nuss-Trockenfrüchte-Mix).

Alkohol

Akuter Alkoholkonsum erhöht die Wirkung von Phenprocoumon, chronischer Alkoholkonsum mindert sie. Kommt zum chronischen Alkoholabusus eine Leberinsuffizienz hinzu, kann ein Umkehreffekt eintreten und sich die Phenprocoumon-Wirkung verstärken. Vor dem Hintergrund der komplexen Auswirkungen des Alkoholkonsums auf die gerinnungshemmende Wirkung von Phenprocoumon enthalten die Gebrauchsinformationen den strikten Hinweis: Vermeiden Sie den Genuss von Alkohol. Es wird vermutet, dass die Interaktion auf dem Einfluss von Alkohol auf das CYP2C9 beruht.

Kommentar schreiben

Die Meinung und Diskussion unserer Nutzer ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie im Sinne einer angenehmen Kommunikation auf unsere Netiquette. Vielen Dank!

Pflichtfeld *
Inhaltsverzeichnis