01.01.2022

Sodbrennen: Nicht immer harmlos

von Dr. Ute Koch

Häufig ist das Symptom die Folge einer Ernährungssünde und nur von kurzer Dauer. Jedoch können auch ernste Erkrankungen die Ursache sein, insbesondere bei chronischen Beschwerden.

© Getty Images/iStockphoto (Symbolbild mit Fotomodell)

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  • Sodbrennen und saures Aufstoßen sind ein weit verbreitetes Gesundheitsproblem, zum dyspeptischen Beschwerdekomplex gehörend.
  • Häufige Ursachen sind Fehlernährung, Übergewicht, Schwangerschaft sowie ein erniedrigter Tonus des unteren Schließmuskels der Speiseröhre.
  • Eine weitere häufige Ursache ist der Magenkeim H. pylori, der zudem als Hauptauslöser von Magenkrebs gilt.
  • Die seltene Erkrankung ZES beruht auf einem Gastrin-produzierenden Tumor, der die Ausschüttung von Magensäure erhöht.
  • Bei chronischen Beschwerden sind PPI die Mittel der Wahl.

Sodbrennen ist häufig. Es gehört zum dyspeptischen Beschwerde-Komplex, der verschiedene Symptome bezogen auf den Oberbauch zusammenfasst. Nicht immer ist Sodbrennen ein Fall für die Selbstmedikation. Daher sollten Apothekenkunden beraten werden, die immer wieder Magensäure-mindernde Präparate kaufen. Zwei Beispiele für ernste Ursachen sind die sehr häufig vorkommende bakterielle Infektion mit Helicobacter pylori (H. pylori) oder die Tumorerkrankung Zollinger-Ellison-Syndrom (ZES). Letztere ist eine seltene Erkrankung (orphan disease).

Sodbrennen und saures Aufstoßen

Beide Refluxsymptome (Reflux = Rückfluss) treten auf, wenn saurer Speisebrei aus dem Magen in die Speiseröhre zurückfließt und deren säureempfindliche Schleimhaut reizt. Je saurer der Mageninhalt und/oder je empfindlicher die Schleimhaut sind, desto stärker äußern sich die Beschwerden. Der Reflux erfolgt, wenn der Tonus des Schließmuskels am unteren Speiseröhrenende erniedrigt oder etwa bei Überfüllung des Magens überfordert ist. Begünstigt wird das Krankheitsbild durch falsche Essgewohnheiten (zu schnell und zu üppig), Genussmittel (z. B. Kaffee), scharfe Gewürze sowie säurehaltige Speisen und Getränke. Außerdem nennenswert ist Stress, der die Produktion der Magensäure ankurbelt. Auch Medikamente können verantwortlich sein (z. B. Eisenpräparate, nicht steroidale Antirheumatika), ebenso Übergewicht, den Bauchbereich beengende Kleidungstücke und eine Schwangerschaft. Tritt die Refluxkrankheit chronisch auf, wird sie auch GERD genannt (abgeleitet von gastroesophageal reflux disease).

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Infektion mit H. pylori

Die Hälfte der Weltbevölkerung trägt den Magenkeim in sich. Bei etwa jedem fünften chronisch Infizierten führt er zu Beschwerden. Seine Übertragung erfolgt von Mensch zu Mensch, oftmals schon in der Kindheit. Unbehandelt ist H. pylori der wichtigste Auslöser einer Entzündung der Magenschleimhaut (Gastritis), von Magen- und Darmulzera sowie von Magenkrebs. 90 Prozent aller Magenkrebsfälle lassen sich auf den Keim zurückführen. Allein in Deutschland erkranken jedes Jahr 19 000 Menschen an Magenkrebs, weltweit über 900 000. So stufte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 1994 das Bakterium offiziell als Klasse-1-Karzinogen ein: als ein Agens, das sicher Krebs auslösen kann.

H. pylori (abgeleitet von Helix = Schraube und Pylorus = Magenausgang) ist ein gram-negatives, spiralförmiges Bakterium, das erst Anfang der 1980er-Jahre entdeckt worden ist. Bis dahin galt der Magen mit seinem extrem sauren Milieu als keimfreie Zone.

H. pylori hält sich mit Hilfe spezieller (Schutz)Mechanismen im extrem sauren Magenmilieu hartnäckig am Leben. Dies gelingt ihm unter anderem durch die Produktion von Ammoniak, mit dem er seine direkte Umgebung neutralisiert. Zudem bildet der Keim das Enzym gamma-Glutamyltranspeptidase (gGT), das bestimmte Immunantworten des Menschen hemmt oder sogar blockiert. Und nicht zuletzt haftet sich H. pylori mittels spezieller Strukturen fest an die Magenschleimhaut. Dort einmal angesiedelt, schüttet er Toxine aus, die die Schleimhaut schädigen und die Magensäureproduktion erhöhen.

Eradikation von H. pylori

Ist eine medikamentöse Eradikation (Entfernung) des Keimes indiziert, besteht diese in der Regel aus einer Dreifachkombination (Tripletherapie, RP), zumeist über einen Zeitraum von ein bis zu zwei Wochen. Die Standard-Tripletherapien bestehen aus einem Protonenpumpenhemmer (PPI), dem Antibiotikum Clarithromycin und einem zweiten Antibiotikum. Dieses ist Amoxicillin (französisches Design) oder Metronidazol (italienisches Design).

Außerdem gibt es die Bismut-Quadrupel-Therapie, bestehend aus PPI, Bismut-Kalium-Salz, Tetracyclin und Metronidazol. Diese ist als Erstlinien-Therapie angezeigt, wenn die lokale Clarithromycin-Resistenz einen bestimmten Schwellenwert übersteigt. Ebenso als Zweitlinien-Therapie, wenn eine Standard-Tripletherapie versagt. Eine weitere Zweitlinien-Therapie ist die Fluorchinolon-Tripletherapie, bestehend aus PPI, Amoxicillin, Levofloxacin oder Moxifloxacin. Der Erfolg einer jeden medikamentösen Eradikation hängt ganz wesentlich von der Adhärenz des Patienten ab. Versäumt dieser, nur wenige der zahlreichen Tabletten einzunehmen oder bricht er die Behandlung vorzeitig ab, sinken die Erfolgschancen erheblich. Daher ist das HV-Team gefordert, den Patienten aufzuklären und „bei der Stange zu halten“.

Tumorerkrankung ZES

Die seltene Erkrankung ist gekennzeichnet durch schwere peptische Störungen wie Geschwüre (Ulzera) und Oesophagitis. Ursache des ZES ist ein Gastrin-sezernierender Tumor, der auch Gastrinom genannt wird und in der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) oder dem Zwölffingerdarm (Duodenum) lokalisiert ist. Durch die unkontrollierte Gastrinproduktion des Tumors kommt es zu einer überschießenden Ausschüttung von Magensäure, die zu Magen- und/oder Dünndarmgeschwüren (Ulkuskrankheit) sowie Sodbrennen (Refluxkrankheit) führt, ebenso zu chronischen Durchfällen und Bauchschmerzen.

Die komplexen Therapiemöglichkeiten (z. B. chirurgische Maßnahmen, Chemotherapie) richten sich unter anderem danach, ob der Tumor als gutartig oder bösartig (meistens der Fall) mit oder ohne Lebermetastasen diagnostiziert wird. So lange wie erforderlich muss die vermehrte Sekretion von Magensäure gehemmt werden. Mittel der Wahl sind orale PPI, die zumeist hoch dosiert gegeben werden müssen. Ist die orale Gabe nicht möglich, sind intravenöse PPI die Alternative.

Säuremindernde Wirkstoffe

Säurebedingte Beschwerden lassen sich lindern oder sogar beseitigen, indem der pH-Wert des Magensaftes angehoben wird und dieser dadurch an Aggressivität verliert. Rezeptfreie Antazida (z. B. Magaldrat, Hydrotalcit) sind ausschließlich lokal wirksam. Sie erhöhen den pH-Wert des Mageninhaltes über eine chemische Neutralisationsreaktion. Die Wirkung tritt rasch ein, hält aber im Vergleich zu PPI nur kurz an. Daher sind Antazida bevorzugt bei akuten Beschwerden zu empfehlen. Ebenfalls ausschließlich lokal wirksam sind Alginate, auch rezeptfrei. Treffen diese auf Magensäure, bilden sie ein zähflüssiges Gel. Dieses schwimmt auf dem Speisebrei, wodurch eine schützende Barriere zwischen saurem Mageninhalt und Speiseröhre entsteht.

Zusätzlich können Alginate die Magensäure neutralisieren. PPI (z. B. Omeprazol, Pantoprazol) sind die effektivsten und am längsten wirksamen „Säurehemmer“ und bei chronischen Beschwerden Mittel der Wahl. Sie inhibieren über einen Angriff an der Protonenpumpe die Ausschüttung von H + - Ionen: unabhängig davon, ob deren Produktion durch Gastrin, Histamin oder Acetylcholin stimuliert wird. PPI sind in Abhängigkeit von der Substanz und nur in niedriger Dosierung rezeptfrei erhältlich.


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