29.11.2017 - Zum Beratungsthema: Psyche

Stress: Im Hamsterrad

© RapidEye / Getty Images / iSto

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von Jana Marent

Die gesundheitlichen Folgen von zu viel Stress werden oft unterschätzt. Raten Sie Kunden, frühzeitig gegenzusteuern. Sinnvoll ist es, pflanzliche Präparate mit Massnahmen zum Stressabbau zu kombinieren.

Stress ist in. Der moderne Mensch muss im Beruf schnell, effektiv und flexibel arbeiten. Über das Smartphone ist er ständig verfügbar, und im Internet wird er mit einer immer größer werdenden Informationsflut konfrontiert. Für familiäre Aufgaben bleiben kaum Reserven. Es wird gern über Stress gejammert, doch selten wirklich etwas dagegen getan. Denn viele Menschen fühlen sich bestätigt und gebraucht, wenn sie hohe Anforderungen meistern.

Stress ist ein zweischneidiges Schwert. Kurzfristig erhöht er Aufmerksamkeit und Leistungsbereitschaft. Hält er jedoch zu lange an, leiden Körper und Seele. Der Grund dafür liegt in unseren Steinzeitgenen.

Aus dem OTC-Sortiment*

Hauptwirkstoff(e)

Produkte

Indikation

Baldrianwurzelextrakt

Baldrian Dispert® Tag

Unruhezustände

Baldrian-ratiopharm® 450 mg

leichte nervöse Anspannung, Schlafstörungen

Passionsblumenkrautextrakt

Kytta Sedativum® für den Tag, Pascoflair®

nervöse Unruhezustände

Baldrianwurzel-, Hopfenzapfen- und Melissenblättertrockenextrakt

Baldriparan® zur Beruhigung

bei Unruhezuständen und nervös bedingten Einschlafstörungen

Lavendelöl

Lasea®

Unruhezustände bei ängstlicher Verstimmung

Rosenwurz-Wurzel- und -Wurzelstocktrockenextrakt

Rhodiolan®

stressbedingte Müdigkeits- und Schwächegefühle

Johanniskrauttrockenextrakt

Felis® 425 mg, Jarsin® 450 mg

leichte vorübergehende depressive Störungen

Passiflora incarnata D2, Avena sativa D2, Coffea arabica D12, Zincum isovalerianicum D4

Neurexan®

laut homöopathischen Arzneimittelbildern u. a. Schlafstörungen/nervöse Unruhezustände

Passiflora incarnata ø, Gelsemium sempervirens D4, Reserpinum D6, Coffea arabica D6, Veratrum album D6

Dysto-loges®

laut homöopathischen Arzneimittelbildern u. a. nervöse Störungen

* ohne Anspruch auf Vollständigkeit (Stand Lauer-Taxe 7.11.2017)

Hintergrund

Entwicklungsgeschichtlich diente die Stressreaktion dazu, den Körper bei drohender Gefahr auf Flucht oder Kampf vorzubereiten. Dafür werden Stresshormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol ausgeschüttet, die den Körper aktivieren. Diese können innerhalb von kürzester Zeit Herzschlag und Atmung beschleunigen sowie Blutzuckerspiegel (Energie bereitstellen) und Muskeltonus erhöhen. So konnte der Steinzeitmensch etwa vor einem gefährlichen Tier davonlaufen. Während der Muskelarbeit bei der Flucht wurden die Stresshormone abgebaut. Im Unterschied zu den ursprünglichen Stressauslösern lässt moderner Stress nicht so schnell wieder nach und wird in der Regel auch nicht durch Flucht oder Kampf entschärft. In Folge ist die Konzentration der Stresshormone über längere Zeit erhöht und kann der Gesundheit schaden. Besonders Cortisol spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle. Bei chronischem Stress kann sein Spiegel dauerhaft erhöht bleiben, was zu einer Veränderung etwa des Energiestoffwechsels führt; als Folge steigt das Körpergewicht an. Experten sprechen auch vom „Cortisolbauch“.

Warnsymptome

Erste Anzeichen für eine seelische Erschöpfung sind Unruhe, Nervosität und Gereiztheit. Die Gedanken beginnen im Kopf zu kreisen, und es wird immer schwerer, zur Ruhe zu kommen. Tagsüber leiden Konzentration, Aufmerksamkeit und Organisationsfähigkeit. Nachts wird der Schlaf gestört. Wird jetzt nicht gegengesteuert, entsteht ein Teufelskreis. Denn aufgrund der stressbedingten Beeinträchtigungen wird es noch schwerer, das alltägliche Pensum zu bewältigen. Es kommt zu Misserfolgen und Versagensängsten, wodurch der Stresspegel weiter ansteigt. Im schlimmsten Falle drohen Burnout und/oder Depressionen. Neben seelischen Warnsymptomen treten auch körperliche auf. Typisch sind Rücken-, Kopf- und Brustschmerzen, Verdauungsstörungen, Infektanfälligkeit sowie erhöhte Blutdruck- und Blutzuckerwerte.

Nachfragen-- Vielen Menschen fällt es schwer, sich und anderen einzugestehen, dass sie unter zu viel Stress leiden. Sie werten ihren Erschöpfungszustand als Versagen und versuchen, ihn zu vertuschen. Oft wird dann in der Apotheke statt über Stress über ein besonders belastendes Warnsymptom wie Schlafstörungen oder Rückenschmerzen geklagt. Hier gilt es, aktiv nachzufragen.

Selbstmedikation

Phytopharmaka und Homöopathika können das Stressempfinden mit beruhigenden und entspannenden Effekten lindern. Häufig werden Kombinationspräparate aus Extrakten verschiedener Heilpflanzen oder Komplexhomöopathika eingesetzt, die sich in ihren Wirkweisen ergänzen.

Phytopharmaka

Sie sind bei Stressbeschwerden gut verträglich. Kunden können beruhigt werden, dass Phytopharmaka die Aufmerksamkeit, anders als chemisch-synthetische Beruhigungsmittel, kaum beeinträchtigen. Im Beratungsgespräch sollte darauf hingewiesen werden, dass die volle Wirksamkeit erst nach etwa zwei bis vier Wochen regelmäßiger Einnahme erreicht wird. Tritt trotz Behandlung keine Besserung ein, wird ein Arztbesuch zwingend nötig.

Baldrian

Der Extrakt der Baldrianwurzel (Valerianae radix) ist bekannt für seine beruhigende, schlaffördernde Wirkung. Zur Beruhigung am Tag werden niedrigere Dosen eingesetzt als zum Schlafen in der Nacht. Als Wirkprinzip wird eine Verstärkung der Effekte von hemmenden (GABA = Gamma-Aminobuttersäure) und schlaffördernden (Adenosin) Botenstoffen diskutiert.

Faktum

  1. In der Apotheke muss abgeklärt werden, ob ärztlich zu behandelnde Symptome auftreten.
  2. Leidet der Kunde unter Niedergeschlagenheit und einer ausgeprägten Unfähigkeit, Freude zu empfinden, deutet das auf eine Depression hin.
  3. Schlafstörungen, die länger als drei Wochen bestehen, sollten ärztlich untersucht werden.
  4. Die Einnahme von Medikamenten wie Theophyllin kann zu innerer Unruhe führen.

Johanniskraut

Geht die Stressbelastung mit einer gedrückten Stimmung einher, können pflanzliche Sedativa mit dem Extrakt des Johanniskrauts (Hypericum perforatum) kombiniert werden. Dessen antidepressive Wirkung ist gut untersucht und wird auf eine Konzentrationssteigerung von stimmungsaufhellenden Botenstoffen im Gehirn zurückgeführt. Bei der Abgabe von Johanniskrautpräparaten sollte das Risiko einer erhöhten Lichtempfindlichkeit angesprochen werden. Zudem kommt es zu zahlreichen Arzneimittelwechselwirkungen, unter anderen mit Antikoagulanzien, herzwirksamen Glykosiden, oralen Kontrazeptiva, Immunsuppressiva, Proteaseinhibitoren, trizyklischen Antidepressiva und Zytostatika. Zu beachten ist auch, dass nur Präparate mit der Indikation „leichte, vorübergehende depressive Störung“ den OTC-Status haben.

Weitere-- Auch Extrakte aus Hopfenzapfen (Lupuli strobulus), Passionsblumenkraut (Passiflorae herba), Melissenblättern (Melissae folium) sowie Rosenwurz-Wurzel und -Wurzelstock (Rhodiolae radix, Rhodiolae rhizoma) helfen bei Stressbeschwerden. Das ätherische Öl aus Lavendelblüten (Lavandulae flos) ist zur „Behandlung von Unruhezuständen bei ängstlicher Verstimmung“ indiziert.

Homöopathika

Besteht Interesse an alternativen Heilmethoden, können Stressbeschwerden homöopathisch behandelt werden. Dabei werden auch Extrakte aus den gleichen Heilpflanzen wie in der Phytotherapie eingesetzt, allerdings mit einem anderen Therapieansatz und in einer anderen Dosierung. Dafür setzt die Homöopathie potenzierte Wirkstoffe als Einzelmittel ein wie Valeriana officinalis D1 (bei Schlafstörungen, Krämpfen, Schmerzen), Humulus lupulus D2 (bei Schlaflosigkeit, Tagesmüdigkeit, nervöser Erschöpfung), Passiflora incarnata D2 (bei Schlaflosigkeit, Nervosität, Krämpfen), Nux vomica D6 (bei Überforderung, gehetzter Lebensweise, Arbeitswut), Bryonia D6 (bei gereizter Stimmung, Ruhebedürfnis, verkrampfter Rückenmuskulatur), Chamomilla D6 (bei gereizter, verärgerter Stimmung), Coffea arabica D12 (bei Schlaflosigkeit, Nervosität, Gedankenkreisen) und Zincum isovalerianicum D4 (bei Schlafstörungen, Unruhe, Krämpfen). Homöopathische Komplexmittel enthalten mehrere homöopathische Inhaltsstoffe und haben wie Phytopharmaka ein Zulassungsverfahren durchlaufen.

Schüßler-Salze-- Gegen Stress und seine Folgen sollen eine Kur mit Kalium phosphoricum (Nr. 5, morgens 5 Tbl., Salz der Nerven und Psyche), Ferrum phosphoricum (Nr. 3, mittags 5 Tbl., Salz des Immunsystems) sowie Magnesium phosphoricum (Nr. 7, abends 5 Tbl., Salz der Muskeln und Nerven) helfen.

TIPP!

Wenn Sie einem Kunden raten, an einem stressabbauenden Kurs teilzunehmen, halten Sie am besten gleich einige entsprechende Adressen bereit. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass der Kunde eines oder mehrere Angebote ausprobiert.

Stressbewältigung

Medikamente für die Selbstmedikation können das Stressempfinden kurzfristig senken. Langfristig hilft aber nur ein besseres Stressmanagement. Da Stresshormone durch Bewegung abgebaut werden, ist Sport ein effektiver Stresskiller. Ideal ist Ausdauersport wie täglich eine halbe Stunde Joggen. Auch Regenerationszeiten (ausreichend Schlaf, Entspannungsbad) und positive Ereignisse (Kinobesuche, Kochabend, Gartenarbeit) puffern Stress ab. Kunden sollten darauf hingewiesen werden, dass diese Maßnahmen nicht zwangsweise viel Zeit benötigen. Kurze, regelmäßige Inseln für den inneren Ausgleich können Belastungen oft effektiv abfangen. Die PTA kann Kunden auch einen Kurs zur progressiven Muskelentspannung oder autogenes Training empfehlen, am besten gleich mit Kontaktadresse.


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