30.01.2020

Trinknahrung: Gegen das Vergessen

von Beate Ebbers

Bis heute gibt es gegen Morbus Alzheimer kein Heilmittel. Derzeit lässt sich lediglich der Verlauf verzögern. Furore macht nun eine Trinknahrung, die die Gedächtnisleistung verbessern soll. Hält sie, was sie verspricht?

© mauritius images / Science Photo

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  • Es gibt eine Trinknahrung für Menschen mit den ersten Anzeichen von Alzheimer. Diese enthält eine definierte Kombination an Nährstoffen.
  • Hierzu zählen Omega-3-Fettsäuren, Antioxidanzien, B-Vitaminen und Bausteine neuronaler Membranen.
  • In klinischen Studien konnte der Nährstoffmix die Hirnleistung nicht generell verbessern und das Fortschreiten von Alzheimer nicht verhindern.
  • Der beste Schutz vor Alzheimer ist eine mediterrane Kost, regelmäßige körperliche Aktivität, ein aktives, geistiges und soziales Leben und der Verzicht auf das Rauchen.

Als Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke (bilanzierte Diät) enthält die Trinknahrung auf Joghurtbasis die patentierte Nährstoffkombination Fortasyn ® Connect (Souvenaid ®) zur ergänzenden Ernährung bei Patienten mit den ersten Anzeichen von Alzheimer. In dieser sehr frühen Phase, dem Prodromalstadium, ist ein geringer geistiger Leistungsverlust vorhanden, der jedoch noch nicht den Schweregrad einer Demenz erreicht. Gerade im Anfangsstadium können therapeutische Maßnahmen ein Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. In dieser Phase sollen die in der Nährstoffkombination enthaltenen Bestandteile die Synthese neuer neuronaler Zellmembranen in den Synapsen des Gehirns fördern und so die Gedächtnisleistung unterstützen.

Zusammensetzung-- Die Nährstoffkombination liefert die wesentlichen Bausteine neuronaler Membranen und Synapsen. Dazu gehören die Omega-3-Fettsäuren Docosahexaen- und Eicosapentaensäure (Tagesdosis: 1200 mg, 300 mg), Phospholipide, Cholin und Uridinmonophosphat. Weitere Bestandteile sind die Antioxidanzien Vitamin C, E und Selen (Tagesdosis: 80 mg, 40 mg, 60 µg) sowie die B-Vitamine B6, B12 und Folsäure (Tagesdosis: 1 mg, 3 µg, 400 µg).

Als Cofaktoren unterstützen sie die Bildung von Zellmembranbestandteilen. Die Antioxidanzien wirken einer Oxidation und damit Zerstörung der Zellmembranen entgegen. Die Mengen sind so konzipiert, dass mit einer Tagesdosis der Trinknahrung die D-A-CH-Zufuhrempfehlungen der Antioxidanzien und B-Vitamine nahezu erreicht werden. Der Hersteller empfiehlt, eine Flasche (125 ml) schluckweise über den Tag verteilt zu trinken. Die Trinknahrung ist nicht verordnungsfähig und somit auch nicht erstattungsfähig.

Studien

Doch können die Trinknahrungen in der empfohlenen Dosierung tatsächlich die Gedächtnisleistung von Alzheimer-Patienten verbessern? Antworten auf diese Frage liefern die randomisierten, placebokontrollierten, doppelblinden Studien Souvenir I, Souvenir II und S-Connect mit Patienten mit mildem bis moderatem Alzheimer. In den ersten beiden Studien wurden tatsächlich positive Effekte auf die Gedächtnisleistung nachgewiesen. Dies konnte jedoch in der letzten Studie nicht bestätigt werden. Vermutet wird, dass die Erkrankung bei den Probanden dieser Studie schon zu weit fortgeschritten war. Daher wurde die Nährstoffkombination in der placebokontrollierten, doppelblinden LipiDiDiet-Studie ausschließlich an Patienten im Prodromalstadium getestet.

Die Probanden erhielten über zwei Jahre entweder eine Trinknahrung mit dem Nährstoffcocktail oder ein Placebogetränk. Auch hier konnten die Forscher keine generelle Verbesserung der Hirnfunktionen feststellen. Denn gerade bei den Ergebnissen zur Beurteilung der kognitiven Leistungsfähigkeit (neuropsychologischer Test, z. B. Merkaufgaben), welche die Wissenschaftler als primären Endpunkt der Studie wählten, gab es keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen den Probanden der Nährstoffdrinkgruppe und denen der Placebogruppe.

Nur bei zwei von sieben zuvor festgelegten sekundären Parametern war die Interventionsgruppe im Vorteil: Sie konnte geistige Alltagsherausforderungen besser bewältigen, zum Beispiel besser mit Notfällen im Haushalt umgehen oder selbstständig Einkäufe erledigen. Zudem war der Schwund von Gehirnmasse weniger ausgeprägt. Die Forscher kamen insgesamt zu dem Schluss, dass die LipiDiDiet-Studie nicht beweist, dass Fortasyn ® Connect das Fortschreiten des Morbus Alzheimer im Frühstadium verzögern kann. Weitere Studien mit einer größeren Anzahl an Probanden, längerem Untersuchungszeitraum und primären Endpunkten, die mehr auf die Gruppe der Patienten im Prodromalstadium angepasst sind, sind notwendig.

Fazit

Derzeit rechtfertigt die Datenlage keine allgemeingültige Empfehlung, die Nährstoffkombination zum Diätmanagement bei Patienten mit den ersten Anzeichen von Alzheimer einzusetzen. Das spiegelt sich auch in der S3-Leitlinie Demenzen, die keine Empfehlung für eine diätetische Behandlung gibt.

Beratungstipps

Für eine möglichst lange kognitive Leistungsfähigkeit scheint nicht die Zufuhr einzelner isolierter Nährstoffe von Bedeutung zu sein, sondern das Zusammenspiel mehrerer verschiedener Nähr- und Inhaltsstoffe in einer angepassten Kost. Zusammen mit regelmäßiger körperlicher Aktivität, einem aktiven, geistigen und sozialen Leben lässt sich das Alzheimer-Risiko am effektivsten senken, so die Alzheimer Forschung Initiative e. V. Vorteilhaft ist, bereits im mittleren Lebensalter mit der Änderung des Lebensstils zu beginnen. Aber auch bei beginnender Alzheimererkrankung sind die folgenden Tipps empfehlenswert.

Mediterran essen

Mehrere epidemiologische und klinische Studien geben Hinweise darauf, dass eine pflanzenbetonte mediterrane Ernährungsweise mit einem niedrigen Risiko für Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen einhergeht. Der protektive Effekt scheint auch nach der Manifestation der Erkrankung anzuhalten.

Empfehlenswert ist der tägliche Verzehr von Gemüse, Obst, Knoblauch und Getreideprodukten mit ihrem hohen Anteil an Vitaminen, Mineral-, Ballast- sowie sekundären Pflanzenstoffen. Unter den Lebensmitteln tierischer Herkunft sind besonders Fettfische, reich an Omega-3-Fettsäuren, und Sauermilchprodukte mit ihren für die Darmtätigkeit positiven Milchsäurebakterien zu bevorzugen.

Zusammen mit den ballaststoffreichen Hülsenfrüchten sollten sie mehrmals wöchentlich auf dem Speiseplan stehen. Rotes Fleisch sollte dagegen nur wenig gegessen werden. Es scheint mit einem höheren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert zu sein. Bei den Fetten beziehungsweise fettreichen Lebensmitteln sind Olivenöl sowie Mandeln und Nüssen empfehlenswert. Sie zeigen ein günstiges Fettsäuremuster. Günstig auf die Gedächtnisleistung scheint sich auch der moderate Konsum von Rotwein zu den Mahlzeiten auszuwirken.

Verantwortlich dafür ist nicht der Alkohol, sondern sind antioxidative sekundäre Pflanzenstoffe (z. B. Polyphenole). Dabei sollte darauf geachtet werden, dass die tägliche Höchstmenge an Alkohol nicht überschritten wird. Für gesunde Frauen sind dies maximal zehn Gramm Alkohol pro Tag (z. B. 125 ml Rotwein) und für gesunde Männer 20 Gramm, das jedoch nicht täglich. Denn zu viel Alkohol fördert wiederum die Demenz.

Übergewicht meiden

Fettleibigkeit erhöht das Risiko für gefäßabhängige Störungen des Gehirns und damit für die Entwicklung einer Demenz. Doch auch Untergewicht ist mit einer höheren Demenzrate assoziiert. Empfehlenswert ist ein Normalgewicht mit einem Body Mass Index zwischen 18,5 und 24,9 Kilogramm pro Quadratmeter Körpergewicht (kg/m 2 ). Ob sich eine schon verminderte Gedächtnisleistung durch eine Gewichtsabnahme bei übergewichtigen Menschen aufhalten oder umkehren lässt, muss noch untersucht werden.

Nicht rauchen

Raucher im Alter von 50 bis 60 Jahren mit einem Zigarettenkonsum von mehr als zwei Packungen pro Tag sind im Vergleich zu Nichtrauchern doppelt so stark gefährdet, zwei Jahrzehnte später an Alzheimer oder Altersdemenz zu erkranken. Dabei schädigt der Tabakrauch nicht nur die Gefäße, sondern auch den Stoffwechsel der Hirnzellen. Empfehlenswert ist, erst gar nicht mit dem Rauchen zu beginnen. Aufhörwillige Raucher kann die PTA auf dem Weg zum Nikotinverzicht durch begleitende Beratung unterstützen.


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