30.05.2021

Trinknahrungen: Mehr Kraft

von Beate Ebbers

Mangelernährung und Gewichtsverlust können ungewollte Begleiter einer Tumorerkrankung sein. Hier liefern Spezialtrinknahrungen Nährstoffe und Energie. So sollen sich Therapien besser verkraften lassen.

© fizkes / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell)

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  • Manche Tumorerkrankungen gehen mit einem hohen Risiko für Energie- und Eiweißmangel sowie Gewichtsverlust einher.
  • Eine energie- und eiweißreiche Ernährung minimiert dieses Risiko.
  • Kann der erhöhte Bedarf nicht über die Nahrung gedeckt werden, steht eine vollbilanzierte, hoch kalorische und eiweißreiche Spezialtrinknahrung zur Verfügung.
  • Eine teilbilanzierte Spezialtrinknahrung dient der Anreicherung von Glutamin im Organismus.

Je nach Lage des Tumors verlieren 31 bis 87 Prozent der Krebspatienten im fortgeschrittenen Stadium Gewicht. Manche nehmen bereits vor der Diagnose ungewollt ab, was nicht selten der erste Hinweis auf einen Tumor ist. Ursache ist nicht nur eine unzureichende Nahrungsaufnahme, sondern auch eine durch den Tumor selbst ausgelöste Entzündungsreaktion im ganzen Körper (systemische Inflammation). Diese führt zu einem katabolen Stoffwechsel mit Behinderung des Eiweißaufbaus, Verlust an Muskelmasse und Insulinresistenz (inflammatorische Mangelernährung, Tumorkachexie). Die Patienten fühlen sich schwach, müde, antriebslos, zeigen eine erhöhte Infektneigung und schlechte Wundheilung.

Abhängig von der Art und Lokalität des Tumors kann es zudem zu Symptomen kommen wie Appetitlosigkeit, Geschmacksveränderungen, Völlegefühl, Übelkeit mit Erbrechen, Schmerzen, Verstopfung oder Durchfall sowie Kau- und Schluckbeschwerden. Zusätzlich können Nebenwirkungen der Krebstherapie, zum Beispiel eine Schleimhautentzündung (Mukositis), die Nahrungsaufnahme erschweren. Ein guter Ernährungszustand ist jedoch wichtig für das Wohlbefinden und den Erfolg der Krebsbehandlung. Um diesen zu verbessern, einer Tumorkachexie vorzubeugen oder ein Fortschreiten zu verhindern, empfiehlt die S3-Leitlinie Klinische Ernährung in der Onkologie frühzeitig ein Screening auf Mangelernährung und eine Ernährungsintervention.

Angepasste Kost

Eine Krebsdiät gibt es nicht. Für die immer wieder propagierten Ratschläge, den Tumor mit Hilfe einer ketogenen Kost oder Low-Carb-Diät auszuhungern, gibt es nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums keine wissenschaftlichen Belege. Grundsätzlich gelten für Krebspatienten die gleichen Ernährungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung wie für Gesunde: Die Kost sollte ausgewogen, vielseitig und vollwertig sein und hinsichtlich der Hauptnährstoffe (Kohlenhydrate, Fett, Eiweiß), Vitamine, Mineral- und Ballaststoffe auf den individuellen Bedarf abgestimmt sein. Bei hohem Risiko für Gewichtsverlust und Mangelernährung ist eine energie- und eiweißreiche Kost sinnvoll.

Die angemessene Energiezufuhr liegt für bettlägerige Patienten bei 25 Kilokalorien pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag, bei mobilen Personen steigt sie auf 30. Der Eiweißbedarf ist mit 1,2 bis 1,5 (2,0 bei Inflammation) Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag höher als normal (0,8 g/kg KG/d), da onkologische Patienten einen höheren Eiweißumsatz haben. Der Fettanteil sollte bei mindestens 35 Prozent der Gesamtenergiezufuhr liegen. Der Bedarf an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen entspricht dem von Gesunden. Es gilt, zunächst die normale Ernährung zu optimieren. Erst wenn das nicht ausreicht oder schon eine Tumorkachexie vorliegt, ist eine Ergänzung mit einer Zusatznahrung notwendig.

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Spezialtrinknahrungen

Viele Patienten kommen mit einer hoch kalorischen Standardtrinknahrung klar. Als bilanzierte Diät enthält sie alle essenziellen Nährstoffe in ausreichender Menge und zeichnet sich durch eine hohe Energiedichte von 1,2 und mehr Kilokalorien pro Milliliter aus. Die Standardtrinknahrungen sind verordnungs- und erstattungsfähig, wenn der Arzt eine „fehlende oder eingeschränkte Fähigkeit zur ausreichenden normalen Ernährung“ feststellt und sonstige alternative Maßnahmen nicht ausreichen, um die Ernährungssituation zu verbessern.

Darüber hinaus gibt es für Krebspatienten eine teil- und eine vollbilanzierte Spezialnahrung, deren Kosten nicht von den Krankenkassen übernommen werden: Die teilbilanzierte Trinknahrung enthält definierte Substanzen wie Glutamin, die bestimmte Nebenwirkungen wie die Mukositis während der Chemo- und Strahlentherapie mildern soll. Die vollbilanzierte Trinknahrung ist für die Ernährungstherapie bei Mangelernährung wegen einer Krebserkrankung entwickelt worden. Sie ist insbesondere hinsichtlich des Energie-, Eiweißgehaltes und des Fettsäurenmusters an den veränderten Stoffwechsel der Krebspatienten angepasst.

Beide Spezialtrinknahrungen liefern mit Energiegehalten von 1,43 beziehungsweise 1,63 Kilokalorien pro Milliliter reichlich Energie. Damit tragen sie dazu bei, den erhöhten Energiebedarf von an Krebs Erkrankten zu decken und einer Gewichtsabnahme vorzubeugen. Sie werden im Folgenden näher beschrieben.

Aus dem OTC-Sortiment*

Produkt

Eigenschaften**

empfohlene Tagesmenge (zur ergänzenden Ernährung)**

verordnungsfähig**

Kabi® Glutamine

- Trinknahrung auf Pulverbasis

- teilbilanziert

- hoher Gehalt an Glutamin (10 g pro Sachet)

- ballaststoffhaltig

- geschmacksneutral

- laktosefrei

- glutenfrei

- Applikation über Ernährungs- sonde möglich (sondengängig)

2 – 3 Sachets/d

Hinweis: 3 – 5 Tage vor der Chemo- bzw. Strahlentherapie beginnen und mind. 5 Tage nach Beendigung des Therapiezyklus bzw. bis zum Abklingen der Be- schwerden fortsetzen

nein

FortiCare

(Cappuccino, Orange-Zitrone)

- vollbilanziert

- hoch kalorisch (1,63 kcal/ml = 204 kcal pro Flasche)

- ballaststoffhaltig

- reich an Omega-3-Fettsäuren (EPA, DHA)

- eiweißreich (8,8 g/100 ml)

- glutenfrei

- laktosefrei

3 Fl./d

nein

*beispielhafte Nennungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit (Stand Lauer-Taxe: 11.05.21); **lt. Hersteller (Homepage)

Vollbilanziert

Die vollbilanzierte Trinknahrung enthält alle lebenswichtigen Nährstoffe in bedarfsgerechter Menge. Sie kann ergänzend und zur alleinigen Ernährung eingesetzt werden. Davon profitieren Patienten, denen es schwerfällt, ausreichend zu essen.

Eiweiß-- Mit 8,8 Gramm Eiweiß pro 100 Milliliter sind vollbilanzierte Produkte eiweißreich. Das trägt dazu bei, den ebenfalls erhöhten Eiweißbedarf bei Krebskranken zu decken und einem Muskelabbau entgegenzuwirken.

Allgemein verringert eine proteinreiche Nahrung das Risiko fürs Wundliegen und verbessert die Wundheilung. Davon profitieren besonders bettlägerige Patienten.

Omega-3-Fettsäuren-- Der Gehalt an Omega-3-Fettsäuren entspricht den Empfehlungen der Leitlinie. Dort heißt es: „Patienten mit Tumorkachexie kann zur Verbesserung systemischer Inflammations- marker, des Appetits, der Nahrungsaufnahme, des Körpergewichts und der Lebensqualität Eicosapentaensäure in Tagesdosen von 1,5 bis 2,5 Gramm, auch als Bestandteil von Fischöl, verabreicht werden.“ Ein positiver Effekt konnte auch mit angereicherten Trinksupplementen nachgewiesen werden. Besonders Symptome wie niedriges Körpergewicht, Abnahme von Muskelmasse, Anorexie, Fatigue und neuropathischen Beschwerden bei onkologischen Patienten verbesserten sich nach der Einnahme.

Teilbilanziert

Die teilbilanzierte Spezialtrinknahrung enthält nicht alle Nährstoffe in bedarfsdeckender Menge und dient daher immer nur der ergänzenden Ernährung. Es handelt sich um ein glutaminhaltiges Pulver, das für Krebspatienten gedacht ist, die während der Chemo- beziehungsweise Strahlentherapie unter einer Mukositis im Verdauungstrakt leiden. Das Pulver wird eingerührt in Flüssigkeiten oder Speisen.

Besonders Zellen der Darmschleimhaut, der Leber, des zentralen Nervensystems und des Immunsystems verstoffwechseln Glutamin mit hoher Rate. Leiden Krebskranke therapiebedingt unter Entzündungen, weisen sie im Vergleich zu Kontrollgruppen deutlich niedrigere Serumglutaminspiegel auf. Die Trinknahrung soll helfen, einem Glutaminmangel vorzubeugen oder ihn auszu- gleichen und das Risiko für Entzündungen zu senken. Da jedoch wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit dieser Nahrungen fehlen, empfehlen die Leitlinien Trinknahrungen mit Glutamin derzeit nicht.

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