29.06.2020

Trockenes Auge: Falsche Tränen

von Christopher Waxenegger

Stundenlange Bildschirmarbeit, das Tragen von Kontaktlinsen oder auch schlichtweg das Alter selbst können trockene Augen verursachen. Eine individu- elle Beratung ist Voraussetzung für einen langfristigen Behandlungserfolg.

© Getty Images/iStockphoto (Symbolbild mit Fotomodell)

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  • Trockene Augen haben viele Ursachen und beruhen auf einer falschen Zusammensetzung des Tränenfilms.
  • Während bei jüngeren Menschen befeuchtende Augentropfen oft ausreichend sind, ist bei älteren Kunden zusätzlich die Lipidschicht beeinträchtigt.
  • Neben der optimalen Wirkstoffauswahl ist auf Konservierungsmittelfreiheit und etwaige Handhabungsschwierigkeiten zu achten, und die Anwendung muss dem Kunden demonstriert werden.

Das menschliche Auge besteht aus einer Vielzahl von Einzelkomponenten, deren Zusammenwirken für das reibungslose Sehen essenziell ist. Ein besonders wichtiger Vorgang ist die Verteilung der Tränenflüssigkeit über die Hornhaut des Auges. Circa fünf bis 15 Mal pro Minute blinzelt der Mensch unwillkürlich mit den Lidern. Dies bewirkt eine gleichmäßige Befeuchtung des Auges und transportiert zugleich sämtliche Fremdkörper zum inneren Lidwinkel.

Warum wird das Auge trocken?

Der Tränenfilm ist jedoch keine einheitliche Flüssigkeit. Tatsächlich besteht er aus drei verschiedenen Schichten; jede einzelne erfüllt eine andere Aufgabe. Die innerste Schicht ist aus Tränenflüssigkeit und Muzinen (Schleimstoffen) aufgebaut. Chemisch gesehen handelt es sich um ein Hydrogel, auf dessen Oberfläche eine zweite wässrige Schicht aufliegt. Ein sehr dünner Lipidfilm bildet den Abschluss und fungiert einerseits als Verdunstungsschutz, andererseits als Transportmedium für etwaige Störenfriede wie Fremdkörper.

Eine falsche Zusammensetzung des Tränenfilms (Mangel an Fett und/oder Feuchtigkeit) kann zur Entwicklung eines trockenen Auges beitragen, da hierdurch die Aufreißzeit des Tränenfilms verkürzt wird. Das Auge wird empfindlicher für äußere Einflüsse; es kommen Augentropfen, -gele und -salben zum Einsatz, um die Symptome wie Brennen, Jucken und Fremdkörpergefühl zu beseitigen.

Aus dem OTC-Sortiment*

Wirkstoff

Präparate

Hyaluronsäure

Hylo® Gel, Hylo-Vision® Safe Drop 0,1%

Carmellose

Celluvisc®

Hypromellose

Artelac®, Berberil® Dry Eye

Polyvinylalkohol

Siccaprotect®

Povidon

Lac Ophtal MP, Protagent® SE

Carbomere

Siccapos® Gel, Thilo-Tears®

Lipide

Artelac® Lipids EDO, Systane® Balance

Liposomen

Omnitears® Lidspray N

*beispielhafte Nennungen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, (Stand Lauer-Taxe: 03.06.2020)

Wirkstoffe

Viele der handelsüblichen Wirkstoffe erhöhen primär die Viskosität der Tränenflüssigkeit und sorgen dafür, dass diese länger auf der Hornhaut haftet. Dadurch lässt sich die nötige Anwendungsfrequenz von Ophtalmika auf drei- bis fünfmal täglich reduzieren. Grundsätzlich soll nur ein Tropfen pro Auge appliziert und ein Abstand von mindestens zehn Minuten zwischen zwei unterschiedlichen Präparaten eingehalten werden.

Gele und insbesondere Salben werden bevorzugt am Abend angewandt, da sie das Sehen beeinträchtigen. Dazu wird ein etwa fünf Millimeter langer Gel- oder Salbenstrang durch behutsames Herunterziehen des unteren Augenlides in den Bindehautsack eingebracht. Durch vorsichtiges Drehen und Wenden der Tube wird der Strang von der Applikatorspitze gelöst. Diese sollte, genauso wie bei Tropfen, aus hygienischen Gründen nicht mit dem Auge in Kontakt kommen. Bei Augentropfen wird ein Tropfen der Zubereitung direkt in den Bindehautsack fallen gelassen und im Anschluss das Auge für ein paar Sekunden geschlossen.

Ich empfehle ...

Was empfehlen Sie Kunden, die unter trockenen Augen leiden?

Ich frage zuerst nach Grunderkrankungen, die trockene Augen begünstigen. Zum Beispiel dem Sjögren-Syndrom, einer Autoimmunerkrankung aus dem rheumatischen Formenkreis. Auch kläre ich, ob Medikamente eingenommen werden. Orale Kontrazeptiva, Betablocker oder Anticholinergika beeinflussen die Tränenproduktion negativ.

Und weiter?

Je nachdem rate ich zum Arztbesuch. Oft sitzen Betroffene aber nur zu lange vor dem PC. Dabei wird weniger geblinzelt, und die Augen werden so weniger befeuchtet. Hier empfehle ich hyaluronsäurehaltige Präparate.

Sonst noch Tipps?

Viel trinken, für ausreichend feuchte, frische Luft im Raum sorgen und am PC öfter Pausen einlegen. Kontaktlinsen nicht zu lange tragen und auf reizende Kosmetika in Augennähe verzichten.

Tipps von Sebastian Giemsch, Mitglied im PTA Beirat von DAS PTA MAGAZIN.

Filmbildner

Ein durchaus unterschätztes Thema ist die Wirkstoffauswahl, mit der eine individuelle Kundenbetreuung erst möglich wird. Mit Abstand am häufigsten findet man in OTC-Ophthalmica Hyalu-ronsäure. Sie ist aufgrund ihrer Struktur in der Lage, sehr große Mengen Wasser zu binden. Ferner besitzt sie mucoadhäsive Eigenschaften und haftet gut auf der Augenoberfläche. Am Auge stabilisiert sie den Tränenfilm, wobei die Dauer der Wirkung mit steigender Konzentration in der Zubereitung verlängert wird.

Cellulosederivate wie Carmellose (Carboxymethylcellulose) und Hypromellose) (Hydroxypropylmethylcellulose) sowie Povidon (PVP, Polyvinylpyrrolidon) und Polyvinylalkohol (PVA) erhöhen die Viskosität des Tränenfilms, wobei die Cellulosederivate länger wirken. Zu beachten ist, dass Povidon und Polyvinylalkohol im Gegensatz zu Celluloseestern idealviskose Lösungen bilden, anstelle von plastischen. Idealviskose Lösungen behalten ihre Viskosität, unabhängig von Scherbeanspruchungen, bei und können zu einer Behinderung des Lidschlags mit unangenehmen Empfindungen führen. In dieser Hinsicht sind Celluloseabkömmlinge verträglicher und werden deutlich besser angenommen. Ebenfalls eingesetzt werden Carbomere, die die Kontaktzeit des Tränenfilms mit dem Auge verlängern.

Weitere Inhaltsstoffe

Ebenfalls gut wirksam bei trockenen Augen ist Ectoin, da es Proteine und Zellmembranen mit einer Schicht Wasser umgibt und hydratisierend wirkt. Eine weitere Substanz ist Trehalose, chemisch gesehen ein Disaccharid, welches in Pilzen gebildet wird. Der Zucker bildet eine Schutzschicht auf der Hornhaut und verhindert angesichts seiner hohen Wasserbindungskapazität ein Austrocknen des Auges.

Bei trockenem Auge und deutlich eingeschränkter Lichtwahrnehmung unterstützt Retinol die Nachtsichtfähigkeit. Retinol ist die aktivierte Form von Vitamin A und Bestandteil des Sehfarbstoffes Rhodopsin. Sollte das Auge jucken oder leicht entzündet sein, dann verschafft Dexpan- thenol Linderung. Seine juckreizstillenden, entzündungshemmenden und wundheilungsfördernden Eigenschaf- ten werden auch in zahlreichen Wund- und Heilsalben genutzt.

Wussten Sie ...

  • es verschiedene Augentropfenfläschchen gibt, durch deren besonderen Aufbau auf den Zusatz von Konservierungsmitteln verzichtet werden kann?
  • Beispiele dafür das ABAK-, das 3K-, das OSD- und das COMOD-System sind?
  • es sich beim ABAK-System um ein Quetschfläschchen mit integriertem Filter im Hals handelt?
  • die übrigen zur Gruppe der luftfreien Pumpsysteme gehören, die durch Druck einen Tropfen der Zubereitung mit definiertem Volumen abgegeben?

Konservierungsmittel

Zubereitungen zur Anwendung am Auge müssen definitionsgemäß eine sehr hohe mikrobielle Reinheit aufweisen. Zu diesem Zweck enthalten viele Präparate Konservierungsmittel, um bei längerer Therapie eine Verunrei- nigung etwa mit Staphylococcus aureus und Pseudomonas aeruginosa zu vermeiden. Beide Erreger können schwere Augenentzündungen auslösen. In Bezug auf die dauerhafte Nutzung von Augenzubereitungen hat sich jedoch gezeigt, dass die Verwendung von Konservierungsmitteln mit einer Reihe von Nachteilen verbunden ist. Bestes Beispiel dafür ist Benzalkoniumchlorid, eine quartäre Ammoniumverbindung mit konservierenden Eigenschaften.

Bei wiederholtem Einsatz wird die Stabilität des Tränenfilms beeinträchtigt und das Hornhautepithel geschädigt. Erschwe- rend kommt hinzu, dass Ben zalkoniumchlorid sich bei gleichzeitiger Anwendung mit weichen Kontaktlinsen in diese einlagert und zu Verfärbungen führen kann. Daher ist der Einsatz konservierungsmittelfreier Augentropfen zur Behandlung des trockenen Auges empfehlenswert. Konservierungsmittelfreie Augentropfen werden als Einmaldosen (EDO) oder in kontaminationsgesicherten Mehrdosenbehältnissen (z. B. COMOD-System) angeboten. Vor allem Einmaldosen eignen sich hervorragend für längere Reisen, für den Einsatz beim Sport oder bei sporadischem Gebrauch.

Lipide

Vornehmlich ältere Menschen haben oftmals eine Dysfunktion der lipidproduzierenden Meibomdrüsen und profitieren infolgedessen ganz besonders von lipidhaltigen Tränenersatzmitteln. Diese enthalten in der Regel Triglyzeride, dünnflüssiges Paraffin oder Phospholipide. Sie alle stärken die Lipidschicht des Tränenfilms und liegen als milchig aussehende Flüssigkeit vor. Lipidhaltige Tropfen werden wie üblich in den Bindehautsack getropft, liposomale Augensprays direkt auf das geschlossene Auge gesprüht.


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