01.04.2018

Urologika: Von Blase bis Prostata

von Petra Schicketanz

Urologika sind Arzneimittel zur Behandlung von Erkrankungen der Harnorgane. Sowohl ihre Anwendungsgebiete als auch die eingesetzten Substanzen und Wirkmechanismen sind höchst unterschiedlich.

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Fortbildung

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  • Urologika sind Mittel gegen Miktionsbeschwerden im weiteren Sinne, wie Prostata-, Inkontinenz- und Kathetermittel sowie Harnwegsantiinfektiva.
  • Etwa jeder vierte Mann ab 65 Jahren verspürt Beschwerden durch eine vergrößerte Prostata.
  • 5α-Reduktasehemmer führen bei einer gutartigen Prostatahyperplasie erst nach einer mehrmonatigen Therapie zu einer Verkleinerung des Organs.
  • Ein akuter Harnwegsinfekt verläuft fieberfrei und zeichnet sich durch Algurie, Pollakisurie und imperativen Harndrang aus; die Beschwerden sind auf die unteren Harnwege begrenzt.

Um das Gebiet einzugrenzen, werden Urologika auch als Mittel gegen Miktionsbeschwerden im weitesten Sinne definiert. Dazu gehören Beschwerden wie Prostataerkrankungen, Blasen- und Harnwegsentzündungen, aber auch Inkontinenz, Nieren- und Blasensteine sowie Situationen, die eine Katheterisierung erfordern.

Prostatahyperplasie

Ab etwa 65 Jahren tritt bei rund der Hälfte aller Männer eine gutartige Vergrößerung der Prostata auf, jeder zweite Betroffene verspürt entsprechende Symptome. Kein Wunder, dass die dafür verwendeten Arzneimittel etwa zwei Drittel aller verordneten Urologika ausmachen. Eine Therapie wird erst nötig, wenn die Prostata durch ihr Wachstum den Durchfluss durch die Harnröhre behindert und sich durch subjektive Beschwerden bemerkbar macht. Ein solches benignes Prostatahyperplasie-Syndrom (BPS) ist zwangsläufig durch Blasenentleerungsstörungen gekennzeichnet, wie verzögerte und verlängerte Harnentleerung (Miktion) mit Nachträufeln und abgeschwächtem Harnstrahl, sowie eine Restharnbildung. Zusätzlich treten irritative Störungen auf, wie häufiges oder nächtliches Wasserlassen (Pollakisurie bzw. Nykturie), Schmerzen bei der Blasenentleerung (Dysurie) sowie eine Zunahme des Harndrangs, die in einer Dranginkontinenz münden kann.

Fragebogen

Um einen Fortbildungspunkt zu erwerben, können Sie sich hier zum Einlesen das PDF vom Fragebogen herunterladen.

Pflanzliche Prostatamittel

Es gibt zahlreiche rezeptfreie Phytopharmaka, die bei den Beschwerden einer gutartigen Prostatavergrößerung eingesetzt werden können. Drogenextrakte aus Brennnesselwurzel, Kürbissamen und Sägepalmenfrüchten sind im Einsatz. Als wirksame Inhaltsstoffe gelten Phytosterole (PS), die beispielsweise auch aus Roggenpollen oder der Wurzel von Hypoxis rooperi (Afrikanische Lilie, Gelbes Sternengras) gewonnen werden können. Diese PS sind mit dem Cholesterol verwandt und haben unter anderem cholesterolsenkende, entzündungshemmende und antibakterielle Wirkungen. Für ihre Verwendung beim BPS ist eine Hemmung der 5 α-Reduktase verantwortlich.

Wichtig-- Bei der Beratung in der Apotheke muss unbedingt darauf hingewiesen werden, dass die Mittel zwar die BPS-Beschwerden lindern, aber keinen Einfluss auf die Größe der Prostata nehmen, wie das bei den synthetischen 5 α-Reduktasehemmern der Fall ist. Regelmäßige urologische Kontrollen sind angezeigt, da sich hinter den Beschwerden auch ein Prostatakarzinom verbergen kann. Darüber hinaus können Brennnesselwurzel, Kürbissamen und Sägepalmenfrüchte gelegentlich zu Beschwerden im Verdauungstrakt führen und selten Überempfindlichkeitsreaktionen auslösen.

Sägepalmenfrüchte-- Das Palmengewächs Serenoa repens liefert die Droge Sabal serrulatae fructus (Sägepalmenfrüchte). Hersteller von Fertigarzneimitteln weisen darauf hin, dass der Extrakt Blutdruck und Blutungsneigung erhöhen kann. Das sollte bei der Einnahme entsprechender Medikamente (Blutdruckmittel, Gerinnungshemmer) sowie vor chirurgischen Eingriffen oder Zahnextraktionen berücksichtigt werden. Da die Inhaltsstoffe als Antiandrogene wirken, können sie eine Testosteron-Ersatztherapie abschwächen.

Wissen im Einsatz

Das Fachwissen, das Sie in unserem Titelthema erwerben, können Sie auch bei Ihren englischsprachigen Kunden einsetzen. Lesen Sie dazu den praxisgerechten Beitrag unserer Serie English for PTA.

5α-Reduktasehemmer

Bei älteren Patienten mit einer stark vergrößerten Prostata werden vor allem 5α-Reduktasehemmer wie Finasterid und Dutasterid verschrieben. Diese blockieren die Umwandlung des männlichen Sexualhormons Testosteron in 5 α-Dihydrotestosteron, welches zehnmal stärker als Testosteron das Prostatawachstum ankurbelt. Unter der Therapie mit 5 α-Reduktasehemmern nimmt der 5 α-Dihydrotestosteron-Spiegel in der Prostata um 70 bis 80 Prozent ab, was bei vielen, jedoch nicht allen Patienten, eine deutliche Volumenminderung der Prostata um 20 bis 30 Prozent zur Folge hat.

Wichtig-- Der volumenmindernde Effekt tritt erst nach mehreren Monaten ein. Die Linderung der klinischen Symptome beim Wasserlassen ist jedoch geringer als erwartet. Vor Laborkontrollen sollte unbedingt auf eine bestehende Anwendung von 5 α-Reduktasehemmern hingewiesen werden, da sie den Wert des prostataspezifischen Antigens (PSA) um die Hälfte absenken. PSA ist ein Marker in der Verlaufskontrolle von Prostatakrebs. Die Einnahme von 5 α-Reduktasehemmern kann diese Diagnostik verfälschen.

Alpharezeptorenblocker

Gegenspieler am α-Adrenozeptor ( α-Blocker) lassen die glatte Muskulatur von Prostata, Blasenausgang und einem Teil der Harnröhre erschlaffen. Deshalb eignen sie sich im Einsatz beim BPS und funktionellen Blasenentleerungsstörungen. Gleichzeitig verursachen die Substanzen auch einen gefäßerweiternden Effekt, senken also den Blutdruck und können prinzipiell orthostatische Beschwerden, Schwindel, Übelkeit, Schläfrigkeit, Kopfschmerzen und Herzrasen auslösen. Diese Nebenwirkungen treten in geringerem Maß bei den verschreibungspflichtigen BPH-Therapeutika Alfuzosin und Tamsulosin auf, die bevorzugt am αA-Adrenozeptor angreifen; das ist der Rezeptorsubtyp, der überwiegend in der Prostata vorkommt. Allerdings können die Wirkstoffe zu Rhinitis, Bauchschmerzen, Mundtrockenheit, allergischen Symptomen und Ejakulationsstörungen (Tamsulosin) oder Dauererektion (= Priapismus, bei Alfuzosin) führen.

TIPP!

Bei Harnwegsinfekten soll im Allgemeinen viel getrunken werden. Kunden, die ein Harnwegsantibiotikum einnehmen, raten Sie besser, die Trinkmenge über den Tag auf 1,5 Liter zu begrenzen, um die Wirkstoffkonzentration im Harn nicht zu stark abzusenken.

Harnwegsinfekte

Über das Thema Blasenentzündungen bei Frauen lassen sich ganze Bücher schreiben, daher ist an dieser Stelle das Thema verkürzt auf die Therapie unkomplizierter Harnwegsinfektionen. Die nachfolgenden Inhalte sind in den 2017 aktualisierten AWMF-Leitlinien über Harnwegsinfektionen nachzulesen.

Die unkomplizierte Harnwegsinfektion

Als unkompliziert gilt eine Harnwegsinfektion (Zystitis) dann, wenn der Harntrakt keine relevanten funktionellen oder anatomischen Anomalien aufweist und weder Nierenstörungen noch relevante Begleiterkrankungen vorliegen, die einen Harnwegsinfekt oder Komplikationen begünstigen. In diesem Sinne werden die folgenden Empfehlungen nur für die „Standardgruppe“ ausgesprochen. Dazu gehören erwachsene, nicht schwangere Frauen vor der Menopause. Auch Schwangere, postmenopausale Frauen, jüngere Männer und Diabetiker mit einer stabilen Stoffwechsellage können, sofern keine relevanten Begleiterkrankungen vorliegen, unkomplizierte Harnwegsentzündungen haben. Je nach Umständen können bei Ihnen andere Diagnoseverfahren oder Therapeutika notwendig sein. Auch in der Prävention gibt es Unterschiede zur Standardgruppe. Menschen mit einer asymptomatischen Bakteriurie gehören nicht in die Standardgruppe. Dasselbe gilt beim zusätzlichen Auftreten vaginaler Beschwerden wie Juckreiz oder Ausfluss, die stets differenzialdiagnostisch abgeklärt werden sollten.

Akute Symptome-- Sie dürfen sich nur auf den unteren Harnweg beschränken. Dazu gehören neu aufgetretene Schmerzen beim Wasserlassen (Algurie) oder oberhalb der Schambeinfuge (Symphyse), eine gesteigerte Harnentleerungsfrequenz (Pollakisurie) und ein Harndrang, der sich nicht unterdrücken lässt (imperativer Harndrang). Treten dazu auch Flankenschmerzen und Fieber oberhalb 38 Grad Celsius auf und reagiert die Niere bei der Untersuchung klopfschmerzhaft, dann sollte von einer oberen Harnwegsinfektion (Pyelonephritis) ausgegangen werden.

Wichtig-- Der Akutstatus liegt nicht mehr vor, wenn innerhalb eines halben Jahres zwei oder mehr, sowie innerhalb eines Jahres drei oder mehr symptomatische Episoden als Rezidive auftreten.

Therapie

Auch in den aktuellen AWMF-Leitlinien wird bei der akuten unkomplizierten Blasenentzündung eine antibiotische Therapie empfohlen, die so früh wie möglich zum Einsatz kommen sollte. Allerdings wird bei leichten bis mittelgradigen Beschwerden auch eine alleinige symptomatische Therapie als Alternative erwogen, vorausgesetzt, die Patienten werden an der Entscheidungsfindung beteiligt und über die Grenzen der Alternativbehandlung informiert.

Antibiotika-- Ein geeignetes Antibiotikum wird nicht nur anhand des Erregerspektrums (meist Escherichia coli, Staphylococcus saprophyticus, Klebsiella pneumoniae, Proteus mirabilis) und dessen Antibiotikaempfindlichkeit ausgewählt. Auch individuelles Risiko und unerwünschte Arzneimittelwirkungen spielen eine Rolle. Hinsichtlich einer Resistenzentwicklung und der Entwicklung multiresistenter Erreger hat der verschreibende Arzt nicht nur den Patienten im Fokus, sondern auch die möglichen epidemiologischen Auswirkungen. Aus diesen Überlegungen folgt die Maßname, Fluorchinolone (z. B. Ciprofloxacin, Levofloxacin, Ofloxacin) und Cephalosporine (z. B. Cefpodoxim) nicht mehr als Antibiotika der ersten Wahl bei der unkomplizierten Zystitis einzusetzen, sofern gleichwertige andere Wirkstoffe zur Verfügung stehen. Dasselbe gilt für Cotrimoxazol, eine fixe Kombination aus Sulfamethoxazol und Trimethoprim. Geeignete Wirkstoffe zur ersten Wahl sind Fosfomycin-Trometamol, Nitrofurantoin, Nitroxolin, Pivmecillinam und Trimethoprim (dieses nur, sofern die Resistenzrate < 20 % ist).

Ibuprofen-- Sofern sich die Harnwegsinfektion auf die Harnblase beschränkt, ist selbst bei Rezidiven nicht mit Komplikationen zu rechnen, so die Expertenmeinung. Eine symptomatische Behandlung mit Ibuprofen kann in mehr als zwei von drei Fällen innerhalb einer Woche zur Beschwerdefreiheit führen. Wichtig ist jedoch der Hinweis, auf Symptome zu achten, die auf eine Pyelonephritis hinweisen, die wiederum antibiotikapflichtig ist.

Faktum

  1. Miktionsstörungen sind Probleme beim Wasserlassen wie Schmerzen, Harnverhalten oder Restharnbildung.
  2. Sie können mechanischer, funktioneller, neuronaler oder psychogener Natur sein.
  3. Dazu zählen gut- oder bösartige Vergrößerungen der Prostata, Harnwegsentzündungen, Harnwegssteine, Fisteln und neuronale Störungen.
  4. Eine ursächliche Therapie beugt Komplikationen wie aufsteigenden Harnwegsinfektionen und Nierenschäden vor.

Rezidive

Manche Frauen werden trotz aller Vorsorge (viel trinken, Hygienemaßnahmen, warmhalten, pflanzliche Prophylaktika etc.) ständig von Blaseninfektionen heimgesucht. In diesen Fällen empfehlen die aktuellen AWMF-Leitlinien eine dreimonatige Immunprophylaxe mit dem verschreibungspflichtigen Escherichia-coli-Präparat Uro-Vaxom ®, bevor eine antibiotische Therapie begonnen wird.

Mannose-- Die Leitlinien zitieren eine monozentrische Studie, derzufolge die tägliche Einnahme von zwei Gramm Mannose in einem Glas Wasser einen ähnlichen Erfolg in der Langzeitprävention hat, wie die vorbeugende Daueranwendung von Nitrofurantoin.

Phytoprophylaxe-- Frauen mit häufig rezidivierenden Blasenentzündungen kann leitliniengerecht auch eine Prophylaxe mit Phytotherapeutika empfohlen werden. Hier kommen Präparate aus Kapuzinerkressekraut und Meerrettichwurzel in Frage, sowie Präparate aus Bärentraubenblättern, wobei letztere nicht länger als einen Monat lang eingenommen werden sollten.

Gewusst wie

Einer Blasenentzündung kann häufig durch bewusstes Verhalten vorgebeugt werden. Hier leistet das Beratungsgespräch in der Apotheke viel Gutes. Häufiger Geschlechtsverkehr erhöht das Erkrankungsrisiko, ebenso die Verwendung von Intrauterin-Spiralen, Intravaginal-Ovula sowie von Diaphragmen und Kondomen, die mit Spermiziden beschichtet sind. Dagegen sinkt das Risiko beim Vermeiden von kalten Füßen, Wechseln der nassen Badekleidung sofort nach dem Schwimmen und beim Verzicht auf eine übertriebene Intimhy- giene.

Uromodulin-- Häufig wird auf die notwendige Trinkmenge verwiesen, um Keime auszuspülen. Das ist an sich nicht verkehrt, allerdings reichen dafür meist 1,5 Liter am Tag. In Fachkreisen wird diskutiert, ob eine übermäßige Trinkmenge nicht sogar zu einer Verdünnung von harnwegschützendem Uromodulin (Tamm-Horsefall-Protein) führt und dadurch eine Infektion begünstigen könnte.

Harninkontinenz

Der ungewollte Abgang von Urin ist ein Symptom, das verschiedenste Ursachen haben kann und von den Betroffenen häufig aus Scham verschwiegen wird. Hier ist im Beratungsgespräch besonderes Einfühlungsvermögen angebracht. Anhand der auftretenden Begleitumstände unterscheidet die International Continence Society fünf Formen, von denen es auch Mischformen gibt: Dranginkontinenz mit imperativem Harndrang (z. B. nach einer Blasenentzündung), Stressinkontinenz bei körperlicher Anstrengung wie Husten oder Treppensteigen, unbewusste Inkontinenz (ohne Harndrang), postmiktionelles Tröpfeln sowie kontinuierlicher Harnverlust, bei dem ständig Urin abgeht. Die Ursachen sind vielfältig. Nicht immer ist der Harnblasenverschlussapparat gestört, es können auch neurologische Gründe für die Symptomatik vorliegen. Das Problem kann auch im Zusammenhang mit einer Harnwegsinfektion auftreten, wobei auch umgekehrt eine Inkontinenz als Ursache für einen Harnwegsinfekt infrage kommt.

Beckenbodenmuskulatur-- Sie ist maßgeblich für die Blasenkontinenz. Geschwächt wird sie durch Übergewicht, eine inaktive Lebensweise sowie Schwangerschaft und Überdehnungsprozesse unter der Geburt. Gewichtsabnahme und gezieltes Muskeltraining helfen bei Stressinkontinenz und entsprechenden Mischformen.

Distigminbromid-- Neurogene Blasenentleerungsstörungen mit schwachem Tonus der Blasenwandmuskulatur (hypotoner Detrusor) werden mit dem Cholinesterasehemmer Distigminbromid (RP) behandelt, der auch bei einer Myasthenia gravis zum Einsatz kommt. Distigminbromid darf wie andere Cholinergika nicht bei Parkinson, Asthma bronchiale und Stenosen oder Spasmen im Bereich von Darmtrakt, Harnwegen und Gallenblase eingesetzt werden.

Oxybutynin-- Das Anticholinergikum wird als urologisches Spasmolytikum eingesetzt und wirkt über einen Antagonismus am m-Cholinrezeptor. Zu den Anwendungsgebieten zählen Pollakisurie, Nykturie, imperativer Harndrang und Dranginkontinenz, sofern die Symptome durch eine Überaktivität des Detrusors (Blasenwandmuskulatur) hervorgerufen werden, was sowohl idiopathisch als auch neurogen bedingt sein kann. Ebenso wirken die Substanzen Darifenacin, Solifenacin, Tolterodin und Trospiumchlorid (alle RP). Auch diese Wirkstoffe dürfen nicht bei Stenosen und Spasmen im Bereich von Darmtrakt und Harnwegen eingesetzt werden. Weitere Kontraindikationen sind unter anderem: Engwinkelglaukom, Leberfunktionsstörungen und toxisches Megacolon.

Duloxetin-- Der Serotonin-Noradrenalin-Reuptakehemmer (RP) hilft als Urologikum Frauen mit mittelschwerer bis schwerer Belastungsinkontinenz. Darüber hinaus wird er unter anderen Handelsnamen auch bei Depression, diabetischer Polyneuropathie und generalisierter Angststörung eingesetzt. Bei Lebererkrankungen oder schweren Nierenfunktionsstörungen sollte der Wirkstoff nicht verabreicht werden.

Zu Therapiebeginn und bei Dosiserhöhung kann eine psychomotorische Unruhe auftreten. Im Zusammenhang mit Arzneimitteln, die ebenfalls Einfluss auf den Serotoninstoffwechsel nehmen (SSRI, MAO-Hemmer, trizyklische Antidepressiva, Triptane), kann sich ein Serotonin-Syndrom entwickeln. Das potenziell lebensbedrohliche Syndrom kann sich unter anderem durch mentale Veränderungen, Herzrasen, labilen Blutdruck, Koordinationsstörung und gastrointestinale Symptome bemerkbar machen. Besonders zu Behandlungsbeginn und bei Dosiserhöhung müssen Patienten, bei denen eine solche Kombination klinisch angezeigt ist, sorgfältig überwacht werden.

Propiverin-- Das Anticholinergikum (RP) dient wegen seiner neurotrop-muskulotropen Wirksamkeit zur Behandlung von autonomen Kontraktionen des Detrusors. Einsatzgebiete sind neurogene Dranginkontinenz, Urge-Symtpome (Reizblase) und unwillkürliches Einnässen (Enuresis). Eine zugrundeliegende neurogene Überaktivität kann beispielsweise durch Schädigungen des Rückenmarks (Querschnittslähmung) hervorgerufen werden.

Harnsteinleiden

Fast jeder 25. Mensch erkrankt im Verlauf seines Lebens an einem Harnsteinleiden (Urolithiasis), wobei Männer deutlich häufiger betroffen sind als Frauen. Ursache ist eine Übersättigung des Harns mit steinbildenden Substanzen wie Calcium, Phosphat, Oxalat, Harnsäure, Cystin und Purinen. Ein geringes Harnvolumen und niedriger Harn-pH-Wert begünstigen die Auskristallisation. Zudem steigt das Risiko mit dem Alter, bei erhöhter Zufuhr tierischer Proteine und anatomischen Anomalien im Bereich von Nieren und Harnwegen sowie bei genetischer Prädisposition.

Je nachdem, wo sich die Harnsteine ablagern, spricht man von Nieren-, Harnleiter-, Blasen- und Harnröhrensteinen. Bemerkt werden sie in der Regel erst, wenn sie den Harnweg blockieren oder durch Wanderung Probleme bereiten. Dabei entstehen wehenartige Schmerzen, die als Kolik bezeichnet werden. Begleitendes Erbrechen ist auf die starken Schmerzen zurückzuführen. Reflektorisch reagiert der Körper mit einer Unterdrückung der Darmmotorik. Dieser Zustand entspricht einem Subileus, der in einen vollständigen Darmverschluss (Ileus) übergehen kann. Harnleitersteine können auch ohne Kolik durch Blut im Urin (Hämaturie) auffallen. Um andere Verursacher auszuschließen, ist bei Blutbeimengungen stets eine Differenzialdiagnostik angezeigt.

Komplikationen-- Harnsteinleiden begünstigen Infektionen der Harnwege und eine Entzündung des Nierenbeckens. Darüber hinaus begünstigen sie durch die Blockade der Abflusswege den Urinrückstau, der schlimmstenfalls bis zur Niere reicht und dort in verkehrter Richtung durch die Filtereinheiten (Glomeruli) Urin ins Blut drückt. Werden dabei Keime ins Blut eingebracht, spricht man von einer Urosepsis, einem höchst lebensbedrohlichen Zustand. Darüber hinaus ist ein Harnstau der häufigste Verusacher von Rissen im Nierenbecken.

Therapie-- Die akute Kolik im Harnleiter wird mit Spasmolytika wie N-Butylscopolamin und Analgetika (z. B. Diclofenac, Pe-thidin, Metamizol, alle RP) behandelt. Steine, die nicht größer als einen halben Zentimeter sind, lassen sich dann meist durch Flüssigkeitszufuhr und Wärmeanwendung ausspülen. Treten dagegen Harnverhalten und Fieber auf, sind therapeutisch andere Wege notwendig, bei denen die Steine durch fokussierte Stoßwellen oder mittels einer Sonde zertrümmert oder endoskopisch entfernt werden. Nur sehr große Steine erfordern einen offenen chirurgischen Eingriff.

Prophylaxe-- Zur Vorbeugung von Harnwegssteinen wird eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr empfohlen. Darüber hinaus raten Fachleute zu einer ausgewogenen Ernährung, Abbau von Übergewicht und körperlicher Bewegung.

Steinbezogen-- Ernährungstechnisch gibt es verschiedene Maßnahmen, die aber nur bei bestimmten Harnsteintypen greifen. Eine vorherige Analyse ist daher unbedingt notwendig. Bei Steinen aus Calciumoxalat sollten natürlich oxalathaltige Speisen wie Feldsalat, Tomaten, Spinat und Rhabarber, aber auch schwarzer Tee gemieden und die Calciumzufuhr auf ein notwendiges Maß angepasst werden. Weniger bekannt ist, dass eine höhere Magnesiumzufuhr sich hemmend auf die Ausbildung dieser Steine auswirken soll. Bei Harnsäuresteinen wird empfohlen, Proteine und Purine zu reduzieren und stattdessen auf basenreiche Kost zu setzen. Auch Cystinsteine erfordern eine Eiweißreduktion, zudem sollte weniger Kochsalz verwendet werden. Bei Harnsäure- und Cystinsteinen erhöhen citrathaltige Präparate die Ausscheidung von Bicarbonat im Harn. Das geht mit einer Harnalkalisierung einher, die der Bildung dieser Steine vorbeugt.

Im Gegensatz dazu stehen Struvitsteine aus Magnesiumammoniumphosphat, die bei alkalischem Urin nach Harnwegsinfekten gebildet werden. Hier lautet die Empfehlung: Urin ansäuern, beispielsweise durch Vitamin C oder Methionin. Letzteres kann auch rezidivierenden Harnwegsinfekten vorbeugen.

Blasenkatheter

Sie werden meist dazu verwendet, die Blase passiv zu entleeren, beispielsweise bei akuter Harnretention, im Zusammenhang mit Operationen, zur Bilanzierung der Harnausscheidung bei Schwerkranken oder, um bei Inkontinenten die Wundheilung im Windelbereich zu erleichtern. Da jede Katheterisierung das Risiko birgt, Keime in den Harnweg einzubringen und zur Blase hinaufzuschieben, sollte die Indikation streng gestellt und die Verweildauer so kurz wie möglich gehalten werden. Eine alleinige Harninkontinenz gilt heute nicht mehr als ausreichende Indikation für einen Dauerkatheter.

Bei der Installation eines Katheters durch die Harnröhre (transurethrale Harnblasenkatheterisierung) ist auf das sorgfältige Einhalten von Hygieneregeln zu achten. Zur Verbesserung der Gleitfähigkeit und Reduktion eventuell auftretender Schmerzen werden Gleitmittel verwendet, die Lidocain als Lokalanästhetikum und wahlweise Chlorhexidin und/oder Povidon-Jod als Antiseptikum enthalten.

Detail

Kathetermaterial: Blasenkatheter zur Einmalkatheterisierung sind üblicherweise aus PVC gefertigt. Soll der Katheter weniger als fünf Tage in der Harnröhre verweilen, kann er aus Latex bestehen, sofern beim Anwender keine Latexallergie vorliegt. Zur Langzeitdrainage werden Silikonkatheter eingesetzt, da Vollsilikon die höchste Verträglichkeit und Stabilität in biologischen Systemen besitzt. Eine zusätzliche Beschichtung mit Hydrogel fühlt sich für den Patienten angenehmer an und beugt krustigen Auflagerungen vor.


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