30.10.2021

Waldkiefer: Kienspan, Pech und Kolophonium

von Text: Petra Schicketanz

Kaum ein Baum kommt in Deutschland so oft vor und hat so viele Produkte und Anwendungsmöglichkeiten zu bieten wie die Waldkiefer. Ihre Anpassungsfähigkeit und Ausdauer sind zukunftsweisend.

© Getty Images/iStockphoto

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Wer schon mal eine Kiefer auf einer Steinmauer gesehen hat, kann sich leicht vorstellen, warum diese Bäume als Inbegriff der Anpassungsfähigkeit gelten. Ob hochwüchsig im Nutzwald oder gedrungen, mit zerzauster Krone als Windflüchter auf einer Düne – die standhaften Nadelbäume verstehen es einfach, sich auf die natürlichen Gegebenheiten einzustellen, vorausgesetzt, ihnen steht genügend Sonnenlicht zur Verfügung.

Harzige Tränen

Wind und Kiefern hatten schon immer eine besondere Beziehung zueinander, das belegt auch die griechische Sage, wonach Boreas, der Gott des Nordwindes mit dem Hirtengott Pan um die schöne Pitys buhlte. Die zarte Nymphe hatte jedoch Angst vor der Gewalt des Windgottes, der für sein aufbrausendes Temperament bekannt war. Sie erwählte statt seiner den sanfteren Pan. Das entfachte bei dem Zurückgewiesenen eine solche Wut, dass Boreas Pitys in die Tiefe wehte, wo sie am Fuß eines Felsens zerschellte. Als Pan den zerschmetterten Leichnam fand, verwandelte er seine tote Geliebte in eine Schwarzkiefer, die fortan stets harzige Tränen weinte, sobald der böse Nordwind an ihr vorbei rauschte.

Harz

Wird die Rinde der Waldkiefer verletzt, tritt ein natürliches Harz aus. Genauer gesagt handelt es sich dabei um einen Balsam, bei dem das Harz in ätherischem Öl gelöst ist. Es dient als Wundverschluss und verhindert Pilzinfektionen und das Eindringen von schadhaften Insekten. Bei Kiefern nennt man die Harze Terpentin (lateinisch Terebinthina). Sie haben einen typischen, „waldigen“ Duft.

Um Terpentin zu ernten, werden Kiefern verletzt und das austretende Rohterpentin aufgefangen. Die dickflüssige Masse wird durch Verflüssigen in der Wärme, Dekantieren und Filtrieren von ihren Verunreinigungen befreit. Das liefert die Arzneibuchdroge Terebinthina. Durch Wasserdampfdestillation und anschließende Rektifizierung wird gereinigtes Terpentinöl gewonnen.

Kolophonium-- Den Rückstand der Wasserdampfdestillation nennt man Kolophonium. Es dient bekanntlich als Bogenharz und wird auf die mit Rosshaar bespannten Geigenbögen aufgestrichen. Es sorgt dafür, dass diese beim Musizieren gut an den Saiten des Instruments haften und gleichzeitig sanft darüber gleiten können. Darüberhinaus wird Kolophonium zum Räuchern sowie als technisches Hilfsmittel beim Löten und in der Lackherstellung verwendet.

Kienspäne-- Holz mit einem hohen Harzgehalt brennt hell. In Form länglicher Kienspäne liefert es – zumindest für eine kleine Weile – eine halbwegs kontrollierbare Lichtquelle. Zu diesem Zweck wurden Kienspäne bis ins 19. Jahrhundert in speziellen Haltern neben Arbeitsplätzen befestigt.

Der Name „Kiefer“ leitet sich übrigens aus dem althochdeutschen Wort „Kienforha“ ab. Das wiederum ist zusammengesetzt aus Kien (abgespaltenes Holzstück) und Föhre (althochdeutsch foraha). Letzteres ist zugleich auch ein alter Name der Kiefer und könnte sprachlich einen Bezug auf Feuer nehmen.

Wussten Sie, dass ...

  • männliche Kiefernblüten so viel Pollenstaub erzeugen, dass er als Schwefelregen vom Himmel fällt?
  • Bernstein häufig aus Kiefernharz entstanden ist?
  • Kiefernharz in alten Zeiten als Zahnersatz diente?
  • Kiefernnadeln früher als Waldwolle zum Ausstopfen im Einsatz waren?

Kiefernnadeln und -sprossen

Die Nadeln der Waldkiefer stehen immer als Pärchen am Zweig und sind so raffiniert gebaut, dass an ihrer Spitze Tauwasser kondensiert und auf diese Weise die Pflanze mit zusätzlichem Wasser versorgt. Gleichzeitig verringert der nadelförmige Bau im Vergleich zu einer größeren Blattspreite Verdunstungsverluste.

Kiefernnadelöl-- Frische Kiefernnadeln und Zweigspitzen liefern das bekannte Kiefernnadelöl, Pini aetheroleum. Es ist antibakteriell. Bei äußerlicher Anwendung wirkt das ätherische Öl durchblutungsfördernd (hyperämisierend). Beim Inhalieren fördert es das Abhusten, lindert die Verschleimung der Atemwege und befreit auch bei Stirnhöhlenentzündung die verlegte Nasenatmung. Allerdings kann es an Haut- und Schleimhäuten zu Reizerscheinungen führen und bei Überdosierung den Bronchospasmus verschlimmern. Bei Keuchhusten, Bronchialasthma und anderen obstruktiven Bronchialerkrankungen ist es kontraindiziert. Es sollte auch nicht auf größeren Hautverletzungen und bei akuten Hauterkrankungen als Badezusatz verwendet werden.

Kiefernsprossen-- Die etwa drei bis fünf Zentimeter langen Triebe der Waldkiefer werden von März bis Mai gesammelt. Sie liefern die Droge Pini turiones, die in Erkältungstees zu finden ist. Allerdings werden die ätherischen Öle nach Meinung von Schulmedizinern nicht für die Wirkung verantwortlich gemacht, da sie nicht wasserlöslich sind und zudem beim Teeaufguss 60 bis 80 Prozent der ätherischen Öle verloren gehen. Traditionell wird das jedoch anders gesehen. Immerhin verbleibt ein Rest ätherischer Öle in der Zubereitung oder wird beim Trinken inhaliert. Gelegentlich wird von Falschem Kiefernhonig gesprochen, wenn die Vitamin-C-haltigen, frischen Zweigspitzen im Einsatz sind. Traditionell werden die Triebe wegen ihrer heilenden und nervenstärkenden Wirkung verwendet. Oder als schweißtreibender und erkältungslindernder Tee, dem Honig zugefügt wird.

Echter Kiefernhonig-- Hätten Sie gedacht, dass für die Gewinnung von Echtem Kiefernhonig gleich zwei Tierarten schuften müssen? Zuerst produzieren Blattläuse, die an den Kiefernnadeln saugen, einen zuckerhaltigen Saft (Honigtau). Dann holen sich Bienen diesen Honigtau und verarbeiten ihn anstelle von Nektar. Der auf diese Weise gewonnene Honig wird als Waldtracht bezeichnet. Eine einzige Kiefer kann pro Jahr mehrere Kilogramm Echten Kiefernhonig liefern.


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