29.11.2021

Zertifizierte Fortbildung: Gastrointestinale Beschwerden

von Dr. Claudia Bruhn

Gegen Beschwerden im Magen-Darm-Trakt sind viele Mittel verfügbar. Im Kundengespräch sollten PTA die Symptome genau hinterfragen, um die Grenzen der Selbstmedikation zu erkennen.

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Fortbildung

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  • Gastrointestinale Störungen umfassen eine Vielzahl von Beschwerden, die in der Regel vom Magen oder Darm ausgehen, aber auch andere Organe wie die Galle oder das Herz betreffen oder auch psychisch bedingt sein können.
  • Eine kurzfristige Selbstmedikation ist möglich bei Völlegefühl, Magenschmerzen, Sodbrennen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung und Blähungen.
  • Dauern die Beschwerden bereits länger als einige Tage an, kehren sie häufig wieder oder treten zusätzlich Fieber oder Blutungen auf, muss Betroffenen zum Ausschluss schwerwiegender Erkrankungen (z. B. Magenkarzinom, Pankreasentzündung) zu einem Arztbesuch
  • Viele Magen-Darm-Beschwerden sind eng mit der Ernährungsweise verbunden. Deshalb können Ernährungsumstellungen, zum Beispiel die Erhöhung des Ballaststoffanteils, oder die Identifikation von Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Laktoseintoleranz oder Zöl

Gastrointestinale Beschwerden gehören zu den häufigsten und gleichzeitig vielfältigsten Beratungsthemen in der Apotheke. Die besondere Herausforderung: Bei einigen Erkrankungen wie beispielsweise dem Reizdarmsyndrom können mehrere Symptome gleichzeitig auftreten, zum Beispiel Schmerzen, Durchfall, Übelkeit und Erbrechen. Eine weitere Besonderheit bei Magen-Darm-Beschwerden ist, dass sie eng mit der Ernährungsweise verbunden sind. Deshalb führen Ernährungsumstellungen, zum Beispiel die Erhöhung des Ballaststoffanteils in der Ernährung, auf längere Sicht oft zur Linderung der Beschwerden. Für die akute Hilfe können PTA zahlreiche gut wirksame Mittel empfehlen.

Lernziele Gastrointestinale Beschwerden

Nach Lektüre dieser Lerneinheit wissen Sie ...

  • welche gastrointestinalen Beschwerden im Rahmen der Selbstmedikation behandelt werden können und wann ein Arzt konsul- tiert werden muss.
  • welche Nahrungsmittelunverträglichkeiten am häufigsten sind und wie damit umge- gangen werden kann.
  • welche Wirkstoffe bei Völlegefühl, Magen- schmerzen, Sodbrennen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung oder Blähungen eingesetzt werden können und auf welche Aspekte in der Beratung eingegangen werden sollte.
  • dass auch zahlreiche Arzneimittel als Nebenwirkung zu Magen-Darm-Störungen führen können.

Magen

Zu den gastrointestinalen Beschwerden, die vom Magen ausgehen, zählen Völlegefühl, Sodbrennen, Schmerzen und Krämpfe sowie Übelkeit und Erbrechen. Eine „Magenverstimmung“ kann ihre Ursache auch außerhalb dieses Organs haben, zum Beispiel in der Galle, von wo aus die Schmerzen dann in den Oberbauch ausstrahlen.

Völlegefühl

Ein untypisches Völlegefühl, das nicht durch eine besonders üppige Mahlzeit verursacht worden ist, kann ein Hinweis auf eine schwerwiegende Erkrankung wie ein Magenkarzinom oder eine Pankreas-Entzündung sein. Auch einige Arzneimittel haben Völlegefühl als Nebenwirkung (z. B. Antibiotika). Bei weiteren unerklärlichen Symptomen wie Krämpfen und Fieber über 39 Grad Celsius muss deshalb ein Arzt aufgesucht werden. Bei vorübergehenden Beschwerden sind Prokinetika und Bitterstoffe eine gute Empfehlung für die Selbstmedikation.

Sodbrennen

Der Begriff Sodbrennen beschreibt ein schmerzhaftes Brennen hinter dem Brustbein, das durch aufsteigenden Magensaft verursacht wird. Es kann beispielsweise durch stark fetthaltiges Essen oder Alkohol verursacht werden. Tritt Sodbrennen regelmäßig auf, muss eine ärztliche Abklärung erfolgen, weil dann ein Magengeschwür oder eine entzündete Speiseröhre als Ursache infrage kommen. Bei leichten Beschwerden können Antazida oder Protonenpumpeninhibitoren (PPI) für die Selbstmedikation empfohlen werden.

Magenschmerzen

Hinter Magenschmerzen oder -krämpfen können sich viele verschiedene Ursachen verbergen, wie Magengeschwüre oder -karzinome, eine Besiedlung mit Helicobacter pylori oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Auch Störungen in Organen außerhalb des Magens wie eine Hepatitis, Gallensteine oder sogar ein Herzinfarkt können „auf den Magen schlagen“. Deshalb sollte bei chronischen oder immer wiederkehrenden Beschwerden im Bereich des Magens unbedingt ein Arzt konsultiert werden. Auch einige Arzneimittel (z. B. NSAR, Glukokortikoide) können Magenbeschwerden als Nebenwirkung auslösen. Beschwerden, für die der Arzt keine organische Ursache findet, werden als Reizmagen bezeichnet. Bei leichteren Beschwerden können Prokinetika gegen Magendruck helfen, bei krampfartigen Schmerzen Spasmolytika.

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Den Fragebogen zur zertifizierten Fortbildung Gastrointestinale Beschwerden können Sie sich hier zum Einlesen herunterladen.

Übelkeit und Erbrechen

Für Übelkeit und Erbrechen gibt es die unterschiedlichsten Ursachen und Auslöser. Treten die Symptome nach der Aufnahme von verdorbenen, unverträglichen oder übermäßigen Nahrungsmitteln oder Getränken auf, sind sie ein Schutzreflex. Mit diesem versucht der Körper, sich von den schädlichen Stoffen zu befreien. Nach dem Erbrechen fühlen sich die Betroffenen häufig noch etwas schlapp. Eine Selbstmedikation ist meist nicht notwendig, sofern das Flüssigkeitsdefizit rasch ausgeglichen wird. Bei Erbrechen, das länger als zwei bis drei Tage anhält, muss jedoch ein Ausgleich von Flüssigkeit und zusätzlich Elektrolyten erfolgen. Auch Übelkeit während einer Reise (Kinetose) oder im ersten Schwangerschaftsdrittel kann mit rezeptfreien Mitteln behandelt werden.

Nebenwirkung-- Wenn Kunden im Beratungsgespräch eine leichte, unerklärliche Übelkeit und gegebenenfalls weitere gastrointestinale Beschwerden schildern, kann ein Check des Medikationsplans weiterhelfen. Möglicherweise wurden Betroffene erst kürzlich neu auf ein Arzneimittel mit Übelkeit oder Erbrechen als Nebenwirkung ein- oder umgestellt. Ein typisches Beispiel für einen Arzneistoff, bei dem Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Abdominalschmerzen und Appetitverlust zu Behandlungsbeginn als Nebenwirkungen auftreten, ist Metformin. Es wird deshalb empfohlen, die Tagesdosis auf zwei oder drei Einnahmen zu verteilen und die Dosis langsam zu steigern. Häufig verschwinden die Beschwerden nach längerer Einnahme von selbst. Auch bei Antibiotika oder Eisenpräparaten sind gastrointestinale Nebenwirkungen bekannt.

Grenzen-- Übelkeit und Erbrechen sind nicht nur ein wichtiger Schutzreflex des Körpers. Die beiden Symptome können auch bei schweren Erkrankungen wie Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren, Entzündungen von Blinddarm, Gallenblase, Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis) oder Leber (Hepatitis), Gallengang- oder Darmverschlüssen sowie Verengungen (Stenosen) im Magen-Darm-Trakt sowie bei Migräne auftreten. Bei Verdacht auf eine solche Erkrankung ist keine Selbstmedikation möglich, Betroffene müssen umgehend einen Arzt aufsuchen.

Darm

Zu den gastrointestinalen Beschwerden, die den Darm betreffen, zählen Blähungen, Durchfall, Verstopfung, Reizdarm und Nahrungsmittelunverträglichkeiten.

Blähungen

Eine vermehrte Ansammlung von Luft und Gasen im Darm sowie ihr Abgang sind ein klassisches Symptom nach dem Verzehr blähender Nahrungsmittel wie beispielsweise Kohl, Zwiebeln oder Hülsenfrüchten. Wenn Kunden jedoch berichten, dass sie sehr häufig darunter leiden und der Bauch sich zusätzlich hart anfühlt, können zunächst in der Selbstmedikation Karminativa oder Entschäumer angeraten werden. Auch eine Ernährungsberatung kann Betroffenen empfohlen werden. Nicht medikamentöse Maßnahmen sind Massagen des Unterbauches im Uhrzeigersinn oder warme Wickel. Wenn ein Ungleichgewicht im Mikrobiom des Darmes vorliegt, können Mittel zur Stärkung der physiologischen Darmflora eine Option sein. Bei unzureichender Verdauung als Ursache der Blähungen kann der Arzt nach entsprechender Diagnostik Enzympräparate empfehlen.

Durchfall

Durchfall (Diarrhö) zählt wie Erbrechen zu den Schutzmechanismen, mit deren Hilfe sich der Organismus von Giftstoffen und schädlichen Substanzen oder Mikroorganismen zu befreien versucht. Diese können durch eine Infektion (Noroviren, Rotaviren) oder bakteriell kontaminierte Nahrungsmittel (z. B. mit Salmonellen) in den Körper gelangt sein. Durch den Wasser- und Elektrolytverlust kann länger dauernder oder wiederkehrender Durchfall bei einigen Menschen (z. B. Säuglingen, Hochbetagten) rasch zu lebensbedrohlichen Zuständen führen. Durchfall, der länger als zwei Tage anhält, regelmäßig wiederkehrt oder mit Fieber und blutigem Stuhl verbunden ist, ist kein Fall für die Selbstmedikation. Bei kurzzeitigem Durchfall können Motilitätshemmer wie Loperamid, der Sekretionshemmer Racecadotril oder Gerbstoff-haltige Zubereitungen eine Option sein.

Verstopfung

Bei einer Verstopfung können häufig schon Allgemeinmaßnahmen wie eine ballaststoffreichere Ernährung, mehr Bewegung oder eine Erhöhung der Trinkmenge Abhilfe schaffen. Auch ein Blick auf den Medikationsplan der Betroffenen kann aufschlussreich sein, denn einige Arzneimittel (z. B. Opiate, Diuretika, Eisensalze) können Verstopfung begünstigen. Kunden, die aufgrund von Hämorrhoiden oder einer Analfissur unter Schmerzen im Analbereich leiden, unterdrücken oft den Stuhlgang, um diese Schmerzen zu vermeiden, sodass der Stuhl verklumpt und schlechter entleert werden kann. Laxanzien schaffen Abhilfe, sollten ohne ärztliche Abklärung aber nur vorübergehend angewendet werden.

Grafik zu Verstopfung

© Grafik: DAS PTA MAGAZIN / © Illustration: ttsz / Getty Images / iStock

Reizdarm

Voraussetzung für die Diagnose Reizdarmsyndrom (RDS) sind chronische, das heißt länger als drei Monate anhaltende oder häufig wiederkehrende Beschwerden wie Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall und Verstopfung. Ähnlich wie beim Reizmagen ist die Diagnostik des RDS komplex, der Arzt führt deshalb eine Ausschlussdiagnose durch. Schwerwiegende Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen wie Darmkrebs, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten müssen zunächst ausgeschlossen werden. Häufig liegen gleichzeitig psychische Störungen vor, die den Krankheitsverlauf beeinflussen können. Behandelt wird mit einer Kombinationstherapie mit Fokus auf dem jeweils vorherrschenden Symptom.

Wichtig-- 2020 ist die überarbeitete S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie des Reizdarmsyndroms erschienen. In ihr spielen unter anderem die Aspekte Ernährung, Psyche und komplementäre Therapie eine deutlich größere Rolle als vorher (www.dgvs.de/wissen/leitlinien/ leitlinien-dgvs/reizdarmsyndrom).

Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Wer Inhaltsstoffe von Nahrungsmitteln wie Laktose, Fruktose, Gluten oder Histamin nicht verträgt, hat bis zur Diagnose oft einen langen Leidensweg hinter sich. Denn die von einer Nahrungsmittelunverträglichkeit verursachten Symptome wie Schmerzen, Völlegefühl, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung werden oft fehlgedeutet. Wenn Kunden im Beratungsgespräch berichten, dass die Symptome in der Regel im Anschluss an Mahlzeiten, einen Snack (z. B. Joghurt, Obst) oder ein Glas Milch oder Saft auftreten, sollten PTA an eine Nahrungsmittelunverträglichkeit denken. Die häufigsten sind Laktoseintoleranz, Fruktosemalabsorption, Histaminintoleranz und Glutenunverträglichkeit (Zöliakie).

Laktoseintoleranz-- Dafür wird auch der Begriff Milchzuckerunverträglichkeit verwendet. Der Milchzucker (Laktose) kann im Dünndarm nicht oder nur unvollständig verdaut werden, weil das dafür notwendige Enzym Laktase fehlt oder nicht genug davon vorhanden ist. Die unverdaute Laktose gelangt in den Dickdarm, wo sie von Bakterien vergoren wird. Dabei entstehen Gase wie Methan und Säuren, die hauptsächlich Blähungen, Schmerzen oder Durchfall hervorrufen. Diagnostiziert werden kann die Laktoseintoleranz beim Arzt mit einem Atemtest. PTA können Betroffenen Laktase als Nahrungsergänzungsmittel (in verschiedenen Stärken erhältlich) sowie eine laktosearme Ernährung empfehlen.

Fruktosemalabsorption-- Weniger bekannt, aber ähnlich häufig wie die Laktoseintoleranz ist diese Unverträglichkeit, bei der im Dünndarm die Kapazität eines Transportproteins für die Fruktose (Fruchtzucker) zu gering ist. Dadurch wird dieser Zucker nicht ausreichend in das Blut aufgenommen, sondern von Dickdarmbakterien zu Gasen und Säuren vergoren. Die Diagnostik erfolgt ebenfalls mit einem Atemtest. Fruktosereich sind Obst, Gemüse, Honig und Fertigprodukte. Fruktose ist ein preiswertes Süßungsmittel und wird deshalb auch reichlich Softdrinks und Fertigprodukten zugesetzt. Empfohlen werden können Medizinprodukte mit dem Enzym Xylose-Isomerase, das bei der Fruktose-Verstoffwechselung hilft.

Histaminintoleranz-- Bei dieser Störung können zusätzlich zu Magen-Darm-Beschwerden allergische Symptome wie Fließschnupfen, Juckreiz und Urtikaria (Nesselsucht, aber auch Kopfschmerzen oder Flush (Hitzewallung mit Hautrötung) auftreten. Die Stickstoffverbindung Histamin kann aus Lebensmitteln (z. B. gereifter Käse, Wein, geräuchertes Fleisch oder Fisch), aber auch aus körpereigenen Speicherzellen freigesetzt werden. Zur Diagnostik dient ein Enzymtest. Die wichtigste Behandlungsoption ist eine histaminfreie beziehungsweise -arme Ernährung.

Zöliakie-- Die Zöliakie (einheimische Sprue, glutensensitive Enteropathie) ist eine Unverträglichkeit gegenüber Gluten, die bereits bei Kleinkindern, aber auch erst im Erwachsenenalter auftreten kann. Gluten ist ein Sammelbegriff für verschiedene Eiweiße, die in einheimischen Getreidearten wie Weizen, Roggen, Gerste, Dinkel, Grünkern (unreifer Dinkel), Emmer und Einkorn vorkommen und auch unter dem Begriff Klebereiweiß bekannt sind. Sie können Durchfall, Krämpfe, Verstopfung und Bauchschmerzen auslösen und durch immunologische Reaktionen die Dünndarmzotten zerstören. Somit sind Nahrungsmittel wie Nudeln, Pizza, Brot oder Kuchen aus den genannten Getreidesorten für Zöliakiepatienten nicht geeignet. Mittlerweile bietet der Handel diese Lebensmittel auch in glutenfreier Form an. Gluten findet sich jedoch auch „versteckt“ in Bier, Getreidekaffee oder panierten Fleisch und Fisch, sodass Betroffene stets aufmerksam die Zutatenlisten der Produkte lesen sollten. Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel können als Hilfsstoff Stärke enthalten, die mit Gluten kontaminiert sein kann. Nach der Diagnosestellung, für die unter anderem der Nachweis von Gluten-Antikörpern im Blut notwendig ist, müssen sich Betroffene lebenslang glutenfrei ernähren.

Wirkstoffe

Die Anzahl der Wirkstoffe gegen gas- trointestinale Störungen ist immens. Einige von ihnen wirken gegen mehrere Symptome. So können Prokinetika sowohl bei Magenschmerzen als auch bei Völlegefühl wirksam sein, Probiotika gegen Durchfall und im Anschluss an eine Antibiotikatherapie zur Wiederherstellung des physiologischen Darmmikrobioms.

Antiemetika

Zur Selbstmedikation bei Übelkeit und Erbrechen können die H1-Antihistaminika Diphenhydramin und Dimenhydrinat sowie Ingwer und Vitamin B6 (Pyridoxin) sowohl zur Prophylaxe (gegen Reiseübelkeit) als auch zur Behandlung empfohlen werden. Vorteilhaft sind parenterale Arzneiformen wie Zäpfchen oder Pflaster, von Kindern werden Kaugummis und flüssige Zubereitungen oft besser akzeptiert als Tabletten. Verschreibungspflichtig ist das H1-Antihistaminikum Doxylamin in Kombination mit Pyridoxin bei Schwangerschaftsübelkeit und Erbrechen.

© Mone Beeck

Phytopharmaka

Die Anzahl der Arzneipflanzen beziehungsweise deren Extrakte, die bei gas- trointestinalen Beschwerden eingesetzt werden, ist groß. Wegen der Vielfalt der Wirkstoffe in einem Extrakt können sie in der Regel nicht eindeutig einer Indikation zugeordnet werden. So kann ein Extrakt spasmolytisch und säurehemmend wirken, verdauungsfördernd und entblähend. Deshalb werden sie in dieser Fortbildung nur beispielhaft aufgezählt und grob eingeteilt.

Bitterstoffe-- Sie regen die Verdauung an und unterstützen deshalb bei Völlegefühl und Blähungen, aber auch bei Appetitlosigkeit. Sie werden eine halbe Stunde vor dem Essen angewendet. In flüssigen Zubereitungen sind Bitterstoffdrogen wie beispielsweise Bittere Schleifenblume, Angelika- und Enzianwurzel, Schafgarben-, Benedikten-, Wermut- und Tausendgüldenkraut enthalten. Aus den getrockneten Pflanzen kann ein Tee zubereitet werden.

Meist werden Bitterstoffdrogen mit anderen Pflanzen kombiniert, um mehrere Wirkansätze zu nutzen. Beispielsweise Angelikawurzel mit Benediktenkraut und Pfefferminzblättern (spasmolytisch) oder Bitterer Fenchel mit Kamillenblüten (spasmolytisch, entzündungshemmend) mit Pfefferminzblättern.

Eine Kombination aus neun Arzneipflanzen (Bittere Schleifenblume, Kamillenblüten, Kümmel u. a.) regt besonders durch den Iberis-amara-Anteil bei schwach stimulierten Magen-Darmabschnitten deren Grundtonus an (gegen Völlegefühl, Meteorismus). Verkrampfte Abschnitte hingegen werden durch die spasmolytischen Effekte weiterer enthaltender Pflanzen entkrampft (z. B. durch Kümmelöl, Pfefferminzblätter).

Spasmolytika-- Pfefferminzblätter, Anis-, Fenchel- und Kümmelfrüchte sowie Kamillenblüten wirken leicht krampflösend und können beispielsweise als Tee empfohlen werden. Eine Kombination aus Pfefferminz- und Kümmelöl hat neben krampflösenden Effekten auch Einfluss auf die Motilität des Zwölffingerdarms, es hemmt sie.

Durch ihre entkrampfenden Effekte wirken Spasmolytika auch entblähend. Häufig werden die eingesetzten Drogen auch als Carminativa bezeichnet wie Pfefferminzblätter, Kamillenblüten sowie Anis-, Fenchel- und Kümmelfrüchte. Bei einer Allergie gegen Doldenblütler müssen Zubereitungen mit Fenchel, Anis und Kümmel jedoch gemieden werden.

Pflanzliche Laxanzien und Antidiarrhoika werden in den entsprechenden Abschnitten besprochen.

Antazida

Antazida sind eine Option bei Sodbrennen und unspezifischen Magenschmerzen. Sie lindern die Beschwerden durch Neutralisation der Magensäure. Antazida sollten ein bis zwei Stunden nach dem Essen und gegebenenfalls vor dem Schlafengehen eingenommen werden. Empfehlenswerte Wirkstoffe sind Algeldrat (Aluminiumoxid), Magaldrat, Magnesiumhydroxid, Hydrotalcit und Kombinationspräparate mit Natriumalginat.

Protonenpumpenhemmer

Bei Sodbrennen, Magenschmerzen und saurem Aufstoßen können Protonenpumpenhemmer (PPI) empfohlen werden. Sie hemmen ein Enzym (H+/K+-ATPase), das für die Magensäureproduktion notwendig ist. Die Einnahme erfolgt etwa 30 Minuten vor einer Mahlzeit über sieben bis maximal 14 Tage. Für die Selbstmedikation zugelassen sind Omeprazol, Esomeprazol und Pantoprazol in einer Tagesmaximaldosis von 20 Milligramm. Höhere Dosen sowie weitere PPI (z. B. Dexlansoprazol) sind rezeptpflichtig.

Spasmolytikum

Das chemisch-synthetische Spasmolytikum Butylscopolaminiumbromid ist als Monopräparat sowie in Kombination mit Paracetamol verfügbar. Es ist eine gute Empfehlung bei kolikartigen Schmerzen im Magen-Darm-Trakt, darf jedoch ohne ärztliche Abklärung der Beschwerden nur kurzfristig eingesetzt werden: in Monotherapie maximal fünf Tage, als Kombinationspräparat nicht länger als drei bis vier Tage. Eine Kontraindikation sind zum Beispiel Gallensteine.

Wussten Sie, dass ...

  • Magen-Darm-Beschwerden auch durch psychische Belastungen wie Trauer, eine Depression oder durch übermäßigen Stress hervorgerufen werden können?
  • das Gehirn in diesen Fällen „Alarmsignale“ an die glatte Muskulatur der Darmwand sendet?
  • die stressbedingten Beschwerden von den Betroffen sehr unterschiedlich empfunden werden können, zum Beispiel als Krämpfe, Stechen, Ziehen oder Völlegefühl?
  • diese Beschwerden mit rezeptfreien Mitteln vorübergehend gelindert werden können, darunter auch Sedativa wie Lavendel- oder Baldrianextrakte?
  • die Symptome jedoch erst komplett verschwinden, wenn die Ursache gefunden und beseitigt wurde?

Entschäumer

Entschäumer auf synthetischer Basis (Simeticon, Dimeticon) sind hilfreich bei Blähungen, da sie Gasschäume verhindern, auflösen und den Abtransport der Gase erleichtern. Sie können, falls erforderlich, auch über längere Zeit eingesetzt werden.

Probiotika

Probiotische Kulturen (Lactobazillen, Bifidobakterien, Saccharomyces boulardii) und Bakterienlysate haben verschiedene Anwendungsgebiete. Sie können bei Durchfall hilfreich sein, da sie Toxine binden können. Auch für die Neubesiedlung des Darms nach einer Antibiotikatherapie sind sie geeignet, um das physiologische Darm-Mikrobiom zu unterstützen. Die meisten Probiotika sind als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich.

Präbiotika

Für Patienten mit Reizdarm-Symptomen kann auch Xyloglucan eine Option sein. Der Wirkstoff soll die Darmschleimhaut durch Bildung einer Gel-Schicht abdecken und den Aufbau nützlicher Darmbakterien-Stämme unterstützen.

Laxanzien

Gegen Verstopfung sind eine Vielzahl von Substanzen verfügbar, die zum Teil unterschiedliche Wirkprinzipien besitzen. Deshalb kann die Auswahl sehr individuell erfolgen, zum Beispiel entsprechend dem Alter oder dem gewünschten Wirk-eintritt. Unverzichtbar ist bei der Abgabe von Laxanzien, die quellen müssen, ein Hinweis auf die ausreichende Trinkmenge von mindestens zwei Litern pro Tag.

Macrogol-- Macrogol (Polyethylenglykol) wird mit Wasser eingenommen und bindet dieses bis zum Erreichen des Dickdarms, da die Substanz nicht resorbiert wird. Die Darmentleerung wird durch den Reiz, der durch die Quellung auftritt, ausgelöst. Macrogol ist auch für Schwangere geeignet und wird bei Patienten unter Opiattherapie zur Verhinderung von Verstopfung eingesetzt.

Ballaststoffe-- Die verfügbaren Ballaststoffe besitzen ein unterschiedliches Quellvermögen. Niedrig ist es bei Leinsamen und Weizenkleie, hoch bei Flohsamenschalen.

Lactulose-- Lactulose erweicht den Stuhl und regt die Darmbewegung an. Der Wirkstoff sollte jedoch einschleichend dosiert werden, da bei zu schneller Dosissteigerung Blähungen und Bauchkrämpfe auftreten können.

Hydragoga-- Bisacodyl und Natriumpicosulfat werden als Hydragoga bezeichnet, weil sie den Wassereinstrom in den Darm fördern. Gleichzeitig hemmen sie die Wasserresorption aus dem Darm. Die Wirkung tritt erst mehrere Stunden nach der Einnahme ein.

Sofortwirkung-- Ist bei Verstopfung eine sofortige Wirkung gewünscht (z. B. bei Kleinkindern), können Zäpfchen oder Klistiere mit Glycerol, Sorbitol oder Docusat-Natrium angewendet werden, deren Wirkung innerhalb von Minuten eintritt.

Pflanzlich-- Pflanzliche Laxanzien enthalten Sennesblätter und -früchte, Aloe oder Faulbaumrinde. Sie dürfen bei Kindern erst ab einem Alter von zwölf Jahren eingesetzt werden.

Antidiarrhoika

Mittel gegen Durchfall werden meistens in Kombination mit Wasser- und Elek-trolytersatz angewendet, da ein hoher Verlust von Flüssigkeit und Salzen lebensbedrohlich sein kann.

Loperamid-- Dieser Wirkstoff stoppt den Durchfall durch Hemmung der Darmbewegungen (Motilitätshemmer). Er darf in der Selbstmedikation ab zwölf Jahren maximal zwei Tage angewendet werden, sofern der Stuhl nicht blutig und kein Fieber aufgetreten ist.

Racecadotril-- Racecadotril verringert den Einstrom von Wasser und Salzen in den Darm (Sekretionshemmer), sodass der Stuhl fester wird. Rezeptfrei ist der Wirkstoff nur für Erwachsene und nur für die Anwendung bis zu drei Tagen erhältlich. Für Kinder gibt es ein verschreibungspflichtiges Granulat in niedrigerer Dosierung.

Gerbstoffe-- Synthetischer Gerbstoff aus natürlichen Quellen (Tannalbin) und pflanzliche Gerbstoffe (z. B. aus Uzarawurzel, Heidelbeeren) stehen in verschiedenen Darreichungsformen zur Verfügung. Sie dichten die Darmschleimhaut ab, wirken sekretionshemmend und reduzieren dadurch den Wassergehalt des Stuhls.

Interessenskonflikt: Die Autorin erklärt, dass keinerlei Interessenskonflikte bezüglich des Themas vorliegen.


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