31.12.2021

Zertifizierte Fortbildung: Stress

von Petra Schicketanz

Wohin man auch hört – alle haben Stress. Dieser Beitrag zeigt, was das für den Körper bedeutet, welche Rolle der Vagusnerv dabei spielt und welche Möglichkeiten es gibt, mit pflanzlichen und homöopathischen Mitteln etwas dagegen zu unternehmen.

© FatCamera / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodellen)

Fortbildung

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  • Mögliche Stressfolgen sind nervöse Unruhe, Schlafstörungen, Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, depressive Verstimmung oder Gereiztheit.
  • Auf psychosomatischem Weg kann Stress viele Organsysteme stören, wie Verdauung, Herz-Kreislauf- und Immunsystem.
  • Drogen mit einer adaptogenen Wirkung steigern unspezifisch die Widerstandskraft und helfen dem Organismus, sich besser an gesundheitsschädigende Stressoren anzupassen.
  • In der Selbstmedikation sollten nur kurzfristig bestehende Stresssymptome behandelt werden, da hinter chronischen Beschwerden auch eine behandlungsbedürftige Erkrankung stehen kann.

Die moderne Gesellschaft lebt auf der Überholspur. Leistungsdruck, soziale Auseinandersetzungen und eine permanente Reizüberflutung durch Lärm, Licht und technische Geräte sorgen dafür, dass wir nicht zur Ruhe kommen. Es gibt eine lange Liste möglicher Stressoren. Jeder einzelne davon meldet im Gehirn „Gefahr im Verzug“. Damit das Gehirn nicht lange über die infrage kommenden Handlungsoptionen nachdenken muss, handelt stattdessen das vegetative Nervensystem mit seiner ganzen Schlagkraft, die schon vor Jahrtausenden dafür gesorgt hat, passend auf den Angriff eines Mammuts zu reagieren. Letztendlich können daraus vielfältige Krankheiten entstehen. Da die Psyche dabei auf den Körper (griechisch soma) einwirkt, beschreibt die Medizin dieses Fachgebiet als Psychosomatik.

Lernziele Stress

Nach Lektüre dieser Lerneinheit wissen Sie ...

  • wie das autonome Nervensystem funktioniert.
  • wie Stress entsteht und welche gesundheitlichen Folgen er haben kann.
  • wie die Stresssymptome Nervosität, innere Unruhe und Schlafstörungen in der Selbstmedikation behandelt werden können.
  • wo die Grenzen der Selbstmedikation bei Stressfolgen liegen.

Reine Kopfsache?

Häufig wird behauptet, Stress entstehe im Kopf. Das stimmt nicht ganz, denn Lärm, Licht, Gerüche, Umweltgifte und andere Reize kommen schließlich von außen. Aber nicht jeder reagiert auf denselben Reiz mit einer Stressreaktion. Ob eine Überlebensreaktion nötig ist, beurteilt das limbische System. In diesem Teil des Gehirns, das wir mit Säugetieren, Reptilien und Vögeln gemeinsam haben, werden Emotionen bewertet und weiterverarbeitet. Hier finden sich auch der Sitz des Triebverhaltens und die Regulationszentrale des vegetativen Nervensystems.

Autonome Steuerung

Das vegetative Nervensystem wird auch als „autonom“ bezeichnet, weil es quasi selbstständig funktioniert und (fast) nicht durch den Willen beeinflusst werden kann. Es wird unterteilt in die Gegenspieler Sympathikus und Parasympathikus. Während der Sympathikus den Körper auf Kampf oder Flucht programmiert, sorgt der Parasympathikus hinterher dafür, dass sich der Organismus wieder regeneriert. Solange die Balance zwischen diesen beiden Prozessen erhalten bleibt, ist der Mensch in der Lage, große Belastungen zu ertragen.

Fragebogen zur zertifizierten Fortbildung für PTA herunterladen!

Den Fragebogen zur zertifizierten Forbildung Stress können Sie sich hier herunterladen. Die Fortbildung für PTA wurde unter der Veranstaltungsnummer BAK/FB/2021/549/01 durch die Bundesapothekerkammer (BAK) akkreditiert. Die Akkreditierung ist gültig bis vom 29.12.2021 bis 28.12.2022.

Stressfolgen

Der Parasympathikus reguliert die Regenerationsphase nach einer Stressattacke. Wenn dieser Vorgang fehlt, entstehen stressbedingte Krankheiten. Und die können langfristig ebenso lebensbedrohlich sein wie ein Mammutangriff. Meist äußert sich Stress zunächst durch Unruhe und Nervosität, die wiederum zu Schlafstörungen führen können. Langfristig stellen sich Müdigkeit und Antriebslosigkeit ein, Konzentrationsstörungen, Ärger, gereizte Stimmung, aber auch depressive Verstimmungen bis hin zur Depression. Nicht selten endet die Dauerbelastung in einem Burnout-Syndrom.

Körperlich zeigen sich ebenfalls handfeste Reaktionen auf Stressoren, denn das vegetative Nervensystem, das dem Körper die Stressantwort übermittelt, steuert alle Organsysteme an.

Herz-Kreislauf-System-- Um den Körper auf Flucht oder Kampf vorzubereiten, sorgt das sympathische Nervensystem für eine bessere Durchblutung der dafür benötigten Herz- und Skelettmuskulatur. Dafür werden der Blutdruck gesteigert und die entsprechenden Blutgefäße weit gestellt (Vasodilatation). Das geht zulasten der Durchblutung von Haut, Schleimhäuten und Baucheingeweide, bei denen die Blutgefäße eng gestellt werden (Vasokonstriktion). Die Herzkraft und -frequenz werden gesteigert. Was zunächst positiv klingt, erhöht aber auch den Sauerstoffverbrauch der Herzmuskulatur. Bei Überlastung droht ein Herzinfarkt. Auch die Erregungsleitung des Herzens kann überfordert werden, was in Herzstolpern oder Kammerflimmern gipfeln kann. Nicht zuletzt birgt auch der Bluthochdruck die Gefahr vieler Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Nierenschäden. Die erhöhten Druckwerte können sich durch Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, Übelkeit oder Hitzewallungen bemerkbar machen.

Verdauung-- Unter Sympathikuseinfluss werden die Verdauungsorgane weniger durchblutet und die Bereitstellung von Verdauungssäften gestört. Das bereitet den Boden für krampfartige Bauchschmerzen, Völlegefühl, Blähungen, Sodbrennen und den Wechsel zwischen Durchfall und Verstopfung. Langfristige Folgen können Reizmagen oder Reizdarm sein sowie die Entstehung von Magen- oder Darmgeschwüren. Gleichzeitig gerät auch das ökologische Gleichgewicht im Darm durcheinander. Das veränderte Mikrobiom hat Folgen für das Immunsystem. Gesundheitsfördernde Bakterien werden von solchen Stämmen verdrängt, die Entzündungsreaktionen begünstigen und die Barrierefunktion der Darmschleimhaut beeinträchtigen.

Übergewicht-- Menschen mit einem hohen Stresslevel neigen zu Übergewicht und Adipositas. Ein Grund dafür liegt in den dauerhaft erhöhten Cortisolwerten im Blut. Das Hormon aus der Nebennierenrinde fördert die Glukose-Produktion in der Leber. Das steigert den Blutzuckerwert und damit nicht nur die Gefahr, an einem Diabetes mellitus zu erkranken. Gleichzeitig steuert der Körper mit einer Insulin-Freisetzung entgegen, die im Nebeneffekt die Fetteinlagerung begünstigt.

Immunsystem-- Umweltgifte und künstliche Lebensmittelzusätze sowie eine ungesunde Lebens- und Ernährungsweise schwächen nachvollziehbar die Immunabwehr. Die Ursache für eine erhöhte Infektanfälligkeit kann aber auch in seelischen Problemen liegen, da Stress wie oben bereits beschrieben, das Darmmikrobiom verändert und damit Einfluss auf die Immunabwehr nimmt.

Allergien-- Obwohl die Neigung zur Allergieentwicklung vererbt ist, spielt das vegetative Gleichgewicht bei der Entstehung ebenfalls eine wichtige Rolle. Das zeigt sich auch daran, dass Allergiesymptome in stressigen Situationen viel stärker auftreten, als in entspannten Lebensphasen.

Schmerzen-- Stress führt häufig zu psychosomatischen Schmerzen. So reagieren viele Menschen in der Hektik des Alltags mit Kopf- oder Rückenschmerzen oder schmerzhaften Muskelverspannungen. Lässt sich für chronische Schmerzen keine körperliche Ursache finden, kann oftmals eine psychotherapeutische Maßnahme Hilfe bringen.

Wussten Sie, dass ...

  • die Anpassungsfähigkeit an Stressoren in der Psychologie als Resilienz bezeichnet wird?
  • Resilienz als Ressource zum überwiegenden Teil angeboren ist?
  • Menschen mit einer positiven Lebenseinstellung eine höhere Resilienz haben als zum Beispiel Traumatisierte?
  • die Resilienz einen wichtigen Anteil an der Erholungsfähigkeit des Menschen nimmt?

Gegenspieler

Der X. Hirnnerv wird Vagusnerv genannt. Das Wort vagus stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „krumme Wege machen“ oder „umherschweifen“. Und das trifft in der Tat auf den Hauptnerv des Parasympathikus zu, der Lunge und Herz sowie fast alle Baucheingeweide innerviert. Damit steuert er Herzrhythmus und Atemfrequenz, Magen- und Darmtätigkeit sowie die Drüsensekretion von Tränen und Schweiß bis zur Magensäure. Zudem leitet er Impulse von diesen Organen zurück ins Gehirn.

Stressbewältigung-- Im Kampf gegen den Stress hat sich der Vagusnerv als wichtiger Verbündeter erwiesen, denn er ist der Gegenspieler, des sympathischen Nervensystems und kann deshalb körperliche Stressreaktionen auflösen. Auch wenn er als vegetativer Ruhenerv seine Arbeit definitionsgemäß autonom ausübt, hat sich herausgestellt, dass er gezielt beeinflusst werden kann. Mittlerweile werden fast alle therapeutischen Techniken, um Stress zu bewältigen, dem X. Hirnnerv zugesprochen, egal, ob es sich dabei um den Einsatz entspannender Lichtquellen, Klang- oder Musiktherapie oder eine Stimulation über den Geruchs- oder Geschmackssinn handelt. Körperlich wird der Vagusnerv durch spezielle Atemtechniken und gymnastische Übungen angesprochen, wie sie beispielsweise beim Yoga, Qi Gong oder TaiChi eingesetzt werden.

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Selbstmedikation bei Stress

Häufig ist die Apotheke die erste Anlaufstelle, wenn es um Stress geht. Nicht immer stehen Anspannung und nervöse Unruhe am Anfang der Beschwerdeliste. Viele Menschen reagieren eben erst, wenn es wehtut (Kopf- oder Rückenschmerzen), sich der Tinnitus nicht mehr überhören lässt oder Herz-Kreislauf-Beschwerden Sorge bereiten. Auch wenn es für viele der Beschwerden Behandlungsmöglichkeiten im OTC-Sortiment gibt, empfiehlt es sich, durch einfühlsame Fragen im Beratungsgespräch die Zusammenhänge mit Stress als Auslöser herauszuarbeiten. Gerade belastbar erscheinende Menschen reagieren oft empfindlich, wenn sie erkennen müssen, den alltäglichen Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein. Oder sie sehen vor lauter Pflichtbewusstsein keine Möglichkeit, die Belastungen ihres Alltags zu verringern.

Die Selbstmedikation bei Stress fokussiert sich auf die Symptome Nervosität, innere Unruhe und Schlafstörungen. Sie ist sinnvoll bei bekannten akuten Ursachen wie Prüfungsangst oder Aufregung vor einem besonderen Ereignis und wenn die Beschwerden nicht länger als zwei Wochen andauern. Bei Schlafstörungen dürfen die Symptome maximal vier Wochen lang bestehen. Bevor ein passendes Medikament ausgesucht wird, sollte hinterfragt werden, ob die Ein- oder Durchschlafstörungen eventuell durch erhöhten Konsum von Kaffee oder einen ungünstigen Lebensrhythmus gefördert werden.

Phytotherapeutika

Bei mentalem Stress und leichteren Schlafstörungen haben sich rezeptfreie Phytopharmaka bewährt, die im Gegensatz zu vielen verschreibungspflichtigen Schlafmitteln weder ein Abhängigkeitspotenzial besitzen, noch am Folgetag zu einem Hangover führen. Üblicherweise benötigen sie zwei bis vier Wochen, bis sich ihre volle Wirkung entfaltet. Die einzelnen Pflanzendrogen besitzen unterschiedliche Wirkprofile, nach denen sie gezielt für das entsprechende Beschwerdebild ausgesucht werden können. Umgekehrt können sich die Wirkungen in Kombinationspräparaten oder Teemischungen auch vorteilhaft ergänzen.

Ashwagandha-- In der Ayurvedischen Gesundheitslehre wird Ashwagandha, (Syn. Indische Schlafbeere, Withania somnifera) als traditionelles Beruhigungsmittel bei stressbedingten Schlafstörungen eingesetzt. Allerdings werden nicht die Früchte genutzt, sondern die Wurzeln des Nachtschattengewächses, die wirksame Withanolide enthalten. Die indische Erfahrungsmedizin verwendet die Wurzeln bei Schlafproblemen, Angstzuständen, zur Stimmungsaufhellung und Verbesserung der Hirnleistung. Zusätzlich auch bei Gelenkschmerzen und Impotenz. Passend zu den Gesundheitsproblemen der modernen Gesellschaft werden die Produkte in neuester Zeit als Adaptogene gehandelt, die den Menschen stressresistenter machen sollen.

Baldrianwurzel-- Der Echte Baldrian (Valeriana officinalis) liefert die Droge Baldrianwurzel (Valerianae radix), deren vielfältigen Wirkungen gut untersucht sind. Die beruhigende und schlaffördernde Wirkung kann durch die innerliche Anwendung von Tees oder Tinkturen oder äußerlich als Badezusatz genutzt werden. Aktuell gelten die enthaltenen Lignane als wichtigste Wirkstoffe, doch auch für das ätherische Öl und Valerensäuren konnten Einzelwirkungen bestimmt werden, die über den Gehirnstoffwechsel zu einer milden Sedation führen. Neben einer Anhebung der Schlafqualität verbessert Baldrianwurzel die Tagesbefindlichkeit, da die Droge konzentrationsfördernd wirkt und die kognitive Leistung fördert. Zudem wirkt sie krampflösend und muskelentspannend.

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Hopfenzapfen-- Das zum Bierbrauen beliebte Hanfgewächs Hopfen (Humulus lupulus) ist eine zweihäusige Pflanze, von der nur die zapfenförmigen Blüten der weiblichen Individuen genutzt werden. Sie werden als Lupuli flos oder Lupuli strobulus bezeichnet und zeichnen sich durch ihren hohen Gehalt an Bitterstoffen (u. a. Humulon und Lupulon) aus, was sich im Tee durch den sehr bitteren Geschmack bemerkbar macht. Hopfenzapfen lindern Unruhezustände, Angstzustände und Einschlafstörungen. Letzteres kommt über eine Aktivierung des Melatoninrezeptors zustande, über den der physiologische Tag-Nacht-Rhythmus gesteuert wird. Zudem wirken Hopfenzapfen appetitanregend, krampflösend und zeigen östrogenartige Effekte. Der Kontakt zu frischen Hopfenzapfen kann vereinzelt allergische Reaktionen auslösen.

Lavendelblüten-- Der Echte oder Schmalblättrige Lavendel (Lavandula angustifolia) wird nicht umsonst auch Nervenkräutlein genannt. Die Blüten (Lavandulae flos) des aromatisch duftenden Strauchs aus der Familie der Lippenblütler lindern leichte Symptome von psychischem Stress, Unruhezustände und fördern den Schlaf, indem sie die Einschlafzeit verkürzen und die Schlafdauer verlängern. Weitere Einsatzgebiete sind Appetitlosigkeit, nervöse Erschöpfung, funktionelle Oberbauchbeschwerden, nervöse Magen- und Darmbeschwerden, Meteorismus und Reizdarm. Hauptinhaltsstoff ist das ätherische Öl, das nachweislich ängstliche Verstimmungen, Angst und Unruhezustände lindert. Darüber hinaus sind seine antimikrobiellen, fungiziden und entzündungshemmenden Eigenschaften bekannt. Die in den Lavendelblüten enthaltenen Gerbstoffe wirken obstipierend. Äußerlich werden Lavendelblüten auch als Badezusatz verwendet und wirken über ihren vegetativen Einfluss funktionellen Kreislaufstörungen entgegen.

Melissenblätter-- Auch die Zitronenmelisse (Melissa officinalis) gehört zu den Lippenblütlern und enthält wie der Lavendel ätherisches Öl und Lamiaceengerbstoffe (Rosmarinsäure). Als Tee oder Extrakt finden ihre Blätter (Melissae folium) Verwendung, die vor der Blüte geerntet werden. Sie helfen bei Einschlafstörungen und nervös bedingten Magen-Darm-Beschwerden, mit Neigung zu Blähbauch (Meteorismus) oder Magenübersäuerung. Insgesamt zeichnen sie sich durch beruhigende, karminative und krampflösende Effekte aus, die bei vielen psychovegetativen Beschwerden hilfreich sind. So werden Melissenblätter traditionell auch bei nervösen Herz- und Gallenbeschwerden eingesetzt.

Passionsblumenkraut-- Aus den tropischen Regenwäldern Amerikas stammt die Passionsblume (Passiflora incarnata). Ihr zur Blütezeit geerntetes Kraut (Passiflorae herba) wirkt sedierend, anxiolytisch, antidepressiv und spasmolytisch. Es wird bei Nervenschwäche (Neurasthenie), nervösen Unruhezuständen mit Angstzuständen und nervöser Schlaflosigkeit eingesetzt, ebenso bei einer Überlastung des vegetativen Nervensystems (vegetativer Dystonie), die sich beispielsweise durch nervös bedingte Beschwerden im Magen-Darm-Bereich zeigt. Typisch ist der Einsatz bei stressbedingten, krampfartigen Bauchschmerzen.

Rosenwurz-- Eine hierzulande tendenziell neue Arzneipflanze ist die Rosenwurz (Rhodiola rosea), die als Dickblattgewächs in alpinen Höhenlagen und arktischen Regionen zu finden ist. Ihr Rhizom wird in Sibirien „Goldene Wurzel“ genannt und dient in russischen, baltischen und skandinavischen Ländern als volksheilkundliches Mittel zur Steigerung der geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit sowie zum Stressabbau. Schon die Wikinger sollen die Pflanze genutzt haben, um Kraft und Ausdauer zu stärken. Heute wird das Rhizom in Form von Trockenextrakten eingesetzt, die durch ethanolische Extraktion gewonnen und auf einen Gehalt von drei Prozent Rosavinen und 0,8 bis ein Prozent Salidrosid eingestellt wurden. Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) hat die Wirkung von Rosenwurzwurzelstock zur Linderung von Stresssymptomen wie Müdigkeit und Schwächegefühl anerkannt und empfiehlt, die Arzneimittel nur bei Erwachsenen im Alter von über 18 Jahren anzuwenden und die Einnahme ohne ärztlichen Rat auf zwei Wochen zu begrenzen.

Laut Erfahrungsheilkunde soll das Rhizom die geistige Agilität unterstützen und Vergesslichkeit und Konzentrationsmangel entgegenwirken. Häufig werden seine adaptogenen Eigenschaften hervorgehoben, womit eine unspezifische Widerstandskraft gemeint ist, mit der sich der Körper an Stressoren und außergewöhnliche Belastung anpassen soll, wie Prüfungsstress oder Nachtschicht.

Zur Verwendung bei depressiver Verstimmung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie unerfülltem Kinderwunsch sind Studien angesetzt. Als nicht gesichert gilt dagegen die traditionelle Verwendung gegen chronische Müdigkeit, als Nervenschutz bei Alzheimer und Parkinson sowie zur Erhöhung der Widerstandskraft gegen Erkältung.

English for PTA

Lesen Sie ergänzend und thematisch passend zu unserer zertifizierten Fortbildung unseren englischen Beitrag "A System out of Balance". 

Homöopathika

In der Homöopathie gibt es unzählige Mittel, die einzeln oder in Kombinationspräparaten gegen nervöse Unruhe und Schlafstörungen eingesetzt werden können. Die nachfolgende Auswahl ist nur beispielhaft und stellt keine Wertung dar. Zur Dosierung als Einzel- oder Komplexmittel wird üblicherweise ein- bis dreimal täglich eine Gabe verabreicht. Bei akuter Unruhe und Nervosität können die Mittel bis zu sechsmal täglich gegeben werden, wobei man Tabletten oder Globuli unter der Zunge zergehen lässt.

Acidum phosphoricum-- Phosphorsäure passt auf junge Leute, die schnell wachsen, und zu Durchfall oder Schwitzen neigen. Die Betroffenen leiden unter Schwäche und Erschöpfung. Der Geist ist träge, und es kommt zu Wortfindungsstörungen. Tagsüber sind sie schläfrig, nachts können sie nicht schlafen. Die Stimmung ist hoffnungslos und von Sorgen geprägt.

Avena sativa-- Hafer gilt als Grundnahrung für das Gehirn und wird daher bei nervöser Erschöpfung, Konzentrationsstörungen und Schlaflosigkeit gegeben. Das Mittel passt auch bei Entkräftung nach schweren Krankheiten oder sexueller Erschöpfung.

Coffea arabica-- Beim homöopathischen Einsatz von Kaffeebohnen wird das Simile-Prinzip der Homöopathie deutlich, denn es werden die Symptome behandelt, die das Mittel pur hervorrufen würde, also Übererregung und Reizbarkeit der Nerven, Zittern, Schlaflosigkeit, Herzklopfen und Blutdruckanstieg.

Ignatia-- Die Samen des Ignatiusbohnenbaumes (Strychnos ignatii) enthalten wie die berühmten Samen der Brechnuss (Strychnos nux-vomica) das hoch giftige Alkaloid Strychnin. Homöopathisch passt es auf sensible, sanfte Frauen von schneller Auffassungsgabe und nervösem, leicht erregbarem Temperament und launischen Stimmungswechseln. Sie sind tendenziell traurig und introvertiert, leicht aus dem Schlaf zu wecken, der von schrecklichen Traumwiederholungen gestört ist. Ohrenrauschen, Ängste und Heißhungerattacken bei gleichzeitiger Übelkeit gehören zum Bild.

Phosphorus-- Das Element Phosphor ist geeignet bei ängstlichen, furchtsamen, unentschlossen Menschen, die zu Unruhe und heftigen Zornesausbrüchen neigen. Vor Mitternacht können sie nicht einschlafen und wachen immer wieder auf, was am Tag zu Schläfrigkeit und zunehmender Schwäche führt.

Tarantula-- Die spanische Wolfsspinne (Tarantula hispanica) liefert ein homöopathisches Mittel mit starkem Bezug zum Herz-Kreislauf- und Nervensystem. Die Leitsymptome umfassen unkontrollierbaren Bewegungsdrang, große Unruhe, zum Zerreißen angespannte Nerven, Zittern und Zucken, Neigung zu heftigen Neuralgien, Hass und Zerstörungswut sowie Schlaflosigkeit vor Mitternacht.

Zincum valerianicum-- Das Zinksalz der Valeriansäure ist in der Homöopathie ein altes Mittel gegen Hysterie. Heute wird es bei Schlafstörungen und Krampfanfällen eingesetzt sowie bei Menschen mit einem übererregbaren Nervensystem und Neigung zu Nervenschmerzen und Herzbeklemmung.

eTraining Schlaf

Das eTraining beschäftigt sich mit den Ursachen von Schlafstörungen und was man dagegen tun kann.

Grenzen der Selbstmedikation

Wenn nervöse Unruhe länger als zwei Wochen andauert und sich nicht unter der Selbstmedikation bessert oder wenn Begleitsymptome auftreten, sollte ein Arztbesuch empfohlen werden. Denn hinter der Symptomatik kann sich stets auch eine behandlungsbedürftige Grunderkrankung verbergen, wie Depression oder andere neurologische Erkrankungen, Schilddrüsen- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zudem gibt es natürlich auch Arzneimittel, die Unruhezustände im Rahmen ihres Nebenwirkungsprofils aufweisen. Hierzu gehören Antidepressiva, Beta-Sympathomimetika, Coffein, Glukokortikoide und Schilddrüsenhormone.

Ein- und Durchschlafstörungen sind ein Fall für die Selbstmedikation, solange sie nicht länger als drei bis vier Wochen andauern. Das Thema wird ausführlich in unserem eTraining Schlafstörungen behandelt (www.das-pta-magazin.de/ schlaf).

Interessenskonflikt: Die Autorin erklärt, dass keinerlei Interessenskonflikte bezüglich des Themas vorliegen.

Noch was ...

  • Das Nervensystem des Darms wird als eigenständiges System auch Bauch-Hirn genannt.
  • Der Vagusnerv bildet hier sozusagen die Standleitung für die Darm-Hirn-Achse und nutzt den überwiegenden Teil seiner Arbeit, um Informationen vom Darm ins Gehirn zu schicken.
  • Das zeigt die Bedeutung des Darms als eigenständiges Steuerungsorgan.
  • Das Bauch-Hirn nimmt Einfluss auf Gefühle und Stressempfinden.

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