31.07.2021

Zytostatika: Krebs die Stirn bieten

von Text: Christopher Waxenegger

Die ersten Medikamente gegen Krebs richteten sich gegen das beschleunigte Tumorwachstum. Doch nicht alle Tumorzellen teilen sich rasch. Heutzutage kann in der Onkologie auf eine Fülle an neuartigen Medikamenten zurückgegriffen werden.

© luismmolina / Getty Images / iStock

Fortbildung

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  • Tumorzellen entstehen aus körpereigenen Zellen, die ihre Fähigkeit zum kontrollierten Wachstum verlieren.
  • Mit zunehmender Tumorgröße infiltriert dieser benachbarte Gewebe und Gefäße.
  • Die Therapie richtet sich nach dem Tumorstadium, der Art des Tumors, der Lebenserwartung, dem körperlichen Zustand sowie der zu erwartenden Wirkung und Verträglichkeit der Behandlung.
  • Klassische Zytostatika greifen unspezifisch in den Zellzyklus ein und hemmen die Proliferation sowie das Wachstum von sich teilenden Zellen.
  • Moderne Zytostatika wirken selektiver und werden deshalb als zielgerichtete Therapie bezeichnet.

Krebs ist eine äußerst heterogene Erkrankung. Definitionsgemäß werden bösartige Neubildungen (maligne Neoplasien) als Krebs bezeichnet, wenn sie unkontrolliert wachsen (proliferieren), auf diese Weise in benachbarte Organe und Gefäße eindringen, sie dadurch zerstören und in Folge an entfernten Orten im Körper Tochtergeschwülste (Metastasen) bilden.

Lernziele Zytostatika

Nach Lektüre dieser Lerneinheit wissen Sie ...

  • wie Tumoren entstehen und was Proto- Onkogene sind.
  • woran sich das therapeutische Vorgehen orientiert.
  • welche klassischen Zytostatikagruppen es gibt.
  • was moderne Zytostatika ausmacht.
  • welche Rolle die Apotheke in der Beratung von Krebspatienten einnimmt.

Tumorentstehung

Tumorzellen entstehen aus körpereigenen Zellen, die aufgrund unterschiedlichster Mechanismen und Einflussfaktoren ihre Fähigkeit zum kontrollierten Wachstum verlieren und sich selbstständig zu teilen beginnen. Damit es überhaupt so weit kommen kann, müssen die vielfältigen Regulationsmechanismen der Zellen versagen. Bedingt durch die technischen und biochemischen Möglichkeiten zur Charakterisierung dieser Signalkaskaden und ihrer zugrundeliegenden genetischen Veränderungen ist in den vergangenen Jahrzehnten das Wissen um die Entstehung und Pathophysiologie von Tumoren stark angestiegen. Zum Teil konnten auf diesem Wissen beruhende spezifische therapeutische Ansätze entwickelt werden.

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Pathophysiologie

Drei wichtige Begriffe im Zusammenhang mit dem Krankheitsgeschehen von Tumorerkrankungen sind Proto-Onkogene, Onkogene und Tumorsuppressorgene. Proto-Onkogene sind DNA-Abschnitte (Gene), die für Zellteilung und -wachstum verantwortlich sind. Normalerweise werden sie nur für die Zellteilung aktiviert (Wachstumsaktivatoren). Tumorsuppressorgene sind ihre Gegenspieler und stoppen das Zellwachstum (Wachstumsinhibitoren). Diese beiden Kontrollmechanismen des Zellwachstums greifen eng ineinander.

Mutationen können dazu führen, dass Proto-Onkogene außer Kontrolle geraten und dauerhaft Wachstumssignale an eine Zelle senden. Dauerhaft aktivierte (außer Kontrolle geratene) Proto-Onkogene sind Onkogene (Krebsgene). Mutieren Tumorsuppressorgene, fällt die „Wachstumsbremse“ für die Zelle weg. Auch das führt zu ungehemmtem Zellwachstum. Mutationen können ererbt oder erworben werden. UV-Strahlen, schlechter Lebensstil, Medikamente oder Infektionen mit Mikroorganismen (z. B. Humane Papillomviren) sind nur einige Beispiele für exogene Faktoren, die Proto-Onkogene beeinflussen. Beispiele für Proto-Onkogene sind HER2 (Brust- und Ovarialkrebs), ALK (Lymphome, Lungenkrebs), ABL (Leukämie) und RAF (Schilddrüsen- und Hautkrebs).

Weiterer Verlauf-- Der initiale Kontrollverlust über das eigene Wachstum kann der erste Schritt auf dem Weg zu Krebs sein. Der Tumor beginnt zu wachsen. Mit zunehmender Größe infiltriert er dann benachbarte Gewebe und Gefäße, um sich selbst mit Nährstoffen zu versorgen. Neubildung von Gefäßen (Angiogenese) und Tochtergeschwulst-Bildung (Metastasierung) werden in die Wege geleitet, der Energiestoffwechsel angepasst und die Effektivität des Immunsystems beeinträchtigt, indem die Mikroumgebung des Tumors dieses in seiner Funktion stört.

Wussten Sie, dass ...

  • Hormone und Hormonantagonisten einen wichtigen Stellenwert in der Krebstherapie haben?
  • Brust- und Prostatakrebs die Hauptanwendungsgebiete sind?
  • hierzu bekannte Wirkstoffe wie Tamoxifen, Anastrozol und Letrozol gehören?
  • Tamoxifen ein großes Interaktionspotenzial besitzt?
  • die Einnahme dieser Arzneistoffe kontinuierlich über mehrere Jahre erfolgt?

Therapeutische Maßnahmen

Die grundsätzlichen Maßnahmen zur Elimination eines Tumors sind seit langem unverändert, auch wenn deren Spezifität und Selektivität zugenommen haben:

  • chirurgische Entfernung des malignen Gewebes
  • Bestrahlung der entarteten Zellver- bände
  • Chemotherapie durch Applikation von Zytostatika

Das Vorgehen richtet sich nach dem Tumorstadium, der Art des Tumors, der Lebenserwartung des Patienten, dem individuellen körperlichen Zustand sowie der zu erwartenden Wirkung und Verträglichkeit der Therapie. Des Weiteren wird zu Beginn festgelegt, ob ein kurativer (Aussicht auf Heilung) oder lediglich ein palliativer (Symptomkontrolle, lebensverlängernd, die Lebensqualität steigernd) Ansatz möglich ist. Dies kann beispielsweise durch eine zeitlich unterbrochene Strahlen- oder Chemotherapie erreicht werden (Behandlungszyklen). Eingesetzt werden auch die neo-adjuvante und die adjuvante Therapie. Ihr Ziel ist eine Verkleinerung des Tumors vor bzw. nach einer Operation oder Bestrahlung. Hier haben sich festgelegte Schemata bewährt, die stetig aktualisiert und an den aktuellen Wissenstand angepasst werden. Ebenfalls erwähnt werden sollte die Möglichkeit zum Einschluss in klinische Studien. Onkologen bieten ihren Patienten derartige Studienteilnahmen an, damit sie frühzeitig Zugang zu innovativen Behandlungen oder Verfahren haben, die kurz vor der Zulassung noch nicht auf normalem Weg erhältlich sind, den Kranken aber helfen könnten.

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Häufigste Krebserkrankungen

Das am RKI angesiedelte Zentrum für Krebsregisterdaten (ZfKD) führt die Daten der Landeskrebsregister auf Bundesebene zusammen. Laut ZfKD betrafen 2016 circa die Hälfte der bösartigen Tumoren die Brustdrüse (68 900), gefolgt von der Prostata (58 800), dem Dickdarm (58 300) und der Lunge (57 500). Die drei häufigsten Krebsdiagnosen bei Frauen sind Brustkrebs, Darmkrebs und Lungenkrebs, bei den Männern Prostatakrebs, Darmkrebs und Lungenkrebs. Die stetige Neueinführung von Krebsmedikamenten und die zunehmende Wahrnehmung der Screening-Empfehlungen von Fachgesellschaften durch die Bevölkerung haben dazu geführt, dass die Inzidenz einiger Tumorarten im Abnehmen begriffen ist und/oder ihre Mortalität sinkt.

Klassische Zytostatika

Klassische Zytostatika greifen unspezifisch in den Zellzyklus ein und hemmen die Teilung sowie das Wachstum von Zellen. Besonders betroffen von dieser Wirkung sind Tumorzellen, weil sie rasch wachsen und sich schnell teilen. Gleichzeitig nehmen die Wirkstoffe jedoch auch Einfluss auf gesunde Gewebe. Das ist schuld an der geringen therapeutischen Breite dieser Substanzen. Vor allem sich schnell teilende Zellen wie Blutzellen des Knochenmarks-, Haut-, Schleimhaut- oder Haarzellen werden in Mitleidenschaft gezogen. Nieren und Leber spielen als Ausscheidungsorgane ebenfalls eine Rolle im Nebenwirkungsprofil. Letztlich kommen noch substanzspezifische Nebenwirkungen hinzu, die bei der Therapie berücksichtigt werden müssen und dosislimitierend sein können.

Antimetaboliten

Wirkstoffe aus der Gruppe der Antimetaboliten werden aufgrund ihrer strukturellen Ähnlichkeit mit natürlichen Stoffwechselprodukten (Metaboliten) in DNA oder RNA eingebaut oder als falsche Substrate von Enzymen gebunden. Weil Antimetaboliten jedoch nicht funktionsfähig sind, werden defekte Moleküle gebildet. Die Indikationsgebiete von Antimetaboliten umfassen Leukämien, Brustkrebs und gastrointestinale Karzinome.

Folsäureantagonisten-- Methotrexat und Pemetrexed verdrängen Dihydrofolsäure vom Enzym Dihydrofolatreduktase und vermindern dadurch die Tumor-DNA/RNA-Synthese. Methotrexat ist zudem das einzige Zytostatikum, für das mit Calciumfolinat ein sofort wirkendes Antidot zur Verfügung steht.

Purinantagonisten-- Mercaptopurin, Cladribin und Fludarabin unterdrücken als Purinantagonisten die Biosynthese von Purinen (Adenin, Guanin). Sie werden als falsche Bausteine in die Tumor-DNA beziehungsweise RNA eingebaut und blockieren Enzyme wie die DNA-Polymerase.

Pyrimidinantagonisten-- Zur Klasse der Pyrimidinantagonisten zählen 5-Fluorouracil, Capecitabin und Gemcitabin. Der Wirkungsmechanismus ist komplex und beruht auf dem Einbau der intrazellulär phosphorylierten Substrate in die Tumor-DNA/RNA oder der Hemmung von Schlüsselenzymen der Biosynthese von Pyrimidinen (Cytosin, Thymidin).

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Alkylanzien

Der Einbau von Alkylgruppen (CH 3 -, Alkylierung) ist der namengebende Mechanismus dieser Wirkstoffgruppe. Alkylgruppen sind sehr leicht reagierende Moleküle. Sie vernetzen sich mit DNA-Strängen. Diese Alkylierung führt zu abnormen Vernetzungen von DNA-Strängen (Cross-Links). Alkylanzien reagieren auch mit Proteinen, begünstigen eine abnorme Basenpaarung oder spalten DNA-Ketten. Sie gliedern sich vorwiegend in Stickstoff-Lost-, Platin- und Harnstoffderivate.

Stickstoff-Lost-Derivate-- Sie leiten sich vom im 1. Weltkrieg eingesetzten Lungenkampfstoff „Lost“ ab, welcher wegen seiner hohen Toxizität chemisch modifiziert werden musste. Cyclophosphamid, Chlorambucil und Melphalan sind die bekanntesten, in der Therapie eingesetzten, Vertreter. Angesichts der reduzierten lokalen Reizwirkung verglichen mit Lost können die neueren Derivate oral verabreicht werden. Ergänzend dient Mesna (2-Mercaptoethansulfonat-Natrium) der Vermeidung der charakteristischen akuten Nebenwirkung hämorrhagische Zystitis, für die Cyclophosphamid und dessen Abkömmlinge verantwortlich sind.

Platinderivate-- Cisplatin, Carboplatin und Oxaliplatin werden im Gegensatz zu den Lost-Derivaten ausschließlich parenteral verabreicht. Sie zeichnen sich durch ihre breite Anwendbarkeit aus und sind Bestandteil zahlreicher Chemotherapie-Schemata. Während Cis- und Carboplatin stark emetisch sowie nephro- und ototoxisch wirken, ist bei Oxaliplatin seine kumulative Neurotoxizität (Nebenwirkungen an der Struktur oder Funktion des Nervensystems nach Überschreitung einer gewissen Dosis) dosislimitierend.

Harnstoffderivate-- Carmustin und Lomustin gehören zu den N-Nitrosoharnstoff-Derivaten. Sie sind stark lipophil und aus diesem Grund gut geeignet, ins zentrale Nervensystem zu gelangen. Hauptindikationsgebiet sind dementsprechend Hirntumoren; sie kommen jedoch ebenso bei Tumoren der Haut und Lunge zum Einsatz.

Topoisomerasehemmstoffe

Topoisomerasen sind Enzyme, welche die eng aufgewickelte DNA entfalten. Sie spalten temporär einen Strang (Topoisomerase I) oder beide Stränge (Topoisomerase II) und fügen ihn/sie später wieder zusammen. Die Hemmung dieser Enzyme bewirkt Strangbrüche und Interkalation (Moleküle schieben sich in die Doppelhelix). Topotecan und Irinotecan sind Topoisomerase I-Inhibitoren, Etoposid ist ein Topoisomerase II-Inhibitor. Neben den typischen Nebenwirkungen von Zytostatika tritt speziell bei Irinotecan ein schwerer, teils verzögerter, Durchfall mit Bauchkrämpfen und Gesichtsflush auf. Ursache ist ein vasoaktiver Irinotecan-Metabolit. Hauptindikationen von Topoisomerasehemmstoffen sind fortgeschrittene Krebserkrankungen wie rezidivierende metastasierte Karzinome von Lunge, Ovar und Dickdarm.

Mitosehemmstoffe

Sie werden auch „Spindelgifte“ genannt und greifen den Spindelapparat (Mikrotubuli) im Zuge der Zellteilung im Zellkern an. Vinca-Alkaloide blockieren dabei den Aufbau der Kernspindel, Taxane hemmen den Abbau. Beides führt zur irreversiblen Hemmung der Zellteilung in der Metaphase (M-Phase) der Mitose und damit zum Zelltod.

Vinca-Alkaloide-- Ursprüngl ich aus verschiedenen Immergrün-Arten wie dem Madagaskar-Immergrün (Hundsgiftgewächs, Vinca rosea) isoliert, werden Vinca-Alkaloide in der Zwischenzeit vollsynthetisch hergestellt. Vinblastin, Vincristin und Vinorelbin sind die gängigsten Vertreter dieser Wirkstoffklasse und werden insbesondere bei akuter lymphatischer Leukämie, multiplen Myelom und Lymphomen verwendet. Von besonderer Bedeutung ist die oft dosislimitierende kumulative Neurotoxizität.

Taxane-- Auch die Taxane stammen von einer Pflanze, der Pazifischen Eibe (Taxus brevifolia) ab. Sie werden jedoch mittlerweile wegen der großen Nachfrage semisynthetisch produziert. Paclitaxel und Docetaxel sind die beiden Leitsubstanzen dieser Stoffgruppe und besitzen eine Zulassung für therapierefraktäre metastasierende Ovarial- und Mammakarzinome. Von Bedeutung sind neuromuskuläre Nebenwirkungen (z. B. Neuropathie, Myalgie) und Überempfindlichkeitsreaktionen, weshalb vor einer Taxantherapie eine Prämedikation mit Antihistaminika und Glukokortikoiden angezeigt ist.

Zytostatische Antibiotika

Hier sind in erster Linie die von den Tetrazyklinen abstammenden Anthrazykline zu nennen, zu denen unter anderem Doxorubicin, Epirubicin und Idarubicin gehören. Anthrazykline schieben sich zwischen die DNA-Doppelstränge, blockieren das Ablesen der Erbinformation durch Enzyme und stören damit die Synthese von Nukleinsäuren. Überdies hemmen sie die Topoisomerase II und bilden nach ihrer Biotransformation freie Radikale, die gleichermaßen Doppelstrangbrüche verursachen. Sie sind zur Behandlung von Mamma-, Brust- und Ovarialkarzinomen indiziert. Zu beachten ist die häufig irreversible kardiotoxische Wirkung (Epirubicin und Ida-rubicin geringer kardiotoxisch), weshalb eine festgelegte Gesamtdosis nicht überschritten werden darf.

Andere-- Weitere Arzneistoffe, die den zytostatischen Antibiotika angehören, jedoch von den Anthrazyklinen abweichende chemische Strukturen und Indikationen besitzen, sind Bleomycin, Dactinomycin, Mitoxantron und Mitomycin. Vor allem Bleomycin ist für seine lungenschädigende Wirkung berüchtigt (Bleomycin-Lunge), die sich in Kombination mit einer Bestrahlung oder bei hoch dosierter Sauerstoffgabe weiter verstärkt.

Moderne Zytostatika

Moderne Zytostatika werden nicht einer einzelnen Gruppe zugeordnet, sondern sind höchst unterschiedliche Wirkstoffe. Sie interagieren mit spezifischen Schlüsselstellen intrazellulärer Signalkaskaden, Oberflächenrezeptoren, extrazellulären Botenstoffen (z. B. Zytokine), Tumorstammzellen oder mit dem Immunsystem selbst. Dank ihrer selektiveren Wirkung werden sie als zielgerichtete Therapien (targeted therapies) bezeichnet. Die allgemeinen Begleitsymptome von klassischen Zytostatika treten bei den zielgerichteten Therapien in den Hintergrund. Dafür müssen umso mehr substanzklassentypische Nebenwirkungen berücksichtigt werden.

Signaltransduktionshemmstoffe

Unter Signaltransduktion versteht man die Umwandlung eines extrazellulären Signals in eine intrazelluläre Antwort. Signaltransduktionshemmstoffe können Tumorzellen absterben lassen sowie die Empfindlichkeit der malignen Zelle gegenüber zelltoxischen Substanzen steigern. Entsprechende Wirkstoffe blockieren Proteinkinasen, andere Enzyme, Effektor- oder Signalmoleküle und besitzen oftmals die Endung -nib (z. B. Erlotinib). Die Wirkung kann sich gegen eine ganz bestimmte oder mehrere Zielstrukturen auf einmal richten. Es handelt sich um eine äußerst heterogene und schnell wachsende Wirkstoffgruppe. Sämtliche Signaltransduktionshemmstoffe werden oral eingenommen. Beispiele für Signaltransduktionshemmstoffe sind Sorafenib, Sunitinib, Everolimus oder Gefitinib.

Monoklonale Antikörper

Monoklonale Antikörper (mAK) sind gentechnisch hergestellte Proteine, die an Wachstumsfaktoren, Rezeptoren oder Oberflächenantigene binden und zytotoxisch auf spezifische Zellen wirken. Der Proteinanteil kann aus Mäusen (murin; Endung: -omab), aus Maus-Mensch gemischt (chimär; -ximab) oder aus vollständig humanen Proteinen bestehen (human; -mumab). Bei humanisierten mAK ist lediglich der antigenbindende Teil des Antikörpers tierischen Ursprungs (-zumab). Die Zusammensetzung spielt eine Rolle beim Abwehrmechanismus des Körpers, da es sich bei mAK um körperfremde Proteine handelt. Abwehrreaktionen und daraus resultierende Wirkverlus- te sind umso seltener, je „menschlicher“ der mAK ist. Die Applikation erfolgt als Infusion oder subkutan. Allgemeine Nebenwirkungen sind Reaktionen an der Einstichstelle, Fieber, Schüttelfrost, Blutdruckabfall und Juckreiz. Zur Vorbeugung einer Infusionsreaktion können Antipyretika (z. B. Paracetamol) und Antihistaminika (z. B. Loratadin, Cetirizin) gegeben werden. Beispiele für monoklonale Antikörper aus der Onkologie sind Rituximab (gegen das Antigen CD20 auf der Oberfläche von B-Zellen gerichtet), Trastuzumab (gegen HER2) und Bevacizumab (gegen den vaskulären Wachstumsfaktor).

Immuntherapeutika

Die Immuntherapie mit Immun-Checkpoint-Inhibitoren (ICI) hat viele Bereiche der Onkologie revolutioniert. Mittlerweile ist sie bei vielen Krebsarten zur Standardtherapie avanciert, etwa beim metastasierten Melanom, Nierenzellkarzinom, nicht kleinzelligem Bronchialkarzinom und triple-negativen Mammakarzinom. Grundlage der ICI-Therapie ist die Modifizierung des Immunsystems, damit es erneut spezifische Antigene auf der Oberfläche von Tumorzellen erkennt und diese effektiv bekämpft. Vor allem werden tumorspezifische, zytotoxische T-Lymphozyten aktiviert. Die Immuntherapie verfolgt zwei fundamentale Prinzipien:

1)  Sie versucht, momentane Immunantworten zu ändern.

2)  Sie versucht, neue Immunantworten zu stimulieren.

ICI wirken entweder direkt auf T-Lymphozyten oder aber auf Zellen, die mit diesen T-Lymphozyten in Kontakt treten. Die Ansprechraten variieren je nach Tumorart und sind beim Melanom besonders hoch. Nebenwirkungen im Sinne einer überschießenden Immunreaktion mit/ohne Entzündung betreffen den Gastrointestinaltrakt, die Haut und die Leber. Beispiele für Wirkstoffe sind Pembrolizumab, Nivolumab, Atezolizumab und Ipilimumab.

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CAR-T-Zell-Therapie

Der Begriff CAR-T-Zell-Therapie steht für „chimäre Antigenrezeptor-T-Zell-Therapie“ und beschreibt eine Behandlung mit genetisch modifizierten Zellen (Gentherapie). Krebszellen können sich vor den T-Zellen (Zellen des Immunsystems) durch verschiedene Mechanismen „tarnen“. CAR-T-Zellen sind, sehr vereinfacht gesagt, genetisch veränderte T-Zellen, die Krebszellen erkennen können. Für die Therapie werden dem Patienten T-Zellen entnommen, genetisch modifiziert (CAR-T-Zelle), vermehrt und letztlich wieder intravenös reinfundiert. Die CAR-T-Zellen binden mithilfe der CAR-Proteine an die Tumorzellen und zerstören diese. Es handelt sich um lebendige Zellen, die sich weiter im Körper vermehren. So können CAR-T-Zellen bei einem Rückfall (Rezidiv) erneut aktiv werden.

Die Behandlung ist teuer und Spezialzentren mit genügend Erfahrung in der Durchführung dieser Therapie vorbehalten. Indikationen sind rezidivierende oder refraktäre diffuse großzellige B-Zell-Lymphome oder akute lymphatische B-Zell-Leukämien.

Individuelle Krebstherapie

Genomanalysen beweisen, dass sich selbst innerhalb einer definierten Tumorart die Tumorzellen genetisch voneinander unterscheiden und im Prinzip für jeden Tumor ein eigener Ansatz denkbar ist. Molekularbiologische Untersuchungen des Tumorgewebes werden in Zukunft mit Sicherheit einen noch weit höheren Stellenwert einnehmen. Die zunehmende Komplexität der Behandlungsplanung macht außerdem einen interdisziplinären Ansatz mehrerer Fachärzte im Tumorboard unverzichtbar. Die individuelle Krebstherapie bezieht unter anderem Komorbiditäten des Patienten, das emetogene Potenzial der Wirkstoffe, das Management von Nebenwirkungen sowie die unterstützende Pharmakotherapie mit ein. Für die Apotheke relevant bei der Beratung sind Einnahmehinweise (orale Zytostatika) und häufig auftretende Nebenwirkungen.

Haut- und Schleimhautreaktionen

Die Verlagerung der medikamentösen Krebstherapie von der intravenösen zur oralen Applikation und der generelle Trend hin zu oralen Zytostatika verlangt von den Apothekenteams zunehmend mehr Kenntnisse im onkologischen Bereich. Insbesondere kutane Nebenwirkungen können die Lebensqualität massiv einschränken und einer verringerten Therapietreue Vorschub leisten. Hier gilt: Vorbeugen ist besser als heilen.

Stomatitis-- Entzündungen der Mundschleimhaut treten vergleichsweise oft unter Chlorambucil, Capecitabin, Melphalan sowie einigen Signaltransduktionshemmstoffen wie Axitinib, Sunitinib und Everolimus auf. Symptomatisch klagen Betroffene über Schwellungen, Rötungen, ein Brennen im Mund und Schmerzen bis hin zu Geschmacksverlust. Empfehlenswert ist eine gute Mundhygiene mit weicher Zahnbürste, milden Zahnpasten und einer routinemäßigen zahnärztlichen Kontrolle. Mundspülungen sollten auf jeden Fall alkoholfrei sein (Reizung!). Bei leichten Beschwerden kann mehrmals täglich mit Salbeitee gespült werden. Zur Pflege bieten sich Dexpanthenol-haltige Lutschtabletten oder Lösungen zum Gurgeln an. Sind bereits Schmerzen oder ein Brennen vorhanden, kann eine Behandlung mit dem antiphlogistischen und analgetischen Benzydamin versucht werden. Warnhinweise für einen Arztbesuch sind weißliche Beläge, Bläschen, offene Stellen, eine dunkle Verfärbung der Zunge oder sehr starke Schmerzen.

Hand-Fuß-Syndrom-- Schwellungen und Erytheme sind die ersten Anzeichen dieser auf die Innenseiten der Hände und Fußsohlen beschränkten Nebenwirkung. Das Hand-Fuß-Syndrom (HFS) wird in Schweregrade eingeteilt, beginnend mit Kribbeln (Grad I), später Schmerzen (Grad II) und schließlich Blasen- und Ulkusbildung (Grad III). Capecitabin, Sunitinib, Sorafenib, Tivozanib, Vemurafenib und Cabozantinib sind bekannte Auslöser des Syndroms. Für die Prophylaxe und Therapie eignen sich Urea-haltige Lipolotionen und leicht rückfettende Cremes. Die podologische Entfernung verdickter Hornhäute scheint die Wahrscheinlichkeit eines HFS zu vermindern (Anreicherung der Wirkstoffe in der Hornhaut). Eine andere Entstehungstheorie ist die Ausscheidung der Zytostatika über den Schweiß. Mehrmals tägliche Waschungen mit lauwarmem, seifenfreiem Wasser sowie die Vermeidung von längeren Laufausflügen, Saunagängen und dergleichen helfen bei der Vorbeugung und Behandlung des HFS.

Akne-ähnliche Hautveränderungen-- Sie treten bei bis zu 90 Prozent aller Patienten unter anti-EGFR-Therapie auf, weil EGFR (epidermal growth factor) die Zellteilung der Hautzellen reguliert. Gefitinib, Erlotinib, und Afatinib sind Beispiele für Wirkstoffe aus dieser Klasse. Besorgte Kunden sind darauf hinzuweisen, dass die Hautveränderungen ein Zeichen für die Wirksamkeit der Therapie sind und mit gut einziehenden Urea-haltigen Lotionen oder Cremes behandelt werden können.

Bei Akne-ähnlichen Hauterscheinungen sollten rückfettende oder fetthaltige/abdeckende Topika vermieden werden. In Anbetracht der gesteigerten Lichtempfindlichkeit ist es ratsam, an sonnigen Tagen Produkte mit LSF 30 oder 50 zu gebrauchen. Ansonsten kommen topische Glukokortikoide nach einem Stufenschema, orale Antihistaminika bei Juckreiz oder auch Ringelblumensalbe zum Einsatz. Ärztlich können Doxycyclin oder Minocyclin beziehungsweise lokales Metronidazol verordnet werden. Allgemeine Ratschläge bei Hautreaktionen sind zudem:

  • Fingernägel schneiden
  • enge Kleidung vermeiden
  • enges Schuhwerk vermeiden
  • wenn möglich nicht rasieren
  • zum Duschen nur lauwarmes Wasser
  • Kleidung aus Baumwolle
  • ggf. Baumwollhandschuhe für die Nacht
  • ggf. sedierenden Effekt älterer Anti- histaminika bei Juckreiz ausnutzen

Durchfall

Diarrhö kann entweder sofort oder zeitlich verzögert, durchgehend oder anfallsartig, leicht oder schwer auftreten. Bestrahlungen des Bauchraumes (z. B. Kolonkarzinom), Kinasehemmstoffe (z. B. Vemurafenib) und eine Immuntherapie mit ICI sind prädestinierend für Durchfall. Mittel der ersten Wahl ist der Ausgleich des Wasser- und Elektrolytverlustes mit eingestellten Elektrolyt-Glukose-Mischungen. Medikamentös kommt primär Loperamid in einer Dosierung von initial vier Milligramm, gefolgt von zwei Milligramm alle vier Stunden zur Anwendung. Off-label werden bei starken Durchfällen auch höhere Dosierungen (2 mg alle 2 h) empfohlen. In Loperamid-resistenten Fällen werden ergänzend Octreotid und Budesonid (beide im Off-label-Use) sowie Opiumtinktur oder Racecadotril verschrieben. Jeder Durchfall sollte dem behandelnden Onkologen unbedingt mitgeteilt werden.

Interessenskonflikt: Der Autor erklärt, dass keinerlei Interessenskonflikte bezüglich des Themas vorliegen.


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