29.06.2019

Beratungsfall Ernährung: Gesund zunehmen

von Beate Ebbers

Untergewicht-- Wer zu viel Gewicht auf die Waage bringt, muss Kalorien reduzieren. Was zu tun ist, wenn Untergewichtige zunehmen möchten, erklärt Diplom-Oecotrophologin Beate Ebbers in dieser Folge „Beratungsfall Ernährung“.

© Getty Images/iStockphoto (Symbolbild mit Fotomodell)

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  • Für eine Gewichtszunahme werden eine vollwertige, hoch kalorische Kost und Kraftsport empfohlen.
  • Bei Milch, Milchprodukten, Käse, Fleisch und Wurstwaren gilt es, kalorienreiche Varianten zu wählen. Öl, Butter, Margarine, Sahne oder Nussmus dienen zur Anreicherung von Speisen und Getränken.
  • Günstig sind sechs bis acht kleine energiereiche Mahlzeiten über den Tag verteilt.
  • Obst- und Gemüsesäfte, Milchkaffee, Tee mit Milch oder Sahne sind empfehlenswerte Getränke.
  • Hoch kalorische Zusatznahrungen können die Gewichtszunahme unterstützen.

Eine schlanke, junge Frau hat einen Termin bei der Fach-PTA für Ernährungsberatung Frau Berg. Diese begrüßt die Kundin freundlich und führt sie in den Beratungsraum. „Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“. „Ich möchte gerne zunehmen, aber ich schaffe es alleine nicht. Egal, was ich esse, ich werde einfach auf Dauer nicht dicker. Wenn ich tatsächlich ein wenig an Gewicht zugelegt habe, ist dies nach der nächsten Stressphase oder Krankheit wieder weg“, sagt die Kundin verzweifelt. Zudem fühlt sie sich oft müde und schlapp. Frau Berg nickt mitfühlend. Um das Gewicht der Kundin objektiv beurteilen zu können, erkundigt sich die PTA nach der Körperlänge und dem derzeitigen Körpergewicht. „Ich wiege 53 Kilogramm und bin 1,72 Meter groß“, antwortet die Kundin. Frau Berg berechnet aus diesen Angaben den Body Mass Index (BMI): „Ihr BMI liegt bei 17,9 kg/m 2 . Damit sind Sie tatsächlich leicht untergewichtig.“ Erst ab einem BMI-Wert von 18,5 kg/m 2 gilt das Normalgewicht.

Serie Beratungsfall Ernährung

01/2019 Reizdarmsyndrom
03/2019 Sodbrennen
05/2019 Gicht
07/2019 Untergewicht
09/2019 Migräne
11/2019 Magen-Darm-Infekt

Beratungsgespräch

Die Fach-PTA für Ernährungsberatung fragt als erstes nach, ob die Kundin erst kürzlich Gewicht verloren hat oder schon immer eher untergewichtig gewesen ist. Denn sie weiß, dass bei plötzlichem Gewichtsverlust immer auch an Krebserkrankungen, Essstörungen und Depressionen, Kau- und Schluckstörungen sowie Zahnprobleme gedacht werden muss. Auch hormonelle Störungen, wie sie bei einer Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) vorkommen, können den Energieverbrauch in Ruhe (Grundumsatz) erhöhen, ruft sie sich in Erinnerung. Bei Magen-Darm-Erkrankungen (z. B. Morbus Crohn, Zöliakie) kann zudem die Absorption von Lebensmittelinhaltsstoffen beeinträchtigt sein, sodass der Organismus nicht ausreichend Energie erhält. Beides macht das Zunehmen schwierig.

Nachfragen

Da die Kundin berichtet, schon immer eher wenig gewogen zu haben, vermutet Frau Berg, dass ein angeborener hoher Grundumsatz für das niedrige Gewicht verantwortlich ist. Sie fragt aber dennoch nach, ob die Kundin schon mit ihrem Hausarzt gesprochen hat. „Ja“, antwortet diese. „Ich bin gesund, meine Blutwerte sind in Ordnung. Ich soll einfach mehr essen.“

Um der Kundin konkrete Ernährungsempfehlungen geben zu können, fragt Frau Berg weiter: „Wie häufig essen Sie am Tag? Wo nehmen Sie Ihre Mahlzeiten ein? Welche Lebensmittel bevorzugen Sie?“. Dafür soll die Kundin ihre letzte Woche Revue passieren lassen.

Die PTA erfährt, dass die Frau als Krankenschwester in einer Klinik arbeitet und die Arbeitszeiten unregelmäßig sind, was sich auch auf den Essrhythmus auswirke. Meist trinkt sie Wasser, Kaffee, Kräuter- und Früchtetee, erzählt die Kundin. Gemüse, Obst, Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte verzehrt sie gerne, bei Milch- und Milchprodukten sowie Käse setzt sie auf fettarme Varianten, weil diese ja immer von Ernährungsexperten als gesund empfohlen werden. Bei der Arbeit fehlt leider wegen des Personalmangels häufig die Zeit für eine ausgewogene Mahlzeit in Ruhe, oft isst sie nur ein paar Kekse oder Schokolade zwischendurch. „Ich habe auch versucht, mehr Pommes oder Pizza zu essen und Cola zu trinken, aber ich bin einfach kein Fan von Fastfood. Ich fühle mich danach nur voll und müde.“

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Fetthaltig, aber vollwertig

Frau Berg bestätigt der Kundin, dass fett- und zuckerreiche Lebensmittel reichlich Kalorien liefern. Jedoch enthalten sie kaum Ballaststoffe und essenzielle Nährstoffe, wie Vitamine und Mineralstoffe. „Sie sind schon auf dem richtigen Weg“, bestätigt sie der Kundin. „Ernähren Sie sich weiter ausgewogen und vollwertig.“ Dazu gehören täglich drei Portionen Gemüse, zwei Portionen Obst, Vollkornprodukte, Milch und Milchprodukte, regelmäßig Fisch und wenig Fleisch. „Und auch, wenn Sie zunehmen möchten, sollten Fastfood und Süßes nur gelegentlich auf Ihrem Speiseplan stehen. Ich empfehle Ihnen jedoch, künftig bei der Wahl der Lebensmittel fettreiche Varianten zu bevorzugen, zum Beispiel Vollmilch statt fettarme Milch, Sahnequark statt Magerquark und Käse mit mehr als 60 Prozent Fett in der Trockenmasse statt 30 Prozent.

Auch bei Fleisch und Fisch sollten Sie zu Produkten mit relativ hohem Fettgehalt greifen.“ Günstig sind Lachs, Hering, Makrele oder Ölsardinen, Geflügel mit Haut, Streichwürste und mit Fett marmorierte Fleischstücke. Als Brotaufstrich eignen sich Butter und Margarine mit einem Fettgehalt von 80 Prozent. Energiereiche Aufstriche sind auch Nussmus, Pesto oder Nussnougatcreme. „Lesen Sie beim Einkauf genau das Etikett und vergleichen Sie die Nährwertinformationen“, rät die PTA. „Und meiden Sie Produkte, die mit Begriffen wie light, fett- beziehungsweise kalorienreduziert oder weniger Kalorien werben.“

Gerichte aufwerten

Bei der Speisenzubereitung zu Hause sollte die Kundin Gerichte ebenfalls anreichern. Frau Berg empfiehlt, Suppen und Saucen mit Sahne oder Nussmus zu binden. Zu Gemüse- und Pfannengerichten passen gut Sahne- oder Käsesaucen. Ist wenig Zeit, reicht auch ein Stich Butter, Pflanzenöl oder Nussmus. Für Salate empfiehlt Frau Berg ein Dressing mit hochwertigen Pflanzenölen, wie Walnuss- oder Rapsöl, und die Zugabe von Käsewürfeln, Nüssen, Sonnen- oder Kürbiskernen und Avocadostücken.

Milchmixgetränke oder Kakao werden mit Sahneeis, Sahne oder Schmelzflocken energiereicher. Für Smoothies eignen sich Öle, für Müslis, Quark- und Joghurtspeisen ebenfalls Öle oder Sahne. Beim Außer-Haus-Verzehr sollte die Kundin zu Gerichten greifen, die mit Sahne, Käse oder anderen energiereichen Zutaten zubereitet wurden.

Getränke

Da die Kundin erwähnte, dass sie Tee und Wasser bevorzugt, greift Frau Berg das Thema Getränke auf. Sie empfiehlt, diese möglichst oft durch Säfte zu ersetzen. Besonders, wenn sie häufig zwischendurch getrunken werden, sind sie gute Dickmacher, weil sie viel Energie in kurzer Zeit liefern. „Obstsäfte mit einem Fruchtgehalt von 100 Prozent haben einen ähnlich hohen Kaloriengehalt wie Softdrinks, liefern aber zusätzlich Vitamine und Mineralstoffe“, weiß die Fach-PTA. Gemüsesäfte lassen sich gut mit einem Teelöffel eines geschmacksneutralen Öls aufwerten. „Und noch ein Tipp: Trinken Sie Ihren Kaffee als Milchkaffee und geben zum Schwarz- und Rooibostee einen Schuss Milch oder Sahne“, rät Frau Berg.

Viele kleine Mahlzeiten

Die Fach-PTA empfiehlt der Kundin, über den Tag verteilt bewusst sechs bis acht Mahlzeiten zu sich zu nehmen, um den Überblick zu behalten. „Stellen Sie sich einen Timer, damit Sie ans Essen erinnert werden“, rät Frau Berg. Zwischen den drei Hauptmahlzeiten soll die Kundin kalorienreiche Snacks zu sich nehmen, zum Beispiel Nüsse, Studentenfutter, Käsewürfel, belegtes Brot oder Müsli-Riegel. Auch Milchmixgetränke, Kakao mit Sahne und Sahnejoghurts können gehaltvolle Zwischenmahlzeiten sein. „Während der Arbeit, auch während der Nachtschicht, müssen Sie sich zumindest für einen Joghurt mit einer Handvoll Nüsse Zeit nehmen, sonst klappt es nicht mit dem Zunehmen.“ Nicht vergessen werden sollte der Snack kurz vor dem Schlafengehen.

Hilfe aus der Apotheke

Gelingt es der Kundin trotz Umstellung nicht, ein höheres Gewicht zu erreichen und zu halten, kann die zusätzliche Einnahme einer Aufbaunahrung hilfreich sein. Frau Berg stellt ihr deshalb hoch kalorische Nahrungen zum Trinken, Löffeln oder zum Einrühren in Speisen und Getränke vor.

Ergänzende Tipps

Die Kundin bedankt sich für die Ratschläge und verspricht, sie umzusetzen. Frau Berg kennt noch weitere Tipps, die der Kundin helfen können zuzunehmen.

Ruhe-- Die Hauptmahlzeiten sollten in ruhiger Umgebung und mit ausreichend Zeit (mind. 20 Min.) eingenommen werden. Denn je mehr Zeit für die Mahlzeit zur Verfügung steht, desto mehr wird in der Regel gegessen. Vorteilhaft ist, die Gesellschaft von Kollegen, Freunden und Familie zu suchen und das Essen so zu einem angenehmen Erlebnis werden zu lassen.

Appetit-- Bei der Nahrungszubereitung können appetitanregende Kräuter und Gewürze wie Anis, Basilikum, Chili, Curry, Ingwer oder Kreuzkümmel eingesetzt werden. Auch Bewegung an der frischen Luft regt den Appetit an.

Kraftsport-- Für eine gesunde Gewichtszunahme hat sich eine Kombination aus kalorienreicher Ernährung und gezieltem Muskeltraining bewährt. Kraftsport fördert den Muskelaufbau und trägt dadurch ebenfalls zur Gewichtssteigerung bei.


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