31.08.2019

Beratungsfall Ernährung: Migräne

von Beate Ebbers

Wer unter Kopfschmerzattacken leidet, sucht Hilfe in der Apotheke. Linderung bringen nicht nur Medikamente. Fundierte Empfehlungen zur Ernährungs- und Lebensstiländerung sind jetzt wichtig. Beeindrucken Sie mit Beratungskompetenz!

© studiostoks / stock.adobe.com

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  • Typisch für Migräne sind einseitige, pochende oder stechende Kopfschmerzen, die von Übelkeit, Licht- oder Lärmempfindlichkeit begleitet werden.
  • Alkoholische und coffeinhaltige Getränke, Lebensmittel reich an biogenen Aminen sowie Zusatzstoffe sind häufige Auslöser von Migräneattacken.
  • Ein Kopfschmerztagebuch hilft, persönliche Triggerfaktoren ausfindig zu machen. Pauschal alle Auslöser zu meiden, sollte nicht empfohlen werden.
  • Empfehlenswert ist eine vollwertige Kost aus frischen und möglichst unverarbeiteten Lebensmitteln.
  • Hilfreich sind ergänzende Tipps (Entspannungsübungen, Abdunkeln bei Lichtempfindlichkeit, Pfefferminzöl auf die Schläfen).

Eine Frau mittleren Alters kommt in die Apotheke. PTA Frau Walcher fragt freundlich nach ihrem Anliegen. Sie leide häufig unter pochenden Kopfschmerzen, meist auf der rechten Kopfseite, die mehrere Stunden anhalten, berichtet die Frau. Mit weiteren Fragen versucht die PTA, die Beschwerden weiter einzugrenzen: „Zeigen sich während der Kopfschmerzphase noch andere Beschwerden?“. „Ja, mir ist dann oft so übel, dass ich mich übergeben muss“, antwortet die Kundin.

„Wie oft haben Sie die starken Kopfschmerzen?“, erkundigt sich Frau Walcher. „Oh, das ist sehr unterschiedlich“, berichtet die Frau. „Manchmal wochenlang gar nicht, dann wieder eine Zeitlang ein- bis zweimal pro Woche.“ „Waren Sie schon bei Ihrem Hausarzt?“, erkundigt sich die PTA, wissend, dass sich hinter diesem Symptom eine Reihe von Krankheiten verbergen können. „Ja, ich war sogar in der Röhre“, antwortet die Kundin. „Mein Arzt sagt, dass ich an Migräne leide. Er hat mir Medikamente gegen die Schmerzen und die Übelkeit für den Akutfall verschrieben. Ich soll nun herausfinden, was die Kopfschmerzen auslöst und das dann weglassen.“ Die Kundin zuckt mit den Schultern und schaut die PTA fragend an.

Beratungsfall Ernährung

01/2019 Reizdarmsyndrom
03/2019 Sodbrennen
05/2019 Gicht
07/2019 Untergewicht
09/2019 Migräne
11/2019 Magen-Darm-Infekt

Beratungsgespräch

Frau Walcher erkennt an der Körpersprache, dass die Kundin sich mit dem ärztlichen Rat überfordert fühlt. Mitfühlend klärt sie darüber auf, dass die Ursache von Migräne in einer Überaktivität von Nervenzellen im Hirnstamm liegt, die eine Gefäßerweiterung und Durchlässigkeit von entzündungsfördernden Stoffen zur Folge haben. Es kommt zu schmerzhaften Entzündungsreaktionen im Hirngewebe.

Typisch für Migräne ist, dass bestimmte innere und äußere Faktoren, auch Triggerfaktoren genannt, diese auslösen. Dazu zählen Schlafmangel, Stress, Licht, Lärm, unregelmäßiger Tagesrhythmus oder bestimmte Nahrungsmittelinhaltsstoffe. Pauschal allen möglichen Auslösern aus dem Weg zu gehen, ist jedoch nicht empfehlenswert, betont die PTA. „Wichtig ist, dass Sie nur die Faktoren meiden, die bei Ihnen eindeutig zu Kopfschmerzen führen.“

Nachfragen

Um der Kundin Ratschläge mit auf den Weg geben zu können, stellt Frau Walcher weitere Fragen. „Haben Sie selbst schon beobachtet, dass bestimmte Situationen bei Ihnen Attacken auslösen? Haben Sie schon mit Ausnahme der Medikamente etwas unternommen, um Ihre Beschwerden zu lindern?“. Die PTA erfährt, dass die Kopfschmerzen neben der Übelkeit noch von einer Lichtempfindlichkeit begleitet werden. Deshalb verdunkelt die Kundin bei einer Schmerzattacke ihr Schlafzimmer und legt sich hin. Zusätzlich bedeckt sie ihre Augen mit einem Tuch, weil ihre Jalousien den Raum nicht ganz abdunkeln können. Sie hat beobachtet, dass die Attacken in beruflich bedingten Stressphasen besonders häufig auftreten. Dann schläft sie auch schlecht. Im Urlaub habe sie zum Beispiel meistens keine Migräne. Dass bestimmte Lebensmittel Auslöser ihrer Migräne sind, konnte sie bislang nicht feststellen.

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Symptome lindern

Da die Kundin erwähnte, dass sie neben den Kopfschmerzen unter Übelkeit und Erbrechen leidet, greift Frau Walcher dieses Thema auf. Sie erklärt, dass bei einer Migräne das Brechzentrum im Hirnstamm durch die Entzündungsreaktion stimuliert wird. Vorboten können Appetitlosigkeit, Aufstoßen, Blähungen oder Bauchschmerzen sein. Frau Walcher rät der Kundin, schon bei diesen ersten Anzeichen die Medikamente gegen Übelkeit einzunehmen, um die Aktivität des Brechzentrums rechtzeitig zu dämpfen.

Weiter erläutert sie, dass auch die Lichtempfindlichkeit bei der Kundin ein typisches Symptom bei Migräne ist. „Sich in einen dunklen Raum zurückzuziehen und sich auszuruhen, ist genau das Richtige“, bestärkt sie die Kundin. Für das Abdecken der Augen zeigt die PTA ihr eine spezielle Schlafmaske. „Mit dem dehnbaren Klettband sitzt die Brille fest und verrutscht nicht wie ein Tuch. Der lichtundurchlässige Stoff und die gewölbte Form schirmen auch seitliche Lichtreize gut ab und sorgen für komplette Dunkelheit“, erklärt sie.

Um die Schmerzen zu lindern, empfiehlt sie der Kundin, Schläfen, Scheitel und Nacken mit verdünntem Pfefferminzöl einzureiben. „Wohltuend ist auch ein kalter Waschlappen auf der Stirn“, weiß die PTA. „Ich habe gehört, dass es auch Migränebrillen gibt, die kühlen“, fällt der Kundin dabei ein. „Das ist richtig“, antwortet Frau Walcher und erklärt ihr an einem Exemplar Wirkung und Handhabung. „Ich empfehle Ihnen diese Brille bei Ihrer Lichtempfindlichkeit nicht, denn die Augen sind bei den Migränebrillen frei. Für Sie sind die Schlafmasken in Kombination mit einem kalten Waschlappen besser geeignet.“

Persönliche Triggerfaktoren meiden

Die ständige Muskelanspannung in Stressphasen fördert Kopfschmerz und Migräne. Kommt noch, wie bei der Kundin, Müdigkeit durch Schlafmangel hinzu, erhöht sich das Risiko für eine Attacke. „Versuchen Sie, Stressphasen zu meiden, auch wenn das im Beruf oft schwierig ist“, rät die PTA. Sie empfiehlt ihr das Erlernen von Entspannungstechniken. Besonders die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson hat sich als effektiv bei Migräne erwiesen.

Auch Ausdauersportarten wie Schwimmen, Fahrradfahren oder Joggen helfen, Stress abzubauen und die Häufigkeit von Attacken zu senken. „Achten Sie in Stressphasen auch darauf, ausreichend und regelmäßig zu essen und zu trinken“, sagt Frau Walcher. Denn eine gute Flüssigkeitsversorgung und ein stabiler Blutglukosespiegel können Migräneanfällen vorbeugen. Günstig sind zum Beispiel Lebensmittel mit komplexen Kohlenhydraten und Ballaststoffen (z. B. Vollkornbrot, Naturreis, Gemüse). Sie sorgen für einen gleichmäßigen Blutglukosepiegel. Von zuckerhaltigen Snacks und Süßwaren rät Frau Walcher hingegen ab. Sie bewirken zwar einen raschen Anstieg des Blutglukosespiegels. Die darauf folgende massive Insulinausschüttung führt jedoch dazu, dass dieser schnell wieder absinkt – Schwankungen sind vorprogrammiert.

Kopfschmerzkalender

Um weitere Triggerfaktoren ausfindig zu machen, empfiehlt Frau Walcher der Kundin das Führen eines Kopfschmerztagebuches. Dafür reicht sie ihr den Kopfschmerzkalender der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, den die Apotheke für die Beratung vorliegen hat. Die PTA rät, über vier bis sechs Wochen Art, Stärke und Dauer des Schmerzes sowie Begleitumstände wie Stress einzutragen. Damit können eventuell weitere ganz persönliche Auslöser herausgefunden werden.

Zusatzstoffe, Amine

Frau Walcher weiß, dass bestimmte Inhaltsstoffe von Lebensmitteln Lebensmittelinhaltsstoffe Migräne auslösen können. Dazu zählen Konservierungsstoffe (Sorbinsäure, Benzoesäure, PHB-Ester, Propionsäure, Nitrit, Sulfit), Farbstoffe (vorwiegend Azofarbstoffe) und Süßstoffe (Saccharin, Aspartam, Cyclamat) in industriell hergestellten Produkten. „Schauen Sie dafür auf das Etikett“, sagt die PTA. Denn Zusatzstoffe müssen im Zutatenverzeichnis aufgeführt werden.

Grundsätzlich rät die PTA zu einer Kost aus frischen, unverarbeiteten Lebensmitteln. Diese ist dann in der Regel auch gleichzeitig arm an biogenen Aminen wie Histamin oder Tyramin (vgl. S. 42, Histaminintoleranz). Denn biogene Amine werden oftmals von Migränepatienten schlecht vertragen, der Verzehr kann eine Attacke auslösen. „Sie finden sich besonders in fermentierten Lebensmitteln und in Lebensmitteln, die lange gelagert wurden“, erklärt Frau Walcher. „Eine solche Unverträglichkeit zeigt sich zum Beispiel, wenn Sie eine große Portion Sauerkraut oder lang gereiften Käse mit Salami gegessen oder Rotwein getrunken haben“. Die PTA rät der Kundin, beim Führen des Kopfschmerzkalenders daher auch Lebensmittel und Getränke mit diesen Inhaltsstoffen aufzuführen.

Beate Ebbers ist Diplom Oecotrophologin. Im „Beratungsfall Ernährung“ gibt sie Tipps, mit denen Sie Ihre Beratung ergänzen können.


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