30.08.2020

Schlafmittel: An der Matratze horchen

von Petra Schicketanz

Schlechter Schlaf zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten. Aufgrund der zahlreichen Störungsursachen fällt es nicht immer leicht, erfolgreich das passende Mittel zu empfehlen.

© CSA-Printstock / Getty Images (Symbolbild mit Fotomodell)

Fortbildung

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  • Weltweit leiden zehn bis 30 Prozent der Menschen an Schlafstörungen.
  • Ein Mangel an GABA führt zur Überaktivierung des zentralen Nervensystems und damit zur Insomnie.
  • Das Schlafhormon Melatonin stellt den Körper auf den Tag-Nacht-Rhythmus ein. Seine Produktion ist lichtabhängig.
  • Das Stresshormon Cortisol begünstigt bei Schlafmangel zahlreiche Gesundheitsstörungen wie eine Erhöhung des Blutdrucks, Übergewicht und eine diabetische Stoffwechsellage.
  • Synthetische Schlafmittel sollten nur für kurze Zeit angewendet werden und nur bei klinisch relevanten Schlafstörungen.

Etwa sechs Prozent der deutschen Bevölkerung über 18 Jahre nutzt gelegentlich oder regelmäßig Schlafmittel, so das Bundesgesundheitsblatt vom 27. Mai 2013. Frauen zwischen 60 und 79 Jahren fallen jedoch deutlich aus diesem Rahmen. Mit 16 Prozent sind sie deutlich häufiger vertreten als Männer des gleichen Alters, von denen nur etwas mehr als sechs Prozent zur helfenden Pille greifen.

Lernziele Schlafmittel

Nach Lektüre dieser Lerneinheit wissen Sie ...

  • in welchen Phasen das physiologische Schlaf- profil verläuft.
  • welche Botenstoffe den Schlaf wie steuern.
  • wie synthetische Hypnotika wirken und warum ihr Einsatz begrenzt ist.
  • welche schlaffördernden Drogen eine Positiv- monografie der Kommission E besitzen.

Insomnie ist der Fachbegriff für eine Schlafstörung. Diese zeichnet sich durch nächtliche Ein- und Durchschlafstörungen aus, die mit Tagesmüdigkeit und sozialen und beruflichen Beeinträchtigungen einhergehen. Nach dem Klassifikationssystem ICD-10 müssen die Beschwerden dafür mindestens seit einem Monat bestehen.

Weltweit wurde im Jahr 2013 das Auftreten von Insomnien mit zehn bis 30 Prozent erfasst. Das ist keine Kleinigkeit, angesichts der Tatsache, dass Schlafstörungen die Sterblichkeit im Vergleich zu „Normal“-Schläfern erhöhen. Körperlich treten unter Schlafmangel vermehrt Übergewicht, Adipositas, Bluthochdruck und metabolisches Syndrom auf. Auch die psychische Stabilität leidet, und die Tendenz zu Depressionen sowie die Selbstmordrate nehmen zu.

Labiles Schlafgebäude

Ein gesunder Schläfer durchlebt jede Nacht vier bis fünf Schlafzyklen, die sich jeweils aus fünf Stadien zusammensetzen, wobei sich die Längen der einzelnen Stadien im Lauf der Nacht verändern. Im Schlaflabor lassen sich die Vorgänge als Schlafprofil darstellen. Für ein solches Hypnogramm werden die Augenbewegungen (Elektrookulografie, EOG) aufgezeichnet sowie Hirnströme (Elektroenzephalogramm, EEG) und Muskelaktivität (Elektromyografie, EMG).

1. Einschlafen-- Während des Einschlafstadiums geht das Bewusstsein fließend in einen Zustand über, der Hypnagogie genannt wird. In diesem nimmt der Schlafende Geräusche war, sieht etwas oder spürt (selten) Berührungen. Dabei kann er aber auf solche auditiven, visuellen und taktilen Halluzinationen nicht reagieren.

2. Leichtschlaf-- Unmittelbar nach dem Einschlafen beginnt das Leichtschlafstadium. Die Muskeln entspannen sich, während das Gehirn im 25-Sekundentakt abwechselnd Außenreize abblockt und wieder zulässt. Mehr als die Hälfte der Schlafenszeit verbringt der Mensch in diesem 2. Stadium: Er ist noch in der Lage, durch Aufwachen schnell auf Außenreize zu reagieren und kann in den abgeblockten Phasen Neues abspeichern. Im Gegensatz zu früheren Annahmen ist demnach auch der Leichtschlaf für Lernen und Informationsverarbeitung von Bedeutung.

3. und 4. Tiefschlaf-- Die nächsten beiden Phasen sind Tiefschlafstadien, von denen das erste nur „mitteltief“ ist. Beide sind traumlos und geprägt durch erniedrigten Blutdruck und Muskeltonus sowie eine Verlangsamung von Atmung und Herzschlag. Die Augen bewegen sich in dieser Phase kaum, was als NREM-Schlaf (Non Rapid Eye Movement) bezeichnet wird. Der Schläfer lässt sich aus einem Tiefschlafstadium nur sehr schwer aufwecken, kann jedoch bei lebenswichtigen Signalen (Babyschreien) aufwachen. Für die Erholung sind die Tiefschlafphasen unverzichtbar. Deshalb sind sie zu Beginn des Schlafes länger, nehmen jedoch in späteren Schlafzyklen ab.

5. Traumschlaf-- Mit ein paar kräftigen Muskelbewegungen wird die Traumzeit eingeläutet, in der das Nervensystem am aktivsten ist. Starke Gefühle, sexuelle Erregung, Angst und Albträume spielen sich jetzt ab, wobei gleichzeitig der Muskeltonus stark herabgesetzt ist, um Verletzungen vorzubeugen. Herzschlag, Blutdruck und Atemfrequenz sind unregelmäßig erhöht, ebenso die Augenbewegungen. Dementsprechend nennen Fachleute dieses Stadium REM-Schlaf (Rapid Eye Movement). Statt körperlicher Erholung geht es hier um die Gefühlslage und Gedächtniskonsolidierung. Der Schläfer kann leicht geweckt werden und erinnert sich noch an seine Träume. Der Anteil an REM-Schlaf nimmt mit jedem Zyklus zu und macht etwa ein Fünftel der Gesamtschlafdauer aus.

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Lesen Sie ergänzend und thematisch passend zu unserer zertifizierten Fortbildung unseren englischen Beitrag "A Good Night's Sleep".

Schlafsteuerung

Schlaf „passiert“ nicht einfach, sondern wird durch verschiedene Botenstoffe gesteuert, die Ermüdung, Schlafeinleitung und -aufrechterhaltung sowie das Ende des Schlafes terminieren. Ein wichtiger Botenstoff ist hierbei die Gamma-Aminobuttersäure (GABA). Sie wirkt sozusagen als „Gehirnbremse“ und unterdrückt Erregungsreize, die das Gehirn und im Folgeschluss den Körper in Schwung bringen. Menschen mit Schlafstörungen zeigen einen nachweislichen Mangel an GABA, was zu einer Überaktivierung des zentralen Nervensystems führt.

Synapsen sind die Schaltstellen, an denen Nervenzellen ihre Signale auf andere Zellen übertragen. GABA-Rezeptoren gibt es sowohl vor als auch nach der Synapse (prä- und postsynaptisch). Sie reagieren nicht nur auf GABA, sondern besitzen verschiedene Untereinheiten, über die sie beeinflusst werden können. Damit dienen sie als Zielorte für zahlreiche Wirkstoffe wie Anästhetika, Beruhigungs- oder Schlafmittel, aber auch für die Wirkstoffe der KO-Tropfen. Präsynaptisch verhindert eine Aktivierung von GABA-B-Rezeptoren die Ausschüttung von Transmittern. Postsynaptisch sitzen GABA-A-Rezeptoren an Chloridionen-Kanälen. Eine Stimulation dieser Bindungsstellen löst ein dämpfendes Signal aus.

Melatonin

Ein weiterer Schlafbringer ist Melatonin. Das Hormon aus der Zirbeldrüse wird aus dem Botenstoff Serotonin synthetisiert. Dieser Schritt wird durch Tageslicht gehemmt, sodass sich der Schlaf automatisch an den Tag-Nacht-Rhythmus anpasst. Zeitumstellungen bei Fernreisen oder ein Leben entgegen der inneren Uhr, wie es Schichtarbeiter führen, stören die Melatoninproduktion und den Schlaf. Die Rote Liste führt zwei verschreibungspflichtige Melatonin-Präparate. Circadin ® ist zugelassen als Monotherapie für die kurzzeitige Behandlung der primären, durch schlechte Schlafqualität gekennzeichneten, Insomnie bei Patienten ab 55 Jahre. Slenyto ® kann zur Therapie von Schlafstörungen angewendet werden bei Kindern und Jugendlichen im Alter von zwei bis 18 Jahren mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) und/oder Smith-Magenis-Syndrom, wenn Schlafhygienemaßnahmen unzureichend waren.

Cortisol

Das Glukokortikoid aus der Nebennierenrinde erhöht den Blutdruck und bringt den Körper so richtig auf Trab, weshalb es morgens seinen höchsten Blutspiegel erreicht, um als Gegenspieler von Melatonin zu wirken. Zudem wirkt Cortisol als Gegenspieler des Insulins und dient dazu, in Gefahrensituationen rasch Energie bereitzustellen. Dauerstress führt zu einem kontinuierlich erhöhten Cortisolspiegel. Das kann unter anderem zu Bluthochdruck und einer diabetischen Stoffwechsellage führen. Bei Menschen mit Schlafstörungen ist der Cortisolwert abends im Blut erhöht, was sich durch nächtliche Steigerung der Gehirnaktivität äußert.

Stressabbau ist der erste Schritt, um dauerhaft die überhöhte Ausschüttung von Cortisol zu mindern. Doch das ist oft leichter gesagt als getan. Wer im Stress nicht mehr abschalten kann, hat wenigstens die Möglichkeit, die vorhandenen Blutspiegel durch körperliche Tätigkeit abzubauen. Das sollte mit moderater Bewegung geschehen, denn auch ein zu hartes, leistungsorientiertes Training stellt für den Körper einen Stressfaktor dar.

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Störfaktor Licht

Der stetige Rückgang der Schlafdauer Erwachsener ist gesundheitlich besorgniserregend. Ursache dafür ist in vielen Fällen LED-Licht, wie es nicht nur als Ersatz für Glühbirnen überall im Einsatz ist, sondern auch als Basislichtquelle in Monitoren. Deren Nutzung führt im Vergleich zu älteren Röhrenmonitoren zu einem langsameren Anstieg des Melatoninspiegels. Doch ohne das Schlafhormon fehlt ein wichtiger Impuls zum Einschlafen. Stattdessen steigern sich messbar die Aufmerksamkeit und Bereitschaft für Gedächtnisleistungen. Das ist jedoch selbst für Nachtarbeiter nur ein kurzfristiger Vorteil. Letztendlich fehlt es bei Menschen unter spätem Melatoninanstieg langfristig an abendlichen Schlafimpulsen. Solange der Wecker aber am Morgen frühzeitig die Nacht beendet, führt das zu einer drastischen Verminderung der Schlafdauer und damit zu einem beständigen Abfall der kognitiven Leistungsfähigkeit.

Natürlich spielt es auch eine Rolle, wann das LED-Licht auf den Körper einwirkt. Wer kurz vor dem Zubettgehen noch einmal sein Smartphone checkt, bereitet sich selbst eine Art „Blaulichtdusche“, die dem anschließenden Einschlafen im Wege steht.

Störfaktor Rauchen

Nichtraucher haben den besseren Schlaf. Das liegt zum einen daran, dass Nikotin selbst als Wachmacher gilt. Zum anderen wird diskutiert, ob es während der Schlafenszeit nicht zu Entzugssymptomen kommt, die sich negativ auf die Schlafqualität auswirken. Überdies führt Rauchen zu einem Teufelskreis; denn wer schlecht schläft, greift am Folgetag leichter zur Zigarette oder zu anderen Genussmitteln wie Kaffee oder Alkohol, die dem Schlaf ebenfalls nicht zuträglich sind. Nach einer Studie der Berliner Universitätsklinik Charité sind zwei Drittel der Menschen, die weniger als sechs Stunden Schlaf pro Nacht haben, Raucher.

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Synthetische Hypnotika

Angesichts der Probleme, die Schlafstörungen mit sich bringen, ist der Wunsch nach einem geeigneten Schlafmittel nur allzu verständlich. Dennoch warnen Experten davor, zu schnell nach einem Hypnotikum zu greifen, um keine „Abhängigkeit auf Rezept“ zu provozieren. Stattdessen empfehlen sie, zunächst den Ursachen auf den Grund zu gehen und gegebenenfalls die Schlafbereitschaft mit Verhaltenstherapie und Maßnahmen zur Schlafhygiene anzukurbeln. Hier können ein ruhiges, kühles und dunkles Schlafzimmer sowie ein Bett mit einer bequemen Matratze große Dienste leisten. Ebenso Entspannungsübungen sowie das Vermeiden von Stress und Blaulicht in den Stunden vor dem Zubettgehen. Ist dann immer noch der Einsatz eines Schlafmittels angebracht, gibt es wichtige Unterschiede zu beachten, denn das ideale Hypnotikum gibt es nicht. Und was besonders wichtig ist: Auch die potentesten Schlafmittel beheben nicht die Ursache der Störung. Deshalb sollte der Einsatz stets zeitlich begrenzt erfolgen und auf das Notwendigste beschränkt werden.

Benzodiazepine

Mittlerweile gilt ein GABA-Mangel als physiologischer Marker für Schlafstörungen. Denn je weniger von dem Botenstoff im zentralen Nervensystem vorhanden ist, desto schlechter ist die Schlafqualität. Doch der Rezeptor für die Gamma-Aminobuttersäure folgt nicht einfach nur dem Schlüssel-Schloss-Prinzip. Vielmehr besitzt er verschiedene Untereinheiten mit eigener Rezeptorqualität, durch die die GABA-Wirkung moduliert werden kann.

Benzodiazepine verstärken den GABA-Effekt, wenn der Botenstoff in zu geringer Menge vorliegt. Sie wirken sedativ und hypnotisch. Darüber hinaus haben Benzodiazepine unter anderem noch angst- und spannungslösende sowie muskelrelaxierende Effekte. Als Schlafmittel führt die Rote Liste die folgenden Wirkstoffe: Brotizolam, Diazepam, Flunitrazepem, Flurazepam, Lormetazepam, Nitrazepam, Oxazepam und Temazepam.

Lipophilie-- Voraussetzung für die Wirkung ist die Lipophilie des Wirkstoffs, damit er überhaupt in der Lage ist, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden. Mit zunehmender Lipophilie nimmt die Zeit bis zum Wirkungseintritt ab. Doch auch die Wirkdauer verkürzt sich, da sich fettlösliche Substanzen schneller in andere Körperkompartimente umverteilen.

Begrenzt-- Die verschreibungspflichtigen Substanzen dürfen gegen Schlafstörungen nur zeitlich begrenzt verordnet werden. Denn sie besitzen ein hohes Abhängigkeitspotenzial. Laut Arzneimittelrichtlinie Anlage III des G-BA dürfen sie im Rahmen einer Kurzzeittherapie für maximal vier Wochen rezeptiert werden. Werden sie nach längerer Einnahmezeit plötzlich abgesetzt, tritt ein Reboundeffekt ein, der zu Schlaflosigkeit, Angstzuständen, Schwindel und anderen zentralnervösen Störungen führt.

Hang-over-- Benzodiazepine und ihre Metabolien haben sehr unterschiedlich lange Halbwertzeiten: Zum Beispiel beträgt sie bei Midazolam circa 2,5 Stunden, bei Lorazepam circa 16 Stunden. Die Wirkstoffe können am Folgetag zu Tagesmüdigkeit und Benommenheit (Hang-over-Effekt) führen. Ob ein Hang-over-Effekt eintritt und mit welcher Stärke, hängt von verschiedenen Faktoren ab, unter anderem der Plasmahalbwertszeit der Wirkstoffe und ihrer Metabolite, der Leber- und Nierenfunktion, Alter und Gewicht des Anwenders oder dem Füllstand des Magens. Besonders für die Altersgruppe 60 plus erhöht sich das Risiko für unerwünschte Wirkungen im kognitiven und psychomotorischen Bereich. Der Grund ist der altersbedingte veränderte Wirkstoffmetabolismus. Die Sturzgefahr nimmt zu und die Fähigkeit zum Autofahren oder Bedienen von Maschinen ab.

Z-Substanzen-- Neben den Benzodiazepinen gibt esebenfalls noch die Z-Substanzen (Zolpidem, Zopiclon, RP), die aber im Rahmen dieses Beitrages nicht behandelt werden.

H1-Antihistaminika

Eine Blockade zentraler Histamin-1-Rezeptoren löst einen schlaffördernden Effekt aus. Die Wirkstoffe Diphenhydramin und Doxylamin stehen rezeptfrei bei Ein- und Durchschlafstörungen von Erwachsenen zur Verfügung. Dennoch sollten sie nur bei klinisch relevanten Schlafstörungen und nicht länger als zwei Wochen eingesetzt werden. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sowie in der Schwangerschaft sind sie kontraindiziert. Beide Substanzen sollten nicht in der Stillzeit verwendet werden, da sie in die Muttermilch übergehen und Diphenhydramin zusätzlich die Laktation hemmt. Für Menschen mit Nieren- oder Leberfunktionsstörungen sind die Wirkstoffe nicht geeignet, ebenso sollten sie (unter anderem) nicht bei akutem Asthma-Anfall, Engwinkelglaukom, Epilepsie, Phäochromozytom und Prostatahyperplasie mit Restharnbildung eingesetzt werden. Mit Alkohol oder Psychopharmaka sind zahlreiche Wechselwirkungen möglich. Die Wirkstoffe können das Reaktionsvermögen beeinträchtigen und besonders bei älteren Menschen am Folgetag zur Somnolenz führen. Darüber hinaus sind Überempfindlichkeitsreaktionen, gastroöso- phagealer Reflux und anticholinerge Effekte wie Mundtrockenheit, Seh- oder Miktionsstörungen möglich.

Noch was ...

  • Schlafmasken sind nicht nur ein modisches Accessoire, sondern erhöhen nachweislich die Schlafqualität, indem sie störendes Licht ausblenden.
  • In Kombination mit Ohrstöpseln können sie nach Operationen den Schlaf verbessern und sogar den Schmerzmittelverbrauch senken.
  • Im Hinblick auf Schlaf sind das Schlafhormon Melatonin und das Glukokortikoid Cortisol Gegenspieler.
  • Eine Studie konnte zeigen, dass sich bei Verwendung einer Schlafmaske nach einer OP die Spiegel von Melatonin und Cortisol im Urin signifikant ändern.

Pflanzliche Schlafmittel

Im OTC-Angebot sind pflanzliche Schlafmittel sehr beliebt, da sie ohne ärztliche Verschreibung erworben werden können und bei ihrem Gebrauch nicht die oben genannten „harten“ Nebenwirkungen zu erwarten sind. Deshalb ist auch eine Langzeittherapie von mehr als zwei Wochen möglich. Pflanzliche Schlafmittel werden einzeln oder in Kombination in verschiedenen Darreichungsformen angeboten. Sie kommen vor allem dann zum Einsatz, wenn den Schlafstörungen psychovegetative Störungen zugrundeliegen oder sie eine Folge von Arzneimittelnebenwirkungen sind. Auch wenn die Präparate meist als nebenwirkungsarm gelten, sind gegebenenfalls Kontraindikationen und Wechselwirkungen zu beachten. Unverträglichkeitsreaktionen können durch geeignetes Nachfragen im Beratungsgespräch gleich vorab vermieden werden.

Baldrianwurzel

Schon im Altertum besaß der Baldrian, Valeriana officinalis, einen hohen Stellenwert in der Medizin, weshalb sich sein botanischer Name Valeriana vom lateinischen valere für „gesund sein“ ableitet und die Pflanze im Englischen als All-healer (Allesheiler) bezeichnet wird. Die Gattung der Baldriane gehört in die Familie der Geißblattgewächse (Caprifoliaceae). Die Pflanzendroge aus der Wurzel des Baldrians, Valerianae radix, besitzt Positivmonografien der Kommission E, ESCOP und WHO. Als mildes Sedativum kann sie auch in Form der Tinktur in Bädern nervöse Unruhe beheben und das Einschlafen fördern, sofern der Anwendung als Vollbad keine größeren Hautläsionen widersprechen.

Indikationen für die Einnahme von Zubereitungen aus Baldrianwurzel sind nervös bedingte Schlafstörungen sowie nervöse Erregungszustände und Herzbeschwerden. Der ZNS-dämpfende Effekt kommt durch eine Interaktion von Valerensäure mit der Beta-3-Untereinheit des GABA-A-Rezeptors zustande, wobei es sich aber nicht um denselben Angriffspunkt handelt, den Benzodiazepine nutzen. Die Wirkung ist zwar ähnlich, aber geht nicht mit denselben Nebenwirkungen einher. Davon abgesehen, reicht die Dosis an Valerensäure beim üblichen Gebrauch von Baldrianwurzel nicht aus, um den Gesamteffekt auszulösen. Wie so oft in der Phytotherapie wird die Wirkung der Gesamtdroge zugeschrieben.

Valepotriate-- Die bizyklischen Monoterpene, die zu 0,5 bis 2,0 Prozent in der Droge enthalten sind, wurden lange Zeit für die Baldrianwirkung verantwortlich gemacht, bis sich herausstellte, dass sie bei der üblichen Herstellung eines Tees oder einer Tinktur zerstört werden. Was sich letztendlich als Vorteil herausstellte, da ihnen eine zytotoxische und mutagene Wirkung nachgewiesen wurde. Trotzdem sind die Valepotriate interessant: Sie wirken stimmungsausgleichend (äquilibrierend), was bei Erregung eine Sedation, bei Ermüdung jedoch eine Aktivierung auslöst.

Hopfenzapfen

Die zu den Hanfgewächsen (Cannaba- ceae) gehörende Kletterpflanze Humulus lupulus ist vor allem aus der Brauerei bekannt und sorgt für den herben, würzigen Geschmack des Bieres. Doch neben seinen konservierenden und schaumstabilisierenden Eigenschaften wirkt Hopfen auch beruhigend. Als Arzneidroge (Lupuli strobulus = Lupuli flos) werden die zapfenförmigen Fruchtstände der weiblichen Pflanzen geerntet. Sie besitzen eine Positivmonografie der Kommission E und ESCOP und enthalten zu 15 bis 30 Prozent Harze, die vor allem in den Hopfendrüsen lokalisiert sind. Mit ihren Bitterstoffkomponenten Humulon und Lupulon fördern sie die Sekretion von Verdauungssäften und helfen bei Appetitlosigkeit. Zudem wirken deren Abbauprodukte besonders in der Einschlafphase schlaffördernd. Die Indikationen der Droge sind Schlafstörungen, nervöse Unruhe, Übererregbarkeit und Angstzustände. Auf vegetativem Weg dämpft sie vor allem beim Mann sexuelle Erregungszustände. Der antibakterielle Effekt unterstützt nicht nur die Haltbarkeit von Bier, er wird auch bei Blasenentzündungen und äußerlich zur Behandlung von Hautverletzungen und Geschwüren eingesetzt. Nebenwirkungen und Kontraindikationen sind nicht bekannt.

Lavendelblüten

Der Echte Lavendel, Lavandula angustifolia, wird schon seit Jahrhunderten als Heilmittel geschätzt. Der auch als Zier- und Gewürzpflanze beliebte Halbstrauch aus der Familie der Lippenblütler (Lamiaceae) hat seinen Namen aus dem Lateinischen von lavare (waschen), angustus (eng) und folia (Blatt). Als Arzneidroge Lavandulae flos werden die frisch erblühten Blühtriebe abgeschnitten. Aus ihnen gewinnt man das duftbestimmende ätherische Öl, Lavandulae aetheroleum. Das ätherische Öl und die Blütendroge besitzen eine Positivmonografie der Kommission E und werden eingesetzt bei Unruhezuständen, Einschlafstörungen, Appetitlosigkeit, funktionellen Oberbauchbeschwerden, nervösem Reizmagen, Meteorismus und nervösen Darmbeschwerden. Äußerlich nimmt man Lavendelblüten auch als Badezusatz bei funktioneller Kreislaufstörung.

Für die innerliche Anwendung sind keine Kontraindikationen, Wechselwirkungen oder unerwünschten Nebenwirkungen bekannt, bis auf selten auftretende Allergien. Fahrtüchtigkeit und das Bedienen von Maschinen sind unter der Anwendung nicht eingeschränkt. Die unruhelösende Wirkung setzt bereits innerhalb weniger Tage ein und baut sich über die weitere Anwendungszeit auf. Entsprechend zeitversetzt verbessern sich auch die Schlafstörungen.

Passionsblumenkraut

Die Passionsblume, Passiflora incarnata, stammt aus den tropischen Regenwäldern Amerikas. Der immergrüne Kletterstrauch bringt auffällige Blüten hervor, in deren Bauweise ein spanischer Missionar die Marterwerkzeuge Christi symbolisiert sah, was zum Namen Passionsblume führte. Sie wurde schon von den Azteken und Mayas wegen ihrer beruhigenden und krampflösenden Wirkung medizinisch genutzt. Seit die Pflanze im 16. Jahrhundert nach Europa kam, wurde sie gegen Schlaflosigkeit und Schmerzen eingesetzt. Heute besitzt Passionsblumenkraut, Passiflorae herba, eine Positivmonografie der Kommission E und der ESCOP. Die zu etwa 2,5 Prozent enthaltenen Flavonoide sind vermutlich wirksamkeitsbestimmend. Die schlaffördernde Wirkung wird als mild eingestuft, ebenso die antikonvulsive Wirkung. Auch hier konnte eine Bindung an den GABA-A-Rezeptor belegt werden, darüber hinaus gibt es auch Interaktionen mit Histamin- und Dopaminrezeptoren.

Alkoholische Auszüge zeigen eine deutliche angstlösende Wirkung, weshalb die Droge gern in standardisierten Extrakten zum Einsatz kommt. Anwendungsgebiete sind nervöse Unruhezustände, Einschlafstörungen, Angstzustände sowie nervös bedingte Beschwerden im Magen-Darm-Bereich. Unerwünschte Neben- und Wechselwirkungen sowie Kontraindikationen sind nicht bekannt

Grenzen der Selbstmedikation

Grundsätzlich können Schlafstörungen in der Selbstmedikation therapiert werden. Die Grenzen sind immer dann erreicht, wenn der Nachtschlaf dauerhaft gestört ist, die Leistungsfähigkeit am Tag stark beeinträchtigt ist und die Beschwerden seit mindestens vier Wochen vorliegen. Ebenso ist der Gang zum Arzt ratsam für Schwangere und Stillende, Kinder und Jugendliche, Verdacht auf psychische Erkrankungen (Sucht, Psychose, Depression) oder Schlafapnoe. Diese Fragen sind in der Beratung abzuklären.

Für die Praxis heißt das im Umkehrschluss, die Selbstmedikation von Schlafstörungen ist möglich, wenn die Beschwerden nicht länger als vier Wochen anhalten. Selbst behandelbar ist die Schlafstörung auch, wenn die Zeit bis zum Einschlafen länger als 30 Minuten beträgt (Einschlafstörung), ein bis zwei Stunden vor der Zeit aufgewacht wird, der Betroffene nachts mehrfach erwacht und Schwierigkeiten hat, wieder einzuschlafen (Durchschlafstörung) und wenn keine den Schlaf störende Grunderkrankung oder eine Dauermedikation vorliegt.


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