30.05.2021

Serie Zusatzempfehlungen: Statine

von Britta Fröhling

Wirkstoffe dieser Gruppe sind die am häufigsten eingesetzten zur Senkung erhöhter Cholesterinwerte. Bestimmte Mikronährstoffe können die Verträglichkeit und Wirkung der Therapie optimieren.

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  • Britta Fröhling ist PTA und Heilpraktikerin. In der Serie „Zusatzempfehlungen“ stellt sie aktuelle Erkenntnisse zu Mikronährstoffen vor.
  • Statine hemmen das Enzym HMG-CoA-Reduktase. Dadurch wird weniger Mevalonsäure (Ausgangsstoff für die körpereigene Cholesterinsynthese) gebildet.
  • Für die Produktion von Coenzym Q10 wird ebenfalls Mevalonsäure benötigt. Unter Statintherapie kann es hier zu einem Defizit kommen, der sich in Muskelschmerzen äußert.
  • Treten Nebenwirkungen auf, sollten sowohl der Vitamin-D- als auch der Selen-Spiegel überprüft werden.

Die Hypercholesterinämie ist eine der häufigsten Störungen im Lipidstoffwechsel. Darunter zu verstehen ist eine zu hohe Blutkonzentration des LDL-Cholesterins und des Gesamtcholesterins, meist auch ein zu niedriger Anteil an HDL-Cholesterin. Die häufigste Form ist die sekundäre Hypercholesterinämie, verursacht durch Bewegungsmangel, Überernährung und Grunderkrankungen wie Hypothyreose oder Diabetes mellitus. Seltener sind primäre Formen, bei denen eine genetische Störung des Abbaus von LDL-Cholesterin vorliegt.

Ein Fall aus der Offizin

Theo Moser, Stammkunde mit leichter Hypertonie, kommt mit einer neuen Verordnung vom Arzt: „Der Doktor meint, ich habe zu viel Cholesterin. Nun soll ich diese Tabletten nehmen. Im Fernsehen haben sie gesagt, dass Cholesterintabletten auch die Muskeln kaputt machen. Ist das etwa dieses Teufelszeug?“. Die PTA nimmt die Verordnung entgegen und sieht, dass Simvastatin 20 mg verordnet wurde. Sie erklärt Herrn Moser: „Zu hohe Cholesterinwerte erhöhen das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall, weil sich das Cholesterin an den Gefäßwänden absetzen und die Blutgefäße verstopfen kann. Deshalb ist es wichtig, die Cholesterinwerte zu senken. Das Medikament, das Ihr Arzt verschrieben hat, kann wirklich in einigen Fällen zu Muskelschmerzen führen. Es gibt aber Möglichkeiten, die Verträglichkeit zu verbessern.“ Die PTA empfiehlt Herrn Moser ein Präparat mit Coenzym Q10 und rät dazu, den Vitamin-D-Spiegel bestimmen zu lassen. Ein paar Tage später kommt der Kunde mit einem Grünen Rezept über Vitamin D hoch dosiert zur wöchentlichen Einnahme erneut in die Apotheke. Bei seinem nächsten Besuch einige Wochen später berichtet er, dass er das Statin ohne Beschwerden verträgt.

Statine

Synonyme Begriffe für Statine sind Cholesterinsyntheseenzymhemmer (CSE-Hemmer) oder HMG-CoA-Reduktase-hemmer. Zu dieser Gruppe gehören Wirkstoffe wie Atorvastatin oder Simvastatin. Sie hemmen das Enzym HMG-CoA-Reduktase, das 3-Hydroxy-3-Methylglutaryl-Coenzym-A in Mevalonsäure umbaut. Mevalonsäure ist ein wichtiger Ausgangsstoff für die körpereigene Cholesterinsynthese. Wird die Bildung gehemmt, wird weniger Cholesterin hergestellt; entsprechend sinken die Blutspiegel. In der Folge werden mehr Rezeptoren für LDL-Cholesterin an der Zelloberfläche präsentiert. Das LDL-Cholesterin kann vermehrt in die Zellen aufgenommen werden, es wird weniger an den Gefäßwänden abgelagert. Die wichtigste Nebenwirkung der Statine sind Muskelschmerzen. In seltenen Fällen kann es zur Rhabdomyolyse, einem Zerfall der Muskelfasern, kommen.

Coenzym Q10

Zu den kritischen Mikronährstoffen unter Statintherapie zählt Coenzym Q10 (Ubichinon-10; aktivierte Form Ubichinol). Es erfüllt wichtige Aufgaben im Energiestoffwechsel der Zellen, unter anderem bei der Bereitstellung von ATP. Außerdem stabilisiert es Zellmembranen und schützt diese als Antioxidans vor freien Radikalen. Über die Nahrung wird Coenzym Q10 nur zu einem geringen Teil aufgenommen, zum Beispiel über Fleisch, Leber, Fisch, Eier, pflanzliche Öle wie Soja-, Raps- und Sesamöl, Nüsse und Hülsenfrüchte. Der größte Teil wird vom Körper selbst synthetisiert. Ein wichtiger Grundstoff dafür ist Mevalonsäure. Wird deren Produktion durch die Einnahme von Statinen gehemmt, kann es begleitend zu einem Coenzym-Q-10-Defizit kommen. Eine Supplementation kann daher sinnvoll sein, um Muskelschmerzen zu vermeiden. Vor dem Hintergrund, dass die Coenzym-Q10-Produktion im Laufe des Lebens abnimmt, gilt dies insbesondere für ältere Patienten. Nahrungsergänzungsmittel, die bereits die aktivierte Form Ubichinol enthalten, machen einen weiteren Umwandlungsschritt überflüssig.

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Im Beratungsgespräch

Erklären Sie dem Kunden beispielsweise mit folgenden Worten, dass er ausreichend mit Coenzym Q10 versorgt sein sollte: „Zwar stellt Ihr Körper einen Großteil davon selbst her. Leider benötigt er dafür den gleichen Grundstoff, der auch für die Herstellung von Cholesterin gebraucht wird. Und genau dieser wird durch das Ihnen verordnete Medikament weniger produziert. Ich empfehle Ihnen deshalb neben der Auswahl von Lebensmitteln, die reich an Coenzym Q10 sind, die Einnahme eines Nahrungsergänzungsmittels mit Coenzym Q10 in seiner aktiven Form. So verringern Sie das Risiko, dass Muskelschmerzen auftreten.“

Cave! Stellen Sie sicher, dass der Kunde keine Vitamin-K-Antagonisten einnimmt, da hier eine Interaktion besteht. Auch bei einer Strahlentherapie sowie bei der Einnahme von Asthmamedikamenten mit Theophyllin sollte auf die Nahrungsergänzungsmittel mit Coenzym Q10 verzichtet werden. Weisen Sie den Kunden zudem darauf hin, jede Änderung der Medikation mitzuteilen und beim Arzt auch Nahrungsergänzungsmittel und freiverkäufliche Arzneimittel, die eingenommen werden, anzugeben.

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Vitamin D

Mehr als zwei Drittel der Patienten, die bereits wegen Muskelschmerzen die Statintherapie abbrachen, vertrugen diese nach Ausgleich eines Vitamin-D-Mangels ohne Schmerzen. Warum das so ist, ist nicht geklärt. Bekannt ist jedoch, dass auch ein Mangel an Vitamin D mit Muskelschmerzen einhergeht, die denen der statinbedingten Muskelschmerzen ähneln. Zudem wird angenommen, dass die Statine indirekt einen Einfluss auf den Vitamin-D-Spiegel besitzen. Denn LDL-Cholesterin transportiert Vitamin D. Dessen Konzentration wird jedoch durch die Einnahme von Statinen verringert. Daher ist es sinnvoll, den Vitamin-D-Status beim Arzt bestimmen zu lassen. Liegt ein Mangel vor, kann dieser hoch dosierte Arzneimittel mit Colecalciferol verordnen, bis sich die Werte normalisiert haben. Danach kann die Erhaltungsdosis in Form von Nahrungsergänzungsmitteln eingenommen werden.

Serie Zusatzempfehlungen

04/2021: Orale Antidiabetika
06/2021: Statine
08/2021: Orale Kontrazeptiva
10/2021: Protonenpumpenhemmer
12/2021: Antihypertonika

Im Beratungsgespräch

Berichten Kunden, die Statine einnehmen, über muskelkaterähnliche Beschwerden oder stärkere Muskelschmerzen, raten Sie zum Überprüfen des Vitamin-D-Status. Erklären Sie dem Kun-den kurz die möglichen Zusammenhänge. Machen Sie ihm auch deutlich, dass zwar 80 bis 90 Prozent des benötigtenVitamin D vom Körper unter Einfluss von Sonnenlicht selbst gebildet werden, die Sonnenintensität in Deutschland zwischen Oktober und März allerdings dafür nicht ausreicht. Und bei vielen Menschen im Sommer die Aufenthaltsdauer im Freien zu kurz ist, um die Speicher entsprechend für die kalte Jahreszeit zu füllen. Vitamin-D-Supplemente können daher bei einem diagnostizierten Mangel dazu beitragen, dass Muskelbeschwerden verschwinden.

Sonstiges

Omega-3-Fettsäuren können das Verhältnis von LDL- zu HDL-Cholesterin verbessern. Sie sind besonders in Fischen wie Lachs, Makrele und Hering sowie in einigen Pflanzenölen wie zum Beispiel Walnussöl enthalten.

Treten Muskelschmerzen unter der Einnahme von Statinen auf, lohnt es sich, auch den Selenspiegel bestimmen zu lassen. Das Spurenelement ist wichtig für die Regeneration von Ubichinon zu Ubichinol sowie für die Muskelregeneration. Die Produktion des dafür benötigten Stoffs Selenoprotein N wird ebenfalls durch HMG-CoA-Reduktasehemmer gedrosselt.

Beratungstipp

Nehmen Sie Kunden die Angst vor Statinen, und versuchen Sie, die Compliance aufrechtzuerhalten, indem Sie erklären, warum es so wichtig ist, das Arterioskleroserisiko zu senken. Es hält sich noch immer der Irrglaube, dass vorrangig mit der Nahrung aufgenommenes Cholesterin die Blutfettwerte negativ beeinflusst. Trans-Fette, gesättigte Fette und eine generelle Überernährung haben jedoch einen stärkeren Einfluss als zum Beispiel das tägliche Frühstücksei. Hier kann die PTA aufklären und mit Handzetteln und Broschüren zur gesunden Ernährung bei Fettstoffwechselstörungen dem Kunden Hilfestellung geben.

Britta Fröhling ist PTA und Heilpraktikerin. In der Serie "Zusatzempfehlungen" stellt sie aktuelle Erkenntnisse zu Mikronährstoffen vor. 


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