Migräne: Früh behandeln

Vor Kurzem wurde die aktualisierte S1-Leitlinie Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne veröffentlicht. Sie listet neue medikamentöse und nicht medikamentöse Behandlungsansätze für Betroffene auf. Ein Überblick.

von Stefanie Fastnacht
28.11.2025

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  • Die aktualisierte S1-Leitlinie empfiehlt, Migräne frühzeitig mit modernen Therapien zu behandeln, um einer Chronifizierung vorzubeugen.
  • Triptane bleiben Standard bei akuten Attacken; neue Wirkstoffe wie Ditane und Gepante bieten Alternativen bei Kontraindikationen oder Therapieversagen.
  • Elektrische Fern-Neuromodulation kann ergänzend zur Medikation akute Migräne lindern.
  • Zur Prophylaxe stehen orale CGRP-Antagonisten sowie monoklonale Antikörper zur Verfügung.
  • Nicht medikamentöse Maßnahmen wie Verhaltenstherapie, Sport und Apps unterstützen die Behandlung.

Während einer Pressekonferenz beim Deutschen Schmerzkongress im Oktober 2025 in Mannheim sprachen sich die für die Leitlinie verantwortlichen Experten der Deutschen Schmerzgesellschaft und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) dafür aus, dass Migränepatienten frühzeitig neue und wirksame Therapien erhalten.

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Privatdozent Dr. med. Lars Neeb, Präsident der DMKG und Chefarzt der Neurologie am Universitätsklinikum Brandenburg an der Havel, kritisierte in diesem Zusammenhang, dass trotz neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und vielfältiger neuer Behandlungsmöglichkeiten moderne spezifische Migränetherapeutika häufig erst spät im Krankheitsverlauf eingesetzt würden, oftmals nach Jahren unzureichender Behandlung. Ein früher Zugang zu diesen Therapien sei aber wichtig, um das Risiko einer Chronifizierung zu senken, betonte der Experte.

Akutbehandlung

Neeb hob hervor, dass auch in der aktualisierten Leitlinie Triptane (5-HT1B/1D-Agonisten) die Standardarzneimittel zur Therapie akuter Migräneanfälle sind. Sie wirken agonistisch an Serotonin-Rezeptoren im Gehirn und verengen die im Migräneanfall erweiterten Gefäße. Ferner hemmen sie die Ausschüttung des Neurotransmitters Calcitonin-Gene-Related-Peptide (CGRP), der wesentlich an der Entstehung von Migräneattacken beteiligt ist. CGRP bringt die neuroinflammatorischen Prozesse der Migräne in Gang.

Triptane-- Sie werden verabreicht, wenn nicht opioide Analgetika wie Acetylsalicylsäure (ASS), Celecoxib, Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen, Metamizol, Paracetamol, Phenazon oder Kombinationsanalgetika aus ASS, Paracetamol und Koffein nicht ausreichend wirken (s. Tab.).

Sumatriptan (3 mg, Migrapen, Rx), das mit einem Pen ins Unterhautfettgewebe gespritzt wird, gehört laut Leitlinie zu den wirksamsten und schnellsten Therapien akuter Migräneanfälle. Von den oral einnehmbaren Triptanen stufen die Leitlinienautoren Eletriptan (Relpax, 20 – 40 mg, Rx) als am wirksamsten ein, gefolgt von Rizatriptan (Maxalt, 5 – 10 mg, Rx) und Sumatriptan (z. B. Imigran, 50 – 100 mg, Rx). Hilft Sumatriptan allein nicht, kann auf eine oral einnehmbare Fixkombination aus Sumatriptan und Naproxen (Suvexx, 85 mg/500 mg, Rx) geschwenkt werden. Diese sei wirksamer als die alleinige Gabe beider Wirkstoffe.

Orale Analgetika gegen akute Migräne*

Wirkstoff/-kombination

Einzeldosis/Attacke

Präparate**

ASS

1.000 mg

Aspirin Migräne

Celecoxib

120 mg (Trinklösung)

Elyxyb (Rx)

Diclofenac

50 – 100 mg

Voltaren K Migräne (50 mg, Rx)

Ibuprofen

200 – 600 mg

Dolormin extra (400 mg)

Metamizol

1.000 mg

Novalgin (500 mg, Rx)

Naproxen

500 – 825 mg

Naproxen Stada (750 mg, Rx)

Paracetamol

1.000 mg

Benuron (1.000 mg)

Phenazon

1.000 mg

Migräne Kranit (500 mg)

ASS

Paracetamol

Koffein

250 mg

200 – 250 mg

50 – 65 mg

Thomapyrin intensiv (ASS 250, Paracetamol 250, Koffein 50 mg)

* nach S-1-Leitlinie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“; ** beispielhafte Nennungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit (Stand der Informationen: 28.10. 2025)

Ditane-- Zu den neueren Wirkstoffen zur Therapie akuter Migräne zählt das Ditan Lasmiditan (Rayvow, 50 – 100 mg, Rx). Als 5-Hydroxytriptamin 1F(5-HT1F)-Rezeptoragonist greift es gezielt am entsprechenden Serotoninrezeptor im Gehirn an (verhindert Ausschüttung von CGRP). Im Unterschied zu Triptanen bewirkt das Ditan keine Vasokonstriktion. Daher kann der Wirkstoff Betroffenen mit Kontraindikationen gegen Triptane wie Hypertonie oder koronarer Herzkrankheit verordnet werden, erklärte Neeb. Für Lasmiditan konnte außerdem gezeigt werden, dass es auch bei Migränikern wirkt, die auf Triptane nicht ansprechen. Als Nebenwirkungen treten Müdigkeit und Schwindel auf, weshalb bis zu acht Stunden nach der Einnahme von Lasmiditan nicht Auto gefahren oder an Maschinen gearbeitet werden darf.

Gepante-- Der spezifisch wirkende CGRP-Rezeptor-Antagonist Rimegepant (Vydura, 75 mg, Rx) steht seit Sommer 2025 als Schmelztablette zur oralen Einnahme zur Verfügung. Er gilt als gut verträglich und wird bei Bedarf einmal täglich eingesetzt, wenn Analgetika und Triptane bei akuter Migräne nicht wirken oder nicht vertragen werden.

Elektrische Fern-Neuromodulation-- Das nicht medikamentöse Verfahren wird im Englischen als Remote Electrical Neuromodulation (REN) bezeichnet. Ergänzend zur Einnahme von Medikamenten hat es sich in einer kontrollierten Studie als wirksam bei akuten Migräneepisoden erwiesen. Mit einem eigens zugelassenen Medizinprodukt (Nerivio, Rx, momentan nur für Selbstzahler > 12 J.) wird der Oberarm elektrisch stimuliert. Durch diese Reize sollen im Hirnstamm schmerzhemmende Bahnen aktiviert und Kopfschmerzen gelindert werden.

Prophylaxe

Medikamente zur Vorbeugung empfehlen sich bei Migräne immer dann, wenn häufig Attacken auftreten, der Leidensdruck sehr hoch und die Lebensqualität stark eingeschränkt sind, Akuttherapeutika nicht oder nicht ausreichend wirken und die Gefahr eines Medikamentenübergebrauchs besteht.

Neeb wies während der Pressekonferenz explizit darauf hin, dass es mit Atogepant (Aquipta, 10 – 60 mg, Rx) und Rimegepant (Vydura, 1 x 75 mg jeden 2. Tag, Rx) jetzt zwei spezifisch wirkende, orale CGRP-Rezeptoragonisten gibt, die zur Vorbeugung bei episodischer Migräne dienen. Atogepant wirkt zudem bei chronischer Migräne prophylaktisch, Rimegepant hilft auch bei akuten Attacken, wie oben erwähnt.

Monoklonale Antikörper-- Für die CGRP-Antikörper Eptinezumab (Vyepti, 100 – 300 mg, Rx), Fremanezumab (Ajovy, 225 mg, Rx) und Galcanezumab (Emgality, 120 mg, Rx) und den CGRP- Rezeptor-Antikörper Erenumab (Aimovig, 70 – 140 mg, Rx) konnte außerdem gezeigt werden, dass sie bei Migränepatienten, die in den ersten drei Monaten nicht auf die Behandlung ansprechen, im weiteren Therapieverlauf doch noch eine ausreichende Besserung erzielen können.

Nicht medikamentöse Maßnahmen

In der aktualisierten Leitlinie wird neben spezifischen, wirksamen Arzneimitteln die Bedeutung von kognitiver Verhaltenstherapie, Entspannungstechniken, Biofeedback sowie Ausdauer- und Kraftsport hervorgehoben, da sich diese Maßnahmen nachweislich positiv auf Migräne auswirken.

Digitale Anwendungen wie die verordnungsfähige Smartphone-Applikation Sincephalea soll Attacken bei episodischer Migräne vorbeugen. Die App erfasst Blutzuckerdaten über einen Glukose-Sensor und erstellt in Kombination mit einem Ernährungstagebuch individuelle Ernährungsempfehlungen. So sollen Blutzuckerschwankungen reduziert, das Gehirn besser mit Energie versorgt und Entzündungsprozesse positiv beeinflusst werden.

Bei der kostenlos und werbefrei zugänglichen DMKG-App handelt es sich um ein elektronisches Kopfschmerztagebuch, das Stärke, Dauer, Symptome und eingenommene Medikamente erfasst. Die Daten werden zur Kopfschmerzforschung genutzt, um die Versorgung von Menschen mit Migräne zu verbessern.

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