Schlafstörungen: Licht aus, schlafen

Erholsame Nächte sind nicht selbstverständlich. Laut Techniker Krankenkasse schläft jeder dritte Erwachsene mittelmäßig bis schlecht. Die Folgen sind seelische und körperliche Probleme, ebenso ein erhöhtes Unfallrisiko.

von Dr. Ute Koch
27.02.2023

03pta_istockphoto-167154436
© Foto: [M] GeorgePeters / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell)
Anzeige
  • Ein-, Durch- und Ausschlafstörungen sind eine Volkskrankheit.
  • Schlafräuber Nr. 1 sind seelische Probleme, bedingt durch Stress, Sorgen und Ängste.
  • Es besteht das Risiko eines Teufelskreises zwischen Tagesnervosität und Schlafstörungen.
  • Die Palette rezeptfreier Arzneimittel umfasst pflanzliche (einschließlich Tees), synthetische und homöopathische Präparate.
  • Bei rezeptfreien Melatoninpräparaten ist auf Rechtssicherheit zu achten.
  • Tipps zur Schlafhygiene und anderen Allgemeinmaßnahmen sollten das Beratungsgespräch abrunden.

Körper und Seele tanken im Schlaf Energie. Viele Körperfunktionen regenerieren sich nachts, so zum Beispiel das Immunsystem. Ob der Schlaf erholsam ist oder nicht, darüber entscheiden nicht nur dessen Dauer, sondern auch dessen Qualität. Letztere wird vom ungestörten Ablauf des REM- und NON-REM-Schlafs bestimmt. In der REM-Phase (Rapid Eye Movement) ist der Schlafende schwer aufweckbar. Zudem sind schnelle Augenbewegungen und lebhaftes Träumen typisch. Die NON-REM-Phase besteht aus vier Abschnitten unterschiedlicher Schlaftiefe, in denen keine Träume erfolgen. Pro Nacht wechseln sich REM- und NON-REM-Schlaf mehrmals ab.

Ein-, Durch- und Ausschlafstörungen

Eine Einschlafstörung liegt vor, wenn mehr als eine halbe Stunde bis zum Einschlafen vergeht. Laut Techniker Krankenkasse (TK) hat ein Viertel der Menschen mit Einschlafstörungen zusätzlich Ausschlafstörungen. Die Betroffenen wachen morgens zu früh auf und können nicht oder schlecht weiterschlafen. Unter einer zusätzlichen Durchschlafstörung leiden laut TK sogar die Hälfte derer, die abends schlecht in den Schlaf finden. Eine Durchschlafstörung liegt vor, wenn der Schlafende nachts ein oder mehrmals aufwacht und erst nach längerer Zeit wieder einschlafen kann. Doch nicht jeder, der beklagt, nächtelang kein Auge schließen zu können, leidet tatsächlich an einer Schlafstörung. Dazu gehören vor allem Senioren. Vielen von ihnen ist nicht bewusst, dass ihr Schlafbedarf altersbedingt geringer ist als in jungen Jahren und dass das Mittagsschläfchen die nächtliche Schlafdauer verkürzt.

Schlafräuber Nr. 1

Seelische Probleme sind die Hauptursache, was auch die TK-Studie bestätigt: Termindruck, familiäre Überlastung (z. B. Pflege eines Angehörigen), Doppelbelastung in Beruf und Familie, finanzielle Sorgen, Zukunftsängste und vieles mehr gehören dazu. Die folgende Nervosität und innere Unruhe lassen viele Menschen abends nicht zur Ruhe kommen. Hieraus resultiert ein Teufelskreis, weil wenig und/oder schlechter Schlaf die Nervosität und innere Unruhe am Folgetag verstärkt, zu Erschöpfung führt und die Belastbarkeit senkt. Eine solche Situation kann auf Dauer ernsthaft krank machen – nicht nur seelisch, auch körperlich. Häufig unterschätzt wird zudem der (zusätzliche) Einfluss einer schlechten Schlafhygiene (z. B. eine unbequeme Matratze) und/oder eines ungünstigen Lebensstils (z. B. Coffein am Abend). Ebenfalls Schlafräuber sind belastende Alltagsereignisse: ein heftiger Streit, eine bevorstehende Prüfung, der Wechsel der Zeitzone (Jetlag) oder eine laute Party nebenan. Zudem können ernsthafte Erkrankungen (z. B. starke Schmerzen, COPD, Angststörungen, Suchtverhalten) Schlafprobleme bereiten. In einem solchen Fall ist dringend zu einem Arztbesuch zu raten. Eine ärztliche Behandlung benötigen auch Kinder mit dauerhaften Schlafproblemen.

Aus dem OTC-Sortiment*:

Produktname

Wirkstoff(e)

Indikation

Hinweise zur Fahrtauglichkeit

Baldriparan stark für die Nacht

Baldrianwurzel

nervös bedingte Einschlafstörungen

Fahrtüchtigk. k. beeinträchtigt sein

Calmalaif

Baldrianwurzel, Passionsblumenkraut, Weißdornblätter, Schwarznesselkraut

traditionelles pfl. AM zur Besserung des Befindens bei nervlicher Belastung und zur Förderung des Schlafes

k. A. zur Fahrtauglichkeit

Hoggar night

Doxylaminsuccinat

zur symptom. Kurzzeitbehandlung von gelegentlichen Schlafstörungen bei Erwachsenen

Fahren sollte zu Beginn der Behandlug unterbleiben (Arzt fragen)

Lioran centra

Passionsblumenkraut

traditionelles pfl. AM zur Besserung des Befindens bei nervlicher Belastung und zur Förderung des Schlafes

eingeschränkte Fahrtauglichkeit möglich

Sedacur forte

Baldrianwurzel, Hopfenzapfen, Melissenblätter

Unruhezustände und nervös bedingte Einschlafstörungen

keine Fahrtauglichkeit binnen 2 h nach Einnahme

Sedariston Konzentrat

Johanniskraut und Baldrianwurzel

zur unterstützenden Beh. leichter, vorüber- gehender depressiver Störungen mit nervöser Unruhe und nervös bedingten Einschlafstörungen

keine Beeinträchtigung der Fahrtauglichkeit bei maximaler Tagesdosis

*beispielhafte Nennungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit (Stand der Information: 14.02.2023)

Schlafmittel ohne Rezept

Ihre Einnahme ist erlaubt. Vorausgesetzt, sie erfolgt gemäß Gebrauchsinformation des gewählten Präparates. Unter den rezeptfreien Arzneimitteln sind pflanzliche, synthetische und homöopathische Präparate, die es zudem in verschiedenen Darreichungsformen gibt. So können die individuellen Bedürfnisse und Wünsche von Kunden gut berücksichtigt werden. Nicht zu vergessen sind indikationsbezogene Arzneitees, die es sogar schon für Säuglinge gibt. Tees haben den Zusatzeffekt, dass das Ritual der Zubereitung, das langsame und bewusste Trinken sowie die wohltuende Wärme des Getränks beruhigend und schlaffördernd wirken. Phytotherapeutika und Homöopathika haben kein Abhängigkeitspotenzial. Daher sind sie die Mittel der Wahl, wenn Kunden häufig oder längerfristig zur Schlafhilfe greifen (müssen). Zum Beispiel Senioren aus Unwissen über ihren tatsächlichen Schlafbedarf oder Menschen, die längerfristig privaten und/oder beruflichen Belastungen ausgesetzt sind.

Phytopharmaka und Homöopathika

Viele pflanzliche Schlafhilfen sind nicht nur bei Schlafstörungen indiziert, sondern zusätzlich (einige auch ausschließlich) bei innerer Unruhe und Nervosität am Tage. So helfen sie dabei, das Übel an der Wurzel zu packen und den Teufelskreis aus seelischen Problemen und Schlafstörungen zu durchbrechen. Beispiele sind Extrakte aus Baldrianwurzel, Hopfenzapfen, Passionsblumenkraut und Melissenblättern. Eine wichtige Rolle spielen auch Extrakte aus Johanniskraut (stimmungsaufhellend) sowie Lavendelöl (anxiolytisch). Sie helfen ebenfalls dabei, den Teufelskreis zu durchbrechen und somit das Einschlafen zu fördern. Neben Monopräparaten gibt es viele fixe Kombinationen, etwa mit Extrakten aus Johanniskraut und Baldrianwurzel oder Baldrianwurzel und Hopfenzapfen. Ist bei Unruhezuständen und Schlafstörungen ein homöopathisches Präparat gewünscht, sind Komplexhomöopathika in verschiedenen Darreichungsformen verfügbar. Auch zu ihren Bestandteilen gehören Zubereitungen aus Pflanzen mit beruhigenden und schlaffördernden Eigenschaften.

Melatonin-haltige Präparate

Melatonin („Schlafhormon“), im Gehirn aus Serotonin gebildet, ist am Schlaf-Wach-Rhythmus beteiligt. Ausgeschüttet wird es überwiegend nachts; Tageslicht hemmt seine Synthese. Auf dem Markt, auch außerhalb der Apotheke, ist eine regelrechte Schwemme Melatonin-haltiger Produkte. Einige davon beschäftigen seit Jahren Juristen und Gerichte hinsichtlich Dosierung, Status (Arzneimittel oder Lebensmittel?) sowie beanspruchtem Anwendungsgebiet. Daher sollte ein Melatonin-präparat nicht unkritisch in das Apothekensortiment aufgenommen werden, sondern vorher der Anbieter bezüglich Rechtssicherheit befragt werden. In jedem Fall rechtssicher sind die als Arzneimittel zugelassenen, verschreibungspflichtigen Melatonin-Retardtabletten: je nach Wirkstärke für Patienten ab 55 Jahre (Hintergrund: Melatoninproduktion lässt im Alter nach) oder Kinder und Jugendliche (Alter: 2-18 Jahre) mit Autismus-Spektrum-Störung und/oder Smith-Magenis-Syndrom, einer neurogenetischen Erbkrankheit.

Allgemeinmaßnahmen

Eine gute Schlafhygiene ist unverzichtbar. Schon einfache Maßnahmen können den Griff zur Tablette überflüssig machen oder zumindest reduzieren. Ratsam ist ein gleichbleibender Tagesablauf mit festen Zeiten für das Zubettgehen und Aufstehen. Wichtig im Schlafzimmer sind eine hochwertige Ma- tratze, frische Luft, eine angenehme Zimmertemperatur, Dunkelheit und Schutz vor Geräuschen (auch vor denen aus dem Nachbarbett). Tabu sind Mittagsruhe und anderer Tagesschlaf, weil sie zu Lasten des nächtlichen Schlafbedarfs gehen. Auf coffeinhaltige Getränke ist ab dem späten Nachmittag zu verzichten, ebenso auf üppige Abendmahlzeiten, den abendlichen Fernsehkrimi oder eine aufregende Bettlektüre. Stressgeplagten helfen Entspannungstechniken (z. B. Autogenes Training, Yoga) und spezifische Maßnahmen zur Stressbewältigung wie etwa das Einlegen regelmäßiger Pausen und öfter einmal ein klares Neinsagen.

Kommentar schreiben

Die Meinung und Diskussion unserer Nutzer ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie im Sinne einer angenehmen Kommunikation auf unsere Netiquette. Vielen Dank!

Pflichtfeld *
Inhaltsverzeichnis