Serie Fresh-up: Betahistin
Serie Fresh-up
01/2026 Aciclovir
02/2026 Betahistin
03/2026 Ezetimib
04/2026 Norethisteron
05/2026 Thiamazol
06/2026 Venlafaxin
07/2026 Methotrexat
08/2026 Xipamid
09/2026 Ursodesoxycholsäure
10/2026 Quetiapin
11/2026 Apixaban
12/2026 Methocarbamol
Tim Hartmann gehört zu den Menschen, die äußerst selten in die Apotheke kommen. Doch nach einer heftigen Attacke mit Drehschwindel und Übelkeit, bei der er zudem alle Töne eine Stufe tiefer als normal gehört hatte, hat sich seine Überzeugung, dass „eine wohnortnahe Apotheke nicht so wichtig sei“, gewaltig geändert. „Das war wie ein Alptraum, als sich plötzlich alles um mich herum drehte“, erzählt der 41-Jährige der PTA.
„Mir war speiübel, mein Herz raste, ich habe mich wie ausgeliefert gefühlt. Die Attacke ging bestimmt 20 Minuten lang. So etwas will ich nie wieder erleben.“ Er berichtet von der anschließenden Diagnose Morbus Menière und dass sein Vater das wohl auch hatte.
Hintergrund
Zunächst checkt die PTA das E-Rezept, das wie erwartet eine Verordnung über Betahistin enthält. Glücklicherweise besteht aktuell kein Lieferengpass für das bei dieser Diagnose am häufigsten verordnete Medikament. Sie bestätigt dem Kunden, dass es vermutlich eine genetische Komponente bei der Krankheitsentstehung gibt, auch wenn die Ursache nicht genau geklärt ist.
„Fachärzte diskutieren, dass der Auslöser des Problems im Innenohr liegt. Vermutlich werden die Symptome durch eine krankhafte Zunahme von Endolymphe verursacht. Das ist die Flüssigkeit im Innenohr, die unter anderem für den Gleichgewichtssinn wichtig ist. Viele Betroffene spüren kurz vor dem Anfall sogar ein Druck- oder Völlegefühl im betroffenen Ohr, sie haben einen Tinnitus und eine verminderte Hörleistung, bei der die Töne zu hoch oder zu tief erscheinen.
Als Medikament wird Betahistin verordnet, um die Durchblutung des Innenohrs zu verbessern und die zentrale Gleichgewichtsregulation zu stabilisieren. Sobald dadurch Häufigkeit und Intensität der Attacken gemindert sind, kann man davon ausgehen, dass sich auch die vegetativen Symptome bessern. Dazu gehören Übelkeit, Erbrechen, beschleunigter Puls, Schweißausbrüche und selbst Panikattacken. Letzten Endes sind diese Symptome nur eine Reaktion des vegetativen Nervensystems auf die fehlerhafte Gleichgewichtswahrnehmung.“
Im Anschluss verweist die PTA auf die Dosierung, die üblicherweise bei 24 bis 48 Milligramm Betahistinhydrochlorid pro Tag liegt, aufgeteilt auf ein bis zwei gleiche Einzeldosen. Die Tabletten werden unzerkaut und mit ausreichend Flüssigkeit während oder nach einer Mahlzeit eingenommen, um Magenprobleme, die durch die Einnahme entstehen könnten, zu vermeiden. Sollten sie dennoch auftreten, kann die Dosis durch den Arzt angepasst werden.
Gleichgewichtstraining beugt Stürzen vor.
Hinweis
Betahistin wird oral gegen Schwindelattacken (Antivertiginosum) eingesetzt. Die Studienlage ist uneindeutig, sowohl bei der Therapie mit niedrigen (2 x 24 mg/d) als auch mit hohen Dosen (3 x 48 mg/d). Fachleute, die gute Erfahrungen mit dem Wirkstoff gemacht haben, vermuten, dass auch der Placebo-Effekt während der Studien einen hohen Einfluss auf die Symptomatik hatte. Denn auch unter Placebo gingen die Attacken signifikant zurück. Zudem gehen Morbus Menière und eine vom Innenohr ausgehende, (vestibuläre) Migräne mit ähnlichem Beschwerdebild einher, die jedoch auf unterschiedliche Weise entstehen. Häufig leidet der Patient an beiden Erkrankungen. Bei einer alleinigen Attacke vestibulärer Migräne hilft Betahistin jedoch nicht.
Zu den Nebenwirkungen von Betahistin zählen Kopfschmerzen, Übelkeit und Dyspepsie. Der Wirkstoff kann Schläfrigkeit begünstigen und daher einen negativen Einfluss auf die Fahrtüchtigkeit oder das Bedienen von Maschinen haben.
Extra
Herr Hartmann betrachtet unschlüssig die verordnete Packung, die ihm die PTA überreicht hat. „Ich mache mir Sorgen, wie ich mit dieser chronischen Erkrankung umgehen soll. Mein Vater ist leider längst verstorben. Da ich bei meiner Mutter aufgewachsen bin, habe ich nie mitbekommen, wie er mit der Erkrankung umging. Ich glaube aber, dass er im Alter schwerhörig wurde und häufig gestürzt ist. Hat das etwas mit der Erkrankung zu tun?“
Die PTA bestätigt diese Möglichkeit. Auch wenn sich die Symptome im Einzelnen nach den Attacken langsam wieder bessern, können sich langfristig dauerhafte Schwerhörigkeit und bleibende Schäden am Gleichgewichtsorgan einstellen. Letzteres kann zu Gangunsicherheit und erhöhter Sturzgefahr führen. Auch psychisch ist die Belastung groß. „Deshalb sollten Sie aber nicht verzweifeln. Mittlerweile gibt es neue Möglichkeiten, um das Gehör zu unterstützen. Wegen der Sturzprophylaxe sollten Sie Ihren Gleichgewichtssinn in jedem Fall trainieren.“