Zertifizierte Fortbildung: Mikrobiom
- Der Mensch lebt in einer Gemeinschaft mit Billionen von Mikroorganismen, wobei die Darmbewohner den größten Anteil ausmachen.
- Diese Mikroorganismen sind an lebenswichtigen Prozessen wie der Verdauung und der Immunabwehr beteiligt.
- Bei zahlreichen Erkrankungen oder Befindlichkeitsstörungen kommen Präparate mit lebensfähigen Mikroorganismen bereits seit Längerem zum Einsatz.
- Das große Forschungsinteresse am Mikrobiom wirkt sich auch auf den Markt der Arzneimittel und NEM aus und hat deshalb eine Bedeutung für die Beratung in der Apotheke.
Die Begriffe Mikrobiom und Mikrobiota werden oft synonym verwendet, bedeuten aber nicht das Gleiche. Als Mikrobiota wird die Gesamtheit aller Mikroorganismen bezeichnet, die sich beim Menschen in einem bestimmten Bereich des Körpers befinden (z. B. Darm, Vagina).
Neben Bakterien gehören dazu auch Pilze, Viren, Hefen, Archaeen und Protozoen. Der Begriff Mikrobiom steht dagegen für die Gesamtheit der Mikroorganismen, ihre Gene und Stoffwechselprodukte. Umgangssprachlich, aber nicht ganz korrekt, sind außerdem Bezeichnungen wie Darmflora oder Hautflora. Flora bedeutet Pflanzenwelt, denn früher dachte man, diese Mikroorganismen seien pflanzlicher Herkunft.
Lernziele
In dieser zertifizierten Fortbildung erfahren Sie, ...
- welche Definitionen Begriffen wie beispielsweise Mikrobiota, Pro-, Prä-, Syn- oder Postbiotika zugrunde liegen.
- welche mikrobiellen Mitbewohner nützlich und welche schädlich für die menschliche Gesundheit sind.
- für welche Anwendungsgebiete Probiotika empfehlenswert sind und wo noch Forschungsbedarf besteht.
- welche Erkenntnisse bereits für die Beratung in der Apotheke genutzt werden können.
Bakterienarten
Die Zahl unserer Mitbewohner wird auf mehrere Billionen geschätzt. Den größten Teil machen Bakterien aus. Im Fokus dieser Fortbildung stehen Arten, die für die Beratung in der Apotheke besondere Bedeutung haben – entweder weil sie unsere Gesundheit stärken oder weil sie Krankheiten wie beispielsweise schweren Durchfall auslösen können.
Bezeichnungen
Die Darmbakterien werden mit lateinischen Namen bezeichnet, die wahre Zungenbrecher sein können. Dazu kommt, dass Gremien, die für die Benennung (Nomenklatur) der Bakterien zuständig sind, manchmal Änderungen vornehmen, beispielsweise wegen neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse. So geschah es vor einigen Jahren bei den Bakterienstämmen, die den menschlichen Darm besiedeln. Firmicutes-Bakterien mit Vertretern wie Lactobacillus oder Clostridium, die mehr als 50 Prozent der Darmbakterien ausmachen, erhielten die neue Bezeichnung Bacillota. Einen Anteil von mehr als 40 Prozent besitzen die Bacteroidetes mit Vertretern wie Bacteroides und Prevotella, die in Bacteroidota umbenannt wurden.
Lactobacillus
Laktobazillen sind meist stäbchenförmig und unbeweglich. Wichtige Vertreter sind Lactobacillus (L.) acidophilus, L. brevis, L. casei, L. reuteri, L. rhamnosus und L. lactus. Die meisten Laktobazillen benötigen keinen Sauerstoff für ihren Stoffwechsel. Sie kommen im gesamten Magen-Darm-Trakt, besonders aber im Dünndarm vor. Außerdem sind sie im vaginalen Mikrobiom (Scheidenflora) zu finden, wo sie für das saure Milieu sorgen. Ihre Energie gewinnen Laktobazillen durch Vergärung von Kohlenhydraten wie Glukose oder Glykogen, hauptsächlich zu Milchsäure. Deshalb gehören sie zur Gattung der Milchsäurebakterien.
Nützliche und pathogene Mikroorganismen
Bestimmte Mikroorganismen wie Bifidobakterien oder Laktobazillen haben positive Effekte auf den Organismus, während andere potenziell pathogen sind (z. B. Salmonellen) und Krankheiten verursachen können.
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Bifidobakterium
Bifidobakterien mit Vertretern wie Bifidobacterium (B.) lactis, B. infantum, B. bifidum, B. breve und B. longum gehören ebenfalls zu den Milchsäurebakterien. Durch die Umwandlung von Zuckern wie Laktose oder komplexen Kohlenhydraten (z. B. Fructooligosacchariden) zu Milchsäure oder Essigsäure schaffen sie im Dickdarm ein saures Milieu. Dadurch wird das Wachstum unerwünschter Bakterien gehemmt. Außerdem sorgen Bifidobakterien gemeinsam mit Laktobazillen für das saure Milieu in der Scheide.
Bacillus
Anders als die Milchsäurebakterien sind Bacillus-Vertreter beweglich und können Sporen bilden. Bacillus subtilis ist in Probiotika enthalten, weil dieser die Darmgesundheit fördern kann. Andere Vertreter sind weniger positiv und können beispielsweise Lebensmittelvergiftungen (Bacillus cereus) oder schwere Erkrankungen (z. B. Milzbrand, Bacillus anthracis) hervorrufen.
Saccharomyces
Vertreter wie Saccharomyces (S.) boulardii sind keine Bakterien, sondern gehören zur Gattung der Schlauchpilze, die als Hefen bezeichnet werden. Sie entfalten positive Wirkungen auf den Darm. Beispielsweise können sie Durchfall hemmen oder sogar vorbeugen. Im Unterschied dazu wird S. cerevisiae in der Lebensmittelindustrie als Back- und Bierhefe eingesetzt.
Faecalibacterium prausnitzii
Dieses stäbchenförmige Bakterium verträgt keinen Sauerstoff. Es verstoffwechselt vor allem Kohlenhydrate und bildet dabei auch Buttersäure (Butyrat). Faecalibacterium (F.) prausnitzii ist im Darmmikrobiom in unterschiedlichen Mengen vorhanden. Forschungen zeigen, dass bei bestimmten Erkrankungen wie Zöliakie oder Diabetes mellitus der Anteil von F. prausnitzii sehr gering ist. Ballaststoffreiche Lebensmittel wie Chicorée, Kürbis oder Zucchini fördern die Vermehrung von F. prausnitzii.
Forschungsprojekt
Die traditionelle Methode, um Bakterien zu identifizieren, ist die Anzüchtung auf einem Kulturmedium. Dieses Verfahren braucht Zeit. Außerdem leben viele Bakterien in unserem Körper überwiegend oder ausschließlich anaerob, kommen also ohne Sauerstoff aus. Eine Kultivierung im Labor ist deshalb schwierig bis unmöglich. Heute stehen modernere Analysemethoden wie die DNA-Sequenzierung zur Verfügung. Dabei werden die Gene der Mikroorganismen bestimmt. Das bisher größte Projekt zur Untersuchung des menschlichen Mikrobioms ist das Human Microbiom Project (HMP), das im Jahr 2007 gestartet wurde. Durch die automatisierte Analyse von Proben lassen sich viel effizienter als bei der traditionellen Bakterienkultur Informationen über die Zusammensetzung eines Mikrobioms gewinnen.
Entwicklung des Mikrobioms
Zurzeit besteht in der Wissenschaft Uneinigkeit darüber, ob der Mensch bereits vor der Geburt mit Bakterien besiedelt ist oder nicht. Lange Zeit wurde angenommen, dass die Gebärmutter und das Fruchtwasser steril sind. Inzwischen hat man bei Untersuchungen, zum Beispiel des Mekoniums (Kindspech, Stuhl von Neugeborenen) oder der Plazenta, gelegentlich Bakterien gefunden. Wahrscheinlich ist deren Anzahl aber bei gesunden Schwangerschaften sehr gering. Die volle Ausbildung des kindlichen Mikrobioms startet jedenfalls erst nach der Geburt.
Industrielle Säuglingsnahrung enthält keine humanen Milch-Oligosaccharide. Werden diese etwa als Galacto-Oligosaccharide zugesetzt, wird das Wachstum nützlicher Bifidobakterien im kindlichen Darm gefördert und das Darmmikrobiom positiv beeinflusst.
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Geburtsmodus
Die Art der Entbindung bestimmt, welche Bakterien sich zuerst im Darm, auf der Haut und im Mund des Neugeborenen ansiedeln. Bei einer vaginalen Geburt stammen diese hauptsächlich von der Vaginal- und Analschleimhaut der Mutter, von ihrer Haut, von den Händen der Hebamme, vom Pflegepersonal in der Klinik sowie gegebenenfalls von der Haut weiterer Familienmitglieder, die bei der Geburt oder danach anwesend sind.
Bei einem Kaiserschnitt passiert das Baby hingegen nicht den Geburtskanal. Daher bleibt die Übertragung der schützenden mütterlichen Bakterien aus. Studien zeigen jedoch, dass nach etwa einem Monat kaum noch Unterschiede in der Mikrobiom-Zusammensetzung zwischen spontan oder per Kaiserschnitt entbundenen Kindern bestehen.
Vaginal Seeding-- Aus den USA und Großbritannien kommend, hat sich das Vaginal Seeding (engl. seeding: Aussaat) auch bei uns verbreitet. Dabei wird ein per Kaiserschnitt entbundenes Neugeborenes mithilfe eines Tupfers oder des Fingers der Mutter mit Vaginalsekret in Kontakt gebracht. Damit soll die Besiedlung mit mütterlichen Bakterien gefördert werden.
Ernährungsweise
Neben dem Geburtsmodus wirkt sich die Ernährungsweise auf das Darmmikrobiom von Säuglingen aus: Bei gestillten Säuglingen ist es anders zusammengesetzt als bei Neugeborenen, die mit der Flasche gefüttert werden. So siedeln sich im Darm von gestillten Babys vor allem Laktobazillen und Bifidobakterien an.
Diese können unverdauliche, kurzkettige Kohlenhydrate aus der Muttermilch, die als humane Milch-Oligosaccharide (HMO) bezeichnet werden, verstoffwechseln. HMO werden positive Effekte zugeschrieben. So sollen sie unter anderem präbiotisch wirken, das Wachstum nützlicher Darmbakterien fördern und den Aufbau des kindlichen Immunsystems unterstützten. Deshalb sind biotechnologisch hergestellte HMO mittlerweile auch in einigen Säuglingsnahrungen enthalten.
Bei Säuglingen, die mit industrieller Flaschennahrung ernährt werden, fehlen nicht nur HMO. Auch der Anteil eiweißspaltender (proteoloytischer) Darmbakterien ist sehr hoch. Sie zersetzen Proteine zu Aminosäuren und weiter zu „Fäulnisprodukten“ wie Ammoniak, Phenolen und Aminen. Diese können das Darmmikrobiom schädigen. In einer Studie fanden Wissenschaftler heraus, dass eine mit Galacto-Oligosacchariden versetzte Säuglingsnahrung die Konzentration an gewünschten Bifidobakterien im Darm erhöhen kann.
Mit der Einführung von Beikost wird das Darmmikrobiom vielfältiger. Bis zum Ende des dritten Lebensjahres entwickelt es sich weiter und erreicht dann eine Zusammensetzung, die während des Lebens weitgehend stabil bleibt.
Fermentierte Lebensmittel liefern probiotische Mikroorganismen und Metabolite wie kurzkettige Fettsäuren, die die mikrobielle Diversität erhöhen.
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Einflussfaktoren
Verschiedene Faktoren beeinflussen die Entwicklung des individuellen Darmmikrobioms. Dazu zählt der Kontakt mit Geschwistern und Haustieren.
Im weiteren Leben können Faktoren wie eine Ernährungsumstellung (z. B. während einer Fernreise), die Einnahme eines Antibiotikums oder bestimmte Erkrankungen zu einem Ungleichgewicht im Mikrobiom führen. Andererseits lässt sich das Darmmikrobiom auch in eine positive Richtung verändern, beispielsweise durch den häufigen Verzehr bestimmter Lebensmittel oder die Einnahme von Pro-, Prä-, Post- oder Synbiotika. Im höheren Lebensalter nimmt die Vielfalt des Darmmikrobioms wieder ab.
PPI-- Zu den Wirkstoffen, die das Mikrobiom aus dem gesunden Gleichgewicht bringen können, zählen Protonenpumpen-Inhibitoren (PPI). Diese Wirkstoffe erhöhen den pH-Wert im Magen. Dadurch können bei der Magenpassage der Nahrung einige Erreger überleben, die durch das sehr saure Magen-Milieu normalerweise abgetötet werden würden.
Positiv-- Arzneistoffe können jedoch auch positiv auf das Darmmikrobiom wirken, beispielsweise Metformin. Es fördert die Vermehrung bestimmter Bakterienarten, die die Glukosetoleranz fördern.
Bedeutung
Seit es moderne Analysemethoden für Bakterien und andere Mikroorganismen gibt, entwickelt sich die Erforschung des Mikrobioms rasant. Viele wissenschaftliche Studien werden konzipiert, um herauszufinden, welche Beziehungen zwischen der Zusammensetzung des Mikrobioms und der Entstehung verschiedener Krankheiten existieren. Natürlich ist ebenso interessant, welche Zusammensetzung ein gesundes Mikrobiom besitzt und wie man es unterstützen kann.
Stoffwechsel
Darmbakterien helfen bei der Zersetzung von Nahrungsbestandteilen, für die wir selbst keine Verdauungsenzyme bilden können, beispielsweise Pektin oder Cellulose. Sie fermentieren Stoffe, die aus anderen Gründen unverdaut den Dickdarm erreichen. Dazu zählt beispielsweise die resistente (retrograde) Stärke. Normalerweise ist der Mensch in der Lage, Stärke im Verdauungstrakt mithilfe von stärkespaltenden Enzymen (Amylasen) zu verstoffwechseln. Werden jedoch stärkehaltige Lebensmittel wie Kartoffeln, Nudeln oder Reis nach dem Kochen abgekühlt und im Kühlschrank aufbewahrt, bildet sich eine besondere, kompakte (Stärke-)Struktur, die für die Amylasen unzugänglich ist. Resistente Stärke kann nur im Dickdarm durch Bakterien aufgespalten (fermentiert) werden.
Fermentation-- Beim Abbau von Ballaststoffen durch das Mikrobiom im Dickdarm entstehen die kurzkettigen Fettsäuren Essigsäure, Propionsäure und Buttersäure. Sie werden absorbiert und stehen dem Menschen als Energiequelle zur Verfügung – die Darmbakterien „füttern“ uns also teilweise mit ihren Stoffwechselprodukten. Darüber hinaus dienen diese Fettsäuren auch den Dickdarmzellen selbst als Nahrungsquelle. Gesunde Dickdarmzellen produzieren genügend Schleim und schützende Eiweiße für eine intakte Darmbarriere. Das behindert den Übertritt von schädlichen Substanzen, zum Beispiel Allergenen oder Entzündungsstoffen, aus dem Darm in den Blutkreislauf. Zu den Bakterien, die besonders gute Produzenten von Buttersäure sind, zählt F. prausnitzii.
Wussten Sie, dass ...
- bei einer Stuhltransplantation, die man auch als fäkalen Mikrobiomtransfer (FMT) bezeichnet, das Mikrobiom eines gesunden Stuhlspenders auf einen Patienten übertragen wird?
- die Prozedur in der Regel im Rahmen einer Darmspiegelung durchgeführt wird?
- dieses Verfahren bisher nur im Rahmen klinischer Studien oder als individueller Heilversuch zugelassen ist?
- gute Erfolge vor allem bei Patienten mit wiederkehrenden Clostridium-difficile-Infektionen (CDI) oder Colitis ulcerosa erzielt wurden?
- bei einer CDI die Stuhltransplantation wirkt, weil das Mikrobiom des Spenders im besten Fall die krankmachenden Erreger im Darm des Patienten verdrängt?
Vitaminproduktion-- Darmbakterien können Vitamine wie Vitamin K2, Vitamine aus dem B-Komplex wie Biotin, Folsäure, Thiamin oder Riboflavin produzieren. Die Absorption dieser Substanzen erfolgt jedoch hauptsächlich im Dünndarm. In welchem Ausmaß dies geschieht, wenn sie von Dickdarmbakterien produziert wurden, ist noch nicht genau bekannt.
Immunsystem
Das Darmmikrobiom schützt unsere Gesundheit nicht nur dadurch, dass es die Darmbarriere stabilisiert. Darmbakterien produzieren auch antimikrobielle Substanzen, mit denen pathogene Erreger vernichtet werden können. Ein gesundes Darmmikrobiom sorgt auch dafür, dass sich Krankheitserreger gar nicht erst auf der Darmschleimhaut festsetzen können. Das funktioniert recht simpel: Sie besetzen diese möglichen Andockstellen einfach selbst.
Balance-- Überschießende Immunreaktionen können zu Autoimmunkrankheiten wie Zöliakie führen. Ein gesundes Darmmikrobiom steuert gegen, indem es regulatorische T-Zellen (T-reg) fördert. T-reg (frühere Bezeichnung: Suppressor-T-Zellen) unterbinden überschießende Reaktionen des Immunsystems auf ungefährliche Substanzen.
Probiotika
Der gegenwärtige Boom bei der Erforschung des Mikrobioms wirkt sich auch auf den Markt der Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel aus. Bei einigen Erkrankungen oder Befindlichkeitsstörungen kommen Präparate mit lebensfähigen Mikroorganismen bereits seit Längerem zum Einsatz. Bei anderen werden Probiotika als Option geprüft.
Einteilung
Probiotika sind Mikroorganismen, die eine positive Wirkung auf die Gesundheit besitzen. Dafür müssen sie in ausreichender Menge aufgenommen werden. Präbiotika sind Substanzen, die von probiotischen Mikroorganismen verstoffwechselt werden können wie unverdauliche Ballaststoffe, zum Beispiel Inulin oder resistente Stärke. Synbiotika enthalten Kombinationen aus Präbiotikum und Probiotikum. Postbiotika sind bioaktive Verbindungen, die von Mikroorganismen stammen, wie Metaboliten, Zellen sowie strukturelle Fragmente. Dazu zählen etwa Bakterienlysate, Peptide und kurzkettige Fettsäuren.
Magen-Darm-Probleme
Dieser Zusammenhang ist schon lange bekannt: Eine Antibiotikagabe, zum Beispiel wegen einer Mittelohrentzündung, schadet nicht nur den Erregern der Infektionskrankheit, sondern auch den nützlichen Darmbakterien – ein Teil von ihnen stirbt ab. Die Folge kann ein Ungleichgewicht im Darmmikrobiom (Dysbiose) sein.
Weil in einem gesunden Darmmikrobiom krankmachende (pathogene) Erreger von den nützlichen Bakterien in Schach gehalten werden, kann eine Dysbiose auch zu einer starken Vermehrung pathogener Mikroorganismen wie beispielsweise Clostridium difficile führen. Als Antibiotika-assoziierte Diarrhö (AAD) wird ein Durchfall bezeichnet, der in Zusammenhang mit einer Antibiotikaanwendung auftritt.
Empfohlen werden können Probiotika mit Mikroorganismen wie S. boulardii, oder L. acidophilus. Als Anwendungsgebiete dieser Produkte sind eine symptomatische Anwendung bei Durchfallerkrankungen und/oder die Vorbeugung von Reisediarrhö deklariert. Sie können deshalb auch eine gute Empfehlung im Rahmen einer Beratung für die Reiseapotheke sein. Zugelassene Arzneimittel zur Prävention der AAD sind derzeit nicht auf dem Markt. Es gibt jedoch Studien, in denen die prophylaktische Wirksamkeit gezeigt wurde.
Hautmikrobiom
Verschiedene Kosmetikfirmen bieten probiotische Hautpflegeprodukte zur Unterstützung des Hautmikrobioms an. Der Fokus liegt dabei auf „Problemhaut“. Dazu zählt die zu Neurodermitis oder zu Akne neigende Haut.
Gleichgewicht-- Produkte mit Extrakten des Bakteriums Vitreoscilla filiformis können das Gleichgewicht des Hautmikrobioms stärken und sind daher zur unterstützenden Pflege bei Neurodermitis oder Akne geeignet.
Bäder-- Teilbäder, Umschläge oder Fußbäder mit Produkten mit probiotischen Bakterien wie Bifidobakterium- oder Lactobacillus-Arten können ein gestörtes Hautmikrobiom bei Neurodermitis wieder ins Gleichgewicht bringen und damit verbundene Symptome wie Juckreiz, Rötungen oder Schuppung lindern. Auch bei Fußschweiß und -geruch sind sie eine Option. Forschungen haben gezeigt, dass geruchsbildende Bakterien und Pilze durch die probiotischen Bakterien im Wachstum gehemmt werden.
Das intestinale Mikrobiom ist ein zentraler Regulator für Verdauung, Immunabwehr und Stoffwechsel.
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Vaginalschleimhaut
Milchsäurebakterien wie L. acidophilus, L. rhamnosus oder L. gasseri sind für ein gesundes Scheidenmilieu unverzichtbar, denn sie produzieren Milchsäure, die den sauren pH-Wert dieser Schleimhaut aufrechterhält. Nach einer Scheideninfektion mit Pilzen oder Bakterien sowie nach einer Lokalbehandlung mit Antibiotika oder Antimykotika kann die Einnahme oder lokale Anwendung von Probiotika helfen, die Vaginalschleimhaut wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Atemwege
Wer unter wiederholten Atemwegsinfektionen leidet, kann von der Einnahme eines Arzneimittels mit probiotischen Bakterien (Enterococcus faecalis) profitieren. Im Dünndarm stimulieren die Bakterien Immunzellen, die Immunglobuline (IgA) produzieren. IgA unterstützen in der Atemwegsschleimhaut die Abwehr von Viren und Bakterien.
Herz-Kreislauf
Probiotika bei Erkrankungen des Herzens und des Kreislaufsystems? Es gibt neue Forschungen, die diese Option nicht ganz abwegig erscheinen lassen. So haben Wissenschaftler herausgefunden, dass sich nach einem Schlaganfall das Darmmikrobiom negativ verändern kann, vor allem die Vielfalt der Mikroorganismen nimmt ab. Sie starteten deshalb eine Studie, in der Schlaganfall-Patienten in der Genesungszeit ein Probiotikum einnahmen. Daraufhin erhöhte sich die Vielfalt der Darmbakterien wieder. Auch die körperlichen Funktionen verbesserten sich stärker als bei den Patienten, die ein Placebo erhalten hatten. Bevor Probiotika allerdings tatsächlich bei Schwerkranken zum Einsatz kommen können, sind weitere Forschungen notwendig.
Krebs
Ein Bakterien-Mix zur Behandlung von Darmkrebs? Was sich wie Zukunftsmusik anhört, ist ein Forschungsprojekt einer Schweizer Arbeitsgruppe. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass im Darm von Dickdarmkrebs-Patienten bestimmte nützliche Darmbakterien wie Roseburia oder F. prausnitzii kaum vorkommen. In einem Tierversuch verabreichten sie Mäusen mit Dickdarmkrebs genau diese Bakterien. Daraufhin vermehrten sich bestimmte Abwehrzellen stark und die Tumoren schrumpften. Zurzeit entwickeln die Forscher ein Probiotikum mit diesen Bakterien, das sie in einer klinischen Studie am Menschen auf Wirksamkeit und Sicherheit testen wollen.
Chemotherapie-Versagen-- Bestimmte Darmbakterien können auch dafür verantwortlich sein, dass eine Krebstherapie nicht wirkt. In Studien fanden Wissenschaftler heraus, dass die Bakterien in der Lage sind, Antitumor-Wirkstoffe zu unwirksamen Metaboliten zu verstoffwechseln.
Beratung
Ihr Wissen über das Mikrobiom können Sie als PTA im Beratungsgespräch vielfältig anwenden. Zum Beispiel bei Kunden, bei denen herkömmliche Behandlungen versagt haben. Wichtig ist dabei, mögliche Neben- und Wechselwirkungen zu beachten und gegebenenfalls zur Rücksprache mit dem behandelnden Arzt zu raten.
Mundspüllösungen
Nach Zahnextraktionen oder anderen chirurgischen Eingriffen an Zähnen und Zahnfleisch empfehlen Zahnärzte oft Spülungen mit 0,2-prozentiger Chlorhexidinlösung. Diese haben das Ziel, frisch operierte Bereiche vor krankmachenden Bakterien zu schützen. Verschiedene klinische Untersuchungen zeigen aber auch, dass Mundspülungen mit Chlorhexidin das Mundmikrobiom verändern. Vor allem verringern sie die Vielfalt der Mikroorganismen. Dies kann sich negativ auf die Schutzfunktion des Mundmikrobioms auswirken. Bei der Abgabe von Chlorhexidin-haltigen Mundspüllösungen sollten Kunden darauf hingewiesen werden, diese nicht länger als vom Arzt empfohlen (in der Regel zwei bis maximal zehn Wochen) anzuwenden.
Stuhltests
Über das Internet können Darmmikrobiom-Analysen für zuhause bezogen werden. Die Kosten werden nicht von der Krankenkasse übernommen und bewegen sich im zweistelligen Bereich. Die Anbieter werben damit, dass sie mithilfe von hocheffektiven DNA-Analysemethoden nicht nur die darmbewohnenden Bakterien, sondern auch weitere Mikroorganismen wie Pilze sowie schädliche Parasiten nachweisen können. Der Kunde erhält ein mehrseitiges Analyseprotokoll, das häufig auch Hinweise für eine darmfreundliche Ernährung sowie empfehlenswerte Probiotika enthält.
Kritik-- Gastroenterologen sehen diese Stuhltests kritisch, da die Entnahme einer Stuhlprobe und der Versand nicht standardisiert sind und beispielsweise die Bakterien auf dem Weg ins Labor weiterwachsen können. Zudem sei ein Stuhltest nur eine Momentaufnahme, die auch wichtige Bakterien wie die im Darmepithel nicht erfasst.
Darmkrebsvorsorge-- Kein Zweifel besteht dagegen, dass Stuhltests zur Darmkrebsvorsorge wichtig sind. Hier ist der Test auf okkultes (verstecktes) Blut im Stuhl noch immer Standard.
Ballaststoffe sind gut für ein gesundes Darmmikrobiom.
Ballaststoffe
Wenn im Beratungsgespräch die Frage auftaucht, mit welchen Lebensmitteln das Darmmikrobiom „gepflegt“ werden könnte, sollten Sie vor allem ballaststoffreiche Lebensmittel empfehlen. Ballaststoffe kommen in Pflanzen vor und erfüllen dort wichtige Aufgaben wie Stützfunktionen (z. B. Zellulose in äußeren Schichten des Getreidekorns) oder Speicherfunktionen (z. B. Stärke in Kartoffeln). In unserem Verdauungstrakt werden sie nur teilweise verstoffwechselt.
Deshalb gelangt ein großer Teil der aufgenommenen Ballaststoffe unverdaut in den Dickdarm. Dort werden sie durch Bakterien abgebaut. Dabei entstehen die bereits erwähnten kurzkettigen Fettsäuren. Besonders ballaststoffreich sind Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, viele Gemüse- und Obstsorten, Nüsse und Samen.
Präparate-- Wenn Kunden berichten, dass sie es nicht schaffen, ausreichend Ballaststoffe über die Ernährung aufzunehmen, können Flohsamenschalen, Weizenkleie oder Präparate mit Inulin oder Pektin empfohlen werden. Damit die Ballaststoffe ausreichend quellen können, ist es wichtig, ausreichend Flüssigkeit aufzunehmen (1,5 bis 2 l/d). Außerdem empfiehlt es sich, die aufgenommenen Ballaststoffmengen langsam zu steigern, um Nebenwirkungen wie Blähungen oder Völlegefühl vorzubeugen.
Unerwünscht-- Von einer übermäßigen Ballaststoffaufnahme ist jedoch abzuraten. Weil Ballaststoffe an ihrer Oberfläche Ionen binden, können dadurch wichtige Mineralstoffe wie Eisen, Zink oder Calcium verloren gehen. Auch die Absorption bestimmter Arzneistoffe wie Herzglykoside, L-Thyroxin oder Lithium kann beeinträchtigt werden. Deshalb muss ein Abstand von etwa einer Stunde zur Arzneimitteleinahme eingehalten werden.
Interessenskonflikt: Die Autorin erklärt, dass keinerlei Interessenskonflikte bezüglich des Themas vorliegen.