31.12.2020

Triptane: Blitze im Gehirn

von Hannelore Gießen

Migräne ist eine der häufigsten Erkrankungen des Nervensystems. Heftige Kopfschmerzen, oft verbunden mit Übelkeit, beeinträchtigen den Alltag erheblich. Mit einem Triptan werden die Attacken gezielt behandelt. Welches eignet sich wann?

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Eine Migräne tritt in immer wiederkehrenden Attacken auf, wobei eine Attacke bis zu drei Tage dauern kann. Am häufigsten tritt eine Migräne im Alter zwischen 20 und 50 Jahren auf, in dieser Phase dreimal häufiger bei Frauen als bei Männern. Anders als beim Spannungskopfschmerz ist der Kopfschmerz oft halbseitig, meist pulsierend-pochend und stark. Körperliche Tätigkeit verstärkt die Schmerzen, sodass nur Hinlegen und Ruhen etwas Entlastung bringt. Dem quälenden Kopfschmerz geht oft eine Phase mit schwerer Übelkeit, Erbrechen, Lärm- und Lichtüberempfindlichkeit voraus, die als Prodromalphase bezeichnet wird. Etwa jeder zehnte Migränepatient erleidet eine Aura, die sich vor der Schmerzattacke einstellt. Am bekanntesten ist die visuelle Aura, in der es zu Sehstörungen kommt: beispielsweise zu Flimmersehen oder dem Ausfall von ganzen Sehfeldern.

Mitunter wird Migräne als eine psychosomatische Störung abgetan, die durch Stress hervorgerufen wird. Auch wenn die Pathophysiologie noch nicht genau verstanden ist, besteht kein Zweifel daran, dass Migräne eine neurologische Erkrankung ist. Großer Stress kann eine Attacke auslösen, er ist aber nicht die Ursache für eine Migräne.

Gezielt und konsequent behandeln

Laut der S1-Leitlinie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“ soll ein Migräneanfall zunächst mit nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR) wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen behandelt werden. Wirken diese Substanzen nicht ausreichend, empfiehlt die Leitlinie eine migränespezifische Therapie mit einem Triptan. Insgesamt sind in Deutschland sieben verschiedene Triptane auf dem Markt. Der erste Vertreter dieser Klasse, Sumatriptan, wurde bereits Anfang der 1990er-Jahre zugelassen. Seitdem sind dazugekommen: Almotriptan, Eletriptan, Frovatriptan, Naratriptan, Rizatriptan und Zolmitriptan. Die neueren Substanzen wirken entweder schneller oder länger als das erste Triptan, oder sie können wie Rizatriptan die Blut-Hirn-Schranke überwinden.

Bisher standen mit Naratriptan und Almotriptan bereits zwei Triptane für die Selbstmedikation zur Verfügung. Seit Oktober 2020 unterliegt auch Sumatriptan in einer Stärke von 50 Milligramm in Packungen mit zwei Tabletten nicht mehr der Verschreibungspflicht. Für Naratriptan und Almotriptan fiel die Einschränkung weg, dass sie nur für Patienten zwischen 18 bis 65 Jahren auch ohne Verordnung abgegeben werden dürfen. Bevor ein Triptan jedoch vom Apothekenteam für die Selbstmedikation abgegeben werden darf, muss die Migräne eindeutig von einem Arzt diagnostiziert worden sein.

Medikamentöse Akuttherapie bei (mittel)schwerer Migräne und fehlendem Ansprechen auf Analgetika

Schneller Wirkeintritt

Mittelschneller Wirkeintritt, länger anhaltende Wirkung

Langsamer Wirkeintritt, lang anhaltende Wirkdauer

Sumatriptan 6 mg s.c.

Sumatriptan 50 mg/100 mg p.o.

Naratriptan 2,5 mg p.o.

Eletriptan 20/20/80 mg p.o.

Zolmitriptan 2,5 mg/5 mg p.o.

Frovatriptan 2,5 mg p.o.

Rizatriptan 5 mg/10 mg p.o.

Almotriptan 12,5 mg p.o.

Zolmitriptan 5 mg nasal

Quelle: S1-Leitlinie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“, www.awmf.org

Welches Triptan für welchen Schmerz?

Die verschiedenen Triptane unterscheiden sich vor allem in der Zeit bis zum Wirkeintritt, aber auch in Wirkstärke und -dauer sowie der Verträglichkeit. Ist eine besonders schnelle Hilfe erwünscht, gilt Sumatriptan subkutan als die beste Option; die Wirkung tritt nach zehn Minuten ein. Doch die meisten Patienten spritzen nicht gern und ziehen Zolmi-triptan- oder Sumatriptan-Nasenspray vor. Zolmitriptan hilft auch bei einer ausgeprägten Übelkeit.

Rizatriptan und Eletriptan oral wirken am schnellsten (Wirkeintritt nach 30 min). Bei oralem Sumatriptan, Almotriptan und Zolmitriptan tritt die Wirkung nach 45 bis 60 Minuten ein. Naratriptan und Frovatriptan können dagegen sogar bis zu vier Stunden bis zum Wirkeintritt benötigen.

Wenn die erste Dosis nicht hilft?

Für alle Triptane gilt: Innerhalb von 24 Stunden sollten nicht mehr als zwei Dosen an maximal drei aufeinanderfolgenden Tagen eingenommen werden sowie nicht öfter als zehn Mal im Monat. Je früher das Triptan in der Attacke eingenommen wird, desto seltener kehrt der Kopfschmerz wieder. Deshalb ist es wichtig, die ersten Anzeichen einer Migräneattacke wahrzunehmen und schon gleich mit einem Triptan gegenzusteuern, vorausgesetzt, der Betroffene weiß, dass ein NSAR nicht genügend hilft. Laut Leitlinie kann ein Triptan aber auch mit ASS, Ibuprofen oder Naproxen kombiniert werden. Bei Übelkeit verordnet der behandelnde Arzt häufig noch zusätzlich Metoclopramid.

Viele Patienten schätzen ihre Migräne jedoch falsch ein und entwickeln unbewusst eine ambivalente Haltung: Sobald die Attacke vorbei ist, fühlen sie sich wieder fit und hoffen, dass die nächste Attacke nicht so schlimm wird. Aus Angst vor Nebenwirkungen nehmen viele Patienten oft auch nur die halbe Dosis ein, die häufig nicht ausreicht.

Migräneexperten raten deshalb: Sobald man den Kopf nach unten hängen lässt, ihn schüttelt und der Schmerz dann stärker wird, weist dies auf eine Migräne hin, und ein Triptan in der empfohlenen Dosis sollte eingenommen werden.

Außerdem ist es sehr nützlich, entweder klassisch ein Kopfschmerztagebuch zu führen oder eine App zu nutzen, um einen Überblick zu behalten

OTC-Triptane

Von den rezeptfrei erhältlichen Triptanen wirken Sumatriptan und Almotriptan am schnellsten, etwa nach 45 bis 60 Minuten. Sie eignen sich daher für eher kurze Migräneattacken. Die Wirkung von Naratriptan setzt erst nach vier Stunden ein, hält jedoch lange an: Nach sechs Stunden befindet sich immer noch die Hälfte des verabreichten Wirkstoffes im Blut. Für Patienten mit lang anhaltenden Migräneanfällen ist Naratriptan eine gute Empfehlung.

Nachdosieren-- Bei wiederkehrenden Kopf- schmerzen nach Einnahme einer Dosis dürfen Almotriptan und Sumatriptan frühestens nach zwei Stunden nachdosiert werden (mit 1 Dosis), Naratriptan frühestens nach vier Stunden.

Nebenwirkungen-- Die Verfasser der S1-Leitlinie bescheinigen Almotriptan und Eletriptan die beste Verträglichkeit (bestes Nebenwirkungsprofil). Somit könnte sich im OTC-Bereich Almotriptan am besten für Migräniker eignen, die empfindlich für Nebenwirkungen sind. Das gilt ebenso für Naratriptan, das „weniger Nebenwirkungen aufweist als Sumatriptan, Rizatriptan und Zolmitriptan“, so die Leitlinie.


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