31.10.2018

Update Hypnotika

von Dr. Claudia Bruhn

Spätestens seit Insomnia von Christopher Nolan verstehen auch medizinische Laien das Fachwort Insomnie. Hypnotika sind eine von mehreren Therapieoptionen, damit Betroffene nicht wie Will Dormer enden.

© Elitsa Deykova / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell(en))

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  • Pflanzliche Hypnotika aus Baldrian, Hopfen, Lavendel, Melisse oder Passionsblume sind gut verträglich und besitzen kein Abhängigkeitspotenzial.
  • Eine länger als zweiwöchige Einnahme von Benzodiazepinen und Z-Substanzen kann zu Abhängigkeit führen.
  • Bei rezeptpflichtigen Wirkstoffen sowie den rezeptfreien H1-Antihistaminika ist der Hangover-Effekt zu beachten. Er kann am Folgetag zur Verkehrsuntüchtigkeit führen.
  • Veränderungen von Gewohnheiten und Schlafumgebung können den Schlaf positiv beeinflussen.

Nach den Ergebnissen der Ende 2017 veröffentlichten TK-Schlafstudie scheinen die Deutschen recht ausgeschlafen zu sein. Zwei von drei Erwachsenen gaben an, gut oder sehr gut zu schlafen. Allerdings erreichen ein Viertel der Erwachsenen nicht die empfohlenen sechs Stunden Schlaf pro Tag. Schlecht schlafen vor allem Berufstätige mit unregelmäßigen Arbeitszeiten oder Schichtdienst.

Selbstmedikation ja oder nein

Zuerst sollte die PTA erfragen, ob das Einschlafen oder das Durchschlafen beeinträchtigt sind und wie lange die Beschwerden bereits anhalten. Bei nicht erklärbaren Schlafproblemen, die mehr als vier Wochen bestehen, muss der Arzt zu Rate gezogen werden.

Grunderkrankungen-- Bei Kunden, die bereits verschiedene rezeptfreie Mittel ohne Erfolg ausprobiert haben, sollte die PTA nach einer bestehenden Grunderkrankung fragen. Diese muss zuerst behandelt werden. Beispielsweise können unzureichend therapierte, juckende Hautkrankheiten, chronische Schmerzen bei rheumatischen Erkrankungen, Magen-Darm-Leiden oder chronische Kopfschmerzen den Schlaf erheblich beeinträchtigen.

Medikamente-- Auch zahlreiche Medikamente können Schlafstörungen verursachen. Dazu zählen beispielsweise Antibiotika aus der Gruppe der Gyrasehemmer (z. B. Ofloxacin), Mittel gegen Demenz (z. B. Piracetam), antriebssteigernde Antidepressiva (z. B. SSRI wie Fluoxetin), Diuretika und Hormonpräparate (z. B. Thyroxin). Deshalb sollte die PTA im Beratungsgespräch die aktuelle Medikation des Patienten hinterfragen.

Hypnotika

Schlafmittel oder Hypnotika werden eingesetzt, um das Ein- oder Durchschlafen zu fördern. Ein ideales Schlafmittel sollte keinen Hangover hervorrufen (Schläfrigkeit nach dem Aufwachen), das physiologische Schlafprofil nicht verändern, bei Überdosierung ungefährlich bleiben und auch nach längerer Anwendung seine Wirksamkeit nicht verlieren. Keines der auf dem Markt befindlichen Arzneimittel erfüllt diese Anforderungen zu 100 Prozent.

Rezeptfreie pflanzliche Hypnotika

Kunden mit Schlafstörungen fragen häufig zuerst nach etwas Pflanzlichem. Extrakte aus Baldrianwurzel, Hopfenzapfen, Lavendel(blüten), Melissenblättern oder Passionsblumenkraut besitzen eine sehr lange Tradition als beruhigende (Sedativa) und schlaffördernde (Hypnotika) Mittel. Da die Grenzen zwischen den sedativen und hypnotischen Wirkungen der Zubereitungen fließend sind, werden in den Packungsbeilagen sowohl Unruhezustände als auch Schlafstörungen als Anwendungsgebiete aufgeführt. Das Wirkmaximum wird erst nach einigen Tagen bis zwei Wochen Einnahme erreicht.

Baldrian-- Baldrianwurzelextrakte werden oft mit Extrakten aus anderen sedativ wirkenden Pflanzen (Melissenblätter, Hopfenzapfen/-drüsen) kombiniert. Abhängig von der Zubereitungsform empfehlen sich für eine schlaffördernde Wirkung Dosierungen zwischen 400 und 800 Milligramm Extrakt.

Hopfen-- Hopfenzapfen- oder Hopfendrüsenextrakte sind in milden Kombinationshypnotika und in Beruhigungstees enthalten; sie können bei Unruhe, Angstzuständen und Schlafstörungen empfohlen werden. Für die Dosierungen sind die Angaben in den Fachinformationen zu nutzen.

Lavendel und Melisse-- Lavendelöl oder Lavendelblüten als Tee sowie Melissenblätterextrakt wirken gegen Unruhe, Angstzustände und Einschlafstörungen. Da beide Drogen außerdem bei Magen-Darm-Beschwerden eingesetzt werden können, sind sie eine gute Empfehlung für Kunden, die zusätzlich unter diesen Symptomen leiden.

Passionsblume-- Beim Kraut der Passionsblume sticht die angstlösende Wirkung hervor, die möglicherweise durch einen Angriff am GABAA-Rezeptor zustande kommt. Allerdings weiß man über die Wirkweise des Extraktes aus Passiflora herba recht wenig, da er meist in Kombination verwendet wird.

Rezeptfreie synthetische Hypnotika

Rezeptfrei erhältlich sind die H1-Antihistaminika Diphenhydramin und Doxylamin und die essenzielle Aminosäure L-Tryptophan.

H1-Antihistaminika entfalten ihre Wirkung, indem sie nach Überwinden der Blut-Hirn-Schranke an Histamin-1-Rezeptoren im zentralen Nervensystem (ZNS) binden. Dadurch verdrängen sie das körpereigene Histamin, das den Wachzustand erhält, von seinen Rezeptoren. Sie werden bei Ein-und Durchschlafstörungen für maximal zwei Wochen empfohlen. Rezeptfreie H1-Antihistaminika sollten eine Stunde vor dem Einschlafen und etwa acht Stunden vor dem geplanten Aufstehen eingenommen werden, um einen Hangover zu vermeiden.

L-Tryptophan ist eine Vorstufe des Neurotransmitters Serotonin. Aus Serotonin bildet der Körper das Schlafhormon Melatonin. Wegen möglicher Neben- und Wechselwirkungen sollte es nur nach Rücksprache mit dem Arzt eingenommen werden.

Wechselwirkungen-- Bei der Abgabe von L-Tryptophan müssen potenzielle Interaktionen mit Dauermedikamenten beachtet werden. Beispielsweise kann es die Wirkung des Parkinsonmittels Levodopa abschwächen. Möglich ist auch ein Serotonin-syndrom mit Symptomen wie Blutdruckanstieg, Muskelzittern oder Verwirrtheit, wenn Patienten gleichzeitig wegen einer Depression ein SSRI wie etwa Fluoxetin einnehmen.

Alternativen

Neben Phytopharmaka fragen Kunden auch nach homöopathischen oder anthroposophischen Mitteln als sanfte Alternativen oder als Ergänzung zu synthetischen Wirkstoffen. Zu den Inhaltsstoffen dieser (Komplex)Mittel, die als Streukügelchen oder Flüssigkeiten angeboten werden, zählen Avena sativa (Hafer), Passiflora incarnata (Passionsblume), Humulus lupulus (Hopfen), Coffea arabica (Kaffeesamen), Phosphorus, Sulfur und Zincum valerianicum (Zinkisovalerianat). Ihr Vorteil gegenüber den Phytopharmaka besteht darin, dass das Wirkmaximum schneller erreicht wird. Daher eignen sie sich auch für die akute Anwendung. Im Gegensatz zu den synthetischen Wirkstoffen besteht kein Abhängigkeitspotenzial. Bei einem konkreten Produktwunsch sollte die PTA vor der Abgabe prüfen, ob das Präparat zu den Beschwerden des Kunden passt. Denn einige Mittel wirken vor allem beruhigend und einschlaffördernd und können bereits am späten Nachmittag eingenommen werden. Andere sind sowohl für Einschlaf- als auch Durchschlafstörungen geeignet.

Verschreibungspflichtige Hypnotika

Die am häufigsten verordneten verschreibungspflichtigen Hypnotika sind Benzodiazepine und die Z-Substanzen. Sie verstärken die Wirkung von Gamma-Aminobuttersäure (GABA), dem wichtigsten hemmenden Botenstoff an Nervenzellen im ZNS. Verschreibungspflichtige H1-Antihistaminika gegen Ein- und Durchschlafstörungen sind Hydroxyzin und Promethazin. Außerdem besitzen einige Antidepressiva (z.B. Doxepin) eine Zulassung für Schlafstörungen, die im Rahmen einer Depression auftreten. Das Schlafhormon Melatonin ist in retardierter Form für Insomniepatienten ab 55 Jahren zugelassen. Ein Spezialfall unter den verschreibungspflichtigen Hypnotika ist der Wirkstoff Tasimelteon. Er ist zur Behandlung der seltenen Erkrankung NON-24 zugelassen. Das ist eine Schlaf-Wach-Rhythmusstörung bei blinden Menschen ohne Lichtwahrnehmung.

TIPP!

Bei Abgabe von Benzodiazepinen oder Z-Substanzen auf Rezept sollten Sie dem Patienten sagen, dass der Arzt das Medikament speziell für ihn ausgewählt hat. Es darf nicht an Dritte weitergegeben werden. Auch die Dosis soll nicht eigenmächtig verändert werden.

Benzodiazepine-- Neben ihrer hypnotischen Wirkung zeigen Benzodiazepine auch muskelentspannende und angstlösende Effekte. Je nach Plasmahalbwertszeit teilt man sie in kurz (z. B. Brotizolam, Midazolam), mittellang (z. B. Bromazepam, Lorazepam) und lang wirksame (z. B. Flurazepam, Nitrazepam) ein. Besonders bei den Substanzen mit langen Halbwertszeiten und wirksamen Metaboliten kommt es zum Hangover. Wegen des hohen Abhängigkeitspotenzials der Benzodiazepine muss die Einnahme nach spätestens drei Wochen plus einer Ausschleichphase beendet werden. Bei abruptem Absetzen würde ein Reboundphänomen mit Unruhe, Angstgefühlen und noch stärkeren Schlafstörungen einsetzen.

Z-Substanzen-- Diese Wirkstoffe (Zopiclon, Zolpidem) besitzen ein geringeres Nebenwirkungspotenzial als die Benzodiazepine, können aber auch zu Abhängigkeit führen. Wegen des schnellen Wirkeintritts (max. 30 min) sollen die Patienten nach der Einnahme nicht mehr aktiv sein, da Schwindel oder Gangstörungen leicht zu Stürzen führen können.

Behandlungsdauer-- Bei Benzodiazepinen und verwandten Substanzen sollte die Anwendungsdauer so kurz wie möglich sein, von wenigen Tagen bis maximal zwei Wochen. Der Arzt wird zunächst die kleinste Packungsgröße und die niedrigst mögliche, aber noch effektive Dosis verordnen.

Schlafbedarf-- Insbesondere ältere Menschen schätzen ihren Schlafbedarf oft falsch ein. Bei Senioren ab 65 Jahren liegt er bei maximal acht Stunden. Wer tagsüber wenig aktiv ist und außerdem einen zweistündigen Mittagsschlaf hält, muss sich nicht wundern, wenn er nachts nur noch fünf bis sechs Stunden schläft.

Schlafhygiene-- Darunter versteht man bestimmte Verhaltensweisen und Bedingungen, die einen gesunden Schlaf fördern. Beispiele sind eine angenehme Atmosphäre im Schlafzimmer, ein individuelles Einschlafritual, das Vermeiden anregender Getränke am Nachmittag und schwer verdaulicher Mahlzeiten am Abend. Im Beratungsgespräch sollte die PTA auch dieses Thema ansprechen, um gemeinsam mit den Kunden „Schlafkiller“ herauszufinden.


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